Eine Lektion in Bescheidenheit – Eine Lektion in Wut

Ich gehe hin und wieder auf dem Friedhof spazieren und sehe mir dort die Gräber an. Auch wenn jedes Grab mit einem Schicksal verbunden ist, sind doch manche wirklich zerstörend. Die Gräber von kleinen Kindern. Diese besuche ich dann regelmäßig. Eines ist besonders schlimm. Es ist ein Holzkreuz, darauf ein Kuscheltier und ein rotes Samtherz-Kissen. Darauf steht der Name und der Geburtstag und der Todestag. Beide haben dasselbe Datum. Wenn man das sieht, dann weiß man, was für ein großes Glück man hatte – für das eigene Leben, für das Leben der Freunde und Verwandten und für das Leben der Kinder.

An Fronleichnam stand ich wieder vor diesem Grab – neben mir standen aber noch 3 Frauen, die sich über das rote Samtherz-Kissen aufregten. Sie betonten natürlich, dass das schlimm sei, wenn einem das Kind wegstürbe und jeder könne ja sein Grab gestalten, wie er will … aber ob das erlaubt sei… (und jetzt kamen verschiedene Bedenken – immer wieder durch Verständnis- und Mitleidsbekundungen durchsetzt).

Ich glaube ich war im letzten Jahr nicht mehr so wütend, wie in diesem Augenblick. Vor dem Grab eines so kleinen Kindes, mit dessen Geburt und Tod wahrscheinlich das Glück von einigen Menschen für lange Zeit mitbegraben wurde – und wovon man sich vielleicht nie erholt, vor diesem Grabe und über dieses Grab reden Menschen auf so eine Weise.

Ich wäre denen beinahe ins Gesicht gesprungen. Aber was soll man da sagen? Ich hatte so eine kalte Eishöhle voller Wut in mir, dass ich wahrscheinlich nur ein paar Laute herausgebracht hätte. Für mich ist die deutsche Kultur sowieso schon am Tiefpunkt – aber das war noch mal weit unter allem, was ich je vermutet hätte.

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2 Kommentare zu “Eine Lektion in Bescheidenheit – Eine Lektion in Wut

  1. Ich kann mir die Damen vorstellen, wie sie hin und her gerissen sind zwischen geheucheltem Mitleid und borniertem Unverständnis…sicher war es gut, zu schweigen. In diesem Fall. Sie hätten es nicht verstanden….Nur wundern kann man sich da manchmal.

  2. Ich glaube ihnen war sehr bewusst, dass sie gerade etwas Schlimmes taten. Es ist dieses verkniffene Lächeln, mit dem man manchmal Sachen begründet, das sagt: Ich bin mir bewusst, aber ich sehe gerade keinen Ausweg aus meinen eigenen Gedanken.

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