Unschooling heißt Leben – besonders nach der Finanzkrise

Ich werde gefragt: „Deine Kinder sind doch noch so klein… wie kann man da von Unschooling sprechen“.

Dafür muss man verstehen, was Unschooling heißt. Unschooling ist Lernen … und zwar aus einer einzigen Motivation: die eigenen Motivation. Belohnungen, Strafen, Zeugnisse, Zertifikate gehören alle nicht dazu. Sie sind behavioristisch (Stichwort: klassische Konditionierung) und als solche lehne ich die ab.

Unschooling bedeutet: Außerhalb der Schule. Chopper und Nami sind ausserhalb der Schule. Sie lernen überall und was ihnen gefällt – das schneidet sich nicht immer mit dem, was mir gefällt – z.B. das Moralisieren in bestimmten Kindersendungen finde ich nicht gut – da sie es sich aber selbst ausgesucht haben (auch wenn es so subtil ist, dass sie es vielleicht nicht merken) brauchen sie es wohl. Und wenn ich mich dann zurück erinnere… wie gut fand ich es damals moralische Regeln zu hören (z.B. Superhelden-Comics)… und irgendwann erhob ich mich dann in meiner moralischen Entwicklung darüber hinaus… also ist das wahrscheinlich gerade ihr Schritt. Wir wollen den Kindern immer die oberste Treppenstufe zeigen, die wir erklommen haben, und vergessen, dass wir selbst nicht gleich ganz oben waren.

Aber das ist nicht das Thema.

Außerhalb der Schule sind nicht nur Chopper und Nami… sondern auch Mama und Papa.

Die Mama studiert ja .. und ist auch bald fertig (Puh… das Studium ist nämlich schon ziemlich verschult). Aber sie arbeitet auch… und lernt um aufzusteigen (Bücher aus der Bibliothek ausleihen, lesen, über die Arbeit diskutieren und welche Schritte sinnvoll wären) … so wird das ein bisschen zur Familienkarriere – anstatt das jeder für sich kämpft.

Und der Papa – ich habe mich in den letzten Jahren mit allem pädagogisch-psychologischem Wissen vollgepumpt, das ich in die Finger bekam. So wurden die Kinder meine Karriere. Aber nicht in dem Sinne, dass die Kinder jetzt ganz viel erreichen müssen und ich mich als ehrgeiziger Vater daran hochziehe… nein, Unschooling heißt: Jeder lernt für sich, erreicht seine eigenen Ziele, und zusammen klettert man immer höher, ohne sich am anderen hochzuziehen… aber stets bereit sein, dem anderen auf seiner Stufe zu helfen… und sich dafür mit aller Kraft zu interessieren (manchmal kann das Interesse auch null sein:) ) – man soll sich nicht selber zwingen, sonst verliert man die Motivation und wird zum Selbstaufopferer – der dann Gegenleistungen für seine Aufopferung verlangt.

Also, ich habe dieses ganze Wissen für mich selbst angesammelt und damit steht mir eine weitere Berufsoption offen – eine weitere Möglichkeit mich selbst zu verwirklichen.

Jetzt kam die Finanzkrise und ich verlor den Luxus, komplett frei zu sein von wirtschaftlichen Zwängen. Viele Menschen (besonders Banker) machten in dieser Zeit ihrem Leben ein Ende. Sie hatten ihr ganzes Leben für fremde Ziele und ihre Karriere gearbeitet… und blieben dabei stehen… vernachlässigten ihre Familie… und haben jetzt mit dem schlagartigen Ende der Karriere auch die Familie, ihren Lebenssinn und sich selbst verloren.

Natürlich hat sie mich auch in ein tiefes Loch gerissen… (das besonders drastisch erscheint, wenn ich mir die Kontoauszüge vom August anschaue… und mit den aktuellen vergleiche). Aber das Loch dauerte in seiner längsten Zeit… 2 Stunden… denn ich hatte die Mama1000Sunny, die mich gestützt hat… ich hatte die Kinder, die in aller Freiheit jede Minute ihres Lebens (bis auf manche:) ) wie eine Party feiern. Und ich hatte das Unschooling. Ich muss jetzt nicht mehr dieselben Verrenkungen und Selbstentsagungen machen, die ich damals benötigte um Geld zu verdienen.

Ich mache das, was ich für sinnvoll halte, was mir Spaß macht, und lerne dabei dauernd dazu. Bin wach geworden überall neue Möglichkeiten zu entdecken – und alle Möglichkeiten durch stetiges Interesse und Offenheit nach allen Seiten zu nutzen. Es ist als ob die Finanzkrise ein steiler Aufstieg auf einen Berg gewesen wäre… und anstatt einen kargen Gipfel oben zu entdecken, der knapp so groß, wie ein Zimmer ist, tut sich vor einem ein riesiges Hochplateau auf. Mit grünen Wiesen, weidenden Tieren, und überall Bäche, Flüße und Seen.

Auch andere Menschen (z.B. meine Schwester, die gerade eine Scheidung erlitten hat und vor dem Nichts stand) in diesem Sinne zu coachen, ihr erster Arbeitsplatz, die ersten Schritte in der Karriere, die langsame Erholung der Familienstruktur, macht so Freude zu beobachten. Auch sie blüht langsam auf unter dem wundervollen Begriff Unschooling.

Unschooling bedeutet nicht nur außerhalb der Schule zu sein, sondern auch außerhalb der Schule zu denken. Lernen ist ein Begriff, der sich langsam auflöst. Er mündet in das Leben und die Trennung wird immer absurder. Arbeiten ist ein Begriff, der sich langsam auflöst. Er mündet in das Spielen, sich selbst verwirklichen, selber wachsen, mit seiner Umgebung zusammen wachsen. Karriere verliert ihren isolierenden Charakter.. Karriere bedeutet nun: mit anderen zusammen zu wachsen. Unschooling, das ist Leben.

Fleiß löst sich auf und mündet in den Drang zu Spielen, den Drang zu wachsen, die Neugier zu Leben. Faulheit ist mittlerweile unvorstellbar. Seine Sonntage tot zu schlagen, die Leere der Samstage in Einkaufszentren zu überschreien. All diese Bedürfnisse schwinden.

Zusätzlich sieht man seine Kinder, seinen Partner, seine Umgebung jeden Tag wachsen und hilft ihnen dabei. Das ist Unschooling. Das Leben ist kein Rattenrennen mehr… das Leben ist ein Hochplateau… alle haben Platz dort… alle werden benötigt um diese neue Welt zu erkunden und zu genießen.

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9 Kommentare zu “Unschooling heißt Leben – besonders nach der Finanzkrise

  1. Wir sind leider nicht frei von wirtschaftlichen Zwängen, denn 6 Leute haben jeden Tag Hunger, wollen es warm haben, wollen etwas trinken und ab und zu baden. Es ist in der Tat nicht schön, wie eine Ratte zu rennen, aber es läßt sich leicht von einem Hochplateau träumen, wenn man satt ist.

  2. Hmmm.

    Ich nehme von diesen Beitrag das Bewusstsein, dass man selbst mehr ist, als dass, was man bis jetzt geleistet hat.

    Das Beispiel vom Banker, der sein Leben aufgeopfert hat für sein Bank und jetzt da steht, nichts wissend, was er jetzt tun kann, soll, will…

    Sevenjobs verstehe ich auch. Diese Angst, diese Pflichtgefühl der Familie gegenüber ist der einzige Grund, warum mein Mann arbeiten geht. Und das saugt seine ganze Energie und Kreativität, seine Lust und Initiative…

    Wer fähig ist, sein Leben so zu empfangen wie ein Geschenk, dass das Lernen einfach teil des Lebens ist, der ist in der Lage wie eine stürzende Katze doch auf den Pfoten zu landen. Das Fallen mag die Katze reichlich angst einjagen, aber gelähmt ist sie nicht.

    Jetzt geht diese Katze einige Ratten Mäuse fangen… 😉

  3. Ich glaube diese Situation gilt für 99 % aller Familien in Deutschland. Besonders jetzt nach der Finanzkrise und vor der Rezension, in der es wahrscheinlich ein paar Entlassungswellen geben wird.
    Uns hat es ja auch getroffen. Das war ja das interessante … als ich das letzte Mal Pleite gegangen bin (in der Dot-Com-Krise) war ich über mehrere Wochen total fertig. Als ich dieses Mal Pleite ging, konnte ich größtenteils die Nerven behalten und sah schon, was ich jetzt alles als nächstes machen kann. Und das war eben kein dunkles schwarzes Loch, sondern ein Hochplateau.
    Und meine Schwester hat ja auch einen Sturz hinter sich, den kein Mensch gerne machen möchte. Ihre Familiensituation ist eine einzige Katastrophe und ihre Arbeitsmarktchancen praktisch null – und dennoch gelingt es, dass man sich freigraben kann. Die Ängste schwächen, die Drücke von sich schaufeln. Die Löcher in der Rattenrennbahn zu suchen, anstatt versuchen noch schneller zu werden. Und das ganze macht dann am Ende auch noch Spaß und Freude.
    Aber da der aktuelle Kapitalismus irgendwie zu einer Massenbeschäftigungstherapie geworden ist, ohne Zeit um durchzuatmen, ohne Stille und Pausen, entspricht dieser Ausbruch einem Freischaufeln. Hätte man schon die Kindheit für sich gehabt, diese ganzen 18 Jahre freie Zeit, um man selber zu werden – und zu lernen, dass man alles kann, dann müsste man es nicht jetzt in einer verzehrenden Lage tun. Aber was macht man als Kind/Jugendlicher – Selektion fürs Leben.
    Und somit ist die Antwort, die wir für uns gefunden haben schlicht Unschooling. Wir lernen ohne Druck und dabei wird das Leben immer reichhaltiger. Die Aufgaben immer mannigfaltiger. Das geht nicht von heute auf morgen. Das ist ein langer Prozess, indem man lernt, dass man doch alles lernen kann, dass man doch alles machen kann. Dass man nicht schlechter oder besser ist/sein muss als andere Menschen.

  4. Unschooling heißt für mich vor allem: FREI VON DRUCK.

    Dabei wird es unwichtig, ob es Unterrichtung und evt. sogar Rückmeldung in Form von Zeugnissen gibt – solange damit eben kein Druck aufgebaut wird. Solange die intrinsische Motivation beachtet und nicht weggedrückt wird.

    Das PERFIDESTE, das in der jüngsten Vergangenheit in Deutschland eingeführt wurde, ist das System „FÖRDERN UND FORDERN“. Das wurde eingeführt durch die unsäglichen Hartz IV-Gesetze – wobei da gefordert wird, meist ohne irgendwie zu fördern. Und es ist der Grundtenor in Schulen, Behinderteneinrichtungen und mittlerweile sogar Kindergärten. Auch in die Krippen wird es noch Einzug halten. Wenn dann erst der Krippenzwang da ist – ja dann, Gute Nacht Deutschland!

    Hinter dem „Fördern und Fordern“ steckt ja ganz tief das Einfordern von Gehorsam, das „Solage Du Deine Füße unter meinen Tisch streckst usw.“. Das ist eine grundlegende Absage an das Vertrauen in die Menschen, an ihre Fähigkeit, für sich und damit auch die Gemeinschaft das Richtige und Passende zu tun und beizutragen. Es ist perfides und schlechtes, niederträchtiges Denken.

    Unschooling (und Ent-Schulung des Denkens, Befreiung des Geistes) ist das Gegenteil davon – es ist Vertrauen in die Menschen und darin, daß sie genau das Richtige tun werden, damit sie selbst und die Gemeinschaft blühen können.

    Was (in D) derzeit kultiviert wird, ist der „Triumph der Unmenschlichkeit“.

  5. Hallo Eljascha, lange von Dir nichts gelesen, hoffe es geht euch gut!?!

    Ich befürchte wir sind da auf den schnellsten Weg zur Krippenzwang! Bereits letzte Woche hat der Bundesrat, wie vorab schon der Bundestag, dem Gesetz zum
    flächendeckenden Tagesstättenausbau (Kinderförderungsgesetz) zugestimmt.

    Darin ist die Verpflichtung für die Kommunen enthalten, bis 2013 für alle Kinder ab Geburt (!!) einen Krippen-, oder Tagesmütterplatz bereit zu
    stellen.

    Ein Kind unter drei Jahren (d.h. ab Geburt) ist in einer Tageseinrichtung zu fördern, wenn die Erziehungsberechtigten einer Erwerbsarbeit nachgehen, eine Erwerbstätigkeit aufnehmen oder Arbeit suchend sind, sich in einer beruflichen Bildungsmaßnahme, in der Schulausbildung oder Hochschulausbildung befinden….

    Bereits heute wird beispielsweise bei Alleinerziehenden das Arbeitslosengeld
    gekürzt/gestrichen, wenn sie ihr Kind nicht in einer Krippe anmelden und dadurch dem Arbeitsmarkt nicht ganztägig zur Verfügung stehen.

    Dieses Gesetz gefährdet nach international wissenschaftlicher Erkenntnis die gesunde
    Entwicklung des Kindes und ist ein weiterer Angriff auf das Erziehungsrecht der Eltern und eigentlich verfassungswidrig. Denn durch den in den letzten Jahren entstandenen ökonomischen Zwang der Doppelerwerbstätigkeit von Eltern, bei gleichzeitiger Bevorzugung einer Betreuungsform durch staatliche Subventionierung, wird der Angriff auf die Freiheit mehr als deutlich.

    (Diese Gedanke habe ich bei einem Rundbrief von Dagmar Neubronner entnommen.)

  6. Andrea, genau was Du schreibst meinte ich auch mit dem Krippenzwang!

    Ich erlebe das jetzt schon wegen der Beteuung meiner behinderten Tochter. Laut etlichen Gesetzen hat die Betreuung behinderter oder chronisch kranker Angehöriger zuhause Vorrang, wenn dies von den Angehörigen so gewollt ist (ist übrigens wirtschaftlich gesehen auch die günstigste Variante). Aber die ARGE hat schon jetzt interne Hinweisblätter (das sind noch nicht mal ordentliche Verordnungen!), die sie als Gesetze verkauft, und in denen steht, daß man bei Betreuung eines Angehörigen mit Pflegestufe 0 oder 1 dem Arbeitsmarkt Vollzeit zur Verfügung zu stehen hat, bei PS 2 bis zu sechs Stunden täglich und nur bei PS 3 wird man freigestellt. Es steht da auch was von Einzelfallregelung, aber diese Möglichkeit wird großzügig verschwiegen. Und vergessen wir nicht, daß es sich bei den geforderten Arbeiten sehr oft um 1- und 2-Euro-Jobs, 400-Euro-Jobs, Leiharbeit und sogenannte Weiterbildungsmaßnahmen handelt. Nicht etwa um richtige Arbeitsplätze mit der gesamten damit verbundenen Absicherung und Bezahlung! Es entwickelt sich da für eine breite Schicht ein moderner Sklavenmarkt – und die Menschen machen weitgehend mit!

    Ich bin gerade zu wütend und platt vor Erstaunen über all das Miese hier, als daß ich sinnvolle Beiträge schreiben könnte. Kommt aber bald wieder.

    LG, Elisabeth

  7. Hi Eljascha,
    zur Zeit empfinde ich Deutschland auch als ziemlich frustrierend. Ist dies wirklich das Land in dem ich groß geworden bin? Ja, doch. Meine Mutter musste damals schon mit einem 50% behinderten Kind Vollzeit arbeiten. Und in der Schule wird man als behindertes Kind (dem man es nicht ansieht, der halt einfach nur irgendwie körperlich schwächer ist) besonders „gefördert“ – ich weiß auch nicht. In Deutschland sind nur Festangestellte gefragt – der Rest wird zermürbt.

  8. Heute gerade gelesen, von Jan Edel, Homeschooling.de

    …während Ahnungslose noch naiv an Emanzipation und Chancengleichheit der Frauen denken.

    Wer begreift schon, dass es hier um ein geschickt mit den Begriffen „Kindeswohl“ und „frühe Bildung“ verbrämtes, aber von langer Hand geplantes (weiteres) Instrument staatlicher Macht gegen Elternrechte, Andersdenkende und Abweichler geht (kein Scherz!)?

    Die Wirtschaft träumt von ganz vielen qualifizierten Müttern als zusätzliche Wirtschaftskraft und ließ sich für das Krippenvorhaben kaufen. Die politischen Kampagnen und auch Engagements auf Ministerinnenebene werden sogar schon europaweit abgestimmt (s. z.B. „Harmos“, Schweiz) und können darüber hinaus bis in die USA nachverfolgt werden (z.B. Justizministerin B. Zypries erhebt in Kalifornien Beschwerde gegen die Forderungen christlich geprägter Elterninitiativen dort).

    Da bezieht sich Herrn Edel auf einen Brief der Familiennetzwerk an Herrn Bundespräsident Köhler zum oben erwähnten Kinderförderungsgesetz.

    *schauder*

    Haben die Deutschen nicht aus der bittere Lektion der Vergangenheit (ihre Vergangenheit) gelernt?

  9. Noch ein lesenswerter Beitrag Staatskrippen: Das Ziel ist unsere Entmundigung.

    Ich stimme mit den Schlußwörter ein:

    Politik ist nicht die Lösung für Nöte von Familien, Politik ist das Problem. Für die Karrierepläne von Gewerkschaftern und Bürokraten sollte Eltern die Erziehung ihrer Kinder zu wichtig sein. Man bekommt nur einmal die Chance, es richtig zu machen. Lasen wir uns diese Chance nicht nehmen!

    Die Frage ist: wieviel müssen wir noch opfern für unsere eigene Entmündigung?

    (Aus „Gib dein Hirn an der Garderobe ab“ ist „Gib dein Kind an der (staatliche) Einrichtung ab“ geworden!)

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