Lauter als eine Beretta

Von einer Leserin habe ich folgenden Link zur Muschelschubserin zugeschickt bekommen, indem sehr treffend die Gefühle von jungen Menschen beschrieben werden und wie sie niedergeschrien werden durch eine Kultur, die aus Kindern und Jugendlichen nur Wohlgefallen und Rentenansprüche ableitet.

Sie schreibt unter anderem: „Ich bin gerne hunderte von Metern auf der linken Fahrspur gefahren, wollte immer mal eine Runde rückwärts um die Innenstadt fahren. Ich hab mal hinten in einem Mercedes gesessen, dessen Fahrer gekifft hatte und mit dem dicken Auto um ein Haar in einen Brückenpfeiler auf einer Autobahnauffahrt gefahren wäre. Ich kannte Leute, die gedealt haben, Leute, die vor lauter Drogenkonsum im Auto Steine gesammelt haben, hab mir mal am Handgelenk rumgeritzt und wusste genau, welches Lied laufen soll, wenn ich mir mal etwas antun würde.“

Einer der Kommentatoren zitiert Spreeblick: “Wie laut muss man als Jugendlicher eigentlich sein, um gehört zu werden? Noch lauter als eine Beretta?”

Ich weiß noch (war es beim letzten, vorletzten oder vorvorletzten Amoklauf) wie die Mitschüler des Amokläufers am nächsten Tag in Jauchs-Show waren und sich wunderten, was für ein verrückter Kerl so etwas tut.

Aber dieses mal haben all die Opfer auch eine Stimme, sie sind nicht mehr durch Redaktionen und Publikumsgeschmack gefiltert. Das Web 2.0 hat die Möglichkeit die waren Gründe nicht länger totzuschweigen und sie ans Licht zu bringen. Immer mehr Kinder und Jugendliche flüchteten vor der Schule in den Fernseher und in Computerspiele. Doch jetzt, als sie erkannt haben, dass auch der Fernseher sie betrügt, jetzt flüchten sie sich dorthin, wo sie vielleicht gehört werden. Ins Internet. Und es werden sich immer mehr zu Wort melden und sagen: „Behandelt mich nicht wie eine Maschine, ich bin ein Mensch. Ich habe einen Wert – auch ohne Leistung.“

Wir kennen alle die Empfehlungen: „Machen Sie bei einer guten Note einen Ausflug mit Ihrem Kind in den Zoo“ Warum nicht bei einer schlechten Note? Braucht ein Kind da nicht am ehesten Trost? Aber dann wird es ja nur noch schlechte Noten schreiben, kommt dann das Argument. Ja, vielleicht ist elterliche Liebe einfach mehr Wert für Menschen, als ein blöde Note. „Dann bekomme ich aber Probleme mit der Schule, später dem Jugendamt“ wird sich mancher denken. Die Schulpflicht zwingt Eltern die Feinde ihrer eigenen Kinder zu werden. Wir sollen Eltern sein, keine Freunde – heißt es dann. Aber sollte das nicht dasselbe sein?

Wenn wir unsere Kinder wegsperren in riesige Gebäude und dort in professionalisierte Massenhaltung und Aufzucht geben, anstatt sie selber zu lieben und zu verstehen, dann werden wir nach und nach größere Dimensionen von Selbstmord erleben. Als ich schrieb, der Schulzwang ist schuld, da traf ich einen Nerv. Viele sagten: „Die Kinder in Afrika wären froh in die Schule gehen zu dürfen“ – Ich kenne dieses Argument, man sagte es früher Kindern, die nicht aufessen wollten, oder vegetarischen Jugendlichen, die keinen Schweinebraten wollten. Wir drücken die Schule mit allen Mitteln jedem auf, nicht einmal die Kinder in Afrika sind uns heilig. DAS ist pietätslos – nicht, dass ich mich über einen der wahren Gründe ärgere.

Wir müssen nicht nur das Gesetz Schulzwang überwinden, sondern auch den Schulzwang in unseren Köpfen. Ich erinnere mich immer wieder an die Frau, die mir erzählte, dass sie nach jeder Prüfung das Wort LOOSER groß in ihren Arm geritzt hatte. Ich fragte sie, ob sie ihre Kinder auch in die Schule täte und für sie war das „Natürlich!“ – egal welche Probleme es hätte.

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Ein Kommentar zu “Lauter als eine Beretta

  1. Pingback: Schule = ‘ich liebe meine Kinder nicht’? - Sevenjobs

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