Bildungseffizienz – ein Fremdwort

Wie kommt es, dass man 13 (oder 12) Jahre das Gymnasium durchläuft – jeden Tag etwas Neues dazulernt – und dann nach einem 1.8 Abi bei Domäne an der Info arbeitet? Oder mit einem 1.1 Abi als Kellner jobbt?

Viele Schulabgänger sind nicht ausbildungsfähig – also schlimmer noch, als bevor sie in die Schule kamen.

Brasilianische Straßenkinder können besser Mathematik als Deutsche Gymnasiasten. Jemand, der die Schule abbricht hat eine bessere Leistungsorientierung und ein besseres Lernverhalten als jemand, der die unteren Schulen erfolgreich abschließt.

Um es mit einem Satz zusammenzufassen: Wer die Deutsche Schule durchlaufen hat, der weiß viel und kann wenig. Wenn man mal von den Deutschen Basis-Kulturtechniken, wie Komasaufen, absieht.

Dennoch, es wird immer mehr Geld in ein Bildungssystem gesteckt, dass anscheinend eine Nullnummer – von vorne bis hinten ist.

Dabei wollen Kinder durchaus nicht dumm bleiben – folgende Gespräche führe ich immer wieder (mit den Grundschülern in unserer Nähe):

Kind: Ich hasse die Schule!

Ich: Da kann ich dich gut verstehen.

Kind – total Baff – schimpft einige Zeit auf die Schule

Kind dann: Aber ohne Schule bleibt man dumm.

Ich: Wenn Du die Bücher zu Hause lesen würdest, die ihr in der Schule lest, bleibst Du dann auch dumm?

Kind: Ja.

Ich: Und wie wirst Du dann schlau?

Kind: In der Schule muss ich sitzen.

(so fehl geht man schon in der 3.Klasse – und ich könnte hier locker noch 30 solche Gespräche hinschreiben – ohne Gegenbeispiel)

Alle Kinder waren (ausnahmslos!) darum besorgt etwas zu lernen.

Zudem haben wir einen Intelligenzbegriff, der eigentlich dazu gedacht war Schulleistungen vorauszusagen. Binet sortierte die Fragen nur nach diesem Kriterium aus.

Hans Eysenck, der stahlbewehrte Verfechter des IQ Begriffes, formulierte das so: „Die Arbeitsämter sind voll mit Hochbegabten“. – Seine Erkenntnis: „Leute, die echt etwas bewirkt haben (Nobelpreis, Universalgenie) hatten meist nur durchschnittliche Intelligenz“.

Die Human-Termites Studie brachte auch kein anderes Ergebnis zu Tage. Hier wurden die intelligentesten ausgesucht, deren Lehrer begeistert waren und ein extra Empfehlungsschreiben schrieben. Was wurde aus diesen tausenden hochintelligenten 8-jährigen. Normalos. Ein paar machten sich einen Namen mit einer Fernsehserie.

Was wir brauchen ist einen neuen Begriff: Den der Bildungseffizienz.

Ich will hier nicht propagieren, dass man aus der Bildung eine Ausbildung machen soll – aber ich will sagen: Jemand der alle Formeln über Becquerel auswendig kann, aber nicht weiß, wo er einen Geigerzähler kaufen kann, oder ihn bedient – der hat keine Fähigkeit erworben – sondern nur Ballast.

Jemand der Platon übersetzt hat, aber nie versucht hat, die Höhle zu verlassen und ins Licht zu schauen, der hat keine Tiefe erworben.

Und deswegen muss man nach einer 13 Jahre langen Bildung noch studieren, dann Praktikum, dann Training on the Job und so weiter. Bis man dann mit 30 fähig ist zu arbeiten.

Unsere Bildung hat zur Zeit eine Effizienz von null. Ein Haufen Pharisäer, die sich um Bonmots und statistische Relevanz bemühen erdichten Lehrpläne, die jedem Menschen eine identische Startposition ins Leben ermöglichen sollen. Das ist ein Fabrikgebäude aus Elfenbein. Eine Fließbandbildung ohne Effizienz.

Enthusiastische Lehrer werden in diesem System zerquetscht. Interessierte junge Menschen in den Gehirntod geschickt.

Frau Merkel hat das Problem erkannt (ihr Timing war ähnlich spät, wie bei der Finanzkrise) – bald findet der Gipfel zur Bildungsrepublik statt.

Mal schauen, was es bei der Bildungskasperlrepublik noch bewirkt, wenn jetzt die Planwirtschaft noch mal von vorne geplant wird. Aktuell denken junge Menschen aber, dass das Zeugnis und die Anwesenheit das wichtigste Ergebnis ihrer Bildung ist.

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8 Kommentare zu “Bildungseffizienz – ein Fremdwort

  1. (Mama) Das wäre schön, wenn die Effizienz bei 0 läge – aktuell scheint sie darunter zu liegen, so wie dort die Kinder und Jugendlichen abbauen und zu vergessen scheinen, dass sie einmal interessierte, neugierige Wesen waren…

  2. (Papa)
    Ich wollte nicht zu negativ erscheinen 🙂

    Als ich damals den Titel: >Schluss mit Schule< von Bertrand Stern las, dachte ich mir nur: „so ein Spinner“. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich so eine Forderung mittlerweile voll verstehen kann.

  3. Sehr schön geschrieben!
    Ich kam mir tatsächlich nach der Schule SO vor. Sozusagen am 0-Punkt. Und diesen Ballast abzuwerfen – wenn überhaupt möglich – dauert Jaaaahhhre.
    Es ist echt grauenvoll!
    Ich hoffe, dass ich das meinen Kindern ersparen kann.
    Zumindest wissen wir, dass es auch anders geht. Meine Tochter geht gern zur Schule, weil sie dort nichts lernen muss und nicht still sitzen muss, und den ganzen Tag draußen spielen kann. Es ist wie zu Hause, praktisch, nur dass sie eben einige Stunden an einem anderen Ort ist, mit anderen Menschen. Ich wundere mich ja auch, dass solche Schulen in Deutschland überhaupt möglich sind – denn sie stellen nichts anderes dar, als Unschooling/Homeschooling, nur dass eben ‚qualifizierte Lernbegleiter‘ in der Nähe sind. 😉

  4. Ich war auf einem Vortrag eines Univ.Prof der Wirtschaftsuni Wien, der das „konservative Schulsystem“ mit dem „wirtschaftlich orientierten Schulsystem“ (= Schule so wie sie sich die Wirtschaft wünscht) verglich. Der Vortrag hatte den Titel

    Bildung und Innovation. Was die Ausbilungssysteme zu mehr Unternehmertum beitragen können?
    Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Franke
    Institut für Entrepreneurship und Innovation, WU Wien

    Ich versuche das ungefähr wiederzugeben, was er gesagt hat, denn es hat mir ziemlich gut gefallen:

    konservatives Schulsystem: Fehler machen ist verboten. Daraus folgt, dass man kein Risiko eingeht, denn wer Risiken eingeht, der macht womöglich Fehler. Dadurch wird Angst gefördert und Mutlosigkeit.

    wirtschaftl. Schulsystem: Fehler machen ist erlaubt, man soll halt nur möglichst die gleichen Fehler nicht zweimal machen, aber grundsätzlich wird Risikobereitschaft belohnt, die Leute sollen mutig agieren, und nicht aus lauter Angst davor, einen Fehler zu machen, risikoscheu werden. Mut, Risikobereitschaft, keine Angst vor Fehlern.

    konservative Schule = auswendig lernen
    wirtschaftl. Schule = Probleme lösen, praktische Lösungskompetenzen erwerben und entwickeln. es geht nicht darum, etwas auswendig zu lernen, weil die inhalte sich viel zu schnell ändern. es geht darum, dass leute lernen, wie sie probleme lösen. eigenverantwortlich usw…

    Mir persönlich gefällt am besten der Punkt mit dem Fehler machen erlauben. In der Schule und auf der Uni hat sich oftmals niemand zu Wort gemeldet in meiner persönlichen Erfahrung, einfach aus dem Grund weil die Leute Angst hatten, etwas falsches zu sagen. Gerade auf der Uni sind Diskussionen immer am spannendsten, aber die meisten Leute melden sich kaum zu Wort, trauen sich nix zu sagen, aus Angst davor, etwas dummes zu sagen, oder eben etwas falsches zu sagen und mal einen Fehler zu machen (omg ein Fehler omg, da geht ja gleich die welt unter wenn man mal einen Fehler macht…) Dabei ist es ja gar nicht schlimm, wenn man Fehler macht und experimentierfreudig und mutig ist. Die ängstlichen „Fehlerscheuen“ finde ich da viel schlimmer größtenteils.
    Bestes Beispiel immer noch Disco: der oder die mutige quatscht das objekt der begierde einfach an, fragt ob es mit ihm schlafen will, egal…what the heck…. die fehlerscheuen und ängstlichen trauen sich sowas leider nicht, sie wurden bereits in der schule zu risikoscheuen individuen erzogen, die sich selbst keine fehler verzeihen können, und mutlos sind.

    Konservatives Schulsystem: reproduziert, man lernt etwas auswendig und reproduziert das dann, gibt das auswendig gelernte wieder.
    wirtschaftliche Schule: ist kreativ, lösungsorientiert, innovativ, reproduziert nicht, sondern ist eher daran interessiert, eigene ideen zu entwickeln. (auch praxisorientierter)

  5. Ein Zyniker würde jetzt sagen: Die konservative Schule erlaubt doch Fehler – nämlich ihre eigene Existenz. 🙂

    Ansonsten hat Herr Franke natürlich vollkommen recht. Nicht nur die Wirtschaft würde das so sehen – auch die Pädagogik bläst hier in das selbe Horn. Fehler sind eine wichtige Lernquelle.

    Das Problem der Schule ist natürlich nicht, dass sie einen auf den Nullpunkt bringt. Sie stößt einen weit darunter. Sie baut Hemmschwellen auf. Risikoaversion. Und Bewertungsorientierung.
    Ein Schulboykott ist hier vielleicht die einzige Lösung, die Politiker vielleicht verstehen könnten. Hier müssen Eltern, Kinder, Jugendliche, Wirtschaft und Lehrer zusammenhalten und nicht weiter ihren Unmut äußern, sondern der Schule die Macht nehmen.
    Fernbleiben, Unschoolen, Selber lernen, mit Freunden lernen. Das Schulgebäude nach dem Unterricht für Freizeitaktivitäten nutzen.

  6. Ich finde den Artikel sehr überzogen und auch ungerecht. Ich könnte Dir einige Gegenbeispiele aufzählen, von Kindern, die in der Schule nicht nur Zeit absitzen und den Blick auf die Noten richten. Auch von Menschen, die nach dreizehn Jahren Schule sofort überaus arbeits- ud lebenstüchtig waren (und schon während der Schulzeit).

    Ein Beispiel: eine junge Frau, hat während ihrer Gymnasialzeit beim Roten Kreuz Rettungssanitäter- und dann Rettungsassistenten-Ausbildung absolviert, nebenzu in einer Kinderarztpraxis als Helferinnen-Unterstützerin gejobbt, Babysitting bei behinderten Kindern gemacht, danach eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester absolviert und wurde danach als eine der wenigen Absolventinnen übernommen, studiert aber mittlerweile hauptberuflich Medizin und arbeitet nur noch an den Wochenenden in der Kinderklinik. Eine ganz normale junge Frau, die nett und ausgeglichen ist, und dennoch – und trotz oder/und wegen ihrer schulischen Bildung – Immenses leistet. Sie gibt vielleicht ein besonders erstaunliches Beispiel, aber solch erfolgreiche, auch kritische etc. und bei allem lebenstüchtige (ehemalige) Schüler sind nun beileibe keine Einzelfälle.

    Ich habe gelesen (auf einem der Blogs, die ich besuche, war es wohl), daß ein Drittel der Schüler die Schule mit Gewinn durchlaufen, ein weiteres Drittel ohne daran nachhaltig Schaden zu nehmen. Dein Artikel aber klingt danach, daß es zwangsläufig alle sind, die Schaden nehmen (es sind nach der anderen Quelle nur ein Drittel, die definitiv Schaden nehmen).

    Hans Eysenck, der stahlbewehrte Verfechter des IQ Begriffes, formulierte das so: “Die Arbeitsämter sind voll mit Hochbegabten”. – Seine Erkenntnis: “Leute, die echt etwas bewirkt haben (Nobelpreis, Universalgenie) hatten meist nur durchschnittliche Intelligenz”.

    Der erste Satz nüßte bewiesen werden, ich zweifle daran, wenn ich mir die Menschen, die ich beim Jobcenter immer wieder antreffe, vor Augen rufe. (Im Gegensatz zu Hans Eysenck bin ich eine, die das Jobcenter aus der Sicht einer ALG II-Empfängerin kennt, nicht nur eine, die von außen einen großzügigen Blick wirft und weittragende Worte wagt.) Beim zweiten Satz müßte es m. E. nicht „durchschnittliche Intelligenz“ sondern „durchschnittliche Noten“ heißen. Dann würde die Aussage vermutlich richtig sein.

    Dann frage ich mich natürlich auch, was sind Leute, die echt was bewirkt haben? Was ist z. B. mit der Mutter, die sechs Kinder großgezogen hat, die nun im Leben ihre Frau und ihren Mann stehen? Was ist mit dem Landwirt, dem Weinbauern etc., der von Kindesbeinen an in dieses Metier hineingewachsen ist und von Jugend an die Scholle bewirtschaftet hat? Usw.

  7. Hi Eljascha,
    hoops. Ich will natürlich klarstellen, dass ich mich nicht gegen die Teilnehmer der Schule richte (nicht gegen die Kinder, und auch nicht gegen alle Lehrer).
    Ich richte mich dagegen, dass man jahrelang irgendwo drinnen sitzen muss. Und dann noch mit zweifelhaftem Ausgang.
    Beispiele, wie Du sie aufgezählt hast gibt es viele.
    Die Mama1000Sunny kennt sogar einen Fall, wo ein Lehrer einer Schülerin bei dem entwickeln von einem Patent geholfen hat. Wir hatten auch einen Lehrer, der uns beim Bundes-Informatik-Wettbewerb geholfen hat. Und eine andere, die mir die das Alphabet beibrachte.

    Das mit der durchschnittlichen Intelligenz bei Genies ist eine Tatsache – laut Eysenck (dessen Forschungsgebiet der generelle IQ g war).

    Ich wollte auch keinesfalls die Leistungen der „kleinen Arbeiter“ (die am Ende die Brötchen backen, die wir essen) und vor allem nicht die der Mütter (und Väter:) die zu Hause bei den Kindern bleiben schmälern. Kinder sind einer der schwersten (rund um die Uhr) Berufe der Welt. Wenig belohnt in unserer Kultur.

    Als Schaden rechne ich aber auch die verlorene Zeit – denn wie Du schreibst, die ganzen Qualifikationen hat sie anscheinend neben der Schule erworben. Als Schaden rechne ich auch körperliche (Verspannungen, schlechte Körperhaltung, versaute Wirbelsäule, abtrainierten Bewegungsdrang).
    Den Gewinn stelle ich hier den Kosten gegenüber – und dann frage ich mich: Ist es das Wert? Oder können wir das ganze nicht viel angenehmer und effizienter erreichen?
    Muss ich 8-13 Jahre in der Schule sitzen und irgendwas lernen (das mich vielleicht nicht interessiert) und mir dabei die intrinsische Motivation externalisieren lassen, um dann in 2 Jahren eine zielführende Ausbildung zu machen, für etwas, das mich schon viel früher interessiert hat.

    Ich hoffe ich konnte die Wogen glätten 🙂

    Vielleicht hätte ich schreiben sollen: Wer NUR die Deutsche Schule durchlaufen hat, der weiß viel und kann wenig. Denn zur Zeit entscheidet wirklich, was man noch außerhalb macht.

    Also, ich ziehe meinen Hut vor allen, die neben der Schule noch die Zeit finden etwas zu machen. Und ich hoffe, dass die flächige und zeitliche Ausdehnung der Ganztagsschule dieser Eigeninitiative nicht bald den Garaus macht.

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