Die Schulstunde

8.30 und ich wußte schon seit einer viertel Stunde nicht mehr, worum es ging. Was für ein Fach war das überhaupt gerade? Auch dieser Mensch, der da vorne rezitierte. Privat war er wahrscheinlich ganz nett, aber jetzt gerade, war er unerträglich.

8.30 war es wirklich noch immer 8.30 es kam mir eher vor, wie eine halbe Stunde. Der Zeiger an der Wanduhr verharrte auf der Stelle. Keine Bewegung. Sogar der Sekundenzeiger rührte sich nicht. Ich schüttelte kurz den Kopf, nur ganz leicht, nur um diesen Gedanken los zu werden. Eine Schulstunde dauert 45 Minuten und dann kamen noch 5 andere. Dann Essen, Freizeit, Hausaufgaben. Dann wäre dieser Tag geschafft.

Und dann immer so weiter bis ich endlich volljährig bin – eigentlich geht es hier nur um einen Zettel. Auf dem steht dann, dass ich etwas wert bin. Dass ich denken kann – oder zumindest könnte.

8.30 wieder, wieder, wieder acht Uhr dreißig. Heute war wirklich kein Vorankommen. Vielleicht vergeht die Zeit schneller, wenn ich mich konzentriere. Auf das, was gerade da vorne gesprochen wird. OK. Gleich bin ich so weit. Konzentration. Jetzt. … … … Hmmmm. Nein. Das sagt mir nichts. Nicht einmal die Sprache kommt mir bekannt vor. Spricht er überhaupt noch. Er hat auch schon lange nichts mehr auf die Tafel geschrieben.

8.30 Ich sah mich um. Die Gesichter der anderen waren alle konzentriert. Oder täuschte es mich. Ich starrte die Schüler um mich herum an. … … … Irgendwie sind sie seltsam regungslos. Aber natürlich, sie passen ja auf und hören zu. Was sollen sie sich da auch bewegen. Trotzdem… irgendwie gar keine Regung.

8.30 Ich starre vor mich hin. Was steht denn auf meinem Blatt… Die ersten paar Zeilen. Ein paar Wörter. Ich lese… irgendwie nichts. Die Buchstaben ergeben doch keine Wörter. Habe ich mich verschrieben? Ich schaue zu meinem Nachbarn. Er schreibt gerade. Ich sollte wohl auch schreiben. … … Aber der Lehrer hat schon lange nichts mehr an die Tafel geschrieben.

8.30 Sind das überhaupt noch Buchstaben oder hat mein Nachbar nur vor sich hingemalen. Mein Blatt ist irgendwie voll. Aber da steht auch nichts. Ich kenne keines dieser Zeichen mehr. Vorher standen da doch Buchstaben.

8.30 Ich bekomme Hunger. Ich beugte mich herunter zu meinem Schulranzen und holte vorsichtig etwas zu Essen heraus. Unter der Bank kramte ich in dem Packpapier herum und krümelte mir ein bisschen davon ab. Wie ein Maus, aß ich aus dem Kühlschrank, während ich starr nach vorne starrte. Den Blick starr auf die Katze.

8.30 Mein Nachbarn ist unansprechbar. Die Menschen um mich herum sind wie Sand in der Wüste. Sie sind da. Ich schiebe Zettel zu meinem Nachbarn. Er läßt ihn liegen. Nichts geschieht. Schreibt er noch. Sein Stift bewegt sich aber irgendwie auch nicht. Es ist als ob man zu lange auf weiße Fließen starrt.

8.30 Ich atme tief durch. Ich lebe doch noch. Was ist hier los. Warum bewegt sich der Zeiger der Uhr nicht. Ich zähle…. 21 …. 22 … 23…. …. …. …. …. … 50 …. …. …. …. …. ….80 81 … 8 Uhr 30 nochmal …. 21 …………81 immer noch nichts. Die Uhr ist stehen geblieben. Ich melde mich.

8.30 Nichts. Vielleicht wenn ich meinen Atem zähle. 1 …… 2 ……. …. … …. .. 16  nichts.

8.30 Keiner meiner Mitschüler zeigt irgendwie noch eine Regung. Auch der Lehrer scheint sich nicht zu bewegen. Vielleicht könnte ich einfach aufstehen und weggehen. Nein. Der Unterricht ist wichtig. Wer nicht in die Schule geht bleibt dumm. Und meine Schulakte. Mein Leben wäre futsch.

8.30 Ich möchte schreien. Wie lange kann es denn noch dauern, bis es 8.31 ist. Draußen höre ich auch nichts mehr. Keine Kinder auf den Gängen. Auch keine Kinder draußen auf dem Hof. Keine Kinder draußen auf den Straßen. Ist ja auch gerade Schule. Wir sind alle hier. Alle.

8.30 Ich reiße meine Augen auf. Bin ich gerade eingeschlafen. Nein. Ich habe doch nach vorne gesehen. Und ich bin schon wieder hungrig. Alles ist so still. Ich höre ein leises Rauschen und Pfeifen in meinen Ohren. Mein Rücken tut mir weh.

8.30 Ich kann nicht mehr. Irgendwie werde ich so müde. Immer dieselbe Zahl. Vielleicht hilft zählen. 1… 2… 3… 4… 4…

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