Unschooling – Dauernd Freizeit ???

Sevenjobs hat einen Artikel geschrieben, der eigentlich recht gut erklärt, warum wir Unschooling machen.

Sie schreibt darin, wie die Familie wieder zur Familie wird …. während der Weihnachtsferien.

In den Kommentaren kamen wir natürlich auf Unschooling zu sprechen 🙂 – obwohl ich eigentlich nur eine durchgreifende Schulreform gefordert hatte: Sofortige Einführung des G0 (in Worten Ge-Null)

Die Kinder lesen mit und rechnen sich gerade aus, was sie in ihrer ganzen Freizeit machen würden.

Auch in einem anderen Kommentar (auf diesem Blog) sagte jemand mal: Aber immer nur Lernen versaut einem doch die Kindheit. (sehr frei zitiert).

Man sieht, Unschooling wird sehr Kontrastreich wahrgenommen: Von „Lernen ohne Pause“ bis zu „Freizeit ohne Ende“

Diese Unterschiedlichen Wahrnehmungen liegen (meiner Ansicht) daran, dass die Schule Lernen und Freizeit trennt – diese aber ein und dieselbe Sache sind. Der Mensch ist ein lernendes Wesen. Voller Neugier. Tatendrang. Und dem unbedingten Hang zur Selbstbestimmung und Selbsteffektivität. In der Schule wird sogar die Evolutionstheorie gelehrt, unser einziger Vorteil, so sagt man dort, sei unsere Fähigkeit zu lernen, also unsere Intelligenz.

Neugierde ist etwas sehr fundamentales beim Menschen (wahrscheinlich nennt man Homeschooler deswegen Fundamentalisten 🙂 ). Es heißt ja nicht Neuinteresse oder Neugewogenheit, sondern Neu-Gierde. Und Gier ist etwas ohne Maß. Also sind wir Menschen, wenn wir Lernen, eigentlich nicht fleißig oder brav oder verzichten gar auf Freizeit. Nein, in diesen Momenten sind wir unersättliche Triebtäter und leben unser Leben in vollen Zügen.

Wenn wir ausruhen, so verdauen wir meistens nur die Informationen und sammeln neue Kräfte um gleich noch mehr dazu lernen zu können. Ausruhen, in einer gesunden Lernumgebung (z.B. die ganze Welt ausserhalb der Schule), ist nichts anderes als Lernen… Genauso wichtig, wie neue Information aufzusaugen ist: Alte Informationen zu verarbeiten und neu zu verknüpfen. Das entspricht dem „Chillen“ – also einfach mal abzuschalten.

Spielen ist nichts anderes als Lernen. In „Homo Ludens“ wird spielen als die Grundlage jeder gesellschaftlichen Entwicklung erklärt (und in erstaunlicher Tiefe hergeleitet). Es zeit sich, dass der Mensch (der Homo Ridens – Lachen ist die Fähigkeit, die uns vom Tier unterscheidet) einfach nur ein spielendes Tier ist – und ist damit in Einklang mit den Erkenntnissen der pädagogischen Psychologie.

Dadurch, dass wir ohne Schule auf einmal ganz viel Freizeit haben, würden wir anfangen zu lernen ohne Ende (was heißt würden, ich bin selbst Opfer dieser Tatsache). Die Schule transformiert Lernen aber in eine unnatürliche, formalisierte, fremdgesteuerte, uneffektive Beschäftigung und spaltet das Leben damit in Lernzeit-Freizeit auf. Diese Spaltung ist aber leider nicht beendet, wenn man diese Institution verläßt. Diese Spaltung überträgt sich ins echte Leben. Und auf einmal hat man auch hier Arbeit-Freizeit und Alltag-Urlaub. Eigentlich ist Arbeit die Selbsterfüllung im Leben und würde sich mit Familie automatisch integrieren. Denn, was sollte Arbeit eigentlich sein? Ja doch Wirksamkeit in einem Gebiet, in dem man schon sehr gut ist.

Unschooling bedeutet also wirklich: Die ganze Zeit Freizeit. Leider ist der Mensch aber nicht dafür geschaffen, die ganze Zeit an die weiße Wand zu starren… So fängt er an Dinge zu machen, Interessen, Hobbies, Leidenschaften. Wenn er genug Zeit hat entwickelt er effiziente Lernmechanismen. Wenn er genug Zeit hat lernt er sich in ungeahnte Tiefen hinein. Und so wird die Freizeit zur Lernzeit. Und die Lernzeit zur Freizeit (diese Phase nennt man Deschooling). Man kann sich diesem Vorgang nicht entziehen, er ist zu natürlich.

Lernen als negativ wahrzunehmen, dafür braucht man: Schule. In der Regel nimmt die Begeisterung am „Lernen“ innerhalb der ersten 3 Wochen nach der Einschulung rapide ab und sinkt dann bis zum 16.ten Lebensjahr auf 0. Inklusive dem sich daraus ergebendem Widerstand – der in unserer Epoche als pubertäre Rebellion abgetan wird – aber einer der letzten Versuche ist, sich einen gesunden und wachen Verstand zu behalten, fernab des Regelwerks und der Selbstzwänge der Erwachsenen.

Das perfide an der Schule/Arbeit ist, dass sie mittlerweile zum Haupttreffpunkt der Menschen wurden. Wenn wir also nicht in einer Institution sind (sondern nur in unserer Gemeinde, Nachbarschaft) so kennen wir dort oft keinen Menschen, interagieren nur oberflächlich. So sind wir in unserer Freizeit einsame Wesen .. nur über die Netzwerke verknüpft, die sich noch staatlicher Normierung und Reglementierung entziehen. Aber der Mensch ist nunmal ein soziales Wesen, und so geht er lieber in die Schule, als alleine in der Welt zu sein.

Wir Erwachsenen empfinden dieses Modell Schule/Arbeit vs Leben auch als Belastung, zeigen psychologische Studien über Glück und glücksempfinden (Csikszentmihalyi). Freizeit ist demnach mittlerweile die schlimmste Zeit für uns Menschen, und kann nur mit Drogen oder Shopping überwunden werden….

Wenn sich Kinder also fragen, was würde ich mit all meiner Freizeit tun, wenn ich nicht mehr in die Schule müsste, dann ist das gut. Das bedeutet sie leben… noch. Wir sollten uns auch öfter fragen: „Was würde ich tun, wenn ich nicht mehr arbeiten müsste?“

Zur Entspannung noch ein guter Link von einem der die Schule immer abbrach, wenn sie ihn beim Leben gestört hat:
http://labor.entrepreneurship.de/blog/2008/12/tarek-mueller-gruendete-mit-15-jahren-das-erste-mal/

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6 Kommentare zu “Unschooling – Dauernd Freizeit ???

  1. Ahhh… das ist Balsam 🙂
    Hier noch die fehlenden Quellenangaben:
    Den Link habe ich aus der unerzogen Mailingliste.
    Die Information über das abnehmende Lerninteresse und die Konsequenz entweder aus Pädagogische Psychologie (Woolfolk) oder aus Persönlichkeitspsychologie und Differentielle Psychologie (Schustack, Friedman) oder vom Krapp/Weidenmann – weiß nicht mehr genau.

  2. Sehr schöner Beitrag. Genau meine Meinung…
    Danke auch für den Link. Das ist ja ein sehr interessanter Unternehmer. Macht richtig Freude ihm zuzuhören.

  3. Gerade bei unserem Patchworkleben verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, denn Arbeit findet nicht zu festgelegten Zeiten statt und Lernen tut man auch außerhalb von Schule und Arbeit. Wissenbildung läßt sich schließlich nicht auf 5 Schulstunden eingrenzen, sondern lebt in allen Lebensaktivitäten mit. Die Kinder helfen beim Arbeiten und ich beim Wissensdrang befriedigen….So ergänzt eines das andere und wir lernen auch von einander. Und trotzdem gibt es AUS-Zeiten, wo Trödeln und Quatschen die Überhand gewinnt ohne Haushalt, Wäschewaschen und Einkaufen gehen. Denn auch das ist Arbeit.
    AUS-Zeiten sind notwendig, egal ob Schule oder eine andere intensive Aufgabe mich vereinnahmt.

  4. @Julia
    Danke. Komisch, dass die Schule eigentlich alles falsch macht. Aber Beamten ziehen wohl am liebsten andere Beamten heran.

    @Sevenjobs
    Was meinst Du genau mit Aus-Zeit?

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