Wohin mit all den Lehrern

Angeregt von Mrs. h. Kommentaren, müssen wir uns heute mal einer Gretchenfrage stellen.

Wohin mit all den Lehrern, wenn die Schulen wirklich alle dichtmachen würden?

Das ist natürlich total illusorisch, dass wegen Homeschooling/Unschooling innerhalb der nächsten 5 Jahre alle Schulen dichtmachen, aber die Angst scheint den Lehrern in den Knochen zu stecken.

Soviel ich weiß sind in Amerika (seit 30 Jahren Homeschooling) keine Schulen deswegen geschlossen worden. Pro Schule fehlen sind vielleicht 3 Schüler weniger, aber das ist jetzt kein Problem.

Nehmen wir aber trotzdem folgendes Science-Fiction-Szenario an:

Am 27. Oktober 2008 (also morgen) lässt der KulMini alle Schulen schließen und beschließt: Alle Kinder sollen die Ressourcen und Zeit zur Verfügung gestellt bekommen, ihrer natürlichen Neugier folgen zu dürfen. Dafür gibt es ein Bildungsgeld – 500 € im Monat, das jedem Menschen von 5 – 20 Jahren mit sofortiger Wirkung ausgezahlt wird. Schulen bleiben, ebenfalls mit sofortiger Wirkung geschlossen, es werden keine neuen Lehrer mehr eingestellt. An den Universitäten werden die Studiengänge Lehramt nicht mehr angeboten.

Nun ja, was die Kinder in meiner Nachbarschaft machen würden, das weiß ich 🙂 Aber darum geht es nicht.

Was würde also mit den Lehrern geschehen. Natürlich sind die meisten verbeamtet und deswegen würde nicht viel passieren. Aber nehmen wir mal an, dass die Lehrer wirklich in die freie Wirtschaft müssten.

Sie hätten natürlich ein großes Problem, denn so weit mir bekannt ist, ist ein Lehramtsstudium eine abgespeckte Version des echten Studiums (entschuldigung… des Diplomstudienganges). Und ich kenne keine bekannte Firma, die einen Lehramtler einstellen würde (vielleicht melden sich aber ein paar Firmen hier und zeigen uns ihren guten Willen).

Zudem haben die meisten sich über Jahre hinweg nur mit KulMini-Lehrplänen beschäftigt und deswegen ist einiges an Studiumswissen verlustiert gegangen. Da sie gewöhnt sind, auf einer absoluten Skala zu bewerten, die leider im echten Leben selten zur Verfügung steht (und sich auch die wenigsten Erwachsenen gefallen lassen würden) müssten sie sich das auch abgewöhnen. Sonst erleben wir in Zukunft Szenarien wie:

-„Wo stehen denn hier die Mikrowellen“

-„Sie stehen nicht, sie werden ausgestellt, Deine Frage ist eine glatte 5“

-„Was, ich bin hier Kunde, und siezen sie mich gefälligst“

Nein ernsthaft, ich glaube selbst in so einem Horror-Szenario würden Kinder etwas lernen wollen, mit ihrem Bildungsgeld würden sie Lehrer bezahlen (um gezielt Kurse zu machen) oder um auf sie aufzupassen (denn die Eltern bekommen ja nicht auf einmal unbegrenzt Urlaub).

Allerdings wäre das Verhältnis nun Kunde-Dienstleister und die Kunden würden auf einmal wissen, was die Arbeit der Dienstleister wert ist. Und umgekehrt würden die Dienstleister wissen, dass sie nun etwas leisten müssen und die Bedürfnisse ihrer Kunden effizient befriedigen müssen. Dies würde wiederum das Ansehen des Lehrerstandes in der Bevölkerung von dem jetzigen auf 100 bringen.

Es gäbe wahrscheinlich auch immer noch ein paar Familien, wo die Kinder sagen, ich lerne alleine mit meinem Umsonst-Bibliotheksausweis und kaufe mir für die 500 € monatlich eine Wohnung. Oder Eltern, die nicht in die Arbeit gehen wollen würden und gerne mit ihren Kindern zusammen die wundervolle Welt erkunden wollen.

Ich glaube auf so einen KulMini könnten wir alle nur stolz sein, denn Bildung wäre keine Zwangsveranstaltung mehr, deren Zweck sich auf Selektion kondensiert und deren Menschenbild ein negatives Bild vom Lernbedürfnis der Menschen beinhaltet. Es wäre etwas, was man sich leistet. Etwas, in das man investiert und die Weichen und Entscheidungen dafür selber stellen und treffen muss. Dieser KulMini wäre ein Bildungsminister. Und die ganzen Tests könnten wir durch produktives Feedback, Freude am Leben und der Arbeit, und einer Menge Qualität in den sozialen Berufen, Verantwortungsbewußtsein und Erfindungsgeist in den wissenschaftlichen Laufbahnen und pro-soziales Verhalten in den kaufmännischen Berufen ersetzt werden.

Aber das ist alles Science-Fiction und morgen um 7 Uhr werden Millionen von Kindern zurück an ihre Schreibtische gehen und ihre Schulbücher auf Seite 24 aufschlagen oder ein Diktat machen. Und Lehrer müssen weiterhin ihre ungeliebte Funktion als Diktator besetzen.

…Jeder der sagt: Du hast ein zu positives Bild vom Menschen, Kinder wollen nicht selber lernen. Dem kann ich nur sagen: Du warst zu lange in der Schule.

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16 Kommentare zu “Wohin mit all den Lehrern

  1. Kinder wollen selber lernen, Kinder dürstet es nach Wissen und sie platzen vor Neugierde.
    Aber spätestens mit 10 geht die neugierde in eine Richtung, die nichts mehr mit Allgemeinbildung zu tun hat: sie kennen alle texte von US5 auswendig (sicher kann man als english-Text heranziehen, aber die Anzahl der verschiedenen Wörter in diesen texten reicht nicht zu kommunizieren), sie kennen alle Geburtstage der US5-Mitglieder, sie wollen leben und MAthe und gemüse nervt. Der Blick aus der Erfahrung mit 2 und vierjährigen ist da etwas verklärt….

  2. Hmmmm…. ich weiß jetzt nicht genau, was das Beispiel soll.
    Meine Meinung zu Mathematik habe ich schon hier geäußert:
    https://freiebildung.wordpress.com/2008/08/30/das-einfachste-fach-der-welt-mathematik/
    und hier
    https://freiebildung.wordpress.com/2008/09/01/der-weg-zur-mathematik-fuhrt-geradewegs-an-der-schule-vorbei/
    Allerdings geben Sie auch ein Beispiel an, wie ihre Kinder anfangen sich in die westliche Kultur einzufügen und sich sozialisieren. Zudem trainieren sie ihr Gedächtnis (leider nicht mit Schillers Glocke, Goethes Faust oder der Nationalhymne -wie sich das die Erwachsenen wünschen (während sie Desperate Housewifes und Doctor House anschauen), sondern halt mit Texten von Menschen, die sie ansprechen). Da finde ich jetzt auch nichts Schlimmes dran – meine Meinung ist ja, dass Kinder die Zeit brauchen für ihre Dinge, sonst sind die erwachsenen-Dinge später nur antrainiert und versiegen nach der Prüfung.
    Ich wäre auf jeden Fall gespannt, was passieren würde, wenn ich mit penetranter Vehemenz Chopper oder Nami mit Mathe nerven würde.
    Die gucken und spielen lieber „Thomas the Tank Engine“ und Youtube:
    https://freiebildung.wordpress.com/?s=Computerspielen+ohne+Ende
    ..
    PS: Wenn ich mir die Computerbücher anschaue, die heutzutage in Informatik in der Schule benützt werden, würde ich sagen: So hätte ich wahrscheinlich sehr früh aufgehört, mich für Computer zu interessieren.
    Schule ist halt nun mal zum abgewöhnen, und alles, was die Schule besetzt – ätzt.

  3. Oh… vielleicht kommt das nicht klar genug hervor: Wir sind Unschooler (also Menschen, die nach oben beschriebenem Bild lernen).. es gibt mittlerweile eine Menge Unschooler auf der ganzen Welt. Ein Leben ohne Schule ist möglich. Wenn Sie sehen wollen, wie das bei älteren Kindern läuft, dann müssen sie in oben angegebenem Webring schauen… oder auch hier http://www.pro-lernen.ch/blog/

  4. Wenn Sie das nicht so machen, ist das natürlich Ihre Sache.. aber bitte nennen Sie mich deswegen nicht verklärt. Eher „anders aufgeklärt“ 🙂

  5. Ja gerne. Wir brauchen mehr kritische Schooler.

    Die Frage bleibt aber: Wohin mit den ganzen Lehrern? Das Lehramtsstudium gilt ja leider nicht als richtiges Diplomstudium. Übrigens ein ganz mieser Trick (finde ich) um sich der Treue der Lehrer zu versichern (zusätzlich zum Beamtenstatus und zum Streikverbot)

  6. Also, ich erinnere mich daran, dass meine Lieblingsmusikgruppen mich damals sehr angespornt haben, Englisch zu lernen. Sogar einen Spanischkurs in der Volkshochschule habe ich belegt, weil ich Hereos del Silencio vergöttert habe. 😉
    Mir hat das total viel gebracht.
    Weil ich und meine Freundin U2 und Queenfan waren, übersetzen wir Songtexte, schrieben wir englische GEschichten und nahmen an Englischwettbewerben teil. Wir beschäftigten uns auch mit England und Irland, usw.
    Irgendwann waren wir große Kelly Family Fans, durch die wir dann angefangen haben, ganz viel Musik zu spielen und Songs selber zu schreiben und neue Instrumente auszuprobieren.

    Dagegen kann ich also auch nichts einwenden. 🙂

    Sorry, 1000sunny, nicht ganz am THema. 😉

  7. Ich sehe schon, wir brauchen endlich einen Eintrag über den Respekt vor fremden Kulturen – auch den fremdartigsten, denen der Kinder 🙂
    ….
    Auf Spanisch bekam ich damals durch diese Zeilen Lust:
    Hoy en mi ventana brilla el sol
    Y el corazon
    Se pone triste contemplando la ciudad
    Wer weiß es (ohne zu googeln 😉

  8. (Das hatte ich schon vermutet ;), fragte bloß ob ich bei dict.leo nachschlagen dürfte, wenn nicht gegooglet werden darf…)

    Das lied kenne ich nicht (auch Jeanette nicht). Ja, ich bin auf den Mond aufgewachsen 😯 !

  9. *argh*

    Waren wenigstens die Wörter, die ich geraten habe, richtig geraten???

    (Ich schätze ich vermisse lauter solche Lücken in meiner Bildung 😉 )

  10. Pingback: Testen oder nicht testen - das ist hier die Frage « -Thousand Sunny’s Weblog-

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