Lev Vygotskij – Denken und Sprechen (Kap 2 – IV)

In diesem Kapitel fasst Vygotskij noch einmal zusammen, was das egozentrische Sprechen und Denken für Piaget bedeutet.

Zusätzlich nennt er den Punkt, dass das egozentrische Sprechen im Alter von 7-8 abstirbt und keinerlei Funktion hatte und auch keine bekommt.

Den Experimenten und Messungen PIAGETs setzt er eine leichte Abwandlung entgegen

Das Experiment Vygotskijs

Vygotskij streut in die Experimente PIAGETs geplante Schwierigkeiten ein und will damit zeigen, dass das egozentrische Sprechen von PIAGET falsch verstanden und die Ergebnisse nicht überprüft wurden.

„Ein Kind (5;6 Jahre) zeichnet in unserem Versuch eine Straßenbahn. Mit dem Stift zeichnet es eine Linie, die ein Rad darstellt und drückt dabei kräftig auf. Die Spitze bricht ab. Trotzdem versucht das Kind, den Kreis zu vollenden, indem es den Bleistift mit Gewalt auf das Papier drückt. Auf dem Papier bleibt aber nichts als die Spur des zerbrochenen Bleistifts. Das Kind sagt leise, wie für sich >>ist abgebrochen<<, legt den Stift zur Seite und beginnt, mit Farben einen nach einem Unfall beschädigten, in die Werkstatt gebrachten Wagen zu malen. Dabei spricht es von Zeit zu Zeit mit sich selbst über das veränderte Sujet seiner Zeichnung. Diese zufällig entstehende egozentrische Äußerung des Kindes ist so klar mit dem ganzen Ablauf seiner Tätigkeit verbunden, stellt so offensichtlich einen Wendepunkt seines Zeichnens dar, spricht so offensichtlich für das Bewusstwerden der Situation und der Schwierigkeit, für die Suche nach einem Ausweg und die Schaffung eines Plans und einer neuen Absicht, die den ganzen Weg des weiteren Verhaltens bestimmten – kurz, ist der ganzen Funktion nach ….“ ein typischer Denkprozess und keine Begleitmelodie. (S.87)

Er schränkt noch ein: Wir wollen nicht sagen, egozentrisches Sprechen bei Kindern komme immer nur in dieser Funktion zum Ausdruck.

Zeitpunkt des egozentrischen Sprechens

Der Zeitpunkt des egozentrischen Sprechens wird zunächst direkt bei der damit verknüpften Handlung beobachtet.

Dann rückt es immer weiter vor, bis hin zur Mitte der Aktivität und von dort weiter bis zum Anfang.

So benennt das Kind seine Zeichnung erst bei Fertigstellung, und dann immer früher, bis es irgendwann schon vor Beginn der Zeichnung sagt, was das fertige Bild darstellen wird.

Egozentrisches Sprechen beim Kind ähnelt innerem Sprechen bei Erwachsenen

  • Fordert man Erwachsene auf ihr inneres Sprechen laut zu formulieren (eine von WATSON vorgeschlagene Vorgehensweise), würde man sofort die Ähnlichkeiten bemerken.
  • Zusätzlich besteht eine strukturelle Ähnlichkeit. Beide Sprechweisen verkürzen und lassen aus. Wenn man es von der Handlung loslöst und nur das Protokoll liest, ist es unverständlich. Es erleidet komplizierte Strukturveränderungen – wie das innere Sprechen. (S. 90)

Egozentrisches Sprechen falsch interpretiert damit fällt egozentrisches Denken

Die wichtigste Erkenntnis dieses Abschnitts ist, dass das egozentrische Sprechen „eine dem egozentrischen Denken genau entgegengesetzte Funktion ausüben kann, nämlich eine Funktion des realistischen Denkens,“ (S.92)

Somit fällt die Idee des egozentrischen Charakters des kindlichen Denkens, da dieses aus dem egozentrischen Sprechen abgeleitet wurde – sie hält keiner experimentellen Kritik stand.

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