53.000 – ohne alte Medien

Es gab einmal eine Zeit, da waren wir auf die Meinungen der Meinungsmacher angewiesen. Doch wie die Beispiele „Lutz Heilmann“ und „bedingungsloses Grundeinkommen“ zeigten, ist dieses Meinungsmonopol am wackeln. Lutz Heilmann ließ Wikipedia sperren, und noch bevor die erste Print-Zeitung darüber berichtete, gab es in der Blogosphäre eine sphärischen Blast und der Mann war nicht mehr Salonfähig. Er zog die Sperrung zurück und man ließ Gnade walten – am nächsten Tag verließen die Print-Zeitungen gemütlich auf Lastwägen gepackt die Druckereien.

Auch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen war es ähnlich. Die Print-Zeitungen, die alten Medien schwiegen, als ob es keine Petition gäbe. Doch im Internet gab es wieder einen Blast in der Blogosphäre, es wurde getwittert und es wurde geyoutubet. Und irgendwann krachten die Server der Bundesregierung. Und die Blogs schrieben weiter – die Kommentatoren kommentierten – in den Foren bekamen die Reply-Buttons schon Druckstellen. Und irgendwann waren dann die 53.000 erreicht.

Und egal, ob diese Petition durchkommt oder ob die paar Bundestagshanseln das abwiegeln, wir haben gesehen: Wir können wieder miteinander sprechen. Wir können uns gegenseitig informieren und aufklären, wir können größtenteils niveauvoll und respektvoll miteinander umgehen. Und die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens kann nicht mehr aus dem Bewusstsein der Menschen gelöscht werden. Und genauso, wie einst die Sklaverei zur Strecke gebracht wurde, so wird die moderne Zwangsarbeit auch zur Strecke gebracht werden. Und wir werden sehen, dass der freie Mensch, der bessere Mensch ist. In seiner Leistung und in seinem Verhalten.

Für mich hat dieser Umschwung eine immense Hoffnung zurückgebracht. Die Macht, die ein paar Leute sich reserviert hatten und die Demokratie steuerten, als wäre sie ein Boot und die alten Medien das Steuerrad, ist zerbrochen. Die gehäufte Macht hat sich wieder zurückbewegt zu den Menschen, die etwas machen. Es ist wieder ein Stück Fremdbestimmung in der Welt verloren gegangen und ging zurück an die Menschen, die jetzt ein Stückchen freier und selbstbestimmter leben können.

Und ich bin überzeugt, das war nicht der letzte Schritt, sondern nur ein weiterer in einer langen Reihe von kleinen Schritten. Und ich merke, dass ich mittlerweile fast alle Medien, bei denen ich keinen Kommentar hinterlassen kann, ignoriere. So wie sie mich ignorieren.

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5 Kommentare zu “53.000 – ohne alte Medien

  1. Sehe ich total anders. Meiner Meinung nach haben Blogs das Riesneproblem, dass wirklich JEDER Depp einen erstellen kann, völlig unabhängig davon, wie weit sein Horzont reicht. Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass nicht alle Blogs so sind. Richtig. Dennoch kann man beobachten, dass viele Blogs quasi eine Art Insel darstellen, auf der der Blogger regiert und eine kleine Schar von Anhängern, die ihm zujubeln. Äußerst selten kommt mal ein Kommentar mit anderer Meinung. Und wenn doch, ist dieser entweder gleich so agressiv, dass man ihn als Troll abstellt oder man macht ihn wegen seiner anderen Meinung schnell mundtot, um das Bild des Blogs nicht zu stören.
    Um nochmal auf die etablierten Journalisten zurückzukommen: Natürlich machen auch diese Meinung. Allerdings sind nicht wenige auch in der Lage, diese Meinung kompetent zu begründen, weil sie sich eben Gednaken gemacht haben. Blogs dagegen haben oft den erhobenen Zeigefinger bzw die Blogger stellen sich als die Allwissenden dar.
    Ich glaub ich schreib hier gerade eine Menge unstrukturierten Kram…

  2. Hallo TheArcadier,

    das ist doch das Schöne: JEDER Depp kann seinen eigenen Blog erstellen und mit anderen Leuten, die gerade ähnliche Erfahrungen oder sich auf ähnlichen Entwicklungsstufen befinden seine Ideen austauschen.
    Ich finde das „Trollen“ erleben wir mittlerweile überall – auch auf der Straße. Es scheint ein Symptom zu sein, für eine Gesellschaft, die verlernt hat miteinander zu sprechen und sich anstatt dessen von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung regieren lässt – und ihre Meinungen nur zentralisiert und in eine Richtung bildet (große Zeitungen).
    Durch das Web2.0 haben wir die Chance das alles wieder neu zu erlernen, und ich bin überzeugt, dass es mittlerweile schon viel mehr Menschen als früher schaffen, respektvoll zu kommentieren – und auch blogfremde Meinungen kundzutun. In den alten Medien ging das ja eben überhaupt nicht – eine andere Sichtweise darzustellen.
    So vielleicht bin ich zu optimistisch, aber zu den alten Einbahnstraßen-Strukturen zurückzukehren. Ohne Mich. Ich lese nichts mehr, wo ich nicht kommentieren kann.

  3. Och, optimistisch bin ich auch. Wenn man sich jetzt aber vorstellt, dass aus der jetzigen Generation der Blogger mal die Journalisten von Morgen werden können (damit meine ich diejenigen, die jetzt jung sind und mitten in der Berufswahl stecken), dann steht auch der bezahlte Journalismus in einem viel besseren Licht als heute.
    Was ich vorhin schon ausdrücken wollte war, dass man bezahlte Journalisten nie ersetzen kann – auch wenn das viele wollen.

  4. Vielleicht kann man sie nie ersetzen – vielleicht werden aber auch die Blogger ja irgendwann bezahlt 🙂
    Der Vorteil an Bloggern ist natürlich, dass sie Experten sind – sie beschäftigen sich mit einer Sache aus ihrem Leben – wir z.B. mit Unschooling, Deschooling und dem staatlichen Schulsystem. Diese Ich-Perspektive kann ein außenstehender Journalist nie abbilden (inklusive der Nachteile der Befangenheit) – die sich aber irgendwann nivellieren werden (umso länger und intensiver der Blog sich um das Thema kümmert).
    Dass der Journalismus heute sehr oft (und sehr heftig) versagt, sieht man z.B. am Winterhoff-Hype. Da wird ein Buch in alle Höhen gelobt, dass kein Pädagogik-Professor auf der Welt jemals unterschreiben würde. Im damaligen Spiegel Artikel wurden sogar Zitate Jesper Juuls angeführt um dieses Buch zu bekräftigen, obwohl (hätten die Journalisten Jesper Juul gelesen) Jesper Juul ein klarer Gegenpol zu Winterhoffs Erziehungs-Fantasien ist. Ich glaube, die haben einfach so lange quergelesen, bis sie die Zitate hatten, haben das dann aus dem Zusammenhang in einen anderen gebracht – und dann war eh schon Redaktionsschluss.

    (Ah! jetzt schreibe ich unstrukturiert)

  5. Redaktionsschluss ist einer Sache. Auch redaktionelle Veränderungen und Kürzungen…

    Gute Blogs findet man, wo auch Menschen mit unterschiedliche Meinungen sich austauschen (z.B. hier!). Hinzu kommt, dass man relativ schnell die Gedanken vertiefen kann. Z.B. kann der 1000Sunny seine Reihe zum Grundeinkommen bringen und danach eine persönlichen Beitrag zu seiner Entwicklung in dieser Richtung über die letzten Jahren… das hat eine ganz andere Qualität zum Zeitungsjournalismus.

    Übringens, viele Journalisten unterhalten ihren eignen Blogs oder sind auf Twitter und sonstige Web2.0 Social Sites unterwegs.

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