Der irrsinnige Lesefetischismus

Bevor ich das jetzt schreibe, will ich vorwegschieben: Ich lese gern und ich lese viel – also kein Grund das Jugendamt anzurufen, wenn ich jetzt mal diesem ganzen Lesefetischismus in den Rücken falle.

Überall wird neuerdings (und wahrscheinlich schon länger) aufgefordert: Lest euren Kindern vor! Lesen, Lesen, Lesen! Lesen fördert die Intelligenz! Lesen macht schön!

Und so sehr ich das alles auch unterschreibe, habe ich doch in letzter Zeit gemerkt, dass bei all dem Vorlesen und wieder Vorlesen eine Sache sehr leicht auf der Strecke bleibt. Die Familie. Und Mama und Papa als eigene Person.

Ich war streckenweise so viel damit beschäftigt meinen Kinder über das Leben von anderen vorzulesen und auch selber über das Leben anderer zu lesen, dass unser eigenes Leben manchmal zu kurz kam.

Auch unsere Erziehungsideen gingen zwischen den Erziehungsideen von Petzis Mama und Herrn Petterssons unter. Auch die Autoren dieser Bücher haben gewisse Ideen von Kindern und ihren Beziehungen zu ihren Eltern. Diese spürt man, wenn man diese Bücher liest und vorliest. Kinder denken: So denken Erwachsene über Kinder. So sind Kinder wohl. Also muss ich auch so sein.

Und irgendwie schleicht sich über die Schiene des Vorlesens die Sozialisation (Erziehung durch die umgebende Kultur und deren wertegebende Oberschicht) in die Wertewelt der Eltern. Diese eigene Wertewelt, die sie ihren Kindern vermitteln wollen.

Zusätzlich wird diese Sozialisierung auch durchgeführt von niedlichen und gut aufgelegten Figuren, deren Attraktivität sehr hoch ist bei meinen Kindern.

Ich will jetzt nicht sagen, dass man aufhören soll seinen Kindern vorzulesen – oder das Vorlesen irgendwie besonders einzuschränken. Aber ich finde man sollte darauf achten, dass man auch noch selber Zeit mit den Kindern verbringt – als die Person die man ist. Und nicht nur als das Echo eines Autors.

Seit ich das entdeckt habe (ungefähr vor einer Woche) spiele ich viel mehr mit den Kindern und rangele mit ihnen. Wir machen regelmäßig Sport… und seitdem es draußen wieder schön ist, gehen wir auch sehr oft raus.

Darüber hinaus dürfen sie natürlich weiterhin soviel Videos schauen und Computer spielen wie sie wollen. Und bei Bedarf lese ich auch etwas vor…

Natürlich gilt das auch alles für alle Menschen – denn so mancher hat sein Selbst durch zu viel Lesen und das oft in Büchern gesäte Mißtrauen gegenüber der menschlichen Natur korrumpiert.

Besonders interessant ist es, am Ende das Produkt aus Petzi und familiärer Ideenwelt zu sehen, davon gibt es bald auch ein paar Posts 🙂

Und natürlich muss noch ein Kommentar über die Schule kommen. Dort wird Lesen und Wiedergeben praktiziert und als das non-plus-ultra dargestellt. Und so kommt es, dass ich mich an keine einzige Stunde erinnere, wo der Lehrer am Anfang sagte: „So, jetzt denkt mal nach“ – und dann 45 Minuten geschwiegen hätte. Wir müssen immer beschäftigt aussehen, damit wir nach heutigen Maßstäben auch wirklich etwas tun. Und das ist schlimmer als das Denken zu verbieten – man macht es nämlich unmöglich.

Advertisements

19 Kommentare zu “Der irrsinnige Lesefetischismus

  1. Danke für ein Kichern am Morgen 😉

    Um die künftige Lesekompetenz eurer Kinder mache ich mir keine Sorgen. Mit dem „Lesefetischismus“ sollen eigentlich in erster Linie die Haushalte angesprochen werden, in denen es definitiv keine Bücher gibt. Ich weiß, dass es solche Familien gibt, das ist leider Realität. Allerdings gibt es dort vermutlich weit mehr Probleme als fehlende Bücher.

    Inhaltlich sind Kinderbücher tatsächlich ein Spiegel der Gesellschaft. Manchmal bekam und bekomme ich Stresspickel, wenn meine Kinder mal wieder aus der Bücherei sehr seltsame Bücher angeschleppt haben. Angefangen von der künstlerischen Gestaltung (damals, als ich noch kleine Analphabeten hatte und vorlesen mußte *g*) bis hin zu Konfliktlösungen, die ich so nicht teile. Schwierig, wenn ein Kind aber unbedingt genau dieses Buch möchte. Auch irgendwelche Literaturpreise und Buchbesprechungen helfen nicht zwingend weiter, so manchen Fehlkauf habe ich schnell unauffällig entsorgt.

    Auf der anderen Seite ergaben sich bei uns schon früh Diskussionen um den Lebensstil der fiktiven Figuren. Lesen kann eine Art Reise sein. Im realen Leben kommen wir nicht mit so vielen verschiedenen Lebens- und Denkmodellen in Kontakt.

    Wenn ihr allerdings beim Thema „Lesen“ an eure Schulzeit denkt, dann vergeßt es. Das ist heute ganz anders. Heute liest man nicht gemeinsam ein Buch und redet darüber, nein, heute liest jedes Kind ein anderes Buch, gestaltet darüber ein Plakat und macht vor der Klasse eine Buchbesprechung. Das fängt hier in der 2. Klasse an. Die Powerpoint-Generation muss so früh wie möglich dazu erzogen werden, sich auf kurze Fakten und das Präsentieren zu beschränken.

    Die Krönung ist für mich der Lesewettbewerb A.ntolin – dazu werde ich bloggen, wenn ich mich vom letzten Elternsprechtag, an dem meinem Junior mangelnde A-ntolin-Beteiligung vorgeworfen wurde, erholt habe 😉

  2. (ist die Indoktrination durch anderen Medien auch nicht gegeben: also nicht nur Bücher, sondern auch bei YouTube, zum Beispiel?)

    ((Oh, auch noch mehr A-ntolin Gegner hier? Wie sieht es aus mit der Analphabeten-lösung schlecht hin: Lesenacht an der Schule…?))

  3. Ich bin auch Antolin Gegner! Willkommen, vielleicht reicht es bald für einen Club.
    @Sylvia
    Deine Kinder lesen doch Fachbücher. Was brauchen sie Adolfin? Der Lehrer sollte auch eine Antonlin-Pflicht bekommen, was Pädagogik-Bücher betrifft. Wird Zeit dass die Verdummungspflicht fällt.

    @Andrea
    Du hast ganz recht mit YouTube – allerdings tanke ich Energie während die Kinder Youtuben. Während ich beim Vorlesen Energie verliere.
    Nach Youtube steht also ein perfekt ausgeruhtes und bespielbares Elternteil zur Verfügung. 🙂

  4. Wenn die Kinder ausreichend von allem möglichen bekommen, dann ist Indoktrination meiner Erfahrung sowieso kein Problem. Wenn aber die Eltern nur noch das Echo von Büchern und nicht genug sie selber, dann besteht Gefahr, dass die Familie trotz kiloweisen Vorlesens auseinanderdriftet.

  5. (Möchte nicht wissen, wieviel Geld man an den Schroeder Verlag bezahlen muss, um bei Antolin mitmachen zu können… das läuft alles per Lizenz…)

  6. @ Andrea:

    Hier die Kosten, stehen offen zugänglich auf der A.ntolin-Seite (Auszug):

    ****
    Klassenlizenz: 35 €
    – für 365 Tage Nutzung ab Freischaltung der Lizenz
    – zum Einrichten einer Klasse
    Schullizenz: 169 €
    – für 365 Tage Nutzung ab Freischaltung der Lizenz
    *****

    LESENACHT ? Erinnere mich nicht daran, meine Töchter sind aufgrund besonderer Umstände dieser Geschichte „entgangen“, bei Junior gab es das bisher zum Glück nicht, und falls es noch kommt, gibt es definitiv zwingende Gründe, weshalb er nicht teilnehmen kann (das ist dann leider echt und keine Ausrede).

    Bei meiner mittleren Tochter gab es aber ein Buchstabenfest, mit Basteleien und Buchstabenbacken – so eine Elternbeschäftigung halt 😉

  7. Eine Lesenacht ist dazu da, die Kiddies an der Schule noch weiter zu binden und die Zugehörigkeitsempfinden zu erhöhen.

    Eine Klasse kommt zum Abendessen zusammen, es gibt vielleicht eine Gruppenmärchen und dann der Clou: damit die Kiddies Lust am Lesen bekommen, dürfen sie bis in die Puppen Lesen… manche Kinder in der Grundschulzeit schlafen da überhaupt nicht (lesen oder treiben unfüg die ganze Nacht).

    Bei einer Tochter haben sie es jedes Jahr (4 mal in der Grundschule) gemacht, immer von ein Freitag auf Samstag.

    Beim zweiten Tochter haben sie es mitten in der Woche gemacht. Als meine Tochter am nächsten Tag gut ausgeschlafen ankam, war sie das einzige Kind, dass sich überhaupt auf den Tournier (es war irgendein „Ball unter der Schnur Tournier“) konzentrieren konnte… ansonsten haben die anderen sich nur angezickt.

    Das ist Bildung vom feinsten. Dafür brauchen wir Schulen.

  8. Allein das Wort Lesekompetenz. Wir sind doch keine Politiker! Das heißt „jemand kann lesen“. Wenn also die Schulen auf so viele Zusatzhilfen zurückgreifen müssen, um „Lesekompetenz aufzubauen“, dann schaffen diese Investitionsruinen es wohl nicht einmal jemanden Lesen beizubringen.
    Ich gebe zu bedenken, dass unser Alphabet aus ein bisschen über 20 Buchstaben besteht – die man stur aneinanderreihen kann und dann das Wort hat. Das sollte jeder 8-jährige mit einer Anlauttafel komplett ohne Hilfe schaffen.

  9. Ich kann nur sagen, bei Tochter 1 waren es die Eltern, die darauf gedrängt hatte, dass Antolin angenommen wird (was aber nicht geschah, denn die ältere Lehrerin war das wohl zu viel heck-meck… da ist die gute Frau stattdessen öfters während der Schulzeit mit den Kindern zum örtlichen, öffentlichen Bibliothek gegangen…).

    Die Eltern wollen es so!

  10. @ Andrea

    „Die Eltern wollen es so!“

    Das wundert mich nicht. Viele Eltern sind leider relativ kritiklos und kauen brav nach, was die „Fachkraft“ vorschlägt. Außerdem ist den „Neu-A.ntolin-Eltern“ ganz sicher oft nicht bewußt, was für Überwachungsmethoden dahinterstecken, denn das wird selbstverständlich nicht offen thematisiert. Ich vermute, so manche junge Lehrerin ist sich selbst nicht darüber im Klaren. Ist ja auch alles gar nicht so schlimm, und wer kritisiert, hat vermutlich etwas zu verbergen ?

    Mein Mann und ich haben gestern noch überlegt, ob wir uns nicht regelmäßig nachts als Junior einloggen und nicht ganz seriöse Bücher bearbeiten sollen. Schließlich sieht die Lehrkraft ja auch, wonach das Kind sucht. Wäre Stephen King ein guter Anfang, oder noch „schlimmeres“ ? Es wäre eigentlich spannend zu testen, nach wie vielen Tagen die Schule reagiert 🙂

    Leider bleibt es ein Gedankenspiel, das Risiko ist zu groß, Junior müßte es ausbaden.

    Ich bin halt eine alte Schachtel, ich erinnere mich noch an die Proteste wegen der aus heutiger Sicht geradezu lachhaft harmlosen Volkszählung, ich habe Orwell noch lange vor 1984 gelesen und kann nur staunen, wie naiv sich Menschen heutzutage durchleuchten lassen – im Internet, mit Kundenrabattkarten und ihre Kinder über „A-ntolin“.

  11. Durchs Lesen werden ja Werte vermittelt. Also in etwa wer der Gute ist, wie sich der Gute zu verhalten hat, und wer der Böse ist. Alles auf eine Moral gestützt, immer. Moral, Moral, Moral. Verhaltensweisen. Wie hast du dich zu verhalten, damit du auch der Gute bist. Wie hast du dich zu verhalten, damit du auch den Schatz finden kannst. Wie hast du dich zu verhalten, damit du auch die Prinzessin bekommst.
    Klammheimlich wird man plötzlich zum Gleichen, die schöne Prinzessin, die Ehre des Guten, all das will man plötzlich auch. Und selbst wenn man später mal Punk oder Emo oder Rocker oder Satanist oder was auch immer wird, es ist meistens die noch größere Verlogenheit. Ein Punk hat ja auch so seine Moral, seine Prinzessin und seine Ehre. Die Ehre und Werte des Punks. Was muss man also werden, damit man dem ganzen Teufelskreis, der immer wieder auf Werte zuläuft die sich im Kreis drehen, zu entkommen? Wie lügt man sich nicht mehr in die eigene Tasche? Indem man gar nichts mehr wird, kein Punk, kein Held, kein Satanist, kein Politiker, gar nichts vielleicht? Ich weiß es leider auch nicht.

  12. @1000sunny
    Lies doch (wenn es denn schon sein muss…) zur Abwechslung mal Pippi Langstrumpf statt Petzi vor – Pippi ist immerhin Unschoolerin 🙂

    @Sylvia
    An den Schulen, die meine Kinder besuchen (müssen), gibt es diesen A.ntolin-Wettbewerb nicht. Aber Danke für die Warnung! Falls doch noch eine Lehrerin auf die Idee kommt, das einzuführen, werde ich dagegen stimmen.

  13. @Sylvia
    Du kannst aber die Fragen im Internet selber beantworten. Eine Menge Bücher sind ja sehr bekannt. Dann bekommt Dein Sohn bald ein extra Lob.

    @HeldinPrinzessin…
    Meine Unschooler-Denke wäre jetzt, dass ich erst einmal alles werden muss, um dann am Ende ich selbst zu werden.

    @konradmama
    Pippi Langstrumpf interessiert Chopper noch nicht (leider – hab es schon versucht).
    Wir haben jetzt einfach die DVDs von Wicki und Petzi und dafür erzähle ich mehr Geschichten, die mir so einfallen (und meine Erziehungsziele vermitteln).

  14. Vielleicht sollten wir damit anfangen, selber Geschichten zu schreiben, über unschooling und ohne Moralanliegen, etc.
    Das wäre doch mal was. 😀

  15. @Sunny

    Das mit dem Beantworten der Fragen ist nicht ganz so einfach. Denn natürlich müßte Junior wissen, welche Bücher ich in seinem Namen bearbeitet habe, es wird ja von der Lehrerin nachgehakt.

    Junior WILL aber einfach nicht, dass ich das mache, er bestreikt A.ntolin komplett, aus Prinzip. Eigentlich ist das sogar ein Kompliment an unsere bisherige Wertevermittlung: gelogen wird nicht, und seinen eigenen Kopf hat er auch noch (manchmal leider….).

  16. @Sylvia
    Jetzt bin ich aber echt beeindruckt (und habe ein bisschen Tränen in den Augen 🙂 ).

    @Isla
    Das sollten wir auf jeden Fall machen! Ich habe sogar schon einmal damit angefangen – aber alleine ist das nicht mein Ding.

    @Andrea
    Nix da! Weniger vorlesen und mehr gemeinsam machen heißt die Devise 🙂

  17. @Sylvia

    Diene Berichte von An-tolin und dem Sohnemann erinnert mich an Tochterchen 2, die wohl Anto-lin hatte.

    Sie hat auch gestreikt.

    Super schade fand ich folgende Punkte: Die Kinder haben Schulstunden dafür gebraucht. (Meine Tochter hat dann nur doof rumgeklickt… auf der Schulrechner und eben nur da, wo die Schule es zulässt). Sie dürfte nicht in der Zeit zur Schulbibliothek (!) oder mit ihrer Hausaufgaben anfangen (!).

    Es war nicht regelmäßig Zeit, um wöchentlich online zu gehen (was für meine Tochter kein Problem bereitete), was dazu führte, dass diejenigen, die Zuhause online gehen dürften, munter daheim weiter ihre Bögen ausfüllten.

    Die Lehrerin hat das ganze recht „Publik“ gehalten: es gab Punkte –oder genauer gesagt „Perlen“– für jedes gelesene Buch. Das lies meine Tochter als wahrer „nicht Leserin“ vor der Klasse da stehen. (Ob dadurch ein Kind zum Lesen motiviert wird?)

    Addiere die Tatsache, dass manche Kinder den Heimvorteil hatten (und nutzten) und diese publike Darstellung…

    Übrigens, die Tochterchen liest sehr wohl Bücher! Und gerne. Aber nicht zwinged das, was man bei Antolin findet (oder zu der Zeit fand)…

  18. @1000Sunny…

    genau so sehe ich das auch! Hab mein 5 jährigen Sohn bereits einen Kuchen backen lassen. Das Rezept „ist in mein Kopf“ sagte er und legte los… (schmeckt etwas zu backpulverig und leicht salzig…)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s