Testen oder nicht testen – das ist hier die Frage

Zur Zeit stellt sich in Schulen wieder die Frage nach dem Wie und Wie oft sollte man testen. Auslöser waren die Jahrgangsstufentests und Vera8 . Die Frage stellt sich, soll man die Tests wirklich nicht benoten – oder schon?

Für Noten sprechen: Die Leistung wird sich steigern, weil die Schüler sich Mühe geben ansonsten nicht. Dieser Argumentation muss man zustimmen.

Gegen Noten sprechen: Ist in manchen Ländern gesetzlich verboten (wieso denn nur?) – damit sich die Schüler nicht unter Druck gesetzt fühlen. Vielleicht will man einfach die Tests nicht verfälschen. Die Verfälschung würde entstehen, sobald ein Test zur Selektion beiträgt. Dann sind nämlich auch die stolzen Eltern gefragt – den Lebenslauf ihres Kindes in Richtung Gewinner zu lenken (Nachhilfe, bis spät üben, …).

Die Frage ist aus empirischer Sicht ganz einfach zu bewerten: Der Schüler braucht so viel Feedback wie möglich. Das steigert die Motivation.

Es gibt aber Faktoren, die die Motivation sinken lassen:

1.) Benützt man die Tests nur, um mein Interesse auf Dinge zu lenken, die mich nicht interessieren?

2.) Benützt man die Tests um mir Feedback zu geben und mir die Möglichkeit zu geben, mich mit meiner Leistung an meinen Maßstäben zu messen oder soll ich nur selektiert und eingeordnet werden?

Tja, und beides ist eben in der Schule gegeben.

ad 1.) Das Zeug liegt größtenteils außerhalb der „zone of proximal development“ – also es ist uninteressant für die Schüler. Sollte es dennoch interessant sein, kann man sicher sein, dass man die Details gefragt wird, die eben auch wieder ausserhalb der „zone of proximal development“ sind. Also muss man es auswendig lernen, wenn man eine gute Note will – wenn es unbenotet ist, dann eben nicht.

ad 2.) Auf der anderen Seite ist es natürlich nicht da, um einem persönlich Feedback zu geben und sich stetig zu verbessern (so wie Computerspiele das vorbildlich tun). Das kann man schon daran sehen, dass man den Test nicht beliebig oft wiederholen kann. Die eigenen Maßstäbe werden auch nicht berücksichtigt, ich kann mir sogar vorstellen, dass der ein oder andere über den Gedanken schmunzelt – so absurd hört sich das an. Da die Schule mittlerweile den Fokus mittlerweile von Wissensvermittlung auf Selektion verlegt hat, ist man es so gewöhnt hier nur extrinsisch motiviert zu arbeiten, dass alles andere lächerlich erscheint (dem Schüler). Stellen Sie sich (als arbeitender Mensch vor) ihr Chef würde sie bitten unbezahlt (also unbenotet) zu arbeiten.

Also, so viel wie möglich testen – aber vorher mindestens die aktuelle Literatur über Motivation lesen – und bitte nicht injizierte Motivation mit intrinsischer Motivation verwechseln.

Woanders interessiert man sich für die Vergleichbarkeit. Da die Fächer wechseln ein Jahrgang Mathe, ein anderer Englisch – werden verschiedene Jahrgänge in verschiedenen Fächern getestet. Damit enstehen dann gewünschte Aussagen wie: Die Schüler sind in Deutsch besser als in Mathe (aber eben leider über verschiedene Jahrgänge).

Jetzt stelle ich mal ernsthaft die Frage, was heißt eigentlich: „In Deutsch besser als in Mathe“ ? Natürlich, es müssen viel mehr Gelder in die Mathematik fließen und wir rufen das Jahr der Mathematik aus. Dann heißt es vielleicht in ein paar Jahren: „Mathe besser als Deutsch“ – das ist ja noch schlimmer, als das letzte Ergebnis. Unsere Jugend verlernt ihre Heimatsprache – Gelder alle schnell wieder ins Fach Deutsch. Und Schiller-Jahr ausrufen. Ein relativer Vergleich mit sich selbst in einem anderen Fach ist irgendwie das unsinnigste, das ich mir vorstellen kann. Die Frage ist nicht, ob die Kinder eine Sache besser als eine andere können. Die Frage ist: Können sie was? Wollen sie es anwenden – oder am liebsten nur noch vergessen? Und ganz schnell laut Musik hören, Komasaufen. Hauptsache: diese lästig fremdkontrollierten und fremdbestimmten Gehirnzellen abtöten? Vielleicht ist das Vergessen des Wissens in der Schule einfach nur eine Autoimmunreaktion des Geistes – der seine Selbstbestimmung wieder herstellen will.

Es gibt ein paar interessante Beobachtungen, die Selbstbestimmung betreffen:

In Altenheimen sterben nicht freiwillig internierte Menschen in der Regel innerhalb von 6 Monaten. Menschen, die freiwillig dort hin sind, leben normal weiter.

Im Zimmerpflanzenexperiment hat man Altenheimbewohnern Zimmerpflanzen zum selber pflegen gegeben (und einer anderen Gruppe hat man die Zimmerpflanzen gepflegt) – was passierte ist: die einen Bewohner blüten auf (die Selber-Pfleger), die anderen vegetierten weiter. Nahm man den Selber-Pflegern die Pflanzenpflege weg, und goß für diese, so vegetierten diese noch viel schlimmer. (Hier gibt es recht viele Experimente in verschiedenen Variationen – mit Möbeln – mit Pflanze wegnehmen).

Vielleicht ist es Zeit sich bei den Tests zu besinnen: Beibringen, wie man die Leistung an Maßstäben misst, die man selbst für wichtig hält. Kinder das Lernen selbst bestimmen lassen. Eine Art Meta-Lernen. Lernen 2.0 – Testen 2.0

—–Aber die Frage Wohin mit all den Lehrern? weitet sich dann aus: Wohin mit all den Kultusministern?

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