Lehrer und die Norm… eine Begegnung in der Bibliothek

Letzte Woche, als das Wetter so kalt war und die Mama jeden Tag den ganzen Tag Prüfung/Arbeiten war, bin ich mit den Kindern in die Bibliothek. Dort habe ich dann bestimmte Vorlesezeiten ausgemacht und so alle 20 Minuten zu denen in die Spielecke gelegt und für 10 Minuten etwas vorgelesen.

Irgendwann kam dann die Bibliothekarin und meinte: „Das geht gar nicht, das muss zugänglich sein“ – man kam wirklich bequem rum. Ich habe dann beide Kinder noch mehr an den Rand gerückt (Nami war eingeschlafen, Chopper konnte es selber) und weiter vorgelesen. Am zweiten Tag genügte das der Bibliothekarin aber auch nicht.

Mit einer Freundin im Gepäck kam sie auf mich zu und sagte: „Das geht gar nicht, dass Sie hier rumliegen und den Kindern stundenlang vorlesen“… (aha… interessant…)

Nach einiger Diskussion (ich wies auch auf gesundheitliche Gründe hin) sprang dann ihre Freundin bei Fuß und sagte: „Das Verhalten verstößt gegen die Norm – ich weiß das, ich bin LEHRERIN“

AAAAAHHHHH!!!! Und das sagt die mir!!!!!!

Ich drehte mich nur zu Chopper und sagte: „Siehst Du Chopper, so sind Lehrer“

Und dann, legte sie nach: „Wenn Sie ihren Sohn so gegen die Schule aufhetzen, dann wird er nachher mal Probleme haben“…

Ähhhh? Was soll das? Ist das eine Art vorgelagerte Geiseldrohung. Mein Kind ist aber noch keine Geisel… und wird es auch nie werden… also ziehen bei mir solche Drohungen erstens schon mal gar nicht. Zweitens lasse ich mir nicht drohen… (ausser mit einer geladenen Waffe). Und drittens würde mein Sohn, wenn er in die Schule käme, hoffentlich nicht deswegen Probleme haben, weil er mit dem Normverständnis von Lehrern nicht einverstanden ist, sondern weil er den Stoff nicht beherrscht. Das ist wohl der einzig legitime Grund für Schulprobleme. Man liest das immer, dass Eltern schweigen, weil sie Angst vor den Konsequenzen für ihre Kinder in der Schule haben. Und jetzt droht mir eine Lehrerin ganz offen damit (obwohl sie noch nicht mal mein Kind in ihren Klauen hat). Der ist wohl der Machtmißbrauch ein bisschen über die Hutgrenze gestiegen.

Allerdings sagte ich dann: „Zu ihnen schicke ich den ja eh nicht auf die Schule“ und wir wendeten uns alle gleichzeitig von einander ab.

Und wenn mir jetzt noch einmal ein Lehrer sagt, dass ich gegen die Norm verstöße, wenn ich mich zu meinen Kindern lege und ihnen hin und wieder etwas vorlese. Und dass ich gegen die Norm verstöße, weil ich gesundheitliche Probleme habe…. dann (ähhh?) weiß auch nicht… sie können ja auch nichts dafür… naja irgendwie schon… man kann sich ja aus der, durch die Schule indoktrinierten, Unmündigkeit befreien…

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14 Kommentare zu “Lehrer und die Norm… eine Begegnung in der Bibliothek

  1. Ich bin sprachlos.

    Du durftest in der Bibliothek deiner Kinder nicht vorlesen?

    Kannst Du das nicht an einer großen Zeitung herantragen?

    Man-oh-man, und mit pädagogischer Unterstützung im Rücken fühlt sich die Bibliothekarin stark…

    Ich hätte da ganz ruhig zurück gefragt: Sie meinen, ich darf meinen Kindern nicht vorlesen, wenn ich in der Bibliothek bin?

    Ich hätte das vermutlich mehrmals gefragt. Sie sind sicher, dass Sie nicht wollen, dass ich meiner Kindern hier in der öffentliche Bibliothek etwas vorlese?

    Die gleichen Fragen bekäme die Pädagogin zu hören.

    Und dann hätte ich das schriftlich verlangt.

    Man. Ehrlich. Ich glaub eher, ich wäre zu feige, diese Frage zu wiederholen. Aber vielleicht hätte ich es mir vorgenommen, täglich immerwieder dahin zu gehen, und die Kiddies vorzulesen…

    Das ist es! Medienwirksam: Geh nochmals und abermals dahin aber verklickere die Zeitung davon… sollen sie sich „unauffällig“ oder „zufällig“ zur gleichen Zeit in der Bibliothek befinden und alles beobachten…

    (hatte ich oben von Sprachlosigkeit geschrieben? Stimmt nicht. Aber große Traurigkeit.)

    Wenn Du wieder hingehst und wieder vorliest, dann berichte hier, ja! Danke.

  2. Die Bibliothekarin hat ja einen an der Waffel ! Zum Glück ist es hier nicht so, hier findest du in der Kinderecke sogar Kuschelkissen zum Hinlegen.

    Die Lehrerin – tja, das ist heute so. Vor einigen Jahren hätte mich diese Story geschockt und ich hätte dir nicht geglaubt, aber heute, nach etlichen Schuljahren mit nicht normgerechten Kindern (und als nicht genormte Löwenmutter *ggg*) nicke ich da nur.

    Unschooling mit noch nicht schulpflichtigen Kindern ist natürlich leicht, warte ab….. Eines meiner Kinder konnte 2,5 Jahre lang nicht zur Schule gehen, sooo einfach ist das nicht.

    Ich bin übrigens jedem Lehrer (m/w), der nicht die offensichtlich in der Lehrerausbildung angesagte Gehirnwäsche kritiklos übernimmt und auch mal nach links und nach rechts schaut, ausgesprochen dankbar ! Jedes Schuljahr beginnt bei uns dreifach mit der bangen Frage, welches Lehrermodell wird auf unsere Kinder losgelassen. Lottogewinn sind diejenigen, die mir sofort sagen, dass sie auch „so ein“ Kind haben – die könnte ich küssen. Der Alptraum sind diejenigen, die sich darauf berufen, dass Extrawürste generell nicht gehen – selbst wenn ein Kind einen anderen Sitzplatz benötigt aufgrund seiner Probleme – könnte ja jeder kommen.

    Ja, ich hatte heute schon mein Lehrerhighlight, ich muss mich abreagieren :-/

  3. „Und dann, legte sie nach: “Wenn Sie ihren Sohn so gegen die Schule aufhetzen, dann wird er nachher mal Probleme haben”…“

    Man könnte sich köstlich darüber amüsieren, wenn es nicht der „Normalfall“ wäre, dass Lehrer/-innen so einen Stuss von sich geben – aber die meisten denken tatsächlich so! Von diesen angeblichen Pädagogen (Pädagogik haben die ja gar nicht studiert, sondern nur ein paar Seminare besucht) bekommt man bei Elterngesprächen wirklich zu hören, dass es ja kein Wunder sei, wenn das Kind Pobleme hat bzw. nicht gern zur Schule geht etc., wenn die Eltern „nicht die richtige Einstellung“ zur Schule haben. Das dann meist noch verbunden mit der Aufforderung, den Lehrern „den Rücken zu stärken“ – im Klartext: dem eigenen Kind in den Rücken zu fallen und sich mit den Lehrern gegen das Kind zu verbünden, denn sonst wird es Lehrer und Eltern gegeneinander ausspielen etc. blabla. Ach, ich hör jetzt lieber auf und les ein Paar Seiten im Lehrerhasserbuch 😉
    Ja, ich weiß, es gibt auch nette Lehrer/-innen – zum Glück durften meine Kinder auch diese „Lehrermodelle“ schon erleben – aber leider sind das die Ausnahmen von der Regel.

  4. Was ich immer so provozierend finde ist diese enorme Selbstgefälligkeit, mit der sie ihr Handeln zur Norm der Nation erklären. Und was ich umso erschreckender finde ist die enorme Verwandlung, die sie vollziehen, wenn jemand aus dem System aus Zwang und Unterdrückung heraus will. Dann werden sie (bestimmt nicht alle) zu gift-speienden Hydras.

    @Sylvia
    Es stimm, Unschooling mit nicht schulpflichtigen Kindern ist noch sehr einfach. Was meinst Du damit, dass Dein Kind 2,5 Jahre nicht zur Schule musste/konnte.

    @konradmama
    Dieses: „Fallen Sie doch bitte ihrem Kind in den Rücken – zum Wohle des Kindes. Hier ist das Messer. Wenn wir zusammenhelfen, haben wir seinen Willen bald gebrochen, und hören spätestens wieder davon, wenn er etwas reifer ist. Dann erzählen wir ihm das Märchen von der Pubertät – bis dahin habe ich ihn schon so lange bearbeitet, dass er es glauben wird. Und wenn Sie nicht gehorchen, dann erzähle ich auch ihnen dieses Märchen so lange, bis Sie auch gehorchen“


    Ich glaube wirklich viele Lehrer wollen die Eltern komplett aus der Erziehung rausdrängen.

  5. @Lilo
    Panik wäre übertrieben, aber Wachsamkeit und Zivilcourage sind angebracht.

    @1000sunny
    Keine Sorge – Märchen, die mir von Lehrern erzählt werden, glaube ich schon lange nicht mehr … Pubertät ist allerdings ein interessantes Thema, auch unter dem Märchen-Aspekt.

  6. es soll ja sogar bibliotheken mit kuschelsitzpostern und vorlesenachmittagen geben. gegen welche norm verstoßen die denn dann? und um welche norm handelt es sich eigentlich?
    gibt es eine zentrale büchereiverwaltung wie hier, wo man sich beschweren könnte?
    boah, ich würd glaub ich explodieren dort 😉

  7. Warum passiere euch so komische Sachen und warum habt ihr so komische Begegnungen? Liegts an der Stadt, seid ihr irgendwie besonders provokant, oder was is´n das? Mir ist sowas wirklich noch nie passiert! Bei uns gibts eine Kinderecke, die ist doch dafür da! Und nun gut, in der größeren Stadt arbeitet meine Cousine in der Bibl, aber dort gibt es eine ganz tolle Kinderabteilung, mit Kuschelkissen, Spielzeug und allem möglichem…Ich glaub, ich wäre geplatzt, so hätte ich mich ärgern müssen!

    Aber mal off topic: ist so verdächtig ruhig bei Euch! Ihr werdet doch nicht gerade entbinden!?!??

  8. @Lilo
    2010 ist ja schon recht bald… Puhhh. Ich lasse meine Kinder wahrscheinlich so oft wie möglich zurückstufen, wenn mir nicht noch etwas besseres einfällt.
    Hier ist der Link zu einer Homeschoolerin mit einem behinderten Kind: http://schul-frei.blogspot.com/2008/07/aus-unserem-alltag-3.html
    Ich war selbst behindert und in einer Normaloschule. Wenn Du hier auf dem Blog suchst findest Du bestimmt ein paar Einträge dazu. Ich fand es schrecklich. In Schulklassen werden sich immer gezielt die Schwächsten herausgepickt und fertig gemacht. Ein Behinderter in einer Normaloschule ist das optimale Opfer.
    Wenn Du keine Option hast (also Dein Kind in die Schule geben musst), dann würde ich darauf achten, dass es eine Klasse mit einem möglichst hohen Mädchenanteil ist. Nach meinen Erfahrungen werden Behinderte dort nicht so stark angegangen.

  9. @konradmama
    Was ich so von Müttern gehört habe, deren Kindern ADHS angedichtet wurde, das ist übel. Die werden so unter Druck gesetzt, dass sie eine Menge schlaflose Nächte haben, bis sie sich durchringen ihren Kindern Speed zu verabreichen. Leider stehen Schulen ausserhalb des Rechtsstaats und solche Methoden sind erlaubt.

  10. @godany
    Diese Bibliotheken gibt es bei uns auch. Nur halt nicht diese eine (die hat nur eine Kuschelecke). Ich glaube ich habe gegen die Norm verstoßen: „Du sollest sitzen. Auf einem stühlernen Stuhl, in aufrechter Haltung“.
    Wie donnerte mein Rechnenlehrer immer: „Setz Di anständig mitteleuropäisch hie. Nicht so wie bei die Hottentotten.“
    Unsere Welt ist komplett auf Sitzen auf Stühlen ausgerichtet (versuch mal eine Woche Dich nirgends hinzusetzen). Da habe ich so einiges erlebt in den 1,5 Jahren, die ich überhaupt nicht sitzen konnte.

  11. @Schlapunzel
    Nö, wir entbinden nicht. Ich will nur endlich den Harry Potter fertig kriegen. Ich habe noch einen Lev Vygotski der gelesen werden will.
    Ich glaube uns passiert es, weil wir in München sind. Und vielleicht bin ich auch ein bisschen provokant, weil ich nicht sitzen kann.

    @blueyo
    Ja, deswegen habe ich im Nachhinein auch immer solche Gewissensbisse. Die sind ja total überfordert mit Dingen, die von der Norm abweichen.

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