Eine Erkenntnis über mich

Die letzten Tage haben mir etwas gezeigt: Ich prangere zwar alle Zustände an, die mich stören und an denen ich wirklich zu kauen habe. Auf der anderen Seite setze ich mich dafür wirklich für Sachen ein, die ich als Lösung anerkenne. Diese Lösung diskutiere ich dann auch mit jedem, der es hören will (oder nicht). Ich stelle es als die „perfekte“ Lösung dar und schaue, was die Gegenargumente sind. Denn auf eines kann man sich in unserer Gesellschaft verlassen. Jeder sieht erst mal die Probleme. Und bevor eine Sache nicht die 100%ige Lösung ist bleiben die meisten lieber bei der 20%igen Lösung die existiert. Die Devise heißt: Entweder ist die neue Lösung perfekt oder schlechter. Ein Dazwischen gibt es nicht.

Dennoch finde ich es schön, dass ich nicht nur meckern kann. Ich kann mich auch begeistern und mich dann mit all meiner Kraft für etwas einsetzen. Aber auch bei mir muss eine Lösung durch sehr harte Prüfungen. Bevor ich Unschooler wurde, habe ich eine Promotion in pädagogischer Psychologie angefangen.

Erst fand ich Homeschooling beknackt. Dann sickerten immer mehr Fakten in mein Bewusstsein und ich sah die Neubronner-Brüder gedeihen. Dann fing ich an mich damit zu beschäftigen. Irgendwann war ich überzeugt, dass Homeschooling besser ist als Schule. Dann hörte ich von Unschooling. Ich las, was die machten und klatschte die Hände über dem Kopf zusammen: „Das ist echt nur was für die ganz Harten“. Dann sickerten wieder eine Menge Fakten durch. Zu der Zeit entwickelte sich auch das Schulkonzept an dem wir mitschrieben sehr in Richtung freies Lernen.

Irgendwann fing ich dann mit der Promotion an. Als klar wurde, dass unsere Schule nie implementiert würde. Beschlossen wir Homeschooler zu werden. Ein Jahr später (und die komplette Prüfungsliteratur Pädagogik + Originalliteratur + Verweise) änderten wir unseren Arbeitstitel zu Unschoolern. Bis zu diesem Zeitpunkt wollten wir zwar Unschoolen, aber wir konnten es selbst noch nicht glauben, das System zu verlassen. Mittlerweile habe ich noch eine Menge anderer Bücher über Pädagogik und Psychologie gelesen (so viel bekommt kein deutscher Student jemals zu sehen) – und jetzt sind wir auch gefestigte Unschooler.

Ich glaube es gibt mittlerweile kein Argument, dass ich nicht mindestens 30 mal durchdacht habe. Es gibt einfach keine Alternative zum Unschooling. Wenn ich so etwas entdecke, dann bin ich auch bereit dafür aufzustehen. Und meine Stimme dafür zu erheben.

Also: Ich bin nicht nur eine Meckerziege – diesen Eindruck bekam ich die letzten 20 Posts, wo es immer über Kindergarten und Zusammenstöße mit erfolgreich Beschulten ging. Es gibt gute Dinge und es gibt schlechte Dinge (in meinen Augen) und ich will keines verschweigen.

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10 Kommentare zu “Eine Erkenntnis über mich

  1. Hm, ich finde hier keine Meckerziege, sondern eine Frau mit Idealen.

    Leider muss man in jeder Gesellschaftsform seine persönlichen Ideale mehr oder weniger anpassen. Früher dachte ich durchaus radikaler, aber im Laufe der Jahre verband sich Lebenserfahrung mit einer gewissen Altersmilde zu etwas weniger Radikalität 😉

    Ich weiß, dass ich mich wiederhole, aber Unschooling noch ohne Schulpflicht ist blanke Theorie. Deshalb werde ich hier treue Leserin bleiben und bin sehr gespannt, wie es in ein paar Jahren bei euch aussieht.

    Auch ich habe meine Visionen, wie eine gute Schullandschaft aussehen kann, und ich habe eine (deutsche) Freundin im Ausland, die uns regelmäßig den direkten Vergleich aufzeigt, wie Schule hier und Schule dort funktionieren kann. Sie sieht das übrigens als Mutter nicht ganz normgerechter Kinder UND als Lehrerin.

    Es ist nicht nur die Schule als isolierte Institution, es ist auch ein gesellschaftliches Problem. Wenn Kinderpsychologen mit dem Schlagwort „Tyrann“ in Verbindung mit Kindern Bestseller landen können, sagt das sehr viel über das Verhältnis unserer Gesellschaft zu Kindern aus.

  2. P.S.: Was verstehst du unter „erfolgreich Beschulte“ ? Reicht es, wenn ein Kind nach außen hin „normal“ zur Schule geht und die Schulpflicht erfüllt, aber möglicherweise nicht glücklich ist, oder meinst du diejenigen, die ihre Schulzeit tatsächlich relativ unauffällig und problemlos durchlaufen (diese Kinder gibt es auch, ich gehöre dazu !) ?

  3. „Jeder sieht erst mal die Probleme. Und bevor eine Sache nicht die 100%ige Lösung ist bleiben die meisten lieber bei der 20%igen Lösung die existiert.“
    Das liegt vermutlich daran, daß viele, mich eingeschlossen, mit der „Weisheit“ aufgewachsen sind: „Selten kommt was Bess’res nach“, für die heutige Zeit aktualisiert als „never change a running system“, was durchaus nicht mehr nur auf EDV-Systeme angewendet wird.
    Lange genug gelernt, ergibt sich die Erwartungshaltung automatisch, die sich dann logischerweise auch bestätigt. Ich weiß, ich brauche HIER keinem was über selbsterfüllende Prophezeiungen erzählen.
    Sollte sich die Erwartung auch öfter mal nicht bestätigen, Mensch merkt sich in solchem Bezug mit Vorliebe die Negativbeispiele. Leider.
    Dummerweise findet das selbe Muster bei mir statt, weil ich bevorzugt bei allem Neuen gedanklich die „worst-case“-Methode anwende. Nicht gut, gar nicht gut. Schützt zwar hervorragend vor Enttäuschungen, verhindert aber sehr oft, sich auf etwas einzulassen. Und wenn doch, tritt allzuoft eine unerwünschte diesbezügliche Erwartungshaltung auf.
    Ja, gut, ich werde in meinem persönlichen Umfeld auch „Berufspessimist“ genannt. Ich bevorzuge die optimistischere Bezeichnung „Realist“ 🙂

  4. @Sylvia
    (ich bin der Papa1000Sunny – bei Mummy1000Sunny steht das immer extra dabei 🙂 )
    „erfolgreich beschult“ heißt für mich: staatsgläubig; glaubt nicht mehr an die Fähigkeit selbständig lernen zu können; glaubt er brauche jemand, der hinter ihm steht, sonst tue er nichts. Einen „erfolgreich beschulten“ kann man daran erkennen, wie viele Sprachen er nach der Schule noch gelernt hat – oder andere Fachgebiete.
    Das klingt wahrscheinlich hart, aber die Schule zerstört den Wissensdurst und die intrinsische Motivation des Menschen. Wer erfolgreich beschult ist, reagiert nur noch auf extrinsische Motivation.

  5. @Sylvia
    Das Winterhoff solchen Erfolg hatte ist wirklich ein peinliches Zeugnis für Deutschland. Nicht zuletzt für Deutschlands Bildungssystem. Winterhoff hat ja einen Doktor, entbehrt aber jeder Wissenschaftlichkeit und sein Buch ist ein peinliche Sammlung eines von der Gegenwart überholten Mannes, der sich über die Jugend ärgert. Ich kann das nicht verstehen, dass ihm die Doktorwürde noch nicht entzogen wurde. Aber die Leute fressen ihm aus der Hand, und trinken seine hohlen Reden, als ob sie die Weisheit in Flaschen wären – viel zu wenige erkennen das seichte Gelaber, das dieser Mann sein Werk nennt.

  6. @sowai
    eigentlich sollte mich das nicht überraschen. Schon Macchiavelli hat gesagt: Der alte Regent wird immer den Vorteil haben, dass die Leute ihn schon kennen. Dem neuen werden sie erst einmal Misstrauen entgegnen (frei zitiert).

  7. @Papa1000Sunny:

    Du schreibst:

    „Das klingt wahrscheinlich hart, aber die Schule zerstört den Wissensdurst und die intrinsische Motivation des Menschen. Wer erfolgreich beschult ist, reagiert nur noch auf extrinsische Motivation.“

    Demnach ist jemand, der zwar die Schule erfolgreich im Sinne von „bestanden“ durchlaufen hat, aber seine Motivation retten konnte, NICHT erfolgreich beschult worden ?

    Abgesehen von diesem Aspekt teile ich deine Auffassung bis zu einem gewissen Grad. Wir kämpfen daheim ständig, die Motivation unserer Kinder zu erhalten, bisher ist das auch noch weitgehend gelungen, wenn auch nur, weil wir sehr unbequem werden können ;-).

    Elternsprechtag gestern, Grundschule, 3. Klasse: Junior soll doch bitte keine Fachbücher lesen, sondern altersgerechte Bücher. Es nütze ihm nichts, wenn er Expertenwissen ansammelt, aber beim Vorlesen über Peter und Hans stottert.

    Leider lehnt Sohnemann es ab, langweiligen Käse zu lesen. Er mag auch keine Präsentationen vor der ganzen Klasse.

    Wir haben bei allen drei Kindern erlebt, dass sie sich auf die Schule gefreut haben und dann erkennen mußten, dass sie nur zurechtgestutzt werden sollen.

    Diese Normierung von Menschen ist eines der Grundübel in unserem Schulsystem.

  8. „Ich glaube es gibt mittlerweile kein Argument, dass ich nicht mindestens 30 mal durchdacht habe. Es gibt einfach keine Alternative zum Unschooling.“

    Schön zu hören, dann darf ich vielleicht gleich mal nachfragen, was Du zum Thema „Aber warum denn keine freie Schule?“ sagst?

    Nur fürs Arsenal 😉

  9. Ich persönlich halte die Familie, die Nachbarschaft und die echte Welt für die bessere Alternative.
    Wenn man aber schon eine Massenerziehung will, dann freie Schulen a la Summerhill, Sudbury und ähnliches. Allerdings hebelt man damit meistens die Familie aus und untergräbt die natürlichen nachbarschaftlichen Strukturen, so dass die Kinder am Wochenende, in den Ferien und im echten Leben in die Einsamkeit entlassen werden.

  10. Ich bin eigentlich Deiner Meinung, aber dadurch, daß immer mehr Kinder immer mehr länger in den Schulen festgehalten werden, wird das außerschulische Leben immer einsamer. Ich habe erst kürzlich das Argument gehört, daß man doch die Nachmittagsbetreuung auch in Anspruch nehmen sollte, da das alle tun und das Kind nicht zum Außenseiter werden sollte. Was ist denn mit den unter solchen Umständen tatsächlich immer schwieriger werdenden Kontakt zu Gleichaltrigen, den man zwar sicherlich auch nicht übertreiben muß, aber…?

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