Neujahr 2005 (?) – Aufarbeitung

Ich denke es war 2005 – am ersten Tag nach Sylvester.

Damals war ich ein ganz anderer Mensch.

Meine Gedanken über Erziehung waren eher geprägt vom Leitspruch: „Per aspera ad astra“ – Babyschreien begegnete ich mit Gegenschreien.

Selber arbeitete ich wie ein Besessener (bis zu 16 Stunden am Tag) – eine Zeit stand ich immer um 4 Uhr in der früh auf, um schnell beim Kunden zu sein und noch länger arbeiten zu können.

Zudem war ich absolut Fernsehsüchtig. Die schlimmsten Zeiten waren während meinem Studium, ich arbeitete den ganzen Tag (damals noch als Angestellter) und bereitete mich dann zwei Wochen vor Semesterende auf alle Prüfungen vor, die ich dann ziemlich problemlos absolvierte. Damals ließ ich den Fernseher nachts durchlaufen (während ich schlief). Ich konnte die Einsamkeit nicht ertragen – nicht einmal andere Menschen konnten mir aus dieser Einsamkeit helfen – sie war in mir.

Zu Schulzeiten war ich absolut Computerspielsüchtig. Während der 3.ten Schulstunde dachte ich ununterbrochen: „Heute wirst Du nicht Computer spielen“ – während der 5.ten Schulstunde dachte ich: „Vielleicht ein kleines Spielchen – eine halbe Stunde oder so“ – während der 6.ten Schulstunde dachte ich: „Mach den Computer erst einmal an, dann sehen wir schon, so schlimm ist das auch nicht“. Dann kam die Lernzeit (ich war auf einer Privatschule, und kam erst um 18 Uhr nach Hause) – meine Hausaufgaben hatte ich aber meistens schon alle in der Freizeit gemacht.

Als ich zu Hause ankam, zog ich nicht mal mehr meine Jacke aus, und rannte gleich zum Computer…. es wurde immer sehr spät und das Aufstehen am nächsten Tag war die Hölle. Das einlullende Gefasel der Lehrer ließ mich immer recht schnell einschlafen (zusätzlich zu meinen Beta-Blockern – eine Art Bremsmittel für’s Herz).

So bestand mein Leben bis 2005 eigentlich nur aus Leistung und Flucht.

Ich wollte mich mit einem Gewaltakt aus der ganzen Abhängigkeit von Lohnarbeit herausziehen. Der Eigentümer meines Lebens werden….und das auf die Weise, die ich gelernt hatte: Nämlich über Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Am ersten Januar 2005 lief also der Fernseher – ich arbeitete eigentlich über die Feiertage – an diesem Tag aber aus irgendwelchen Gründen nicht. Wahrscheinlich hatte ich keinen Schlüssel für’s Büro (der Kunde war ziemlich neu). Es kam etwas über das Haus der Republik (hieß dieses DDR-Teil so??) – dann hob ich einen Kerzenständer mit der linken Hand hoch. Und es passierte.

All das Rauschen, all die Hektik, all der Druck schien sich zu entladen und direkt in mein Herz zu schießen. Es fing an zu rasen… kein normales Herzrasen… sondern ein unkontrolliertes, andauerndes Schlagen. Ich nahm gleich meine Tabletten und legte mich hin… So verbrachte ich 3 Tage… die doppelte Portion Tabletten und immer liegend…. recht viel mehr kann man auch nicht machen… da man dauernd erschöpft ist.

So war mein Standardvorgehen, wenn mein Herz ausflippte. Nach 3 Tagen gab ich es auf. Und ließ mich ins Herzzentrum fahren.

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