Schule, Gesellschaft und Amok

Mummy 1000Sunny
Eine Tatsache ist, dass an Schulen viel Mobbing geschieht – ob bewusst ausgeübt oder nicht spielt keine Rolle, es gibt viele Opfer. Eine weitere Tatsache ist, dass jeder Mensch in Deutschland einen großen und sehr prägenden Teil seines Lebens in der Schule verbringen muss. Prägend, weil hier der weitere Verlauf des Lebens festgesetzt wird. Es gibt viele Menschen, die sich mit dem Status, der ihnen während der Schulzeit zugeteilt wurde, lebenslänglich zufriedengeben, ob sie glücklich sind oder nicht. Nur wenige setzen sich darüber hinweg.

Das heißt, unsere Gesellschaft ist maßgeblich durch die Schule geformt – wir alle waren da, wir alle haben Noten und Kommentare bekommen, die uns sagten, wo in der Gesellschaft wir stehen. Wie wir in der Schule abgeschnitten haben ist vorerst der einzige Anhaltspunkt für Firmen, uns zu beurteilen. Also bekommen wir auch nur den Job, den wir uns in der Schule „verdient“ haben. Anhand dieses Jobs werden wir weiter beurteilt – von unseren Nachbarn, und von weiteren Firmen, unser Freundeskreis bestimmt sich dadurch. Man muss schon sehr viel Energie aufbringen, um daraus auszubrechen und zu sagen: Hey, schaut mal, ich bin nicht meine Noten, und die daraus resultierenden Folgen, ich bin ich und selbst für mich verantwortlich. Ich bin auch nicht mein Job, meine Kleidung und auch nicht mein Auto. Ich kann mir Ziele setzen und sie erreichen.

Ob wir nun die Ursachen für Amokläufe in der Gesellschaft suchen, in den Familien, in der Schule oder in der Politik – an einem Ort waren alle Menschen in Deutschland.

Es ist erklärtes Ziel der Schule, die Menschen zu guten Staatsbürgern zu erziehen. Dazu gehört auch, in jedem Schüler den Glauben an seine Abhängigkeit und eigene Ohnmacht zu pflanzen.  Er soll ja glauben, dass er Politiker braucht, um sein Leben zu bestimmen, Versicherungen, den Vater Staat, etc. Um das zu erreichen, muss ein Mensch davon abgebracht werden, an sich zu glauben, und dazu muss das Kind gebrochen werden. Das ist doch das, was jeden Tag in der Schule passiert und gemeinhin als „soziale Kompetenzen“ und „Leistungsfeedback“ bezeichnet wird.

Und das ist auch, was die Gesellschaft, die Familien etc formt. Natürlich ist das Leben meist lang, und es kommen für jeden einzelnen viele Eindrücke dazu. Aber Ausgangspunkt ist immer die Position, die die Schule für einen vorgesehen hat.

Ich will nicht sagen, dass alle Amokläufe sich einzig und allein auf die Schule zurückführen lassen – aber die Schule leistet einen erheblichen Beitrag dazu, unsere Gesellschaft zu formen und Zwänge aufzubauen, die Frust aufkommen lassen können. Egal ob sich der Frust letztendlich auf die Familie, den Job, oder die Schule fokussiert.

Ich bin überzeugt, dass sich die Gesellschaft – und damit natürlich auch die Familien – sehr zum Guten ändern würde ohne Schule. Die Zustände wären erstmal chaotisch, aber die Menschen würden sich sehr schnell vernetzen (nicht nur virtuell!) und sich gemeinsam um die Bildung ihrer Kinder und damit der Gesellschaft kümmern. Mit Beibehaltung der Schule ohne Auswegs-Möglichkeit oder flächendeckende Aufklärung über diese Möglichkeit kann man noch lange darüber reden, wie sich die Gesellschaft ändern muss, sie wird sich immer nur so ändern, wie sich die Schule ändert, d.h. wie es die Kultusminister vorsehen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ziel der staatlichen oder staatlich kontrollierten Schule sehr bald ändern wird. Also wird alles so bleiben, wie es ist, sofern sich nichts grundlegendes ändert in der Bildungslandschaft (egal ob deutsch, finnisch, oder egal was).

Deshalb mein Appell: Helft mit, die Schulpflicht abzuschaffen!

Das ist der erste Schritt, die Schule ist die Wurzel der Gesellschaft. Die Aufklärung über die neuen Möglichkeiten kann an den Kultusministern und der Politik vorbei organisiert werden.

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20 Kommentare zu “Schule, Gesellschaft und Amok

  1. Wunderbar auf den Punkt gebracht. Vor allem das:
    „… Hey, schaut mal, ich bin nicht meine Noten, und die daraus resultierenden Folgen, ich bin ich und selbst für mich verantwortlich. Ich bin auch nicht mein Job, meine Kleidung und auch nicht mein Auto.“
    Die Frage dabei ist nur: wer hört darauf? Meistens ist schon die zweite Frage, wenn man jemanden neu kennenlernt: „Und was machst du beruflich?“ Genau dieses Menschen-auf-ihren-Job-reduzieren bringt mich mit schöner Regelmäßigkeit zum Kochen.
    Bei Schülern ist sowieso die erste Frage irgendetwas nach der Schule. Schlimm. Das ist so präsent in den Köpfen, und so prioritär.

    „Die Aufklärung über die neuen Möglichkeiten kann an den Kultusministern und der Politik vorbei organisiert werden.“

    habe ich was verpaßt?? Gibt es denn irgendwelche Möglichkeiten? Ich meine tatsächliche Möglichkeiten in diesem Land ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten?

  2. Gibt es denn irgendwelche Möglichkeiten? Ich meine tatsächliche Möglichkeiten in diesem Land ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten?

    Ist die Frage nur nach dem Gesetz denn nicht ein bißchen sehr armselig? Denkt mal an Rosa Parks z. B. …

    Es gibt(gab) immer wieder Familien, und zwar seit ich mit der „Szene“ zu tun habe (September 2001) und schon wesentlich länger (Stichworte: Philadelphia-Schule und „Tilmann geht nicht zur Schule“), die es schaff(t)en, auf den verschiedensten Wegen zu einer Duldung oder einer Absprache über Regelungen bzgl. eines Lernens ihrer Kinder ohne Schulbesuch zu kommen. Dazu gehört natürlich auch Mut, aber ohne Mut auch keine (Selbst-)Verantwortung!

    Beispiele: Kinder mit Lernschwächen, gesundheitlichen Problemen unterschiedlichster Art, Hochbegabung, extremen Schul(anpassungs)schwierigkeiten, religiöse Werte der Eltern – Nutzung von Fernschulen, klassischer Hausunterricht, Kombination von beidem, komplettes Unschooling, freies Lernen mit regelmäßiger Überprüfung an den zuständigen (Grund-)Schulen – ja, habe für all das schon Familien/Kinder kennengelernt, teilweise die Wege dazu mitbekommen.

    Natürlich gibt es die abschreckenden Berichte über die Familien, bei denen herb durchgegriffen wurde, etliche Familien sind ausgewandert, aber es gibt wesentlich mehr Familien, die ihre Nischen gefunden haben, sonst hätten wir hier in D nicht mindestens 1000 Kinder, die schulbesuchsfrei lernen. (Und ich denke, daß die Dunkelziffer sehr viel höher ist – die Zahl derer, die mit keinem der Un-/Homeschoolingvereine Kontakt haben und auch sonst nicht bekannt werden, es sei denn, man trifft sie z. B. bei externen Prüfungen, ist nicht klein. Öfters habe ich auch schon davon erzählt bekommen, daß Kinder/Jugendliche für eine vorübergehende Zeit aus der Schule genommen wurden, wochen- oder jahrelang, und dann wieder eingestiegen sind, alles mit Absprachen vor Ort, nicht über höhere Ebenen.)

    All das sehe ich als Schritte hin zu einer Öffnung des Schulsystems, jedes Kind/jeder Jugendliche, der/die gestärkt und mit größerem Erfolg als in der Schule so eine schulfreie Bildungsphase absolviert, setzt ein Zeichen für den Wert dieses anderen Weges außerhalb des derzeitigen Systems.

  3. „Ist die Frage nur nach dem Gesetz denn nicht ein bißchen sehr armselig? “

    Doch, das ist sie. Vor allem ein bisschen sehr.
    Da eine Diskussion für mich jede Sachlichkeit verliert, wenn sie auf so ein provokatives Niveau rutscht, verzichte ich auf jede weitere Äüßerung diesbezüglich.

  4. @sowai: Es gibt noch keine legalen Möglichkeiten. Ich meinte, dass wenn die rechtliche Grundlage geschaffen – oder eher die bestehende abgeschafft – ist, dann ist die ebenso notwendige Aufklärung recht einfach zu organisieren.

  5. (Papa1000Sunny)
    Das Gesetz zu brechen macht mir ja nichts aus. Aber ein bisschen Angst machen mir die bewaffneten Polizisten, die dann meine Kinder in eine Psychatrie bringen wollen.

    eljascha ich finde es schön, dass es so viele geheime Absprachen gibt. Dennoch: Warum sind die Neubronners dann nicht glücklich und zufrieden hier in Deutschland – sondern leben im Ausland (oder habe ich etwas verpasst)?

    Dieses Verstecken und Klüngeln, Verhandeln, Bangen und Hoffen, Zittern und Angst haben… das ist doch kein Witz. Ich kann verstehen, wenn Du Deinen Weg gefunden hast – und man es Dir erlaubt hat… aber die Neubronners wurden auch eine zeit lang geduldet und dann PÄNG!

    Ich kenne Familien, die können nicht mehr vor und nicht mehr zurück. In jeder Richtung versperrt Ihnen Schule den Weg zur Genesung. Die Eltern sind total verzweifelt. Die haben Angst. Was sagst Du denen?

    Wir hatten hier schon einmal die Diskussion über Gesetz und Unrecht. Ich bin kein Mann des Gesetzes. Ich habe einen bestimmten Kodex und dazu gehört nicht, aufhören für eine gerechte Sache einzustehen, wenn mir gewisse Leute nicht gefallen, die sie vertreten, oder wenn ich es persönlich geschafft habe. Das habe ich mir damals auf dem Pausenhof geschworen. Ich werde mich nie von den Schwächeren abwenden, wenn ich einmal stark genug bin.

    Die stärkste Waffe, die der Staat hat, ist die Angst in den Köpfen von uns Eltern – und da er mit seinem Terror bei unseren Kindern, unserem verletzlichsten Punkt, ansetzt ist die Angst groß.

  6. @sowai: Es lag mir ferne zu provozieren. Ich habe angemerkt, daß es tatsächlich Menschen in D gibt, die hier andere Bildungswege für ihre Kinder finden als die gesetzlich vorgesehenen. Und außerdem habe ich darauf hingewiesen, daß nicht zu allen Zeiten und von allen Menschen immer nur auf bestehende Gesetze (die aber eben mitunter dem Menschen nicht dienlich, sondern ihn zerstörend sind) geschaut worden ist, um Änderungen herbeizuführen.

    Offensichtlich hast Du Dich auf den Zeh getrappt gefühlt, um es mal salopp zu sagen – warum? Du hast die Frage ob es Möglichkeiten gibt ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten doch gestellt, oder nicht?

    Wenn Dir da nichts aneres bleibt als Sarkasmus beim Antworten, dann sind Dir offensichtlich die Argumente ausgegangen.

    ———————–

    Nicht wenige Eltern würden hier in D gerne ihre Kinder ohne Schul(besuchs)pflicht lernen lassen, sehr wenige engagieren sich. Diese wenigen sind fast überwiegend diejenigen, die den Mut hatten, nicht nur nach den Gesetzen zu schielen. Ansonsten wird viel rumdiskutiert und abgewartet, wenn dann die eigenen Kinder ins Schulalter kommen, dann geht man ins Ausland oder gründet eine freie Schule oder schickt die Kinder zu einer solchen, bereits bestehenden oder eben doch in die staatliche Schule (und manchmal kann man sich mit der Schule ja auch ganz gut arrangieren, trotz vorhergegangenem Widerwillen, womit das Problem sich in Luft aufgelöst hat). Manchmal geht es nicht anders, aber oft fehlen einfach auch nur Phantasie und Mut, um etwas anderes zu machen.

    ————————–

    „Stell Dir vor es ist Schule und keiner geht hin!“ (Bertrand Stern)

  7. (Mummy1000Sunny)
    @eljascha: Ich finde, der größte Mut der „dazugehört“ ist eben der Mut zur Selbstverantwortung. Das ist nicht ohne weiteres gegeben. Viele Eltern sagen mir, sie hätten den Mut eben nicht, alleine für die Bildung ihrer Kinder verantwortlich zu sein. Genauso viel Mut kostet es für einen Jugendlichen, die Verantwortung für sich und seine Entwicklung zu nehmen.
    Ich finde es auch nicht unbedingt mutig, seine Kinder den Risiken aus zu setzen, die Bildung ohne Schule in Deutschland nunmal mit sich bringt. Für mich kommt das gar nicht in Frage, ich gehe ganz bestimmt nicht das Risiko ein, meine Kinder zu verlieren oder sie so schlecht behandelt zu wissen, wie es in manchen Fällen eben passiert. Für mich bedeutet es, Verantwortung zu nehmen, wenn ich die Idee verbreite, dass Schulzwang und Schule allgemein vielleicht nicht das beste ist. Ich muss auch für meine Kinder Verantwortung übernehmen und Deutschland verlassen, wenn sie in Gefahr hier sind. Ich fände es unverantwortlich, einfach hier sitzen zu bleiben und zu hoffen, dass niemand merkt, dass ich mich an einem so harsch verfolgen Gesetz vorbeigeschmuggelt habe. Ich will auch nicht mein Schicksal und das der Kinder in die Hände irgendwelcher Lokal-„Authoritäten“ legen. Es ist natürlich schön, wenn es in einigen Fällen klappt mit den Absprachen auf lokaler Ebene. Aber eine dauerhafte Lösung kann es nicht sein.

    Welches moralisches Recht haben denn Deiner Meinung nach Familien all den Ländern, in denen freie Bildung möglich ist, darauf, ihre Kinder selbst zu bilden? Sie müssen sich gegen kein Gesetz stellen, sie müssen nicht „Mut beweisen“. Deine Forderung nach der Mutprobe für freie Bildung finde ich gerade für die Familien, die ihre Kinder zeitweise verloren haben oder ihre Heimat aufgeben mussten, wirklich nicht fair.

  8. Die stärkste Waffe, die der Staat hat, ist die Angst in den Köpfen von uns Eltern – und da er mit seinem Terror bei unseren Kindern, unserem verletzlichsten Punkt, ansetzt ist die Angst groß.

    Das ist völlig richtig. Deshalb ist der erste Schritt, die Angst abzulegen. Meine Helden sind beispielsweise Melissa Busekros und die Gorbers – die Kinder waren in Heimen bzw. Melissa bei einer Pflegefamilie, und die Familien sind nicht in Verzweiflung ertrunken, haben sich nicht unterkriegen lassen. Die Gorber-Kinder müssen zwar jetzt in Schulen, aber es geht ihnen dort offensichtlich gut, d.h. nicht nur, daß ihre Leisungen gut sind, sie werden wohl auch respektiert, sind sozial nicht ausgeschlossen.

    Die Absprachen die es gibt, sind nicht geheim, jedenfalls nicht bei allen Familien, manche outen sich nicht (weil sie nicht wollen oder sie gar nicht auf die Idee kommen, daß es Netzwerke wie das NBF gibt), andere gehen damit ganz offen um. Eine Familie, Mitglied beim Netzwerk Bildungsfreiheit (NBF), hat die Absprache über eine Verhandlung vor dem Familiemgericht erreicht.

    Wenn eine Familie intakt ist und es im Vorfeld keine Denunziationskampagnen gegeben hat, dann ist in den meisten Fällen umsichtiges Vorgehen erfolgversprechend, Konzentration auf die pure Angst schädlich. Die Fälle, die übel ausgingen, waren meines Wissens immer mit Denunziation von seiten eines getrennten Elternteiles, aus der Verwandtschaft, der Bekanntschaft, der Nachbarschaft verbunden.

    Zu Neubronners habe ich persönlich die Ansicht, daß man ihnen NIE die Kinder entzogen hätte, dafür ist die Familie zu bekannt und eben vollkommen intakt. Sie standen in Gefahr von finanziellem Ruin, und da ist es durchaus verständlich, daß sie lieber das Land verließen. Außerdem berichten ja die meisten Familien, die gegangen sind, daß es im Ausland eine echte Erleichterung für alle ist, wenn eben keine Bedrohung mehr herrscht.

    In den ersten Jahren habe ich mich nicht bedroht gefühlt wegen dem fehlenden Schulbesuch (damals nur meines Sohnes). Schlimm ist es erst in letzter Zeit geworden, und das liegt bei uns noch nichtmal nur an den mittlerweile verschärften Gesetzen, sondern vielmehr daran, daß wir eben nun schon mehrfach anonym (aus der Nachbarschaft) denunziert worden sind. Das ist einfach Pech und eine Konstellation, die so in vielen Fällen gar nicht vorkommt.

  9. @Mummy1000Sunny:
    Sowohl aus Spanien als auch aus Frankreich sind mir angedrohte bzw. durchgeführte Sorgerechtsentzüge wegen Homeschooling bekannt, gerade in Frankreich gab es öfter mal Gerichtsprozesse, in denen Eltern wegen der „instruction en famille“ ihrer Kinder, die angeblich nicht adäquat gewesen war, zur Rechenschaft gezogen wurden. Dort gibt es ein eindeutiges Gesetz (das zunehmend verschärft wird), das aber von den Schulinspektoren immer wieder mal zu ungunsten der Familien ausgelegt wird – selbst eine uns befreundete Familie in Strasbourg mußte schon per Rechtsanwalt um ihre Rechte kämpfen.

    Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie, nirgends. Während es in D nur die Schulpflicht gibt, gibt es anderswo z. B. auch die Impfpflicht – kürzlich habe ich im NBF-Forum eine Meldung über ein Elternpaar in Belgien eingestellt, daß zu einer Gefängnisstrafe (evt. auf Bewährung, weiß ich nicht mehr) verurteilt worden ist, weil es die Kinder nicht impfen ließ.

    Ich sehe im Zuge der europäischen Einigung weit und breit kein Land, in dem ich mir meiner Kinder wirklich allezeit sicher sein könnte – ich bliebe vor Ort, weil es meine Heimat ist und weil ich weiß, daß ich mich in meiner Muttersprache am besten mit Obrigkeiten (und anderen) auseinandersetzen kann, wenn es nötig ist. Wenn es uns mal zu bedrohlich werden würde, dann würde auch ich gehen – ich setze das Sorgerecht für meine Kinder nicht leichtfertig aufs Spiel. Ich lasse mich da von meiner Intuition leiten.

    Nachdem ich aber noch ein anderes, wirkliches Problem am Hals habe, nämlich daß meine Tochter eine Krankheit hat, bei der die Sterblichkeit nicht ganz unerheblich ist (im Prinzip kann jeder ihrer epileptischen Anfälle der letzte sein), sehe ich das mit der Schulbesuchsverweigerung wohl etwas lockerer als Ihr, es ist für mich nun wirklich nicht etwas, das ich als Risiko empfände.

  10. Die Eltern sind total verzweifelt. Die haben Angst. Was sagst Du denen?

    Ich habe wenige langanhaltende Kontakte mit solch verzweifelten Eltern. Ich kann ihnen nichts sagen – ich kann ihnen lediglich zuhören. Das ist eine traurige Realität.

  11. @eljascha:
    [quote]Offensichtlich hast Du Dich auf den Zeh getrappt gefühlt, um es mal salopp zu sagen – warum? Du hast die Frage ob es Möglichkeiten gibt ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten doch gestellt, oder nicht?[/quote]
    Richtig, ich habe die Frage gestellt. Ich weiß ja nicht, wie es bei anderen ist, aber ich stelle meistens Fragen in der Hoffnung darauf Antworten zu erhalten.
    Kommen keine Antworten, ist das auch o.k.
    Aber wenn anstelle einer Antwort die Frage an sich als ein bisschen sehr [b]armselig[/b]bezeichnet wird – ja, dann fühle ich mich auf den Zeh getappt.
    [quote]Wenn Dir da nichts aneres bleibt als Sarkasmus beim Antworten, dann sind Dir offensichtlich die Argumente ausgegangen.[/quote]
    Argumente verwende ich in einer Diskusssion.
    Nicht als Reaktion auf die Diffamierung einer Frage.
    [quote]Meine Helden sind beispielsweise Melissa Busekros und die Gorbers – die Kinder waren in Heimen bzw. Melissa bei einer Pflegefamilie, und die Familien sind nicht in Verzweiflung ertrunken, haben sich nicht unterkriegen lassen. Die Gorber-Kinder müssen zwar jetzt in Schulen, aber es geht ihnen dort offensichtlich gut, …
    [/quote]
    Das macht mich wirklich fast sprachlos. Aber nur fast.
    Nichts gegen diese Helden, für die Sache des freien Lernens, home- und unschooling ist es aber doch eher kontraproduktiv.
    Weißt du, wie ich den Satz da verstehe?
    Ich kümmere mich nicht um das Gesetz und schicke meine Kinder nicht in die Schule. (Soweit wunderbar)
    Dann werden sie mir weggenomen, aber ich verzweifele nicht deswegen.
    Die Kinder sind zwar in einem Heim, und müssen wieder in die Schule, aber es geht ihnen dort gut. (???)
    Wunderbar. Was bleibt unter dem Strich?
    Die Kinder müssen in die Schule (hätte ich sie auch gleich hin schicken können).
    Die Kinder leben oder lebten in einem Heim (wo sie sicher noch viel besser als in der Schule erfolgreich beschult werden)
    Ich bin oder war die Kinder zumindest zeitweise los (damit sie meiner und ich ihrer Liebe, Gemeinschaft und Geborgenheit entzogen)
    Sowohl die Kinder als auch ich haben gelernt, daß es nur immense Nachteile bringt, sich gegen den Schulzwang zu wehren.

    Nicht jeder legt dringenden Wert darauf als Märtyrer zu enden. Schon gar nicht, wenn er nicht nur sich, sondern zusätzlich auch noch seine Kinder opfert.

  12. Also als Märtyrer habe ich Melissa und die Gorber-Kinder und die jeweiligen Eltern nicht gesehen.

    Warum Helden? Sie haben ihre innere Ruhe und Stärke nicht verloren, weder die Kinder noch die Eltern. Bei Busekros wurde auch nicht vom schulbesuchsfreien Lernen abgerückt, bei Gorbers ging es leider vorerst nicht anders. Sie haben Netzwerke gebildet und helfen nun anderen Betroffenen, die vom Jugendamt geschädigt wurden. Die Leistungen und das Verhalten der Kinder strafte das Jugendamt Lügen (das ist es, was jetzt beim erzwungenen Schulbesuch der Gorber-Kinder deutlich wird). Beide Familien hatten aus innerer Notwendigkeit die Kinder nicht in die Schule geschickt bzw. den Schulbesuch abgebrochen und sich nicht durch das, was Gesetz oder Leute sagen, ablenken lassen. Den Kindern ist dieses Achten auf die innere Notwendigkeit offensichtlich sehr gut bekommen.

    Ich habe auch noch eine andere Heldin – eine Mutter, die mit zwei Söhnen (kurz vor und im Grundschulalter) nach Südamerika gegangen ist – ohne Hab und Gut, und die dort einen spannenden Lebensabschnitt erlebte – ist halt ein weniger bekanntes Beispiel und vermutlich nichts darüber im Internet zu finden, um es nachzulesen (wer den Rundbrief der Initiative für selbstbestimmtes Lernen bekommt, kennt die Geschichte).

    Allgemein denke ich, daß diejenigen, die sich für schulbesuchsfreies Lernen entscheiden, das nicht machen, wenn sie sich und ihre Kinder dann als Opfer ansehen – auch werden sie es nicht als großes Risiko (zumindestens nicht als größeres als den Schulbesuch) sehen, zumindestens nicht als unkalkulierbares – sonst würden sie es nicht machen. Wenn man hier zivilen Ungehorsam begeht (bzw. eine Ordnungswidrigkeit – das ist es in den meisten Bundesländern – und wer hat nicht schon mal an einer Stelle geparkt, wo es nicht erlaubt ist – also eine Ordnungswidrigkeit begangen, das hat die gleiche „Qualität“), dann sicher deswegen, weil man dabei etwas gewinnt. Beim Parken an unerlaubter Stelle gewinne ich vielleicht Zeit, die mir einen möglichen Strafzettel wert ist, beim Verstoß gegen die Schulpflicht gewinne ich vielleicht Lebensqualität für die ganze Familie, welche das vermutlich resultierende Bußgeld wert ist.

    Auf dieser Ebene bewegen sich in der Regel viele Familien, die machen, was hier diskutiert wird, sie sitzen nicht zitternd und bangend zu Hause in verschlossenen Zimmern, wie man es sich fälschlicherweise vielleicht vorstellt.

  13. @ eljascha:
    je länger ich mir die Diskussion hier und deine Argumentation ansehe, desto mehr komme ich zu dem Schluß, hier etwas klar stellen zu müssen.
    Sollte fälschlicherweise der Eindruck entstanden sein, ich finde Gesetze wie Schulzwang gut und würde die verteidigen: das ist und war nie der Fall.
    Ich sehe lediglich die Existenz dieser Gesetze. Und ich sehe den Aspekt: „but THEY got the guns“. Die Möglichkeit derer, die sie erlassen haben, sie mittels Waffengewalt und Zwang durchzusetzen.
    Den Aspekt der Ordnungswidrigkeit, wie beim Falschparken betreffend: Würde Schulverweigerung ebenso ’nur‘ mit Bußgeld geahndet, wäre das ein kleines Problemchen. In dem Fall würde die Kosten – Nutzen – Rechnung (wie beim Falschparken) ganz anders aussehen.
    Schlimm wird es, wenn Haftstrafen oder Sorgerechtsentzug das Bußgeld ablösen. Das entspräche eher einem Führerscheinentzug beim Falsch-Parken. Meiner Meinung nach hat das eine völlig andere Qualität. Ein Opfer dieser Größenordnung ist verständlicherweise vielen zu groß.
    Und das kann teilweise sehr schnell gehen:
    http://www.heulers.de/politik/flucht-mit-5-kindern/
    Ist zwar schon über ein Jahr her, aber besser wurde die Situation inzwischen nicht.

  14. @sowai, eljascha
    „But THEY got the guns“ (sowai) – genauso ist es! Wer seine Kinder zuhause unterrichtet, riskiert eben nicht nur ein kleines Bußgeld. Die Bußgelder werden recht schnell so hoch, dass es die finanzielle Existenz der Familie gefährden kann – was ja bei Familie Neubronner auch der Fall war. Außerdem hat das Jugendamt seit der Verschärfung des § 1666 BGB viel schneller als bisher die Möglichkeit, Eltern ihre Kinder wegzunehmen. Und seitdem der Bundesgerichtshof häuslichen Unterricht mit Kindeswohlgefährdung gleichgesetzt hat, haben die Schulbehörden sicher keine großen Hemmungen mehr, „hart durchzugreifen“.
    Also ich möchte meinen Kindern keinen monatelangen Aufenthalt in einem Heim zumuten, mit nur sporadischem Kontakt zu den Eltern und der Angst, vielleicht für immer im Heim bleiben zu müssen. Dieses Opfer wäre mir zu groß, aber das muss jeder für sich entscheiden, welche Risiken er eingeht.
    Ungefähr 1000 Homeschool-Kinder sind übrigens ein verschwindend geringer Anteil an der Gesamtzahl der schulpflichtigen Kinder in Deutschland. Aus dieser geringen Anzahl zu schließen, es brauche nur ein bißchen Mut und schon klappt das mit dem Homeschooling (so interpretiere ich eljaschas Ausführungen), finde ich realitätsfern.

  15. @sowai;
    Gestern Abend hatte ich noch eine schon fast fertige Antwort im Kopf, doch bevor ich sie hier aufschreiben konnte, bin ich eingeschlafen – und jetzt bin ich noch zu müde, um sie im Ganzen wieder aus den grauen Zellen meins Hirns hervorzukramen. (Eigentlich sollte ich dazu einen Beitrag auf meinem Blog schreiben, weil es für hier eh zu umfänglich ist, was ich versuchen möchte, zu vermitteln.)

    Was Landahls betrifft: Der Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechtes (mehr Teile der elterlichen Sorge wurden m. W. nicht entzogen) hätte wohl einer juristischen Prüfung nicht standgehalten. Das ist keine Kritik an der Flucht der Familie, verständlich, daß sie lieber überstürzt flohen anstatt die juristische Klar- ud Richtigstellung abzuwarten. Aber es soll ein kurzer Hinweis darauf sein, daß in den Medien immer die aufwühlenden Fälle verbreitet werden – es gibt eben viel mehr andere, unspektakuläre, wo das Risiko (@Konradmama) durchaus kalkulierbar ist.

    (Speziell wollte ich Dir, sowai, noch schreiben, daß ich, wenn ich keine Muttersprachlerin wäre, nicht hätte merken müssen, daß das Wort „armselig“ eine Spitze enthält und ich es leicht durch ein weniger „spitzes“ Wort hätte ersetzen können, so daß Du Dich vielleicht nicht auf den Zeh getrappt gefühlt hättest – und nachdem es für die Benutzung des spitzen Wortes eigentlich keinen Grund gegeben hat, möchte ich mich noch bei Dir für das auf den Zeh trappen entschuldigen.)

    @Konradmama: Ich bin durchaus dafür genau zu eruieren, wieweit wirklich ein Risiko besteht, wenn man es für nötig erachtet, gegen die Schulpflicht zu verstoßen – es ist aber eben m. E. in den meisten Fällen recht gut abschätzbar. 1000 Kinder, die schulfrei lernen, ist selbst in Ländern, in denen Homeschooling legal aber nicht so populär wie in den USA oder GB ist, eine „normale“ Größenordnung.

    Was ich nie mochte ist, daß bei Zusammenkünften (überwiegend potentieller) Home-/und Unschooler in D das Motto lautete: „Über uns hängt ein Damoklesschwert.“ Mit so einer Einstellung, so einem Credo begebe ich mich doch nicht auf neue Wege, da male ich das Schiefgehen doch schon an die Wand. Die Medienberichte bestätigen dann immer wieder das Schiefgehen, obwohl in der Mehrzahl der Fälle eben weder spektakuläre Strafen erfolgen noch die Familien zu Hause bangend und zitternd sitzen und darauf hoffen, nicht entdeckt zu werden. Selbst wenn aufgrud der Risikoabschätzung oder der Strafen/Strafandrohung die Kinder doch wieder in Schulen gehen müssen, so darf man nicht übersehen, daß auch eine nur begrenzte Zeit eines sehr anderen Bildungsweges den Kindern und der gesamten Familie oft einen großen Rückhalt gegeben ud sie insgesamt gestärkt haben.

    Sorgerechtsentzüge: Allgemein sind sie hier in D sehr überhandnehmend, es sind lt. fachlich fundierter Aussage keine gehäuften Einzelfälle sondern der Entzug des Sorgerechts und die Verbringung von Kindern in Heime und Pflegefamilien hat System. Das betrifft aber weitestgehend nicht die Home-/Unschooler-Familien.

    Natürlich finde ich es verständlich, wenn man hier in D das Risiko, gegen die Schulpflicht zu verstoßen, nicht eingehen will. Nur kann ich persönlich für mich sagen, daß das was ich durch die Umgehung der Schulpflicht für mich und meine Kinder gewonnen habe, sehr viel mehr ist, als was ich dadurch verloren habe. Und ich meine eben, daß das meistens so ist, daß aber durch die Berichterstattung in den Medien ein anderes Bild vermittelt wird.

    Das zweite ist, daß ich es als erfolgversprechender ansehe, wenn man individuell auf „unterer“ Ebene (juristisch auf Amtsgerichtsebene und praktisch per Kommunikation mit den örtlichen Schul- und Jugendbehörden) andere Wege der Bildung zu verwirklichen sucht. Der Weg der Änderung der „oberen“ Ebenen (Rechtssprechung der höheren Gerichte, Gesetzgebung, Akzeptanz bei Politikern in entscheidenden Positionen) erscheint ziemlich aussichtslos, was aber nicht heißt, daß man nicht trotzdem auf ihm weiterarbeiten sollte. Nur ist es auch so, daß viele Aufrufe zur Mitarbeit auf diesem Weg in einschlägigen Foren, Listen, Gruppierungen immer wieder vollommen verhallen – aber vielleicht ändert sich ja wenigstens daran allmählich etwas. Ideen gibt es nämlich zuhauf und auch gute!

    LG, Elisabeth

  16. @eljascha
    Es ist schön, dass Du so eine gute Antwort geschrieben hast. Das mit dem „Verhallen“ ist mir auch schon aufgefallen. Den meisten Menschen genügt schon, wenn sie „denken und damit dem Staat gefährlich werden“. Allerdings war kein denkender Mensch jemals eine Gefahr für irgendjemanden. Er denkt ja nur – und redet vielleicht noch. Da denkt sich jeder „Hunde, die bellen…“
    Du hast so viel Erfahrung auf dieser Ebene und irgendwie sind wir alle noch so isoliert und die meisten wissen nichts von den Erfahrungen und dass am Ende die Kulminis doch kein Blut mehr verspritzen wollen.
    Als ich damals dem Kulmini geschrieben habe, hat er nur sehr öde mit einem Verweis auf Privatschulen geantwortet. Ideen müssen aber auch öffentlich gemacht werden und besonders die Guten – vielleicht sollte es irgendwo wirklich eine „Wir-Tun-Was“-Initiative geben, wo nur MACHER erlaubt sind. Da wäre ich dann wahrscheinlich auch dabei 🙂

  17. Wer schon mal ein kleines bißchen was „machen“ möchte, kann auf http://bildunginfreiheit.de die „Berliner Erklärung zur Bildungsfreiheit“ unterzeichnen (bis jetzt sind 195 Unterzeichner online zu sehen, wo sind die 1000 Homeschooler?). Oder sich mit Unterschrift, Verteilung von Flyern etc. an der „Kampagne für Freiheit und Vielfalt der Bildungswege“ des „Bundesverbands Natürlich lernen“ beteiligen: http://bvnl.de

  18. http://adlernest.org/wiki/Willkommen!

    Dieser Link ist was für Macher 🙂

    Man kann beim Übersetzen helfen oder Ideen für Lernmaterialien beisteuern – dafür braucht man nicht Homeschooler zu sein.

    Ich bin selbst erst ganz kurz dabei und blicke noch nicht ganz durch, die Seite befindet sich im Aufbau, aber ich denke, allein da einen Pool von Materialien zu haben, mit denen Kinder und Jugendliche evt. gerne arbeiten, ist nicht schlecht, oder?

    Das Ganze betrifft nun weniger das ganz freie Lernen (Unschooling, Freilernen) als das Homeschooling (ist jedenfalls mein Eindruck), aber Hinweise auf gute Ideen und Austausch mit anderen kann man doch immer brauchen, auch wenn die Materialien dann nicht verwendet werden.

  19. Adlernest gefällt mir. Besonders die Leselisten – sind das die aus dem Teenage Liberation Handbook??? Oder woher sind die?
    Da sind wirklich ein paar Macher am Werk – kann ich die mit irgendjemanden aus dem Netzwerk-Bildungsfreiheit oder irgendeinem Blogger assoziieren – oder kommen die aus dem Nirgendwo?

  20. 1000Sunny, die Idee wurde im Netzwerk Bildungsfreiheit (vermutlich intern) vorgestellt! Die Namen aus der Adlernest-Mitgliederliste sagen mir bis auf wenige – NBFler – nichts, aber es sind ja auch Pseudonyme (man muß registriert sein, um sie sehen zu können).
    Das Teenage Liberation Handbook habe ich (noch) nicht gelesen, daher kann ich nicht sagen, ob die Leseempfehlungen daraus entnommen sind.

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