Lev Vygotskij – Denken und Sprechen (Kap 2 – II)

Vygotskij nimmt sich nun die erste Stufe des kindlichen Denkens nach Piaget vor (das autistische Denken noch vor dem Egozentrismus).

Autistisches Denken kommt erst später in der Entwicklung

Piaget beschreibt die erste Stufe als „autistisches Denken“ – Träume und Halluzinationen, eine „Art Fata Morgana“ gelenkt vom Lustprinzip.

Der ursprüngliche Autor des Begriffes „autistisches Denken“ ist E.BLEULER, welcher selbst sagt: Der Begriff autistisches Denken führte zu vielen Mißverständnissen […] Das Kind und das Hühnchen im Ei fantasieren ihre Bedürfnissbefriedigung nicht. Sie nehmen ihre Bedürfnisse war und befriedigen diese mit echter Nahrung.

„Ich sehe auch beim etwas älteren Kinde nicht, daß es einen eingebildeten Apfel über einen wirklichen stellen würde; der Imbezile und der Wilde sind währschafte Realpolitiker, und der letztere macht seine autistischen Dummheiten, genau wie wir an der Spitze der Denkfähigkeit stehenden Menschen, nur da, wo sein Verstand und seine Erfahrung nicht hinreicht;“ (S.74)

Da die Befriedigung des Hungers erst nach der realen Nahrungsaufnahme eintritt ist die Verhaltensweise von kleinen Kindern nicht autistisch.

BLEULER schiebt das autistische Denken nun weit nach hinten, und sagt, dass es erst eintreten kann, wenn der Verstand sich eine Zeitlang normal entwickelt hat. Diese Irrealfunktion des Verstandes kann nicht primitiver sein, als das wirkliche Denken und sie muss sich parallel mit diesem entwickeln.

„Da erst kann man Vorstellungen haben, die mit lebhaften Lustgefühlen verbunden sind, Wünsche bilden und sich an ihrer phantasierten Erfüllung ergötzen und die Außenwelt in seiner Vorstellung umgestalten, indem man das Unangenehme derselben nicht denkt (abspaltet) und Angenehmes eigener Erfindung hinzusetzt“ (S.76)

Autismus als Werkzeug zum Spielen

Nun wird eine sehr interessante Einsicht BLEULERs wiedergegeben. Dieser beschäftigt sich nämlich mit der Frage, warum schon 2 jährige Kinder so viel autistisch Denken (z.B. Wachträume und Spiel).

„Der Autismus gibt einen günstigen Boden für die Übung der Denkfähigkeit ab. In seinen Phantasien entwickelt das Kind seine kombinatorischen Fähigkeiten genauso wie seine physische Gewandheit in Bewegungsspielen. >> Wenn es Soldat oder Mutter spielt, übt es notwendige Vorstellungs- und Gefühlskomplexe im gleichen Sinne ein, wie das speilende Kätzchen sich für den Fang von lebenden Tieren vorbereitet<< (BLEULER)“

Autismus hat keine Nähe zum Unbewusstsein

Der letzte Punkt ist die „Nähe des autistischen Denkens zum Unbewussten“. Dieses widerlegt BLEULER, so wie Vygotskij: Das autistische Denken des Kindes „ist aufs engste und unlösbar mit der Wirklichkeit verbunden und operiert fast ausschließlich mit dem, was das Kind umgibt und womit es in Berührung kommt.“ (S.76)

Träume und Fieberdenken sind deswegen verzerrt, da sie Träume und Fieberdenken sind und deswegen die Realität verzerrt darstellen (im Gegensatz zum autistischen Denken).

Dies ist meiner Meinung nach etwas kurz Gegriffen, dennoch stört das die weiteren Ausführungen nicht.

Schlussbemerkung zu dem Begriff „autistisches Denken“

Am liebsten würde BLEULER den Begriff „autistisches Denken“ durch „irrealistisches Denken“ ersetzen. Zudem darf autistisches Denken nicht mit dem schizophrenen Autismus verwechselt werden.

Fazit

In diesem Teil zeigt Vygotskij überzeugend, dass der Mensch ab der ersten Sekunde versucht die Realität zu verstehen und später das autistische Denken als Werkzeug entwickelt.

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