Illusion of Selbstbestimmung – Eine pädagogische Erkenntnis kommt in die Schule

Nehmen wir folgenden Versuchsaufbau an:

Wir stellen 3 Gruppen eine schwere Aufgabe und spielen ihnen während dieser Aufgabe laute Baustellengeräusche vor.

Die Gruppen unterscheiden sich in einem Punkt:

Gruppe A: bekommt einen roten Schalter, mit dem sie den Lärm ausschalten kann

Gruppe B: bekommt einen roten Schalter und gesagt, sie kann den Lärm damit ausschalten, der Schalter funktioniert aber nicht (der Lärm geht weiter)

Gruppe C: bekommt keinen roten Schalter

Welche Gruppe macht die Aufgaben am besten? Intuitiv würde man sagen: Gruppe A, sie kann ja den Lärm ausschalten. Gruppe C ist wirklich schlecht gegenüber der Kontrollgruppe (ganz ohne Lärm und Schalter). Gruppe B, und das ist die Überraschung, ist so gut wie Gruppe A. Soweit ich mich recht erinnere beschwert sich nur Gruppe C über den Lärm, Gruppe A und B rühren ihren Schalter fast nie an.

Man bekommt also Selbstbestimmung – diese Selbstbestimmung existiert aber nicht wirklich. Sie ist Betrug. Das Problem: Sobald man den Betrug entdeckt, geht die Leistung unter die von Gruppe C.

Nun gibt es einen sehr interessanten Thread auf einem sehr interessanten Blog von Herrn Rau – hier wird eine Schulvereinbarung vorgestellt, die Schülern / Lehrer / Eltern ihre Rechte und Pflichten ins Gedächtnis ruft. Die Schulvereinbarung wurde in einem Arbeitskreis erstellt (soweit ich das beurteilen kann) und jeder konnte mitmachen.

Wenn man der Diskussion folgt – und die Schulvereinbarung durchliest – dann kriegt man aber den Eindruck, dass sie ziemlich einseitig ausgefallen ist und den Schülern und den Lehrern unterschiedliche Strenge an Pflichten und unterschiedliche Kriterien der Pflichterfüllung beimißt (um das vorsichtig zu formulieren).

Um das zu verdeutlichen habe ich einfach den ersten Absatz genommen und Lehrer und Schüler vertauscht. Das Ergebnis lässt einen Schmunzeln, so mancher wird aber auch nachdenklich werden (oder wütend):

LEHRER
• achten die Autorität der Schüler
• sind hilfsbereit gegenüber allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft
• akzeptieren die von den Schülern vorgegebenen Regeln
• begegnen einander höflich und bemühen sich um einen freundlichen
Umgangston
SCHÜLER
• begegnen ihren Lehrern in und außerhalb des Unterrichts so, wie sie selbst
behandelt werden möchten
• schätzen die ihnen anvertrauten Lehrer nicht ausschließlich aus der Sicht
des jeweiligen Faches und der darin erbrachten Unterrichtsleistungen ein
• berücksichtigen im Umgang mit den Lehrer, dass diese noch lernende
Kinder und Jugendliche sind, unterstützen sie im Lernen sowie in ihrer
Entwicklung und fordern höflichen Umgang ein

Was passiert nun, wenn die Schüler irgendwann einmal verstehen, was viele Kommentare dort andeuten. Schüler und Lehrer haben einen unterschiedlichen Stellenwert, ihre Beziehung ist assymetrisch, und die Schüler sind nicht nur dort um Sachen zu lernen und sie über die Mittel der Vernunft sich selbst zu erschliessen (und natürlich andere nicht zu verletzen) – nein, sie dürfen auch geformt werden. Schule soll zu einem Lebensort werden und Lehrer zu Menschenbildnern.

Die Frage ist nicht, ob mir das Angst macht, die Frage ist: Wann entdecken die Schüler, dass sie hintergangen wurden, und wie sieht die Gegenreaktion aus ? Kann so eine Schulvereinbarung Erfolg haben ? Oder wurde hier Wind gesät – Lehrer haben hier implizit zugegeben, dass für eine funktionierende Schule hauptsächlich die Schüler die Hebel in der Hand haben. Die Lehrer sind nicht mehr nur auf die Unterschrift der Eltern angewiesen. Nein, auch die Schüler müssen unterschreiben, sie dürfen sogar mitbestimmen (wie auch immer das in der Praxis aussah). Und sie dürfen (wenigstens in einer Übergangszeit) auch Nein sagen.

Auch wenn die Schulvereinbarung in einem Jahr vielleicht sogar vergessen sein wird. Die Entwicklung ist da.

Brave New School – that has such pupils in it.

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6 Kommentare zu “Illusion of Selbstbestimmung – Eine pädagogische Erkenntnis kommt in die Schule

  1. danke für den sehr schönen Artikel. wunderbar aufgedeckt und entlarvt, mit den vertauschten vorschriften, „die du jeweils dem feind zugeordnet hast.“

    obwohl es ist ja gar nicht zu überlesen, dass es ganz und gar nicht um eine gleichstellung geht. sätze wie „schüler achten die autorität der lehrer“ sagen doch schon alles aus. die autorität ist gegeben, und wird verkörptert von den lehrern. das schließt schon mal jede gleichstellung aus.

    gleichgestellt und autorität ist ein widerspruch, entweder jeder hat das gleiche recht, und niemand besitzt eine autorität, oder es gibt eben doch autoritäten, die das sagen haben, und die ohne autorität unterdrücken. eben die lehrer, die die autorität haben, die schüler zu unterdrücken.

  2. Genau. Es ist aber dennoch süß, dass sie sich mittlerweile der Zustimmung des Schülers durch seine Unterschrift versichern wollen. Früher wären die nicht auf diese Idee gekommen. Da ist schon viel erreicht 🙂
    Betrug ist es aber immer noch.
    Bis der rote Knopf kommt, mit dem man die Schule abschalten kann, wenn man sie als störend empfindet ist wohl noch ein weiter Weg.

  3. Nachdem ich hier und auch im Blog von Herrn Rau schon einiges über diese Schulvereinbarung gelesen hatte, hab ich sie mir über den Link bei Herrn Rau doch mal angeschaut. Auch mir geht es so, dass ich beim Lesen eine gewisse (mir unangenehme) „Asymmetrie“ zwischen Vorschriften für die Lehrer und die Schüler feststelle. Allerdings geht es mir auch mit den „Vorschriften“ für die Eltern so. 2 Beispiele: „Eltern akzeptieren die von der Schule vorgegebenen Regeln“ (dies entspricht den Vorschriften für die Schüler, aber Lehrer müssen keine vorgegebenen Regeln akzeptieren). „Eltern üben sich in konstruktiver Konfliktlösung“ – dies steht unter der Überschrift „Sicherheit“ und ist ja keine schlechte Idee, aber warum steht es nur bei den Eltern und nicht bei den Lehrern? Eltern müssen üben, Lehrer haben das wohl nicht nötig? Sehr merkwürdig!

  4. Laut Mainstream-Meinung sind die Eltern ja (neben den Schülern) an dem ganzen Dilemma erst schuld, da werden die natürlich in Sippenhaft genommen. Diese ganze SV finde ich von Tag zu Tag merkwürdiger – wenn jetzt nicht mal mehr die Eltern “symmetrisch” behandelt werden. Wär mal eine Nachfrage Wert, ob das wohl auch von “Natur aus so gegeben” ist.

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