Resilienz und Amok – oder wie man stark wird, statt verzweifelt

Resilienz ist der Fachbegriff für psychische Widerstandsfähigkeit.

Das Ziel der emotionalen und geisten Entwicklung eines Menschen ist eine möglichst hohe Resilienz aufzubauen, damit er in allen Lebenslagen einen kühlen Kopf bewahren kann und auch mit Rückschlägen und schlimmen Situationen umgehen kann.

Um die Resilienz zu stärken gibt es verschiedene Sprichwörter, die den populären Volksglauben zusammenfassen:

„Was einen nicht umbringt, macht einen stärker“

„Per aspera ad astra“ (Also durch das Rauhe zu den Sternen)

„Von nix kommt nix“ und ähnliches.

Die Wissenschaft hat diesen Charakterzug mittlerweile erforscht und es konnten zwei Faktoren ausgemacht werden, die Resilienz bewirken und fördern:

1.) Eine liebevolle und zugewandte Umgebung

2.) Die wiederholte Erfahrung von Selbsteffektivität (das bedeutet, dass das eigene Handeln die Umgebung in gewünschter Weise beeinflusst)

Interessanterweise sind es genau diese beiden Sachen, die unsere Gesellschaft mit der Erziehung zum „Weichei“ und „Verwöhntes Gör“ verbindet.

Unsere Gesellschaft könnte also mit ihren Thesen über die Entstehung von menschlicher Stärke im Menschen fälscher nicht liegen.

Warum ist das so?

Darüber habe ich viel nachgedacht – nicht heute, sondern schon vor einiger Zeit. Unsere Kräfte spüren wir immer dann, wenn wir sie brauchen. Wenn wir in eine repressive (ungünstige) Situation gelangt sind und uns mit eigenen Kräften aus ihr befreien müssen. Dann strengen wir uns an, wenn die Kräfte reichen, schaffen wir es und verspüren Erfolg. Wenn die Kräfte nicht reichen, spüren wir den Rückschlag.

Und jetzt kommt der Denkfehler: Wir denken, es war die schlimme Situation, die Gefahr, die uns stark machte. In Wirklichkeit war es alles Positive, was wir vorher erfahren hatte. Die Situation erforderte nur die Anwendung. Das eine ist das Training – und das andere ist der wirklich Wettlauf – um mit einer sportlichen Allegorie zu sprechen. Kein Mensch käme auf die Idee, eine Teilnahme an einer Olympiade mache ihn zu einem guten Sportler – und er könnte sich damit alles Training sparen.

Die guten Momente unseres Lebens, unsere kleinen Erfolge, das sind die Momente, die uns auf das Leben vorbereiten.

Bei Chopper erlebe ich das sehr stark. Zu Hause bekommt er sehr viel Liebe und Zuwendung und darf fast alles machen (solange er keinen verletzt). Bei der Oma oder im Indoor-Spielplatz herrschen andere Gesetze und andere Regeln. Die Oma reguliert alles sehr stark und hat kein Verständnis für unsere „laxe“ Haltung. Chopper geht seit ein paar Monaten sehr gerne zu ihr, und übernachtet dort sogar manchmal. Dies läuft komplett ohne Probleme ab. Er sagte zu mir einmal: „Wenn die Oma Schmarrn macht (schreit), dann streichele ich sie“ – Und zudem befolgt er Omas Regeln auch – die sind halt für die Oma so und dann ist sie glücklich. Als er das zu mir sagte, kamen mir fast die Tränen – ich wünschte ich wäre es so, wenn es um den Umgang mit meiner Mutter geht.

Das andere Erlebnis auf dem Indoor-Spielplatz war aber noch imposanter (finde ich). Zwei Jungen (5 und 7 Jahre) haben dort gespielt – und ihn ziemlich lange ignoriert, obwohl er immer wieder versucht hat mit ihnen zu spielen. Irgendwann ging Chopper dann direkt auf sie zu und sagte: „Ihr seid gemein“ – „Wieso sind wir denn gemein“ (die Jungen hatten ihn nicht einmal bemerkt) – „Weil ich mit euch spielen will und ihr lasst mich nicht mitspielen“ – „Oh, dann spiel mit“ – und sie spielten zusammen.

Heutzutage verbringen die Väter mit den Kindern durchschnittlich 2,5 Minuten am Tag. Die Mütter kommen da noch besser weg, bewegen sich aber in diese Richtung. Den Rest der Zeit verbringen Kinder zusammen mit anderen Kindern und bezahlten Kräften. Doch bezahlte Liebe ist nicht dasselbe, wie Elternliebe. Zudem können die Erziehungskräfte in einem Massenbetrieb nicht jedem Kind individuelle Elternliebe zukommen lassen. Die Eltern müssen aber beide arbeiten gehen um nicht unter das Existenzminimum zu rutschen oder um den gesellschaftlich propagierten Karrierefetischismus zu erfüllen. Karriere geht nur in der Arbeit und nicht mehr zu Hause. Letzteres gilt sofort als narzisstische Projektion eigener Wünsche und Sehnsüchte auf die Kinder.

Fremde Kinder können die Resilienz auch nicht fördern, sondern sie nur prüfen. An ihnen kann man sich meist nur messen. Selbst sehr, sehr gute Freunde sind meistens nur Prüfsteine der sozialen Kompetenzen – aber keine Förderer. Die Forschung hat herausgebracht, dass hauptsächlich Eltern und Geschwister diese unbedingte Liebe geben können, die wichtig für das Erstarken dieses wertvollen Charakterzuges ist.

Ich bin überzeugt, in so einem Massenbetrieb, wie ihn Kindergärten und Schulen darstellen, können sich alle Beteiligten noch so viel Mühe geben, aber sie können nicht die Resilienz fördern. Und in so einem Massenbetrieb wird man sehr oft gebrochen, oft aus Unachtsamkeit, manchmal aus niederen Motiven oder aus Vergleichsdenken und Rivalisierung. Man wird auch manchmal, einseitig wieder aufgebaut (durch gute Lehrer). Und am Ende entsteht ein Mensch, der nicht mehr weiß wer er ist, da er immer nur bedingt geliebt wurde. Er musste immer etwas bestimmtes sein, damit er geliebt wurde.

Viele Menschen haben jetzt Angst, dass ihre Kinder beim nächsten Amoklauf sterben werden. Viele wissen nicht, was morgen passieren wird, wenn ihr Kind in die Schule geht. Wer auf einmal die Tür aufmacht. Diese Angst hätte ich auch. Aber vielmehr bewegt mich die andere Angst, dass mein Kind so oft gebrochen wird, dass es keine andere Lösung mehr findet. Dass ich es selbst immer wieder ermutigen muss, dorthin zu gehen und mich somit immer mehr von den Sorgen meines Kindes entferne. Anstatt ein Fluchtpunkt, werde ich ein Teil des Systems, dass ihn immer wieder bricht. Dass ich zuviel arbeiten muss und auf meine Arbeit und das Geld angewiesen bin – und somit keine Zeit mehr habe hinzuschauen. Und insbesondere, dass ich eine heimliche Angst entwickle hinzuschauen – denn arbeiten muss ich weiter. Es ist besser wegzuschauen und zu hoffen. Als hilflos und verzweifelt hinzuschauen und noch mehr zu leiden.

Ich habe Angst, dass ich dasselbe Schicksal erleiden muss, wie Tims Vater. Ich habe Angst, dass Mummy1000Sunny dasselbe Schicksal erleiden muss wie Tims Mutter. Und ich habe Angst, dass eines meiner Kinder, vielleicht Chopper, vielleicht Nami, vielleicht Sanji, dasselbe erleiden muss, wie Tim selber. Ich kann es mir nur mit schaudern vorstellen, wenn ich in der Arbeit sitze, das Radio läuft leise und auf einmal wird die Sendung unterbrochen und es wird gesagt: „Chopper 1000Sunny ist vor 10 Minuten in seine ehemalige Schule eingedrungen, bewaffnet und hat mehrere Menschen getötet. Zur Zeit steht er auf einem Parkplatz und Polizei und Presse haben ihn umstellt“. In diesem Moment würde mein Herz aufhören zu schlagen – und das für immer. Und wenn er im nächsten Moment erschossen würde, was wäre dann. Meine Karriere, mein Haus, mein Urlaub, meine Kleidung, mein Posten im Elternbeirat, meine Titel – sie wären alle nichts mehr wert. Ich wäre nichts mehr wert – denn ich habe eines meiner Kinder verloren.

Soweit werde ich es nie kommen lassen, und selbst wenn wir in größter Armut und außerhalb des Gesetzes leben müssen. Selbst wenn wir auswandern müssen und bei einem ganzen Volk auf Unglauben stoßen. Ich bin der Vater meiner Kinder und deswegen bin ich auch für ihre Erziehung verantwortlich. Und ich muss lernen, mich mit ihnen zu freuen. Ich muss lernen mit ihnen zu spielen. Ich muss lernen, was heutzutage unmöglich scheint. Ein Vater zu sein, und für die eigenen Kinder bedingungslos da zu sein und sie zu lieben.

So dass alle meine Kinder glückliche Menschen sind, die für ihre Freunde, Mitmenschen und später ihre Familie da sein können. Ich kann keinen anderen Menschen bezahlen, damit diese sie an meiner statt lieben – Fremdbetreuung ist für mich keine Option. Meine Kinder brauchen mich und sie sind Teil meines Lebens.

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2 Kommentare zu “Resilienz und Amok – oder wie man stark wird, statt verzweifelt

  1. Pingback: Müssen wirklich beide Eltern arbeiten gehen? - Sevenjobs

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