Wie bewerkstelligt man Chancengleichheit für Kinder schlechter Eltern?

Diese Diskussion ist hier ja schon einige Male angeklungen.

Vor einiger Zeit habe ich bei Schulkritik diese beiden Videos gefunden:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/610390?inPopup=true#

ZDF Reportage vom letzten Sonntag. Drei Schulgeschichten aus Deutschland.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/613998?inPopup=true#

Ganztagesschulen für alle – Milliarden in die Bildung

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/614000?inPopup=true#

Die Idee ist also: Mehr Geld in die Schulen, damit die Werte und das Wissen der Oberklasse an den Eltern vorbei den Kindern beigebracht werden kann. Endziel ist: Kinder, die alle Chancen bekommen um aus ihrem Leben das zu machen, wofür ihre Intelligenz reicht (unabhängig von den schlechten Startchancen, die ihnen ihre inkompetenten Eltern gegeben haben).

Wo die Schule das nicht bewerkstelligen kann, da springen ehrenamtliche gute Seelen ein, wie in dem Film gezeigt und helfen selbstlos den Kindern bei ihren Hausaufgaben. Wenn das auch alles nicht hilft, na dann sind wieder die Eltern schuld – schließlich hat der Staat ja alles getan, was in seiner Macht stand… allerdings könnte man ja die Macht noch erweitern. Gut nächste Runde. Kinder bekommen eine 32-Stunden-Woche, Ganztagesschulen werden flächendeckend und bindend eingeführt. Nach ein paar Jahren muss man sehen, dass die aktuellen Reformen nicht die gewünschten Effekte bringen. Und eine neuere Reform folgt.

Schauen wir uns aber noch einmal die Szene um, da ist eine Familie mit 5 Kindern. Alle genießen das HartzIV Dasein. Die 300 qm Wohnung lässt jedem Raum sich zu entfalten und auch der riesige Flachbildfernseher nimmt fast keinen Platz weg. Nein, die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Wohnung ist winzig, die Menschen leben zusammengepfercht wie die Schweine und einige Kinder müssen sogar auf dem Boden im Wohnzimmer schlafen. Die Eltern wollen auf keinen Fall arbeiten gehen (ich kann es ihnen nicht verdenken) – es würde sofort gegen HartzIV angerechnet und dann müssten die Eltern auch noch alle 5 Kinder in den Hort und die Ganztagesschule schicken. Sie wissen aus eigener Lebenserfahrung – mehr Schule mehr Probleme. Also haben sie die Wahl zwischen: Vegetieren oder sich abquälen für eine Verschlimmerung der Situation.

Die Schule bringt den Kindern bei, dass sie und ihre Eltern nichts wert sind. Die Lesepatin beschränkt sich darauf, die Eltern schlecht zu machen. Und das in einer Gesellschaft in der Herkunft mehr zählt als persönliche Leistung.

Jeder, der diesen Film gesehen hat – und ehrlich zu sich ist – weiß, dass Schule hier das falsche Mittel ist. Die Kinder bekämen nur Hausaufgaben, für die ihnen sogar der Platz fehlt sie zu lösen. Sie würden schlechte Leistungen bringen und schlechte Leistungen würde wieder niedrigere Erwartungen nach sich ziehen. Die Erwartungen an Kinder von HartzIV Empfängern gehen an den Regierungsschulen eh nur in eine Richtung.

Wir wissen das alle, wir haben alle die Statistiken gesehen. Die Studien gelesen. Die Schule gibt dem der hat. Sie ist ja auch von denen gemacht, die schon haben.

Eine Lösung des Problemes (in meinen Augen) wäre so einfach. Man könnte alle Schulen auflösen und das Geld direkt an die Eltern/Kinder auszahlen. Die Familien könnten in Wohnungen leben, anstatt in Schuhschachteln zu vegetieren. Man könnte die ganzen Sozialleistungen des Staates streichen und dafür das bedingungslose Grundgehalt einführen. Alles, was man darüber verdient gehört einem. Das Grundgehalt bekommt man weiterhin – es ist ja bedingungslos. Vielleicht würden die Eltern nicht anfangen zu arbeiten, vielleicht würden sie auf der Couch sitzen bleiben. Aber der ganze Druck wäre von der Familie weg, und somit auch von den Kindern. Sie könnten eine Wohnung finden mit genug Raum für sich. Vielleicht würden die Kinder in der ganzen gewonnenen Freizeit den Weg zur nächsten Bibliothek finden (oder auch den zu einer Buchhandlung). Vielleicht wäre Lernen auf einmal keine anstrengende Sache mehr, die einen jeden Tag aufs neue erniedrigt. Ohne Sinn und ohne Ziel – sondern einfach nur für ein paar lausige Zettel – genannt Zeugnisse.

Aber das will man alles nicht. Es entspricht zwar den aktuellen Erkenntnissen in der Motivationspsychologie. Dennoch wollen wir weiterhin auf den Behaviorismus setzen. Das bedeutet unerwünschtes Verhalten zu bestrafen, erwünschtes Verhalten zu belohnen. Nur dadurch, so denken wir, können wir Menschen motivieren zu arbeiten. Nur dadurch, so denken wir, können wir Wohlstand für alle sichern. Aber das stimmt nicht, Bestrafung zieht nur Rückzug in die Defensive nach sich. Bestrafen wir Eltern mit dem Existenzminimum, um das sie dann noch mit gelangweilten Beamten kämpfen müssen, so provozieren wir nur eine absolute Verweigerungshaltung. Und bestrafen die ganze Familie. Der nächste Schritt in die falsche Richtung ist dann, diesen Eltern die Kinder wegzunehmen. Eltern, die man für wertlos hält, auch noch zu „belohnen“, das könnten wir uns nie vorstellen. Obwohl wir wissen, das Gewalt Gegengewalt erzeugt. Druck erzeugt Gegendruck. Und nur Vertrauen kann Vertrauen erzeugen.

Die Politik denkt hier: Wenn wir lange genug in die falsche Richtung gehen, dann kommen wir irgendwann an dem gewünschten Ziel heraus. Die Erde ist rund, da funktioniert das so.

Wenn man in die richtige Richtung geht, dann merkt man das. Dann wird es sofort besser. Wenn es schlechter wird, und immer schlechter, und das über Jahrzehnte, dann muss man doch irgendwann den Mut haben und sagen: OK, unsere Ideologie ist falsch. Wir müssen einen Paradigmenwechsel vollziehen.

Die Welt erklärt man nicht in einem halben Tag – so lautet der Werbespruch für Ganztagsschulen. Ich würde noch gerne hinzufügen: „sich den ganzen Tag in geschlossenen Schulgebäuden vor ihr zu verstecken hilft nichts.“

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