Nochmal Amok – mit kleiner Presseschau

Durch einen Kritiker meiner Hypothesen habe ich erfahren, dass ein Holzmedium einen sehr interessanten Artikel über den Amoklauf geschrieben hat.

Nun ja der Artikel war eigentlich nicht so interessant, er sagte nur „Wir wissen nichts, aber alle Twitterer und Blogger finden wir ganz doof, weil sie genauso wenig wissen, aber über das Ereignis diskutieren. Die verdienen nichts daran und uns brechen die Werbeeinnahmen weg. Wir wollen unser Meinungsmachermonopol zurück.“

Hier die interessante Stelle:

Doch monokausale Schuldzuweisungen (Videospiele, Wohlstandsverwahrlosung oder gar Fremdbetreuung) taugen so wenig wie Tätertypologien des Amokläufers. Sie könnten allenfalls für einen Automatismus des Verdachts missbraucht werden, der ausgerechnet im Schulalltag völlig fehl am Platze ist.

Ja, der Gedanke, dass die Schule auch schuld sein könnte und die fortschreitende Annulierung der Familie, hat Einzug in die Holzmedien gefunden.

Dann kommt meine Lieblingsstelle „Automatismus des Verdachts“ – ich habe zwar ein Buch über die Entstehung von Automatismen gelesen, aber dieser Spruch entzieht sich meiner Kenntniss.

Über die „Monokausalität aller Blogger“ habe ich ja schon mal geschrieben. Für die Lösungen diskutieren wir Blogger ja untereinander unsere Lösungen und vielleicht kann sich daraus ein interessantes Instrumentarium entwickeln. Zumindest hat es ja ein weiterer Grund, nämlich die Fremdbetreuung, geschafft bedacht zu werden. Wenn man zwei Monokausale Erklärungen zusammennimmt, hat man schon eine Bi-Kausale. Nimmt man die Erklärungen der Gesamtschafft aller Blogger zusammen, kommt sogar eine höhere Poly-Kausalität heraus, als vermutet. Und das ohne Twitter.

Der Autor schwingt aber selber auf die viel kritisierte Monokausalität um:

Und kaum jemand hat darüber nachgedacht, was eigentlich mit einer Gesellschaft geschieht, die mehrere Tage einer Informations- und Desinformationsflut ausgesetzt ist, in der sich wiederholt, was zum Amoklauf geführt hat: die Verwischung der Grenzen von Phantasie und Wirklichkeit.

Natürlich, die Computerspiele waren es. Er dachte irgendwann, dass er immer noch Counter-Strike spielt und konnte auf einmal Fantasie und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten. Der Monitor sah auf einmal aus wie das Schulgebäude.

Das Fazit dieses Artikels interessiert uns nun umso mehr, da es ja die ausgereifte Lösung zu geben scheint. Lassen wir den Journalisten zu Wort kommen:

Vor allem müssen Eltern vom Säuglingsalter an für sichere Bindungen zu ihren Kindern sorgen, sie können aber nicht verhindern, dass sie ihnen eines Tages entgleiten, sondern nur hoffen, dass ihre Kinder dann selbst tragfähige soziale Bindungen aufbauen.

Also, ist das jetzt doch die Fremdbetreuung? Oder seh ich schon Gespenster.

Nun ja, der Autor empfiehlt uns „Hoffen“. Auf was wir hoffen sollen und mit wem sie tragfähige soziale Bindungen aufbauen sollen, das lässt er ungesagt. Allerdings eines ist allen Eltern sicher, und auch unverhinderbar: Unsere Kinder werden uns entgleiten.

Warum?? Aus welchen Quellen schöpft er dieses Wissen?? Um so eine Festellung zu machen, braucht man eine kulturvergleichende Langzeitstudie. Nein, gibt es nicht. Es gibt sogar Studien, die das Gegenteil beweisen. Doch der Autor ist nur zu feige um zu sagen, was er wirklich meint: Peerbeziehungen (Gleichaltrigenbeziehungen).

Nun schauen wir uns mal an, was die FAZ noch so an Artikeln zum Thema hat:

  • Ein Bischof klärt uns über das Böse und den Teufel auf.
  • Köhler spricht sich gegen Killerspiele und Gewaltverherrlichung aus (Klitschko siegt am selben Tag in ausverkaufter Arena durch K.O. – er hat also seinen Gegner ohnmächtig geprügelt).
  • Eltern fordern eine Beschränkung des Internets.
  • Und „Die Gesellschaft kann nicht verhindern, dass ein Mensch sich an der Welt rächt, von der er sich gedemütigt glaubt.“

————-

Ich für mich habe auch etwas nachgedacht und spontan fielen mir zwei Experimente zu Gewalt ein:

Eines ist von Albert Bandura mit der Puppe Bobo – sie zeigt, dass man Gewalt durch Vorführung zwar lernen kann, aber lernen ist nicht gleich anwenden.

Das andere geht (ungefähr) folgendermaßen: Man stellt einen Stuhl und einen Stock in einen Kreis, dann legt man einen Ball daneben. Dem Proband sagt man, es gäbe drei Möglichkeiten den Ball zu sich zu holen, ohne den Kreis zu verlassen. In Wirklichkeit gibt es nur 2 Möglichkeiten, die der Proband auch recht schnell findet. (Loben nicht vergessen). Dann wird der Proband vergeblich nach der dritten Möglichkeit suchen. Er sucht und sucht. Probiert und macht sich mit seinen Verrenkungen lächerlich. (Dies sollte man abfällig kommentieren). Wenn der Proband aufgeben will, sollte man ihn ermutigen (Du hattest es schon fast. Das ist doch eigentlich gar nicht so schwer. Die anderen hast Du doch auch gefunden. Ein intelligenter Mensch kann so etwas). Je länger man dieses Spiel treibt, desto gereizter ist der Proband. Im ursprünglichen Experiment sind viele Probanden gewalttätig geworden. Und haben die letzte Spöttelei mit einem körperlichen Angriff geahndet.

Ein anderes Experiment zeigt, dass jeder Mensch, egal wie charakterlich gefestigt er sich glaubt, gewalttätig werden kann. Je fester seine Überzeugungen über seinen starken Charakter ist, desto eher wird er aber solche Ausrutscher verharmlosen oder ausblenden.

Und einmal hält Bandura eine Rede, in der er die psychologischen Mechanismen beschreibt, die man anwenden muss, um aus Otto-Normalbürger einen blutrünstigen Mörder zu machen. (Am Ende des Buches „Lernen am Modell“) Diese Rede wirkt erschütternd und ich kann sie jedem empfehlen.

Dann gibt es noch das Buch „Die Banalität des Bösen“ – es beschreibt Adolf Eichmann, den perfekten Familienvater mit hohen moralischen Werten und Musterbürger par Excellence. Der genau durch die Mechanismen, die Stanley Milgram und Bandura beschreiben, zu einem Mörder geworden ist – von historischem Ausmaß.

Also lasst uns nicht länger behaupten, dieses Verbrechen nicht verstehen zu können. Das Verbrechen ist denkbar einfach zu verstehen. Es wurden Menschen getötet. Machen wir nicht den ersten Schritt der Entmenschlichung von Tim. Tim war einer von uns. Ein Mensch, wie Du und Ich und auch wie meine Kinder. Genauso waren es die anderen Opfer. Es war ein langer, sich molekular vollziehender Weg, den Tim zurückgelegt hatte, bis er den Computer ausschaltete. Bis er anfing in der Realität Menschen zu ermorden. Und dieser Weg ist erforscht. Und dieser Weg ist verständlich. Denn Tim war ein Mensch, der dachte wie ein Mensch und handelte wie ein Mensch.

Liebe Journalisten, wenn ihr uns wirklich aufklären wollt, dann nennt die Quellen, nennt die Forscher, die sich damit beschäftigen. Die Bücher, die sie geschrieben haben und beschreibt ihre Experimente und Studien. Sagt uns nicht mehr, wir können das Verbrechen nicht verstehen. So konntet ihr uns früher abspeisen.Wir müssen auch nicht das Verbrechen verstehen, wir müssen den Verbrecher verstehen.

—-

Das Buch Pädagogische Psychologie von Anita Woolfolk (von dem sich auf diesem Blog auch einige Kapitel ausgeführt finden) schreibt:

In Deutschland gibt es einige Bemühungen von wissenschaftlicher Seite (vgl. Herbert Scheithauer 2006, Das Leaking-Projekt, Freie Universität Berlin) solche Vorfälle zu analysieren. In den USA stellt das Buch von Elliot Aronson (2000) No one left to hate: teaching compassion after Columbine die zurzeit beste Erklärung für die Ereignisse dar und wie man unter Umständen ähnliche Vorfälle vielleicht verhindern kann […]

Oberflächlich betrachtet erscheint es vernünftig nach den pathologischen Wurzeln zu forschen, aber man kann sie so nicht erkennen. Was am Schulklima lässt die Schüler so verzweifeln, macht sie so teuflisch und gefühllos? Warum wollen sie sich rächen? Oder haben sie einen verqueren Ehrbegriff, dass sie ihre Mitschüler mit der Waffe angreifen? Wie kommt es zu ihren Gefühlen abgelehnt zu werden, ignoriert, gedemütigt oder unfair in der Schule behandelt zu werden? Tun die Schulen wirklich alles um die Persönlichkeit und den Intellekt auszubilden? Können Schulen nicht noch mehr unternehmen um eine fürsorgliche Gemeinschaft aufzubauen, in der sich die Schüler aufgehoben fühlen und positive Rollenvorbilder vor sich haben?

(Anita Woolfolk, Pädagogische Psychologie, S.528, 10. Auflage, Deutsche Übersetzung, Pearson Verlag)

Literaturliste Leaking-Projekt

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3 Kommentare zu “Nochmal Amok – mit kleiner Presseschau

  1. Das lässt mich an diese Handy-Phänomen denken, wo die SchulKinder Gewaltvideos (die sie selber beim sich Verprügeln auf den Schulhof) oder Demutvideos (ebenfalls selber produziert) an einander und in die Welt verschicken…

    (Aber das hat bestimmt nichts mit der Schule an sich zu tun… da wir gelegentlich von Erwachsenen lesen, die sowas machen.)

  2. Verleite mich nicht, auch noch so etwas zu kommentieren !! Oder Komasaufen. Oder „Schule macht Kinder unglücklich und depressiv“, oder, oder, oder…

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