Nieder mit der Chancengleichheit ! (Teil 1)

Chancengleichheit der romantische Traum aller Politiker.

In der Bildung bedeutet er: Ein Spross aus reichem Hause soll die gleichen Chancen haben, wie ein Spross aus einer armen Hütte.

Aber die Chance auf was?

Auf eine gute Bildung, wenn er denn intelligent ist – so wird die Antwort lauten.

Seit wann muss man sich aber darum Sorgen machen, dass ein intelligentes Kind lernt. Ein intelligentes Kind wird von alleine sehr viel lernen (wenn man es läßt). Ein intelligentes Kind wird bei der geringsten Arbeit mehr lernen als ein „total dummes“ Kind in den besten Lernumgebungen. Das „total dumme“ Kind wird natürlich bei der geringsten Arbeit um einiges weniger lernen als das intelligente Kind.

Das intelligente Kind wird in kurzer Zeit Freund haben, die genauso sind wie er – außer man steckt es mit ganz anderen Kindern zusammen und lässt ihm keine Chance seine Freunde auszusuchen. Das intelligente Kind erkennt schnell, wo es sich Informationen beschaffen kann – außer man überhäuft es mit Fremdbeschäftigung. Das intelligente Kind findet schnell die Zusammenhänge und kommt weiter – weiß auch bald, wen es fragen kann. Das ist ja alles unser Verständnis von „intelligent“ (ich meine jetzt nicht den IQ, der die Fähigkeit Schulfragen zu beantworten misst).

Also um die Chancengleichheit von intelligenten Kindern in der Bildung muss sich niemand kümmern – damit verhindert man diese nur.

Das größte Problem von intelligenten Kinder ist, dass sie zusätzlich zu ihrer Intelligenz auch noch Zeugnisse brauchen, die ihnen ihre Intelligenz bestätigen. Und weil sie diese Zeugnisse brauchen, müssen sie irgendjemandem beweisen, das sie intelligent sind. Das wäre alles noch kein Problem – denn einen intelligenten Menschen kann man von einem dummen Menschen nach ungefähr 20 Minuten Gespräch recht gut auseinanderhalten.

Jetzt kommt erst das Problem. Da man Chancengleichheit will einigt man sich auf standardisierte Zeugnisse und standardisierte Fragen – am besten gleich Deutschlandweit. Standardisierte Fragen werden niedergeschrieben. Da das Wissen auf der Welt beliebig groß ist, muss man sich auf standardisierte Themen einigen. Diese müssen vorher mitgeteilt werden. Da aber auf einem Fachgebiet – egal, wie stark man es einschränkt wiederum beliebig/unendlich viele Fragen möglich sind (die Welt ist nun mal sehr groß) muss man auch die Fragenmenge einschränken und wiederum bekannt geben. Dieses Stück vom Stoff, aus dem die Welt besteht, nennt sich schlicht und einfach „Stoff“. Der „Stoff“. Der „Stoff“ hat nun ein massives Problem: die Fragen sind ja nicht das eigentlich Interessante. Auf dieselben Fragen werden zwei erwachsene Menschen jeweils unterschiedliche Antwortmengen geben. Also werden die Antworten auch noch mit in den „Stoff“ genommen. Das ganze heißt jetzt Lehrplan. Und bedeutet für jede standardisierte Frage gibt es eine standardisierte Antwort. Das ist eine Art Telefonbuch:

Phytagoras: a²+b²=c²
beste Staatsform: Demokratie / Republik
pi: 3.14
schlimmste Zeit in der Geschichte: 3.Reich

In dieses Telefonbuch werden auch Zusammenhänge aufgenommen – wieder in Telefonbuchformat:

Zusammenhang Mathematik/Staatsform: Griechen

Hier bekommen jetzt die Intelligenten Probleme. Eigentlich müssten sie ja mit Erkennen und Zusammenhänge knüpfen und mit Forschen und Entdecken beschäftigt sein. Auf der anderen Seite brauchen sie natürlich ein Zeugnis – also müssen sie sich auch mit diesen Lehrplänen beschäftigen. Das macht man am besten in der Schule, weil man da auch gleich das Zeugnis kriegt – und die Lehrer kennen die Frage-Antwort-Paare ganz genau. Und können einem genau erklären, warum keine anderen Fragen und Antworten im Leben wichtig sind. Das nennt man nämlich Kanon oder Allgemeinbildung und wer die nicht hat, der kommt sich auf einer Party nach 10 Minuten blöd vor. Aha!

Brauchen Sie aber so ein Zeugnis?

Die Firmen schauen sich heutzutage immer erst die Anschreiben, dann die Zeugnisse und dann die Leute an.

Das Anschreiben ist ein Teil des Lehrplans, also sieht es immer gleich aus:

Sehr geehrter Herr Personalverantwortlicher, ich interessiere mich sehr 
für ihre Firma und bitte deswegen um ein Vorstellungsgespräch, damit 
ich alle meine Soft-Skills beweisen kann. Am liebsten arbeite 
ich zielorientiert, kundenorientiert und teamorientiert
und achte auf die Gesamtzusammenhänge.

Dieses bietet der Firma also keine Anhaltspunkte für Kandidatenentscheidung.. also muss es nun nach Noten gehen.

Dann werden ein paar Leute eingeladen. Man weiß aber deren Noten und geht mit einem starken Bild vom Bewerber ins Gespräch.

Worin unterscheiden sich jetzt die Firmen, die eine hohe Fluktuation haben (dauernd neue Leute einstellen, weil die Mitarbeiter entweder kündigen oder gefeuert werden) von den Firmen, die zufrieden sind mit ihren Einstellungen sind.

Im Probearbeiten! Weder Zeugnis noch Anschreiben noch Aussehen noch Gesprächsverhalten sind ein guter Indikator für die Arbeitsleistung. Manche bezahlen diesen Tag sogar – andere schicken eigene Tests heraus, die die Arbeit ungefähr abbilden.

Die erfolgreichen Firmen sind die, die sich den Bewerber probearbeien lassen. Denn am Ende soll er ja auch dort arbeiten. Jeder Zirkus läßt seine Clowns beim Bewerbungsgespräch jonglieren.

Dennoch nehmen sich die meisten Firmen nicht mehr die Zeit oder haben sich schon so sehr an die Zeugnisse gewöhnt – schlimmer noch sie haben ihre Einstellungsabläufe standardisiert. Am Ende kommt es soweit, dass die Leute die einen einstellen gar nicht die Leute sind, für die man arbeitet.

Also braucht man Chancengleichheit für Zeugnisse und Zeugnisse braucht man deswegen, weil es Zeugnisse gibt. Chancengleichheit bewirkt aber das Gegenteil, was sie eigentlich machen soll. Sie raubt denen die Chance, die intelligent sind (egal reich oder arm).

Dafür ermöglicht sie es den „dummen Kindern“ die Antworten auswendig zu lernen. Und auch ein tolles Zeugnis zu bekommen. Das ist eine imposante Interpretation von Chancengleichheit? Allerdings müssen die „dummen Menschen“ dann ein Leben lang in Berufen arbeiten, die zu schwierig für sie sind. Da werden sie nicht glücklich und auch deren Vorgesetzte nicht. Da man in Deutschland ein interessantes Kündigungsrecht hat – Unfähigkeit ist zum Beispiel kein Kündigungsgrund – muss man sie „wegbefördern“. Was gibt das für eine Gesellschaft ?

Haben die armen Intelligenten/Dummen jetzt zumindest Chancengleichheit mit den reichen Intelligenten/Dummen?

Die Reichen können sich auch im besten Bildungssystem noch immer ein paar Gimmicks zusätzlich leisten – Nachhilfe, die mit Dir den Stoff durchgehen. Schulen, die sich so genau an die Lehrpläne halten, dass man die Abifragen alle schon mindestens 5 mal beantwortet hat, bevor man in die Prüfung geht. Übergangstrainer, Untergangstrainer. Freundliche mündliche Nachprüfungen. Und eine komplette Bildungsindustrie… die hat es ja sehr einfach… es gibt ja Lehrpläne, da steht drinnen, was man Lernen und somit produzieren muss.

Wenn man mich also fragt, warum unsere Kinder immer dümmer werden, würde ich antworten: „Weil es dafür eine 1 gibt“ – mit Sternchen

PS: Ich persönlich glaube nicht an dumm/intelligent. Ich glaube nur an Entwicklungsstufen (keine Phasen) und daran, wie weit entfernt die persönlichen Interessen vom Lehrplan sind. Sind sie sehr weit entfernt wird man als dumm bezeichnet

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6 Kommentare zu “Nieder mit der Chancengleichheit ! (Teil 1)

  1. Da ist ja viel wahres dran, deshalb würde ich wirklich gerne wissen:
    Welche Entwicklungsstufen kennst Du? Und wieviele Kinder kennst du in welchen Altersstufen?

  2. Ja Sevenjobs, die Antworten hörte ich auch gerne.

    Auch noch eine Frage: kennst Du, 1000Sunny, Gerber’s E-myth Revisited? Da kamen mir ähnliche und weiterführende Gedanken wie Du sie oben anführst, glaube es war ab Kapitel 13-14 (obschon die Kapiteln davor wirklich hingeführt haben).

    Äußerst interessant, denn ich habe diese Passage erst heute gehabt…

  3. Dann versuche ich die Fragen zu beantworten:

    Entwicklungsstufen
    Entwicklung geht für mich stetig voran. Das bedeutet von der ersten Sekunde meines Lebens, bis zum jetzigen Zeitpunkt ist meine Entwicklung eine stetige Abfolge von Denkschritten (mit unterschiedlichen Interessenschwerpunkten – diese lassen sich aber auch wieder von allem vorher gedachten erklären).
    Für Außenstehende sind aber nur große Unterschiede wahrnehmbar. Wann wir die machen, liegt an uns.
    Ich habe hier öfter mal Vygotskis Entwicklungsmodell angegeben. Hier wird das Weltbild eines Menschen in 3 Teile aufgeteilt. Die Zone mit allem, was ich weiß/verstehe – die Zone mit allem, was ich lernen kann (zone of proximal development) – die Zone, außerhalb dieser beiden (rest of the world), die ich noch nicht verstehen kann, weil mir das Vorverständnis fehlt.

    Die Frage, wie viel Kinder ich in welchen Altersstufen kenne, kommt mir so ein bisschen, wie die Gretchenfrage der heutigen Kultur vor. Wie groß ist die Menge an Einzelerfahrung.
    Ich will gleich vorweg sagen: Ich bin kein Lehrer, mir fehlt also die Quantität, die man in einem industriellen Umgang erfährt (jährlich über 200 Kinder je nach Fach).
    Die Frage ist natürlich, kennt der diese Kinder (oder kennt er nur seine Pappenheimer)? Wie muss der Kontakt sein, damit Du jemanden kennst?
    Ich würde sagen, kennen tue ich nur mich. Sogar schon die Mama1000Sunny überrascht mich oft. Meine Kinder überraschen mich auch sehr oft.
    Auf der anderen Seite haben wir hier eine Schule in der Nähe, auf deren Pausenhof ich oft mit meinen Kindern bin. Dort unterhalte ich mich auch mit recht vielen Kindern – die Unterhaltungen gehen immer weiter, als alle Unterhaltungen, die ich je mit einem meiner Lehrer hatte (oder beobachten konnte). Zudem sind sie natürlicher, da die Kinder nicht lügen müssen. Sie sind zwar oft erstaunt, dass auch Erwachsene die Schule Sch… finden (inklusive komplett unnötig), aber wenn sie das dann begriffen haben, dann sind sie die offensten Kinder der Welt. Alles sprudelt nur so aus ihnen heraus – und man kommt oft fast gar nicht mehr zum antworten.
    Auch habe ich natürlich mich. Obwohl die eigene Erfahrung von heutigen schlechten Pädagogen oder Pseudowissenschaftlern abgekanzelt wird, so halte ich sie für die wichtigste. Denn Du weißt, was in Dir vorging. In jedem Punkt Deines Lebens hast Du die Innensicht. Und wir wissen, wie es sich unterscheidet, wenn z.B.das Innere einer Firma kennt, gegenüber einer Firma, die man nur von außen sieht.
    Ich wollte bald eine Reihe starten, in der ich mich selbst Deschoole. Dort werde ich dann über meine Erfahrungen mit Computerspielsucht; schwarz-gefärbten, kurzrasiertern Haaren mit einrasiertem Pentagramm, Trash-Metall und Nietenhandschuhe mit Reisnägeln drinnen; Leistungsverweigerung und exzessivem Schlafen im Unterricht berichten. Wenn ich solche Jugendlichen heutzutage sehe (die schwarz angezogenen), dann denke ich mir immer, ich weiß noch genau, was damals in mir vorgegangen ist. Die eigene Erfahrung ist die Tiefste. Und das ist es, was ich auf meinem Blog suche, die Tiefe, nicht die Breite.
    Hat das die Fragen ungefähr beantwortet – oder meintest Du etwas komplett anderes?

  4. Wow, danke für die ausführliche Antwort. ich frage deshalb immer so indiskret nach, weil ich glaube, dass wir in zwei unterschiedlichen Welten und Denkansätzen leben und ich mich immer gerne neugierig anderen Denkansätzen nähere. Die Frage nach der Anzhal der Kinder habe ich deshalb gestellt, weil Kinder soviele Entwicklungsstadien durchlaufen, so dass die Erfahrungen mit 2jährigen sich natürlich nicht mit den Erfahrungen 10jähriger decken. Wir machen gerade selber die Erfahrung, dass wir unser Kind neu kennen lernen müssen, weil es sich so rasant verändert.
    Die Entwicklungsstufen kann ich nachvollziehen, aber ich kann nciht verstehen, wieso es deshalb kein DUMM oder SCHLAU geben kann. Oder ist für Dich dann ‚DUMM‘ = in Entwicklungsstufe 1 stehen geblieben?

  5. DUMM und/oder SCHLAU sind lediglich Stigmen der herrschenden Klasse, um die Masse in die für sie gebrauchbaren Grüppchen zu stecken…

    Man ist weder DUMM noch SCHLAU, man wird lediglich als solches abgestempelt oder anerkannt.

    DUMM und SCHLAU sind Instrumente der Schule bzw. der Menschen in der (egal welcher) System, die dazu benutzt werden, um andere von sich selbst abzugrenzen. Wenn ich dich als DUMM oder SCHLAU bezeichne, tue ich dies in Relation zu etwas, in Realtion zu mir, in Relation zu irgendwelche Standards…

    DUMM und SCHLAU als Ausdrück zeigen eigentlich meine Begrenztheit dar. Gebrauche ich diese Ausdrücke, deklariere ich, nicht in die Tiefe gehen zu wollen, mein Gegenüber nicht als eigenständige Person anerkennen zu wollen…

    DUMM und SCHLAU sind genauso künstliche Ausdrücke, wie Schule künstliches Wissen vermittelt. Ja, Schule vermittelt wissen, aber irgendwo habe ich was sehr schlaues gelesen:

    Schule ist Institution, so wie Glauben und Kirche ja auch nicht zwingend zusammen gehören und aus meiner Sicht schon gar nicht hierarisch sind.

  6. Das mit dem DUMM und SCHLAU, das ist wirklich eine Welt für sich.
    Ich glaube aus dem einfachen Grund nicht daran, da es bis jetzt weder jemandem gelungen ist mir eine gute Theorie zu präsentieren, noch mir auch nur ein einziges dummes Kind zu zeigen.
    Bei allen Fällen, die ich bis jetzt gesehen habe, konnte man über bestimmte kognitive Trainings etwas erreichen oder Strategien beibringen.
    Das Problem ist nur oft ein autoritäres Umfeld, was die Kinder „zwingt“ ihre Fehler zu verstecken, anstatt an ihnen zu lernen. Damit bleiben sie dann in ihren Entwicklungsstufen stecken. Es ist wie mit Zugwaggons, die unter der Fahrt abgehängt werden. Die holen den Zug nicht mehr ein. Die haben nur eine Chance wenn auch nur einer umkehrt und sie noch mal dort abholt, wo sie sind. Diese Chance ver1000facht sich natürlich, wenn sie irgendwann gelernt haben, selbständig zu lernen.
    Wenn das nicht passiert, dann kommt ein Misserfolgserlebnis nach dem anderen, bis sie irgendwann (unter professioneller Anleitung) die Schuld sich selbst geben.

    @sevenjobs
    Ich antworte natürlich immer frech und frei so weg, wie sich das in meiner Denkwelt darstellt. Ich wundere mich eh schon, wie Du das so mit mir aushältst 🙂

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