Das Leben anderer

In den letzten Jahren habe ich sehr viel über Schule gebloggt. Ich habe mich Schritt für Schritt immer mehr von ihr entfernt, war ich am Anfang ein Vertreter des Schulsystems, der überzeugt war eine deftige Reform würde genügen, wurde ich irgendwann zum Homeschooler. Und dann zum Unschooler. Wie dem auch sei, die Schule beschäftigte mich weiter, da sie ja ein Teil meines Lebens war.

Irgendwie hoffte ich jeden Tag wieder, dass es vorbei ist. Dass die Schule mein Leben verläßt. Ich jauchzte als ich endlich alle Abiprüfungen hatte. In der Uni ging ich nach dem ersten Semester in keine Vorlesungen mehr. Die Schule war vorbei. Doch immer wieder kamen Nachrichten und Reformen in den Holzmedien, die sich mit Schule beschäftigten. Und die mich berührten, weil ich genau wußte, wie sich die Opfer fühlten.

Dann trat sie wieder in mein Leben. Über meine Kinder wurde ich gezwungen mich mit dem Thema zu beschäftigen. Und ich entfernte mich wieder von ihr. Letzte Woche schien es so weit zu sein. Ich fing an mich ganz stark auf meine Kinder zu konzentrieren, wir hatten einen Weg vorbei an der Schule gefunden. Ich begann verstärkt über Unschooling zu schreiben. Dann beging Tim erweiterten Selbstmord und die Schule schoß über das eine Holzmedium (FTD), dass ich noch lese in mein Bewusstsein. Und ich fing wieder an darüber zu schreiben. Denn ich hatte Angst, dass auch dieses Mal niemand anfängt nach den tieferen Gründen zu suchen.

Doch sie war wieder da, die Schule. Und jetzt viele Posts später bin ich wohl auch mit dieser letzten Erfahrung durch. Verzweiflung, Unverständnis und Amoklauf waren hoffentlich das letzte Türchen, dass die Schule bei mir noch finden konnte. Jetzt sind alle zu. Ich glaube in meinem Haus gibt es keinen Schlüssel mehr für die Schule. Ich bin hoffentlich wirklich fertig mit ihr. Vielleicht bin ich endlich komplett Deschooled. Es war ein langer harter Weg. Und viele Menschen sind immer wieder überrascht über die Totalität der Ablehnung, die ich für Schule empfinde. Aber jedes kleine Puzzle-Teil habe ich mir hart erarbeitet.

Ich hoffe, dass die Schule jetzt für mich aus ist. Und wenn jemand zu mir sagt: „Hey, aber Schule blablabla“ – hoffe ich, bin ich so weit einfach zu erwidern: „Kein Interesse“.

Schule, das ist jetzt das Leben anderer. Vor einiger Zeit wollte ich noch einen Blog-Eintrag posten, warum große Klassen (ab 100 Personen) eigentlich viel geeigneter wären um Mobbing zu vermeiden als kleinere Klassen. Und wie man erkennt, dass man gemobbt wird, das Bedürfnis sich zu versichern, dass man noch Freunde hat. Aber es ist egal. Es gibt so viele pädagogische und psychologische Fachbücher. Und wenn es jemanden wirklich interessiert, kann er sich meine Leseliste anschauen. Ich bin fertig mit der Schule. Wie Bertrand Stern so schön schrieb: „Schluss mit Schule“. Bei mir ist wirklich Schluss damit. Ich hoffe sie findet nie wieder ein Türchen in meine Seele.

Ab heute gebe ich mir alle Mühe ein guter Freilerner und Kindervertrauer zu werden… vielleicht ist das Problem am Unschooling schon, dass man die Schule noch präsenter hat, weil man sich von ihr abwendet, weil man erkennt, wo man überall Schule denkt. Vielleicht kann ich auch mein ganzes Leben lang nur ein Unschooler bleiben, und erst meine Kinder (oder deren Kinder) können echte Freilerner oder Weltlerner werden. Da ich ja dort war, und sie ist in mich gegangen. Doch ich hoffe ich habe sie jetzt draußen.

Das Erste was ich lernen will, oder verlernen will, sind meine Ängste. Also, wenn jemand eine Idee hat, wie man Angst verlernen kann, ich wäre sehr dankbar. Denn ich will endlich wieder frei auf Autobahnen rumsaußen und die Länder wechseln, wie andere ihre Socken. Das wäre schön.

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8 Kommentare zu “Das Leben anderer

  1. Wie denn? Du willst nicht etwa aufhören über Schule zu schreiben, oder?

    Willst Du etwa meine Sehnsüchte noch mehr strapazieren? Etwa über das freilernende Familie schreiben?

    (Lässt mich ganz einfach so in der Schule zurück 😦 ?)

  2. Nun, ich schätze mal, als erfolgreicher deschooler bist du sicher nicht abgeneigt, auch mal andere Wege zu sehen und zu gehen, als die allgemein üblichen und anerkannten.
    Angst verlernen kann man eher nicht. Aber lernen, anders damit umzugehen. Hier mal ein paar unkonventionelle Vorschläge:
    http://www.urey.de/philangst.html
    Vielleicht hilft es ein wenig weiter.

  3. @sowai
    Ich schaue es mir auf jeden Fall an. Das mit dem Träumen bin ich eh schon angegangen 🙂 Aber zur Zeit sind die Träume sehr brutal.

    @Andrea
    Jaja, ich glaube je mehr ich über die Schule schreibe, desto mehr holt sie mich wieder ein. Ich habe das die letzten Tage gemerkt als ich verstärkt bei Dayna Martin gelesen habe. Ich dachte mir: „We don’t sparkle – we just glow a bit.“
    Und irgendwie habe ich noch nix so richtig über Unschooling geschrieben – nur Schule analysiert. Ich muss noch so viel über Unschooling lernen.
    Und ein bisschen haben mir auch eljaschas Worte zu denken gegeben. Es gibt so viele Leute, die klagen ihr Stunden lang ihr Leid, aber zu wenige haben den Mut auch nur den kleinsten Schritt zu tun oder das illegal zu regeln. Oder auch nur politisch zu kämpfen. Je mehr ich über Schule schreibe, desto mehr können sich die Leute auch denken: „Der beschwert sich auch nur – also gibt es Unschooling gar nicht wirklich. Unschooling ist nur eine Flucht vor der Schule und nicht eine gute Idee an sich“.
    Verstehst Du. Und es soll ja wirklich Leute geben, die sich an den paar Behördleins vorbeigeschmuggelt haben und ein paar, die Abkommen gefunden haben. Besser allemal, etwas zu versuchen. Denn nur so kann man auch dort eine kritische Masse überschreiten. Das Ziel muss natürlich bleiben Familien und die Welt als eine gesellschaftlich anerkannte Bildungsform zu etablieren, so dass solche „Deals“ nicht mehr nötig sind – und selbst wer einen „Deal“ erreicht hat, sollte auch weiterhin die anderen bedenken. Als Sartre damals für die Resistance schrieb, schrieb er nicht über die Deutschen, er schrieb über die Franzosen.

    Ich muss die Leute in der Schule zurücklassen, für mich und auch für sie. Sonst werde ich nur ein Trost, den man sich als geplagtes Schul-Elternteil reinzieht. Ein Placebo. Das will ich nicht länger sein.
    Vielleicht erwecke ich in dir ja genug Sehnsüchte, dass Du und Dein Mann (und die Kinder) zusammen einen Brief an den Kulmini schreiben – einen Brief pro Woche – oder was auch immer euch einfällt. Eljascha scheint viele Ideen zu haben und auch viel Erfahrung. Ich kenne ja nur die halb-legalen Wege – antworte aber gerne per PM und vielleicht hol ich mir auch noch ein paar Tipps bei eljascha oder anderen bei denen es geklappt hat 🙂

  4. @1000sunny
    Ein Trost, den man sich als geplagtes Schul-Elternteil reinzieht, bist du nicht. Deine Kinder sind noch nicht „schulpflichtig“ – die Aufgabe, sie am Schulzwang vorbeizuschleusen, liegt noch vor dir.
    Zum Begriff „Unschooling“ denke ich, dass er irgendwie zu sehr an der Schule klebt (quasi als Negativschablone). „Freilerner“ gefällt mir besser.

  5. Das Beispiel, dieser Artikel ist perfekt, um zu illustrieren, dass Politik nirgends aufhört. Politik ist überall, und findet ihre Kanäle bis in die kleinsten Ritzen unseres Lebens.

    Ein Beispiel: Ein Homeschooler geht einkaufen mit seinen Kindern. Im Supermarket wird sein Kind von einem flüchtenden Amokläufer, der gerade Amok in seiner Schule gelaufen ist, erschossen.

    Die Schule war schuld am Amoklauf, und trifft den Homeschooler, so sehr dieser auch versucht, abzuwenden. Politik hört nirgends auf, ihre Wirkungen sind für ausnahmslos jeden spürbar.

    Ok, jetzt wird einer sagen, dann baue ich mir eben einen Atombunker. Dann kümmert mich der Amokläufer auch nicht mehr, und bedroht mich nicht.

    Ok, sage ich, aber die Politik hat bewirkt, dass du jetzt in einem Atombunker lebst.

    Politik hört nirgends auf, ihrer Wirkung kann man nicht entgehen, höchstens in einem Akt von Selbsthypnose oder so ausblenden, oder so tun als ob ich ja doch nicht soooo betroffen wäre.

    Jeder ist betroffen, jeder ist verantwortlich, jeder hat die Wahl sich zu engagieren oder auch nicht, jeder hat Verantwortung, jeder hat die Freiheit eine bestimmte Haltung einzunehmen, und niemand kann sich am Ende über irgendwas beschweren als Opfer. Man wird immer eingeholt.

    Watzlawick und viele andere haben sehr genau skizziert, dass auch Schweigen eine Form von Kommunikation ist, und man nicht nichts sagen kann. Wir sind zum Handeln verdammt, und nicht handeln ist auch eine Form von Handlung.

    Politik und vor allem ihre Bedeutung(en) sind wirksam überall, man wird bezeichnet als Homeschooler, man wird Außenseiter, man erfährt die Konsequenzen von einer Politik bis in die kleinsten Kleinigkeiten. Man entgeht ihr nicht. Unmöglich.

    Wenn du Außenseiter bist, bist du verdammt zu kämpfen, dich zu verteidigen gegen die Masse. Deine Möglichkeiten sind als Außenseiter geringer. Die Menschen werden dich eher als Feind sehen, als wenn du kein Außenseiter bist. Du bist gezwungen, vorsichtig zu sein, bist vielleicht gezwungen im Untergrund heimlich zu leben. Du erfährst Konsequenzen deines Außenseitertums, auf jeden Fall, so oder so.

    Entschuldige übrigens, mit „Du“ oder „du“ meine ich nicht 1000sunny direkt, sondern mich selbst und alle anderen auch. Das du hat hier keinen persönlichen Stellenwert 🙂

  6. @konradmama
    Ja, wir brauchen irgendwie einen guten Namen für das Baby 🙂 – Freilerner klingt aber auch irgendwie so Gegensatzmäßig und damit drangeklebt. Vielleicht nennen wir es einfach „Bildung“ oder so etwas – und denken uns die andere ganz weg 🙂

    @sizztam (haben diese Namen eigentlich irgendeine Bedeutung und verhaust Du nur Deine Tastatur 🙂 )
    Das mit dem „Du“ verstehe ich schon, sonst Du Du ja immer du geschrieben.
    Das Gute an unserem Aussenseitertum ist, dass wir recht tolerante Nachbarn haben und da ich manchen viel helfen kann mit ihren Kindern (außer was Sch… betrifft) haben wir in der realen Welt auch ein paar Unterstützer. Aber wir haben lange gekämpft und waren lange ganz draußen – aber wir haben Gottseidank früh angefangen.
    Aber Du hast schon Recht, diese Amokschützen sind natürlich auch eine Gefahr für die Unschooler – und die Politik ebenfalls. Heute habe ich gelesen: „Die Rechten werden immer stärker“ – Antwort der Politik: „Mehr Ganztagsschulen“ – hmmmm… was hat das jetzt damit zu tun. Ah, ja, eigentlich dachte ich der Verfassungsschutz schlägt jetzt gleich zu oder man führt die 30% Hürde ein 🙂 Aber jetzt müssen auch noch die armen Rechten für die Früh-Bis-Spät-Indoktrination herhalten.
    Ich hoffe ich kann über die Schule schweigen.

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