Lev Vygotskij – Denken und Sprechen (Einleitung + Kap 2 – I)

Zur Zeit lese ich Vygotskij – vorweg will ich sagen, der Junge ist genial. Man kann es nicht glauben, wo die Welt heute wäre, wenn er länger gelebt hätte. Piaget prägte das heutige Denken über Kinder wie kein anderer. Seit Piaget wissen viele „Kinder denken anders“ – und vielleicht wurde auch mit diesem Gedanken im Hinterkopf Montessoris Buch „Il segreto dell’infanzia“ ins Deutsche übersetzt mit „Kinder sind anders“.

Hier eine kurze Einleitung zu Vygotskij.

Vygotskij zeigt Kinder denken wie Menschen. Leider wurde sein Werk hier erst spät bekannt – da er westliche Autoren zitierte genoss er seinerzeit nicht die volle politische Anerkennung in Russland.

Auf der Suche nach dem Zusammenhang und der Relation von Denken und Sprechen beschäftigt sich Lev zuallererst mit Piaget. Piaget galt in seiner Zeit als der heilige Gral zum Verständnis der Entwicklung der menschlichen Psyche.

Lev so bekommt man den Eindruck hat Piagets Werk durchdrungen, wie ich es bis jetzt noch nirgends gelesen habe. Er fängt mit dem Beweis an, dass Piaget doch eine Theorie des kindlichen Denkens gehabt habe. Und auf dieser Theorie basieren all seine Schlüsse und all seine Forschungsmethoden. Piagets Theorie so destilliert er, fußt allein auf dem Wesen der Egozentrismus. Der Egozentrismus ist der rote Faden, der Piagets Werk durchzieht und der alles zusammenhält. (Piagets Werk ist immens – es ist eine Anhäufung von Versuchen mit Kindern und manchmal Erwachsenen, die ungefähr 70.000 Seiten umfassen soll – diese sind sehr schwer zu lesen, da sich Piaget nie die Mühe gab verständlich zu schreiben, und obwohl er einen riesigen Pool an Wissenschaftlern um sich sammelte in seinem Centre wirkte er dennoch immer als stiller Moderator, der ihm fremde Ideen verwarf und nur das verfolgte, was in sein Denken passte (Bringuier)).

Folgen wir aber Schritt für Schritt dem 2.Kapitel dieses wunderbaren Buches (denn Vygotskij versteht es zu schreiben) – denn selbst heutige Piaget-Wissenschaftler bestreiten oft eine einheitliche Theorie in Piagets Werken.

Hier schreibt Vygotskij (S.64):

Worin besteht nun dieses zentrale Glied, das es gestattet, alle Besonderheiten des kindlichen Denkens zu einer Einheit zu verbinden? Aus PIAGETS Sicht ist dies der Egozentrismus des kindlichen Denkens. Das ist der Hauptnerv seines Systems, das Fundament seiner ganzen Konstruktion. „Wir haben versucht“, sagt er, „die meisten Eigeschaften der kindlichen Logik auf die Egozentrik zurückzuführen“ (Piaget 1974, S. 202)

Das kindliche Denken liegt nach Piaget zwischen dem autistischen Denken (Wünsche, Imagination) und dem gelenkten (sozialisierten) Denken der Erwachsenen.

Das egozentrische Denken ist

„mit der psychischen Natur des Kindes so notwendig verbunden [..], dass er sich ständig gesetzmäßig, unvermeidlich, stabil und unabhängig von der kindlichen Erfahrung äußert, dass er sich ständig gesetzmäßig, unvermeidlich, stabil und unabhängig von der kindlichen Erfahrung äußert.“

Piaget beschreibt das so:

Und es ist wichtig, daran zu erinnern, daß auch die Erfahrung ein derart orientiertes Denken nicht eines besseren belehrt. Die Dinge haben unrecht, niemals man selbst. Der Wilde, der den Regen durch einen magischen Ritus herbeiruft, erklärt seinen Mißerfolg durch einen bösen Geist…. die Erfahrung belehrt ihn nur in sehr speziellen technischen Fragen eines besseren (Ackerbau,…)…

Diese „Erfahrungsblindheit“ (Vygotski S.71) lässt Piaget zu folgendem Schluss kommen:

[Erfahrungen] prägen sich nicht in das Kind ein, wie in eine photographische Platte: Sie werden „assimilier“, d.h. durch das lebendige Wesen, das sie erfährt, verändert und in seine eigene Substanz aufgenommen. Diese psychologische Substanz des Kindes, anders gesagt, diese Struktur und dieses Funktionieren, die dem kindlichen Dneken eigentümlich sind, haben wir zu beschreiben und in einem gewissen Maße zu erklären versucht

Diese Such nach der Substanz des kindlichen Denkens ist für Vygotskij Piagets „methodologische Grundeinstellung“:

Indem wir diese letzten und wie nebenbei erwähnten Überlegungen Piagets berührt haben, sind wir unmittelbar bis zur Identifizierung der Philosophie der ganzen Untersuchung PIAGETS vorgdrungen – zum Problem der sozialen und biologischen Gesetzmäßigkeiten in der psychischen Entwicklung des Kindes, zum Wesen der kindlichen Entwicklung überhaupt.

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2 Kommentare zu “Lev Vygotskij – Denken und Sprechen (Einleitung + Kap 2 – I)

  1. Zur Assimilierung, die ein menschliches Kind angeblich von außen formt:

    Dieser Gedanke ist ontologisch sehr fragwürdig, denn was bedeutet er? Wenn ich nur das bin, was von außen in mich einwirkt, höre ich auf Bewusstsein zu sein, denn dann bin ich nur noch Objekt (Maschine ohne Bewusstsein), Summe der Einwirkungen von draußen. Die Erscheinung käme also VOR dem Sein, VOR dem Subjekt. Das ist absurd und paradox. Diese Verwandlung eines Subjekts in ein Objekt, durch die Objekte ist Unsinn, es würde bedeuten, dass es sowas wie mit einem Bewusstsein ausgestattete Subjekte gar nicht gibt, dass es kein Sein gibt. Der Mensch wäre den Objekten hilflos ausgeliefert, die auf ihn einwirken, und bloße Marionette und synthetische Summe der Phänomene, an deren Ende Gott stünde, und der alles geschaffen hat. Er hätte jedoch selbst Probleme, ein Subjekt zu sein, denn wie könnte Gott etwas anderes erschaffen als sich selbst, das heißt er wird sein eigenes Objekt, und wie kann er sich dann als Subjekt behaupten, wenn es außer ihm nur Objekte gibt, die nicht Zeuge seiner Subjektivität sein könnten? Viele unlösbare Probleme ergeben sich so.

    Ok, nun sagt Piaget ja, dass wir „assimilieren“, also die Erscheinungen (von draußen), verändern und in uns, in unser Bewusstsein, aufnehmen. Das impliziert jedoch immer noch, dass die Erscheinungen VOR dem Subjekt existieren, und das Subjekt sich diese Erscheinungen DANACH assimiliert.

    Es ist die klassische Illusion vom Primat der Erkenntnis, von der Reduktion des Bewusstseins auf die Erkenntnis. Das Problem dieses Modells ist jedoch, dass man dadurch unweigerlich in einen infiniten Regress kommt; das Paar erkennend-erkannt erfordert einen Dritten, damit der Erkennende seinerseits erkannt wird (gleiches Problem, wie Gott hat, das ich oben kurz beschrieben habe). Vom dritten Erkennenden kommt man dann zum Vierten, Fünften, usw bis ins Unendliche: Erkanntes – erkanntes Erkennendes – erkanntes Erkennendes des Erkennenden usw., also eine unendliche Reihe von erkannten Erkennenden, die ihrerseits erkannt werden. Um dies zu vermeiden, muss es einen unmittelbaren und nicht kognitiven Bezug zu sich selbst geben, sodass man sich nicht in die Reihe von erkannten Erkennenden einreihen muss, die ins Unendliche geht. Das heißt, es muss ein Sein geben, ein Bewusstsein als Existenz, als Sein, als Subjekt.

    Beispiel: Die Liebe. Wenn ich nur Objekt bin, welches sich aus Erscheinungen synthetisiert, ohne Freiheit, nur Ergebnis von Erscheinungen, wie ist dann Liebe möglich? Liebe bedeutet ja, ein Subjekt zu lieben. Sobald ich nur noch Objekt bin, kann ich nicht geliebt werden. Lieben bedeutet auch geliebt werden wollen, aber von einem Objekt kann ich nicht geliebt werden, weil Liebe auch Freiheit-zu-lieben bedeutet, und ein Objekt keine Freiheit kennt, es hat ja kein Bewusstsein. Ein Objekt ist einfach nur, es hat kein Bewusstsein von Freiheit. Es existiert, egal ob es frei existiert oder im Besitz von jemandem ist, es existiert.

    Würde ich mich also nur durch „Assimilierung“, die NACH der Erkenntnis kommt (Primat der Erkenntnis) gründen, wäre ich Objekt, hätte plötzlich kein Wissen von mir selbst mehr, sondern wäre nur noch Maschine, die assimiliert. Als Objekt gibt es für mich auch keine Subjekte, ich erkenne keine Subjekte mehr, sondern nur andere Objekte, die ich assimiliere. Es gäbe keine Liebe mehr, keine Freiheit, sondern falls es andere Subjekte dann doch geben würde, würden die mich als Objekt benutzen (verwenden). Ich wäre eine Maschine ohne Bewusstsein, die zum Gebrauch für die Subjekte bestimmt wäre, wie eine Liebespuppe, oder ein Arbeitsroboter, oder ein Geschirrspüler. Absurd, es genügen diese Hinweise, um die Theorie des Primats der Erkenntnis in sich zusammenstürzen zu lassen.

    Wie das Bewusstsein nun mit den Phänomenen genau funktioniert, ob es sich selbst erst die Phänomene schafft, die es erkennt, das ist relativ komplex, und kann hier nicht erörtert werden. Aber die Hinweise sollen mal reichen, um die Absurdität solcher Psychologen aufzuzeigen.

  2. Mich hat Piaget am Anfang auch ziemlich genervt – irgendwann habe ich mir dann gesagt: Hey, der ist doch ein Produkt seiner Zeit gewesen – also die kognitive Wende war erst sehr spät in seinem Leben und bis dahin galt der Behaviorismus als Schick. Und das Denken kleiner Kinder war ja überhaupt ein totales Rätsel – viele dachten: „Kinder spinnen nur rum“ – und da hat er schon viel aufgedeckt. Aus heutiger Perspektive erscheint seine Theorie aber schon manchmal absurd.
    Ich hoffe ich habe das oben alles richtig verstanden (Liebe ist allerdings auch ein schwieriges Beispiel).

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