Unschooling die Verwandtschaft

Ich kann mich noch gut erinnern, als Mama1000Sunnys kleiner Bruder vor ein paar Jahren massive Probleme in der Schule bekam.

Es war sogar schon eine Sitzung anberaumt, in der man ihn eine Klasse zurückstufen wollte. Rechnen war sein größtes Problem.

Damals sagte ich zu allen, entspannt euch mal, wenn er das will mache ich mit ihm Rechnen. Von Zurückstufen will ich nichts hören, er ist ein sehr intelligenter junger Mann und das wäre dann schon ein Witz.

Wir machten also Rechnen. Und wie bei den meisten Menschen, die Probleme in Rechnen haben, lagen diese Probleme nicht im aktuellen Jahr… noch nicht einmal im Jahr davor. Sie lagen an seiner Konzentration und ganz in den Anfängen (das kleine 1*1 zum Beispiel).

Nach ein paar Wochen war er recht passabel und kein Mensch wollte jemals überhaupt von Zurückstufen gesprochen haben.

….Damals sprach ich mit ihm auch noch, über: Er müsse mehr für die Schule tun, er könne jetzt noch gar nicht überblicken, was wichtig ist, blablabla (man kennt das ja)

Sein Traum war Automechaniker zu werden und eine tolle Lehre zu beginnen.

Irgendwann wurden wir dann Unschooler und sprachen so: Schule hält Dich nur von den Dingen ab, die Dich interessieren. Mach das, was Du für richtig hältst.

Wir schenkten ihm ein Automechaniker-Buch.

Dann wendete er sich der Musik zu (er kommt aus einer der musikalischsten Familien, die ich kenne). Ich lieh ihm dann meine ziemlich unbenützte Gitarre. Und oh Wunder, er gründete eine Band, schrieb und komponierte Lieder, wünschte sich eine Gitarre nach der anderen.

Nach all den Jahren der Allgemeinbildung, den Träumen von einer Automechaniker-Lehrstelle hat er sich dieses Wochenende am Brighton Institute of Modern Music beworben – Mama1000Sunny hat noch einen kleinen Crash-Kurs mit ihm gemacht (sie hat selbst mal als Gesangslehrerin gearbeitet). Am Samstag rief er uns an: „Ich habe bestanden, sie nehmen mich“.

Der Einzige, der immer noch von einer Mechaniker-Lehre träumt ist jetzt sein Vater. Der lebt noch im „Schule-Ist-Das-Wichtigste“-Albtraumland.

Ich weiß nicht, wieviel von dieser Neuausrichtung unser Verdienst ist. Oder ob überhaupt etwas. Aber seitdem wir der Schule den Rücken gekehrt haben, ziehen wir mit ihm in dieselbe Richtung. Das macht es für ihn leichter sich durchzusetzen und er kann mehr von seiner Energie auf sein eigentliches Ziel verwenden.

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2 Kommentare zu “Unschooling die Verwandtschaft

  1. mutig, für jemand anderen die verantwortung zu übernehmen. würde ich nicht machen, weil ich weiß, was das oft für gratwanderungen sein können, und wie blöd man am ende dastehen kann. zuerst hilft man jemandem, dann gehts eventuell schief, oder derjenige schafft es (das leben) dann doch nicht, und dann kommen die vorwürfe und anschuldigungen, man hätte ihm doch nie helfen sollen. ist jetzt natürlich ein szenario, das nicht immer so sein muss, dennoch kenne ich das. gewissen leuten sollte man am besten auch gar nicht helfen, weil die einfach auch noch nicht so weit sind, um den nächsten schritt zu wagen, und stattdessen einen fehltritt machen und furchtbar abstürzen können.
    „das gegenteil von gut ist gut gemeint“, ist einer meiner lieblings-aphorismen.
    ok, ich wollte jetzt nicht den teufel an die wand malen, also bitte nicht alles zu ernst nehmen, was ich gerade geschrieben habe, sind nur so gedanken, die auch mit vorsicht zu genießen sind.

    in diesem fall ist es ja wohl auch so, dass du nicht den weg vorgegeben hast, von deinem schwager, sondern er selbst auf die musik gekommen ist.

    was ich aber eigentlich ansprechen wollte: es kann für gewisse leute irrsinnig gefährlich sein, wenn man ihnen gewisse dinge offenbart. so ein paradigmenwechsel bekommt nicht jedem gut, die zerstörung fremder weltbilder wurde schon oft und wird mit ablehnung, hass, gewalt usw quittiert.

    gut auch das du der dame von der anderen geschichte, am kassaschalter nichts entgegnet hast. es bringt meistens nichts, und wie gesagt: zerstörung fremder weltbilder kann oft ungeahnte folgen haben. manche leute verkraften sowas einfach nicht. leider.

    wobei ich nicht weiß, ob eine zwischenzeitliche krise, nach zerstörtem weltbild, nicht auch sowas wie einen neustart markieren kann, und schlussendlich, in allerletzter konsequenz, trotz krisenhaften zwischenspiels, der richtige weg ist, auch wenn er hart ist.

  2. Hallo Cu3000 – ich habe eigentlich nie die Verantwortung für andere übernommen. Einmal habe ich nur die Sozialisations-Standard-Texte der Schulbefürworter wiederholt und jetzt bekräftigen wir die Menschen in unserer Umgebung nur darin, dass sie das machen sollen, was sie für richtig halten.
    Ich glaube Weltbilder zerstört man nur sehr schwer. Man erzeugt aber durch jedes Ungleichgewicht eine Chance auf ein höheres Gleichgewicht (nach Piaget) oder man hat keine Chance, dass sie irgendetwas verstehen, wenn es zu weit weg für sie ist (nach Wygotski). Auf jeden Fall habe ich keine Lust mehr irgendwelchen Verkäuferinnen irgendwas zu erklären. Die können selber lesen, die waren ja schließlich in der Schule 🙂 oder eher 😦
    Ich glaube das ganze bleibt solange eine theoretische Diskussion, wie wir Unschooling nicht vorleben und auch einen Platz im Internet schaffen, an dem man selber Unschoolen kann. Zusätzlich fehlt es gänzlich an Literatur die freies Lernen als Lebensweg vorführt (ich meine im Sinne von Romanen).

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