Gutachterliche Stellungnahme zur gesunden Sozialisierung von Kindern

Dagmar Neubronner veröffentlichte heute diese Informationen

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Liebe Freunde der Bildungsfreiheit,

das beigefügte Gutachten hat Prof. Rest uns bereits im Januar zur Verfügung gestellt, wir haben es beim Prozess benutzt, und ich wollte es schon lange herumgeschickt haben. Prof. Rest hat es uns allen zur freien Verfügung überlassen, das heißt, es darf und soll ins Netz gestellt werden, abgedruckt werden, an Foren weitergegeben usw. Ich bitte nur um Nachricht, wann und wo. Und er selbst freut sich sicher auch über ein Feedback: rest[at]fh[minus]dortmund[punkt]de

Mit freundlichen Grüßen

Dagmar Neubronner

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Jetzt das Gutachten im Wortlaut (Link des Originaldokuments gutachten-prof_rest-sozialisation) :

Brauchen Kinder den täglichen mehrstündigen Aufenthalt in einem Raum
mit einer Klasse / Gruppe anderer Gleichaltriger, um sich gesund zu
sozialisieren?
Gutachterliche Stellungnahme
Prof. Dr. Franco Rest, Professor für Erziehungswissenschaften am
Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH-University of
applied sciences and arts, Dortmund (Januar 2009)
1. Entstehung und Begründung der Gleichaltrigenbeschulung in Klassenräumen
2. Kennzeichen einer gesunden Sozialisation von Kindern
3. Widrigkeiten einer gesunden Sozialisation unter besonderer Berücksichtigung
altershomogener Umgebung
4. Heterogenität als Bedingung eines multipolaren Spracherwerbs
5. Impulskummulationen als Bildungshemmnisse
6. Der Zeitrhythmus der Kinder
7. Die „natürliche“ und die „unpersönliche“ Gruppenbildung
8. Chancen der Selbsterziehung in altersheterogenen (gemischten) und altershomogenen
Gruppen
9. Vereinzelung als erzwungenes Gruppenphänomen
10. Pädagogik der kindlichen Miterzieher


Ad 1: Entstehung und Begründung der Gleichaltrigenbeschulung in Klassenräumen
Mit Einführung der sogn. Schulpflicht (1717 zur Rekrutierung der Landbevölkerung
für den Soldatendienst in Preußen eingeführt; 1938 zur gezielten Indoktrination der
Reichsbevölkerung durch die nationalsozialistische Reichsregierung zum Zwang erhoben;
nach 1945 in Deutschland nicht mehr problematisiert bzw. hinterfragt) war ausschließlich aus
organisatorischen und finanziellen Erwägungen, also nicht aus pädagogischen Begründungen
heraus die Beschulung der Kinder in Gleichaltrigengruppen und dafür präparierten Räumen
eingeführt worden. Bis zum heutigen Tag gibt es keine pädagogischen, psychologischen oder
sozialwissenschaftlichen Beweise für eine positive (oder auch negative) Wirkung der
Aufteilung der Kinder in Gleichaltrigenklassen; Gleiches gilt für das völlige Fehlen einer
Begründung für die Zeitstruktur (45 Minuten) des Lernzwangs (vgl. Punkt 6). Ebenso gibt es
keine Hinweise auf eine förderliche Wirkung der Kasernierung von Kindern in dafür
vorgesehenen speziellen Räumen. Aus diesem Grunde ist es nicht nur zulässig, sondern sogar
dringend erforderlich, in einer an den menschenrechtlichen Grundsätzen orientierten
Pädagogik diese Gegebenheiten zu hinterfragen, also auch infrage zu stellen. Jedenfalls geben
die Menschenrechte incl. der Kindesrechte der UN von 1959, das Grundgesetz (Art. 6 GG),
und auch die entsprechenden Landesverfassungen keine Hinweise auf eine derartige, rechtlich
erforderliche Beschulung von Kindern in gleichaltrigen Lerngruppen über bestimmte
Zeiteinheiten unter der Aufsicht von Fremdpersonen (Lehrern).
Klassenräume werden nicht nach pädagogischen, sondern nach bautechnischen,
hygienischen und ästhetischen Kriterien geschaffen. Sie dienen zumeist der Unterbringung
von Gleichaltrigengruppen; ihre Anzahl variiert nicht nach pädagogischen, sondern nach
Maßstäben der Staats- bzw. Gemeindefinanzen und nach der Bildungsfreundlichkeit der
jeweiligen Entscheidungsträger. Aus schulorganisatorischen Gründen werden Jahrgangsstufen
eingerichtet, d.h. der gemeinsame Unterricht etwa gleichaltriger SchülerInnen mit ungefähr
gleicher Vorbildung nach einem allgemein verbindlichen Lehrplan. Auch Sprach- Begabtenund
Förderklassen folgen diesen Prinzipien; lediglich in Projektgruppen und
Arbeitsgemeinschaften wird das Prinzip teilweise verlassen. Man unterscheidet insofern
zwischen Klassenräumen als Arbeitsplätze und Plätzen der „Lebensgemeinschaft“.
Zur Verteidigung des Gleichaltrigen-Klassenraum-Prinzips werden ohne
entsprechende wissenschaftliche Nachweise, insbesondere ohne Vergleich mit den
Möglichkeiten eines Lernens außerhalb bzw. ohne den Gleichaltrigen-Klassenraum angeführt:
• Bessere Lernerfolge
• Besseres Sozialverhalten
• Erleichterte Leistungsüberwachung
• Begründbarere Auslese
• Angepasstere Sozialisation
• Sparsame öffentliche Haushalte
Die Kriterien der besseren Lernerfolge und des besseren Sozialverhaltens lassen sich
leicht durch die Biographien all jener großartiger Vertreter unserer Geistesgeschichte
widerlegen, die niemals einen solchen Gleichaltrigen-Klassenraum betreten haben. Auch ein
Blick in die Leistungsbilanz der Jena-Plan-Schulen (Peter Petersen) kann das bestätigen, wo
seit 1924 das Jahrgangsklassensystem, die Jahresversetzung und die Orientierung an
Stoffverteilungsplänen und dergleichen aufgehoben ist. Die Leistungsüberwachung wäre
durchaus auch durch externe Kontrollen in lehrend-lernenden Familien oder bei Hauslehrern
möglich, wie es andere europäische Länder bereits erfolgreich praktizieren (Irland, Österreich
u.a.). Ob eine begründbarere Auslese in einer demokratisch-sozialen Rechtsordnung
überhaupt erstrebenswert ist, muss ebenso bestritten werden wie die Notwendigkeit und
Handhabbarkeit in altershomogenen Lerngruppen. Die Zuordnung von Lebenschancen an die
Kinder gehört nicht zu den Aufgaben der öffentlichen Schulen. Unter „Sozialisation“ wird die
Anpassung der Heranwachsenden an die Normen, Werte und Positionen einer Gesellschaft
verstanden; die Instanzen für Normen und Werte sind in erster Linie die Eltern (vgl. Art 6
GG) und die gesellschaftlich relevanten Gruppen (Religionsgemeinschaften, Parteien,
Kulturträger usw.). Da wir uns in einer Gesellschaft kultureller Vielfalt befinden, muss eine
„Anpassung“ im Sinne einer Assimilation an Vorgegebenes mit größter Skepsis begleitet
werden. Schließlich ist die Sparsamkeit der öffentlichen Haushalte keineswegs durch das
Prinzip der jahrgangshomogenen Klassengruppen in den Schulen gewährleistet, wie die
Erfahrungen mit „Bildungsgutscheinen“ an die Erziehungsberechtigten oder mit Vergütungen
der Einsparungen bei den öffentlichen Haushalten durch „Homeschooling“ bzw. „Freilernen“
(z.B. in Kanada) leicht belegen lassen.
Ad 2: Kennzeichen einer gesunden Sozialisation von Kindern
Mit dem Sammelbegriff „Sozialisation“ verbinden sich die Anpassung an die
gesellschaftlichen Gegebenheiten, dann aber auch die „Enkulturation“ im Sinne des Erwerbs
der Kulturtechniken und eigener wie fremder Kulturgüter, sowie die „Personalisation“, die
Entwicklung des Kindes zu jener eigenen und eigentümlichen Persönlichkeit, deren Gelingen
allenfalls im Nachhinein erkannt bzw. festgestellt werden kann und darf. Die „Sozialisation“
sucht also nach der ausgeglichenen Waage zwischen dem „Sein wie alle Anderen“ und dem
„Sein wie kein Anderer“. Anpassung an das Sein wie alle Anderen wird vor allem in
altershomogenen Gruppen erstrebt, also im Messen an den Gleichaltrigen und ggf.
Gleichartigen (speziell entsprechend der jeweiligen sozialen Schicht). Die Entwicklung des
Individuellen, Persönlichen, Einzigartigen, also des „Seins wie kein Anderer“ wird
nachweislich durch die Zwangserziehung in altershomogenen Gruppen eher unterdrückt,
behindert ggf. sogar bis zur Persönlichkeitsstörung deformiert.
Aus diesem Grunde ist in der Erziehung unbedingt nach einem Ausgleich zu suchen:
Kinder in altershomogenen Gruppen brauchen dringend den Ausgleich durch angemessene
Personalisations-Angebote; an diesem Ausgleich besteht ein unvergleichlich größerer Mangel
im öffentlichen Schul- und Bildungswesen durch das Fehlen ausreichender Angebote im
familiären, außerschulischen und Freizeitbereich, insbesondere bei der Entwicklung zu mehr
Ganztagsschulen, die in der Regel keine hinreichenden Personalisationshilfen anbieten
(musikalisch-künstlerisch-körperliche Einzelbetreuung, Gelegenheiten zu Intimität,
Zärtlichkeit, Aufbau von individuellen (Paar)-Beziehungen, Enkulturation in den Gesetzen
des jeweils persönlichen Rhythmus, Energieaufwands usw.) Im Gegensatz dazu werden
Homeschooling- und Unschoolingkinder sowie Kinder in familiennaher, altersheterogener
(altersgemischter) Erziehung nahezu umfassend „sozialisiert“ durch die zeitgemäßen
Zusatzangebote in Sport, Gemeinde, Nachbarschaft, Familienausgleich usw. aber vor allem
auch durch die altersheterogenen (ältere oder jüngere) Partner in der gelebten Umwelt.
Nachweislich nutzen altersheterogene Erziehungssysteme (Familien, Freundeskreise usw.) die
modernen Kulturangebote (Museen, Kindermuseen, Kinderuniversitäten,
Chorgemeinschaften, Reisen in fremde Länder usw.) intensiver als altershomogene Gruppen.
Ad 3: Widrigkeiten einer gesunden Sozialisation unter besonderer Berücksichtigung
altershomogener Umgebung
Die Weitergabe kultureller und gesellschaftlicher Güter an die junge Generation
benötigt, mehr als bislang im verfassten Schulwesen sichergestellt, den Austausch zwischen
den Altersgruppen, also nicht nur zwischen zwei Altersgruppen (Lehrer – gleichaltrige
Schüler). Die gemischte Altersstruktur der Erziehungsgruppe wie in den Familien garantiert
unbestreitbar die Entwicklung aufgeklärter Mündigkeit durch ständige Revision des
„konservierten“ und durch Erneuerung der Beziehungsverhältnisse. In Gleichaltrigengruppen
werden Ordnungen vor allem tradiert; in altersheterogenen Gruppen dagegen
notwendigerweise vernünftig begründet. Was sich als „Wohl des Kindes“, „Recht der Jugend“
usw. in Gesetze, Schulordnungen usw. niederschlug ist eine zur Idylle destillierte Antwort auf
die Dynamik des kindlichen Neugewinns, den wir Lernen nennen können mit all seiner
wunderbaren Widersprüchlichkeit, allem kindlichen Zorn und aller kindlicher Konfliktfreude,
die in altershomogenern Klassen durch „Disziplinierung“ wegtherapiert werden sollen.
Z.B. vermittelt die jahrgangsbezogene Schulklasse einen völlig antiquierten
Arbeitsbegriff (Hausarbeit, Klassenarbeit, Arbeitsgruppe usw.). Das Kind lernt die
Unterwerfung unter ein System, nicht jedoch die in künftiger Gesellschaftsordnung
notwendige Eigenverantwortlichkeit zur Arbeit. Die vom demokratischen Standpunkt
heutigen Gesellschaftsverständnisse her notwendige Aufhebung der Privilegien sozialer
Herkunft wird im altershomogenen Klassenunterricht verhindert; die Privilegien werden
zementiert. „Personalisation“ vollzieht sich dort ausschließlich in fortwährendem Ablauf von
Konflikten, da ausschließlich mittelschichtsorientierte Lebenswelten vermittelt werden
(Ausleseverfahren; Begabungsreserven ausschließlich in privilegierten Gesellschaftsschichten
vorhanden; Werte von Ordnung, Ruhe, Sicherheit). „Gleichheit“ wird zwar postuliert, aber
„Ungleichheit“ praktiziert. Zudem sind die sogn. Gefährdungen (Drogen, Gewalt,
Bildungsunlust, Medienmissbrauch usw.) nachweislich bei Kindern aus altershomogenen
Gruppen größer als in altersgemischten; das liegt u.a. an der in den altershomogenen Gruppen
fehlenden Miterziehung durch die jeweiligen unterschiedlichen Andersaltrigen. In den
altersheterogenen Gruppen ist zudem der Widerspruch zwischen Arbeit und Freizeit mit all
seinen destruktiven Folgen erfolgreich vermieden.
Homeschooling, Freilernen, familiennahe Pädagogik leisten für eine gesunde
„Sozialisation demnach mindestens Folgendes:
• Erhöhung des Entscheidungs- und Beteiligungsspielraums der
Heranwachsenden
• Mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung der Lernchancen
• Notwendige Aufhebung des Widerspruchs zwischen Arbeits-, Konsum- und
Freizeiterziehung
• Verringerung der Perpetuierung von wirtschaftlichen Privilegien bis in die
Erziehung
• Wiedervereinigung von vermitteltem Wissen mit den Interessen einer
individuellen Persönlichkeit
Ad 4: Heterogenität als Bedingung eines multipolaren Spracherwerbs
Je anregender eine Umgebung, desto reichhaltiger der Aufbau der Heranwachsenden
Generation zu kognitiv starken, autonomen und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten.
Das ist eine Binsenwahrheit des Pädagogischen. Umgekehrt gilt also, dass geringere
Anregungen auch geringeres Wachstum hervorrufen. Dieses Phänomen ließe sich an vielen
Beispielen verdeutlichen; hier soll lediglich auf die nachgewiesene Spracharmut in
homogenen Gruppen bzw. die Sprachvielfalt in altersheterogenen Gruppen hingewiesen
werden. Je mehr die Kinder in den Gleichaltrigenklassen von den Sprachspielen der anderen
Altersgruppen (jünger wie älter) über viele Stunden des Tages abgeschnitten sind, desto mehr
verarmen sie sprachlich; denn sie bewegen sich ja nur in den Sprachmustern der
Gleichaltrigen verstärkt durch die Nutzung der ebenfalls auf die Gleichaltrigen hin
eingerichteten neuen Medien. Kinder aus häuslicher Familienerziehung, Homeschooling und
dergleichen weisen einen signifikant größeren Sprachschatz und eine reichhaltigere
Sprachnutzung aus als Kinder aus altershomogenen Klassenverbänden. Auswirkungen auf
den Fremdsprachengebrauch bleiben selbstverständlich nicht aus, zumal Homeschooler
international um ein Vielfaches reicher vernetzt sind.
Es gibt sogar Hinweise, dass Altershomogenität sich unmittelbar sogar auf cerebrale
Dysfunktionen auswirkt. Kinder, die aus verschiedensten Gründen an mehrdimensionaler
Bildung gehindert werden, kommen weniger zu spontanen, langdauernden, selbständigen
„Leistungen“ und sind in der Gefahr, MCD-Kinder zu werden. Altersgemischter
Projektunterricht über längere Zeiträume bewirkt bessere Sprachkompetenz und zugleich
sozialere Kommunikationsformen.
Diese Feststellungen sind keineswegs neu, sondern beruhen auf langjährigen
Erfahrungen in Jena-Plan-Schulen wie auch in der Montessori-Pädagogik und aus neuerer
Zeit in den Sudbury-Valley-Schools. Das Phänomen wird u.a. auch durch die Verkümmerung
der freien Sprache durch die jahrgangshomogen „verordnete“ Sprache (Lehrersprache,
Fachsprach, Buchsprache) erklärt. Jahrgangshomogenität wirkt sich unmittelbar
sprachverarmend aus.
Ad 5: Impulskumulationen als Bildungshemmnisse
In reinen Jahrgangsklassen (altershomogen) ist im Verhalten der Lehrenden ein
unangenehmes Phänomen nachgewiesen, das in heterogenen Lerngruppen nahezu überhaupt
nicht zu beobachten ist, nämlich die „Impulskumulation“. Die Anweisungen und Anregungen
der Lehrenden werden – je größer die Klasse ist, umso mehr – häufiger wiederholt, bis sie
selbst vom letzten „vernommen“ bzw. „begriffen“ werden. Die Kumulierung der Lernimpulse
führt unmittelbar zu phlegmatischen Reaktionen; Kinder mit schneller Aufnahmefähigkeit
werden durch die Wiederholungen behindert, ggf. sogar geblockt. Je nach Größe der Klassen
sind die Impulse sogar mit einer Phonverstärkung oder mit Formen von unangenehmer
Nachdrücklichkeit verbunden. In Jahrgangsgemischten Gruppen tritt dieses
bildungshemmende Phänomen nicht auf, weil die Impulse jeweils an kleinere Untergruppen
gegeben werden oder von den altersverschiedenen Kindern unmittelbarer aufgegriffen
werden.
Ad 6: Der Zeitrhythmus der Kinder
Kinder haben ihre eigene Uhr, leben also in einem gänzlich anderen Zeitmaß als
Erwachsene. Das von Maria Montessori beschriebene Phänomen der „Polarisation der
Aufmerksamkeit“ besagt, dass Kinder sich einer Sache derart konzentriert zuwenden können,
dass sie den „uhrenabhängigen“ Zeitrhythmus verlieren; die Polarisation erreicht zugleich
eine derart große Eindringlichkeit, dass das Kind dabei nicht „erschöpft“, sondern „erfrischt“.
Das aber ist nur in selbstbestimmt individualisierter Lernsituation möglich.
Man tut Kindern Unrecht, wenn man sie in einen Zeitrhythmus der Erwachsenen oder
von organisatorisch bestimmten Zeitmaßen einzuspannen versucht, wie es in den 40-45-
Minuten-Stunden des Schulalltags geschieht. Ein Kind durchlebt in aufmerksam-fleißig
„gearbeiteten“ zehn Minuten etwa die Zeitstrecke einer vollen „erwachsenen“ Stunde. Das
Verlangen nach einer 60-minütigen Arbeitsamkeit entspräche sechs „erwachsenen
Zeitstunden“; wollte man dies drei Stunden lang durchhalten, entspräche es einer
„erwachsenen“ Arbeitszeit von 18 Stunden. Die eingeschobenen 10-Minuten-Pausen
verringern dies katastrophale Zeitpensum nur unerheblich. Selbstverständlich kann der
Methoden- und Themenwechsel seitens der Lehrer dem teilweise entgegen wirken. Aber in
familienorientierten bzw. stark von den Kindern selbstorganisierten Rhythmen tritt das
Phänomen erst gar nicht auf, so dass man es mindern müsste. Das Kind wählt sich seine
Auszeiten selbst und erlebt dabei, dass 5 Minuten ggf. einer halbstündigen Pause der
Erwachsenen entsprechen könnte.
Da Kinder zudem einen Hang zur stetigen Wiederholung desgleichen haben, wäre
jegliche Eile sinnlos. Allerdings kann das „Wiederholen“ nicht erwachsenenbestimmt
„organisiert“ werden, sondern muss aus dem Willen und Bedürfen des Kindes selbst
entstehen. Dem kann in jahrgangshomogenen Gruppen (zumal mit 20-25 Kindern) keinesfalls
entsprochen werden.
Da für die Kinder „Spiel“ auch weiterhin „Weltsymbol“ bleibt, muss diesem
Spielerischen Genüge getan werden; Spiel ist Ernst und Spiel ist ernsthafte Arbeit. In den
altershomogenen Klassen wird ggf. die Arbeit mit spielerischen Elementen didaktischmethodisch
durchsetzt, aber eben nicht das Spiel selbst ernst genommen. Erst etwa ab dem 10.
Lebensjahr würde ein unverdorbenes Kind von sich aus zwischen Spiel und Arbeit
unterscheiden wollen; Spiel und Arbeit, aber auch das Zeitbewusstsein ändern sich. Je länger
sich das Kind den eigenen Rhythmus bewahrt, desto gesunder seine Sozialisation. Dass die
derzeitige Schulwirklichkeit dem nicht Rechnung trägt, braucht nicht wiederholt zu werden.
Ad 7: Die „natürliche“ und die „unpersönliche“ Gruppenbildung
Immer wieder wird dem Homeschooling und Freilernen vorgeworfen, dass dem Kind
die Eingliederung bzw. das Gruppenerleben der „Klassengemeinschaft“ dadurch entzogen
würde. Gleichaltrige Klassengemeinschaften haben als „unpersönliche“, „verordnete“
Gruppen zu gelten; diesen stehen aus dem Blickwinkel moderner Sozialpsychologie die
„natürlichen“, frei gewählten Gruppenbildungen gegenüber, die aus dem Zufall und den
Regungen der Sympathie erwachsen. Diese sind aber ein wesentlicher Baustein
verantworteten Homeschoolings oder Freilernens. Die Freiheit eines Menschenwesens zu
bilden heißt, ihm gestatten, durch eigene Wahl ein Höchstmaß an Erfahrung zu finden.
Deshalb spricht Auguste Comte von der Familie als der „ewigen Schule des
Zusammenlebens“; dort wächst das Gruppenerleben aus der Liebes-, nicht aus der Zufallsoder
Organisationsbeziehung.
Auch in der natürlichen Gruppe finden sich Gesetze, Ordnungen, Riten und Impulse
zur Urteilsfindung. Hier trägt das Kind erstmals und verantwortlich zum Aufbau einer Welt
bei. Treten die natürlichen Gruppierungen in Widerspruch zu den verordneten, ziehen sie sich
in Absonderung und Heimlichkeit zurück, weshalb diesem Gegensatz unbedingt vorgebeugt
werden muss, u.z. durch weitgehenden Verzicht auf verordnete Klassenbildung. Der Weg zur
Selbstvollendung führt für die Kinder durch den frei gewählten, vor allem ihm gehörenden
Anderen. In der verordneten (altershomogenen) Gruppe wird das Kind gezwungen, den
Anderen mit Anderen zu teilen, ohne den Sinn dieses Geschehens begreifen zu können und zu
wollen.
Ad 8: Chancen der Selbsterziehung in altersheterogenen Gruppen
Entscheidende Schritte zur Selbstwerdung des Kindes werden weniger durch
Intentionalität wie in der schulverordneten altershomogenen Gruppe, sondern in der
Funktionalität des Erzieherischen einerseits (Zufall, „unstete Formen des Pädagogischen“)
und in der „Selbsterziehung“ geleistet. Diese letztere ist eine nicht vom Erwachsenen
geführte, freie, konzentrierte, ausdauernde und besonders erfolgreiche Tätigkeit, die tief
genug in den Wesenskern des Kindes hineinreicht, um aus dem Werte- und Glückserleben
seiner eigenen Leistung heraus neue Energien der Selbstfindung, Selbstbeherrschung,
Selbstbeglückung und sozialen Einordnung frei zu setzen. Dazu müssen die Kinder allerdings
von der unmittelbaren pädagogischen Führung der Erwachsenen befreit und auf sich selbst
gestellt werden; daraus bildet sich das Phänomen der freien Konzentration, das in den
verordnet, altershomogenen und lehrerzentrierten Schulklasse mindestens behindert wird.
Selbsterziehung in diesem Sinne ist immer „autodidaktisch“; der Lehrende und die
miterziehenden Kinder sind dabei allenfalls Helfer, niemals aber Leiter oder gar Herrscher.
Ad 9: Vereinzelung als erzwungenes Gruppenphänomen
Die Anzahl von Schülern in einer Schulklasse wird üblicherweise nicht nach
pädagogischen Maßstäben, sondern nach dem verfügbaren Luftraum je Schüler, nach dem
Stand der Gemeindefinanzen, der Bildungs(un)freundlichkeit der Parlamente /
Gemeindevertreter und nach der Belastbarkeit der Lehrer bemessen. Schulorganisatorisch gilt
die Klasse als Jahrgangsstufe mit fest umschriebenem Lehrstoff bzw. als Zusammenfassung
einer Gruppe gleichaltriger Schüler mit ungefähr gleichartiger Vorbildung, die gemeinsam
unterrichtet werden sollen. Derartige pädagogisch irrelevante Bedingungen fehlen bei
altersverschiedenen Lerngruppen nahezu völlig. Hier treten sozialpsychologische Fragen wie
Altersabstände, Geschlecht, Milieugestaltung des Lernraums in den Vordergrund. Die
altershomogene Klasse wird zum Arbeits-, die altersheterogene Gruppe zum Lebensraum.
Die Lernvorgänge variieren stark, je nachdem ob sie lehrer-, schüler- oder
objektzentriert sind. Immer aber sind besonders die altershomogenen Gruppen von Machtund
Rangordnungen geprägt: Spezialrangordnungen (nach besonderen Leistungen),
Persönlichkeitsrangordnungen, Führertum, Kampfverhältnisse, Rivalitäten, ja sogar
Rechtsverhältnisse (Verpflichtungen in der Klassenordnung), Massenverhältnisse
(Stimmungen, aber auch Entladungen). Diese sozialpsychologischen Phänomene sind in
altershomogenen Gruppen sehr viel ausgeprägter als in altersverschiedenen. Deshalb kommen
in den altershomogenen Klassen auch die negativen Wirkungen verstärkt vor, insbesondere
die Vereinsamung, im modernen Sprachgebrauch auch „Mobbing“. Der Zwang zur
Anpassung an die Massen- und Rangordnungen ist größer und deshalb zugleich für das
Individualitätsstreben gefährlicher; Kinder werden isoliert, abgelehnt, ausgestoßen,
gedrangsalt, entziehen sich, halten dem Geltungsstreben nicht stand. Lehrer als einzige
korrigierende Kraft und in der zumeist nicht ausgebildeten Rolle eines Mediators, können
dem allenfalls zu spät entgegentreten. In altersverschiedenen Gruppen übernehmen diese
Aufgaben die miterziehenden Kinder; sie intervenieren schneller und vor allem kindgemäß
effektiver.
Ad 10: Die Pädagogik der kindlichen Miterzieher
Damit ist die Bedeutung der wechselseitigen Miterziehung der altersunterschiedlichen
Kinder angesprochen. Leider liegen hierzu kaum Untersuchungen vor, weil das Phänomen in
den altershomogenen Klassenstrukturen ja organisatorisch ausgeschlossen ist. Es gilt im
bildungspolitischen Alltag als nicht erwünscht, die positiven Erfahrungen aus den ein- bzw.
zweiklassigen Landschulen oder aus den Landerziehungsheimen hier heranzuziehen. Gleiches
gilt für die Übertragung der Lehr- und Lernerfahrungen jener Länder, die sich altershomogene
Klassenstrukturen „nicht leisten“ können. Trotzdem sei hier ausdrücklich darauf verwiesen,
dass die Pädagogik der Miterzieher insgesamt, also der altersverschiedenen Kinder, der sogn
Umwelt und der tierischen Freunde (ebenfalls in der Regel in unserem Schulsystem
ausgeschlossen), als für die gesunde Sozialisation bedeutsamer angesehen werden als die
intentionalen Pädagogen.
Selbstverständlich muss dafür Sorge getragen werden, dass die Kinder in
altersheterogenen Gruppen die sogn. Kulturtechniken lernen, wobei es absolut zweitrangig ist,
bis zu welchem Alter diese beherrscht werden müssen. Es muss aber auch als sicher gelten,
dass die Miterzieher zur gesamten Sozialisation (also einschließlich der Enkulturation und
Personalisation) einen erheblichen, wenn nicht sogar den größeren Beitrag leisten.
Unsere Ausgangsfrage lautete: Brauchen Kinder den täglichen mehrstündigen Aufenthalt in
einem Raum mit einer Klasse / Gruppe anderer Gleichaltriger, um sich gesund zu
sozialisieren? Unsere Antwort lautet: Eher NEIN; vielmehr kann der täglich mehrstündige
Aufenthalt der Kinder in einem Raum zusammen mit ca. 20-25 Gleichaltriger sogar
erhebliche und schwerwiegende Schädigungen zur Folge haben. Dabei muss sogar
ausdrücklich unberücksichtigt bleiben, welche depravierenden Wirkungen bei sensiblen,
besonders feinfühligen Kindern zusätzlich zu erwarten sind.
Dortmund, 25. Januar 2009

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