Niemals mit Fremden sprechen!!! — Wirklich – oder doch nicht ????

Es scheint Volksmeinung zu sein, dass man Kinder beibringt: Nicht mit Fremden sprechen – Keine Geschenke von Fremden annehmen, usw.

Die bösen Fremden.

Aber auf der anderen Seite waren alle Menschen, die ich kenne, einmal Fremde für mich.

Ein viel größeres Problem ist eigentlich die Isolation von den Mitmenschen und diese hohe Mauer, die wir um uns herum haben. Die Distanz zu unseren Mitmenschen. Unsere Wohnungen und unser Gebrauch der öffentlichen Räume sind schon fast Kopien von Gefängnissen und Friedhöfen. Spontan beim Nachbarn klingeln – das geht selten durch. Wenn er drei Häuser weiter wohnt, ist das gesellschaftlich nicht akzeptabel. Sich mal mit seinem Klappstuhl auf die Straße setzen und Passanten in ein Gespräch verwickeln (oder nur schauen) – dabei vielleicht ein Buch lesen – 20 Minuten später werden sie abgeholt – mit der Polizei – oder schlimmer.

In vielen Kulturen gibt es noch das öffentliche Leben – da sind die Straßen am Sonntag voll. High Life. Wenn hier die Geschäfte zu sind – ist die Straße tot. Jemand sagte mal: Deutschland – Zombieland.

Doch der Mensch ist ein soziales Wesen – die Nähe zu anderen Menschen ist das wichtigste in seinem Leben. Früher machten sich Kulturen nicht die Mühe Gefängnisse zu bauen – sie verwiesen einen einfach der Gesellschaft. Man wurde ausgestoßen – und das ist weit schlimmer als ins Gefängnis zu kommen.

Bei den Römern hieß „leben“: inter homine esse (entschuldigung für mein schlechtes Latein) – also unter Menschen sein.

Menschen zu kennen, Menschen kennen zu lernen, mit Menschen reden, … das ist das wichtigste in unserem Leben…

Doch was bringen wir unseren Kindern bei: Sprich nicht mit Fremden.

Weil wir Angst haben: der nächste Fremde könnte genau der Perverse sein, der unserem Kind etwas antut.

Letztens hat Chopper (als wir an einem Haus vorbeigingen) gesagt: Mmmmm…. das riecht aber gut …. die kochen gerade…

Ich antwortet (mehr als Witz): Klingel mal…. vielleicht geben sie Dir was zu essen…

Die Gran fiel aus allen Wolken.

Aber warum fallen wir bei solchen Vorschlägen aus dem Himmel. Sie sagen einfach nur „nimm Kontakt zu den Menschen Deiner Umwelt auf“. Das ist doch nicht schlimm. Und dennoch lächeln wir verkniffen und denken uns, hoffentlich tut er das nicht.

Er tat es nicht.

Auch aus erzieherischer Sicht muss man sich wirklich mal fragen: Lerne ich dem Kind wirklich einen kompetenten Umgang mit Fremden, wenn ich ihm sage: Sprich nicht mit ihnen.

Wie soll man denn da lernen, wie verschieden die Menschen sind? Wie soll er gute Umgänge und schlechte Umgänge auseinander halten lernen? Wie soll er das Selbstbewusstsein entwickeln mit anderen Menschen so umgehen zu können, dass sie seine Grenzen nicht verletzen?

Das alles bleibt offen, wenn wir die Türen unserer Kinder so verschließen. Mit Fremden zu sprechen, sie zu Freunden zu machen, sie respektieren oder auf Distanz zu halten, wenn nötig, das sind Fähigkeiten, die man lernen muss. Und der Satz: Sprich nicht mit Fremden. Der trägt zu keiner einzigen Erkenntnis bei. Nur zur Isolation.

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8 Kommentare zu “Niemals mit Fremden sprechen!!! — Wirklich – oder doch nicht ????

  1. Pingback: Blogwelten: Teufelswerk oder gesellschaftsfordernd? | Blog Dich Frei

  2. Warum sollen Kinder denn nicht mit Fremden sprechen? Und ab wann ist jemand ‚fremd‘? Wenn man die Zeitungsmeldungen verfolgt, ist der Böse doch häufig der Onkel oder ein guter Bekannter, und nicht der FREMDE. Ich denke, Sprechen muss sein, aber MITGEHEN ist verboten.

  3. (1000Sunny Mummy)
    Das haben wir Chopper und Nami auch gesagt: niemals mitgehen! Aber Chopper behauptet steif und fest, dass man auch nicht sprechen dürfe, weil das die Berenstein Bears sagen. Allerdings sind laut Chopper „Fremde“ auch nur „Leute, die böse schauen“… Das ist das gute an Büchern: Man kann unterbrechen und kurz über den Inhalt sprechen. Ich werde Gran bitten, uns das entsprechende Buch leihen, dann kann ich das mal kritischer mit ihnen durchgehen.

  4. Ich denke, sie machen das sowieso so. Wenn sie was kriegen – schnappen sie es sich, freuen sich und laufen zum Spielen. Wir erziehen sie zur Verbindlichkeit. Vielleicht sollte uns einfach ein Danke genügen.

  5. Da bin ich Deiner Meinung. Mit Fremden sprechen ist mehr als ok. Unser Kleiner spricht und plappert jeden an, der ihm interessant erscheint. Und so schafft er es auch, dem griesgrämigsten Gesellen manchmal ein Lächeln abzuringen, weil der seinem Charme erliegt. Das freut mich und ich sehe gern die Wirkung meines Kindes auf andere…Bisher sind wir ja immer mit dabei…später, da werd ich mir was einfallen lassen müssen, um ihm zu lehren, dass manche Menschen eben auch Böses im Schilde führen. Aber erst soll er das Gute im Menschen entdecken dürfen.

  6. Zu dem Thema empfehle ich das Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“ von Richard Sennett.

    http://www.amazon.de/Verfall-öffentlichen-Lebens-Tyrannei-Intimität/dp/3596273536

    Es geht grundsätzlich stark um gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse/Machtverhältnisse:
    Menschen in passivem Zustand kommen nicht auf den Gedanken, institutionelle Regeln in Frage zu stellen bzw. mit ihnen zu spielen.

    Seit der Aufklärung im 17.Jhd wurde der Mensch in unserer Gesellschaft mehr und mehr zum passiven Zuschauer erzogen, und damit isoliert. Ratio/Vernunft wurde als höchstes Prinzip erklärt, daraus folgt, dass Spontaneität vom bürgerlichen Publikum verachtet wurde, und als Zeichen für die „niedere Arbeiterklasse“ (für Primitivlinge, etc…) angesehen wurde. Einiges davon wurde im Laufe der Geschichte natürlich wieder etwas liberaler gestaltet, gesellschaftsfähig gemacht (Sexualität), aber alles in einem Rahmen (Stichwort: Scheinindividualitäten, unechte Freiheiten, lügenhafte Wahlfreiheiten).

    Leben im öffentlichen Raum hat in westlichen Industriegesellschaften hauptsächlich den Zweck für Konsum, Fortbewegung, passivem Zuschauen. Anfang des 20. Jhd. (ca. um 1930 herum) wurde das auch gesetzlich verankert, dass der Verkehr auf den Straßen den absoluten Vorrang hat vor allem anderen.

    Will man auf der Straße was anderes machen, sogenannte öffentliche Kundgebungen oder Versammlungen oder sonstwas, muss dies amtlich angemeldet werden.
    UND: Man hat für solche öffentliche Kundgebungen oder Versammlungen etwas zu bezahlen, je nach Ort ungefähr zwischen 10 und 50 Euro. Es muss ja eine amtliche Überprüfung stattfinden dieser öffentlichen Kundgebung/Versammlung und die kostet gleich mal ordentlich Geld.

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