Gewalt: Eingreifen oder nicht?

Mummy 1000Sunny

Angeregt durch eine Diskussion bei Frau Schussel, stelle ich hier die Frage, wie sinnvoll und zum Wohle des Kindes es ist, bei beobachteter Gewaltanwendung einzugreifen.

Ich persönlich versuche Ratschläge nur dann zu geben, wenn ich die betreffende Person kenne und wenn sie mir eröffnet dass sie total gestresst ist von Verhalten X ihres Kindes, und ich etwas in ihrem Verhalten beobachte, das diesen Stress erhöhen könnte, frage ich ob ich einen Hinweis geben dürfte. Der ist dann auch meistens willkommen.
Allerdings finde ich das eingreifen z.B. wenn Eltern das Kind schlägt oder hart anfasst sehr problematisch. Ein Elternteil, das auf so ein offensichtliches Fehlverhalten angesprochen wird, wird wahrscheinlich noch mehr Aggressionen aufbauen, die das Kind dann später ausbaden darf, noch schlimmer, nicht geschützt durch die Augen der Mitmenschen. Die Übergriffe verlagern sich einfach ins Private.
Wenn man es bei Nachbarn mitbekommt ist es genauso problematisch – wenn man jemanden einschaltet, wird das Vertrauen des Nachbarn zur Hausgemeinschaft verschwinden, das Kind wird weniger Kontaktmöglichkeiten in nächster Nachbarschaft haben. Man kann versuchen, Kontakt auf zu bauen /zu stärken, gewaltlose Konfliktlösung schön anschaulich vorleben oder versuchen unaufdringlich die betroffene Familie zu entlasten und so Stressfaktoren, die die Aggressivität begünstigen, zu schwächen. Auch wenn die Ausmaße der Übergriffe wirklich schlimm ist und das Kind offensichtlich auch gesundheitlich darunter leidet, würde ich dem Jugendamt o.ä. nicht ohne Vorsicht vertrauen – sie können helfen, handeln aber in vielen Fällen auch sehr unkontrolliert und nicht im Sinne des Kindes (z.B. Übertragung des Sorgerechts auf den bekanntermaßen äusserst gewalttätigen Vater). Man sollte nie vergessen, dass das Jugendamt in Deutschland keiner staatlicher Kontrolle unterliegt.

Vielleicht kann man vorab die zuständige Person vom Jugendamt zu sich einladen, um zu beurteilen, ob diese Person vertrauenswürdig ist oder nicht? Bei so einem Amt arbeiten Menschen, die ihre individuellen Meinungen und Überzeugungen haben. Diese fließen auch in ihre Arbeit ein, und können weitreichende Konsequenzen haben für das Kind, dem durch ihnen geholfen werden soll.

Ich glaube, man muss in solchen Fällen immer sehr genau vorher überlegen, was man macht und welche Konsequenzen ein u.U. überstürtztes, emotionales Eingreifen haben könnte.

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7 Kommentare zu “Gewalt: Eingreifen oder nicht?

  1. Es it mir schon mal untergekommen, daß ich in einem Einkaufsmarkt einen groben Vater angepflaumt habe, und da hatte ich nicht den Eindruck, daß das der kleine Junge dann zu Hause ausbaden muß. Ich habe spontan was gesagt, authentisch, wie man so schön sagt, und der Vater hatte eine ebenso authentische Wut auf mich, die er entsprechend artikulierte. Mein Gefühl ist eher, daß ich seine Wut noch angefacht habe durch mein Eingreifen und er seine Wut dann gegen mich rauslassen konnte, und mir haben die Worte ja nicht weh getan.

    Ich würde immer eingreifen, wenn es mir mein Bauchgefühl dringend gebietet, nicht nur wenn es Kinder betrifft (und habe das auch schon gemacht). In puncto JA bin ich natürlich mittlerweile, nachdem ich von den gruseligen Übergriffen und Verfehlungen dieses Amtes weiß, sehr vorsichtig. Letztes Jahr hätte ich gerne eine Beobachtung gemeldet, aber ich unterließ es, weil ich dem JA eben mittlerweile so sehr mißtraue. (Ich hoffe, daß die Interpretation, die ich meiner Beobachtung damals gab, nicht zutrifft, träfe sie zu, hätte ich einen schweren Unterlassungsfehler gemacht. Aber die Aussicht, eine Mutter zu melden, deren Verhalten dann evt. doch völlig harmlos ist und die aber aufgrund meiner Meldung möglicherweise dauerhaften Streß mit dem Amt bekommen könnte, die fand ich noch schlimmer.) Richtig wäre sicher auch in solchen Fällen, direkt bei den Beteiligten nachzufragen, mit ihnen zu sprechen, aber das habe ich mich da nicht getraut (und würde es auch in einem weiteren solchen Fall nicht machen, um mich selbst und meine Kinder zu schützen).

    Wenn wir keine vertrauenswüdigen Behörden mehr haben, die man in so einem Fall benachrichtigen kann, so bleibt fast nur, daß die möglichen Opfer, wenn sie solche sind, weiterhin Opfer bleiben.

  2. Hmm… aber was tust Du stattdessen? Weiter zugucken, während der Papa im EKZ seine Tochter verdrischt? Was, wenn Du nicht einmal deren Adresse hast?

    Dein Hinsetzen-Ansatz mit dem Jugendamt mag in der Theorie sicher wirklich nicht übel sein – aber ich bezweifle stark, dass die Damen und Herren dort erst einmal mit jedem, der da etwas vorbringt, Kaffee trinken gehen.

    Ganz sicher hast Du Recht, wenn Du sagst, dass das JA unter Umständen nicht immer prompt und richtig reagiert. Meistens jedoch tut es das aber. Und diesen Fällen will man dann die Hilfe versagen?

    Das Argument, die Eltern zu verschrecken und dazu zu bringen, ihre Gewalttätigkeit nach Hause zu verlagern halte ich für Unsinn. Dem setze ich entgegen, dass eine nicht vorhandene Reaktion der Außenstehenden bei offener Gewalt eine wesentlich stärkere Signalwirkung hätte – in genau die falsche Richtung.

    Man sollte aber sehr wohl unterscheiden zwischen einer Gewalt, die ein Eingreifen erfordert, weil sie unmittelbare Schäden für Leib+Seele des Kindes bedeuten könnte – und einer Gewalt, die zwar nicht mit unseren Erziehungsgrundsätzen vereinbar ist (ignorieren, „klapsen“) und ganz sicher Auswirkungen auf das Kind hat, die aber eben (tragischerweise) eine Entscheidung der Eltern bleiben muss.

    Ich persönlich halte für mich und meine Familie Erziehungsmaßnahmen wie ignorieren, „klapsen“ etc. so ziemlich für das Letzte, aber das ist meine Auffassung und ich respektiere andere. Bei ernsthaft körperlich und auch seelisch schädigender Gewalt hört meine Akzeptanz dagegen auf. Und in solchen Fällen mache ich entweder den Mund auf oder/UND rufe die Polizei, resp. das Jugendamt. (Mit dem ich auch gern Kaffee trinke, aber ganz ernsthaft bezweifle, dass die dort die Zeit für sowas aufbringen können – Gewalt n Familien gibt es nämlich weit häufiger als man denkt. )

  3. Ich bin auch ratlos. In Kaufhäusern ist mir das Gottseidank noch nie passiert – eben nur in der näheren nachbarschaftlichen Umgebung. Dort versuche ich zu zeigen, dass es auch anders geht, durch den Umgang mit den eigenen Kindern. Manchmal weise ich dezent darauf hin, sobald die Situation einen Tag alt ist.
    Im Kaufhaus würde ich vielleicht eine Art Ablenkung schaffen und dann, wenn es etwas in Vergessenheit geraten ist, darauf hinweisen.
    Dem Jugendamt traue ich nicht.
    Aber für mich fängt Gewalt gegen Kindern auch schon bei ganz anderen Dingen an, die andere für alltäglich und kulturgegeben halten.

  4. „zeigen, dass es anders geht“ ist imho ohnehin die beste Präventivmaßnahme, im akuten Fall hilft das aber – glaube ich – eher wenig.

    Ich denke, dass es nicht reicht, irgendwann später zaghaft darauf hinzuweisen, dass etwas schief läuft. Das ändert nichts. In einer akuten Gewaltsituation muss reagiert werden, schon um schlimmeres zu vermeiden. Und wer da nicht aktiv wird, macht sich imho mitschuldig!
    Ganz sicher muss die Reaktion der Situation angepasst werden
    (Bsp. wütende Alkoholiker – Polizei rufen, denn es bringt am Ende auch nichts, zwei zertrümmerte Schädel zu haben; überforderte Mutter/Vater – Hilfe anbieten!; „einfache“ überspitzte Aggression – Kind außer Reichweite bringen und versuchen, Eltern zu beruhigen…)
    aber alles ist besser, als gar nichts zu tun.

    Die Dinge, die heute allgemeinhin für „alltäglich und kulturgebend“ gehalten werden halte ich ganz sicher zum Teil für „hinterfragungswürdig“, nicht aber für Gewalt, bei der ich einschreiten muss. Ich denke, man muss den eigenen Lebens- und Erziehungsentwurf und die dahinterstehenden Gedanken und Ideale bzw. eine differenzierte Auffassung der Mitmenschen dazu ganz klar von akuter Gewalt an Schutzbefohlenen trennen bei denen die Außenstehenden in der Pflicht stehen, zu agieren. Bei dem einen kann, darf und soll ich für mein Kind Entscheidungen treffen – darf dabei aber nicht die Inhaber anderer Überzeugungen als unmündig erklären. Bei dem anderen gilt es völlig unabhängig von irgendwelchen Erziehungentwürfen, akut drohenden seelischen und körperlichen Schaden von einem verglichsweise in jedem Fall als hilflos anzusehenden Kind fernzuhalten, weil die gewaltbereite Person ganz offensichtlich im Affekt (oder gar gewöhnlich) nicht in der Lage ist, eben jene Position des Schutzbefohlenen, abhängigen Kindes zu erkennen. Hier ist „Gefahr im Verzug“.

  5. (Papa1000Sunny)
    @giftzwerg
    Ach Du liebe Zeit, gottseidank ist mir so etwas noch nie passiert. In der Öffentlichkeit beschränken sich die Eltern hier auf Drohungen und grob anfassen – öfter mal eine Ohrfeige (die ja eigentlich ein Schlag gegen den Kopf ist und als solches eigentlich schon heftig).
    Der akute Fall ist aber auch immer das größte Problem und irgendwie unlösbar – da braucht man wohl viel Feingefühl und muss sich die Situation wirklich gut anschauen.
    Langfristig können wir aber daran arbeiten zu zeigen: Kinder werden auch ohne Strafen erwachsen. Erziehung geht auch ohne Strafe.

  6. So unterschreibe ich den Post gern. Erziehung geht definitiv auch ohne Strafe. Wenn man sich ernsthaft mit dem Kind auseinandersetzt und sich seine Gedanken über die Problematik macht bzw. Erziehung auch als ein Stück Arbeit ansieht (ich habe zuviele Kinder gesehen, die ohne Strafe erzogen wurden, weil ihre Eltern schlich gar nicht gekümmert hat, was sie taten, nicht weil das ein Konzept und eine Grundhaltung war).

    Drohungen wie „dann musst Du früher ins Bett“ o.ä. sind imho eben „Elternsache“ und bedürfen keiner Einmischung von Außen, es geht das Umfeld schlicht nichts an.

    Ohrfeigen – so unglaublich falsch und dämlich ich sie auch finde (ich habe x-fach welche mitgenommen, obwohl meine Eltern darüber (und über zwei, drei „Arschvoll“) hinaus körperlich nicht gewaltbereit waren) – so glaube ich auch hier nicht, dass sie ein Fall für´s JA wären.
    Aber ich würde definitiv den Mund aufmachen und den schlagenden Elternteil fragen, ob er sonst noch ganz rund läuft. Gerade auch in solchen Fällen ist es wichtig, den Eltern eben nicht das Signal zu geben, Ohrfeigen wären okay und akzeptiert und vielleicht sogar „die Regel“.

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