Eltern haften nicht für ihre Kinder

Heute ist der Chopper einfach mit dem Fahrrad davon gefahren. Wir gingen vom Spielplatz los und er schoß davon. Ich hatte die Wahl – renne ich einem 4 Jährigem auf einem Fahrrad hinterher und lasse eine 2 1/2 Jährige auf einem 3-Rad zurück oder andersrum.

Da Chopper schon recht verkehrssicher ist – und auch nicht alleine über Straßen geht (hoffentlich ändert sich das nicht) – entschloss ich mich also bei Nami zu bleiben. Chopper würde bestimmt in den Schulhof fahren und dort spielen….

Fehlanzeige. Chopper war nicht im Schulhof.

Chopper würde bestimmt an der nächsten Straßenecke warten….

Null Punkte. Chopper war auch nicht an der nächsten Straßenecke.

Nun ja, irgendwann fanden wir Chopper dann doch. Eine Kindergärtnerin (witzig nicht) war ihm bis auf den Schulhof gefolgt und hatte ihn dann mir zurückgebracht. Dort, wo ich auf ihn wartete (sie kannte mich).

Ich denke zwar Chopper wäre auch alleine gekommen, aber es war doch sehr beruhigend. Ausgeflippt bin ich nicht. Sorgen habe ich mir auch keine gemacht (vielleicht ganz wenig und unbewußt). Aber irgendwie war ich mir sicher: Chopper ist jetzt schon groß und er verhält sich bestimmt richtig.

—-

Was mir aber bei der ganzen Sache auffällt ist: Überall sind Gefahren für diese Kinder. Autos, Entführer, noch mehr Autos (und überhaupt – allüberall Autos und Busse und Motorräder und andere große schnelle Fahrradfahrer).

Eigentlich gehört ganz München den Autos. Was wäre, wenn Chopper von einem Auto erfaßt würde. Chopper müsste ins Krankenhaus, ich müsste den Schaden bezahlen und das Jugendamt käme wahrscheinlich auf mich zu.

Aber nicht nur fahrende Autos. Nein, auch wenn Chopper auf dem Fahrrad das Gleichgewicht verlieren würde und in ein Auto fällt, das mitten auf dem Fußweg parkt. Ich müsste zahlen und Chopper hätte eine blaue Beule.

Auch auf Baustellen und überall steht: Eltern haften für ihre Kinder.

Egal, was Kinder in der Stadt auch tun. Sie bedrohen damit:

1.) Ihr eigenes Leben

2.) Den Lack von anderen.

Es wäre nur allzu schön, wenn man den Spieß umdrehen könnte. Kinder hätten auf den Straßen vorrang (vielleicht sogar alle Menschen). Baustellen würden hinreichend abgesichert. Leute die einen perfekten Lack haben wollen parken in der Garage, alle anderen müssen mit Kratzern rechnen.

Eltern haften nicht für ihre Kinder. Bauherren haften für ihre Baustellen. Harte Autobleche haften für die Beulen, die sie verursachen. Zäune und Bäume dürfen von Kindern beklettert werden.

Wer hat denn eigentlich den Autos die ganzen Straßen der Stadt überschrieben? Gab es da einen Volksentscheid? Oder sollte mir das mein gesunder Menschenverstand oder meine Sozialisation als Gottesgesetz vorgeben?

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10 Kommentare zu “Eltern haften nicht für ihre Kinder

  1. Ich sah mal im Fernsehen einen Bericht über ein geniales Stadtmodell. Leider habe ich vergessen, wo es war, ich glaube, in Skandinavien oder Island. Aber leider weiß ich es nicht mehr. Auf jeden Fall haben dort Stadt-und Verkehrsplaner die Infrastruktur dieser kleinen Stadt völlig auf den Kopf gestellt und verändert. Beinahe alle Verkehrsschilder wurden entfernt, die Verkehrsteilnehmer, egal ob Auto, Fußgänger oder Radler, haben alle die gleichen Rechte. Der Verkehr regelt sich allein durch die Interaktion zwischen den Straßenbenutzern. Genial! Und: es funktioniert! Die Planer wissen, dass sich dieses modell nur dadurch durchsetzen läßt, dass sich die Menschen in die Augen schauen und nonverbal verständigen…und sie machen es, die Unfallrate sank signifikant, was auch darauf zurück geführt wird, dass sich keiner mehr auf Regeln verläßt. Eine coole Sache. Aber sowas in Deutschland? Kann man wohl lange drauf warten…

  2. Ein Mikrobeispiel kenne ich aus den Verkehr in Kanada.

    An Kreuzungen ohne Ampelanlage gibt es 3 oder 4 Way-Stops. Dass heisst, alle haben einen Stoppschild, aber es gibt keine Regelung „Rechts vor Links“ sondern man ist darauf angewiesen, mit den anderen Teilnehmer die Regelung spontan zu treffen (was dann üblicherweise aber nicht zwingend immer heisst: first come, first go).

    Ich glaub auch fast, ohne Regeln würde man unter sich schnell eine Regelung finden (was möglicherweise zutiefst demokratisch wäre, also wirklich „vom Volk“ her kommend).

    Ganz interessante Gedanken, denn auf der andere Seite gibts immer welchen, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind sowie Schutzbedürftigten… (alleine, wenn ich an der Wursttheke stehe und ein Kind misachtet wird, so als ob es sich nichts kaufen könnte/wollte/dürfte…).

    Liegt vermütlich viel zusammengeknöpft mit 1) unser Menschenbild und 2) unser Weltbild.

  3. Das mit den Baustellen ist so eine Sache: Diesen Sommer gab es im Landkreis KA einen tödlichen Unfall, weil ein Fünfzehnjähriger mit mehreren Kumpels auf ein Kiesgrubengelände eingedrungen war und – trotz entsprechender Warnschilder – einen Kiesberg beklettert hatte. Der Kies geriet ins Rutschen und der Junge wurde damit nach unten und unter Tonnen von Kies gezogen und begraben. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Ich will nicht sterben.“

    Dieses Kiesgrubengelände liegt an einem Baggersee (bzw. der See entsteht durch das Kiesbaggern und liegt somit beim Kieswerk) und wird trotz bollwerkartiger Umzäunung immer wieder entgegen allen Warnungen unrechtmäßig betreten.

    Leider ist die menschliche Dummheit (und Unwissenheit und Leichtfertigkeit gehören dazu) so groß, daß die schönsten Konzepte nicht verhindern können, daß es immer wieder zu Tragödien kommt.

    Haftungsregelungen, Haftungsausschlüsse, Haftpflichtversicherungen für KFZs und Privathaftpflichtversicherungen haben schon ihren Sinn.

  4. Hi Benni, meinst Du, wenn Chopper mit seinem Fahrrad gegen ein geparktes Auto knallt und der eine Dulle hat – dann kann ich einfach weitergehen?

    Das mit den dynamischen Regeln finde ich auch eine sehr schöne Lösung. So etwas ähnliches habe ich in Psychologie gelesen. Es scheint, wenn die Leute Verantwortung statt Bevormundung zu haben, dann reduzieren sich die Unfälle drastisch (ich habe das mit Fahrrädern und deren Fahrtrichtung gelesen).

    .
    Am Baggersee haben wir auch immer gespielt. Diese Schilder hatten für mich in der Jugend folgende Aussage: „Schau mal – hier wird es echt interessant! Aber warte bis es dunkel wird – oder keiner Dich reingehen sieht“

  5. Am Baggersee haben wir auch immer gespielt. Diese Schilder hatten für mich in der Jugend folgende Aussage: “Schau mal – hier wird es echt interessant! Aber warte bis es dunkel wird – oder keiner Dich reingehen sieht”

    Das fällt für mich auch unter Leichtfertigkeit und Unwissenheit. Es scheint ganz so als wäre es in einer überwiegend vom Menschen gestalteten relativ künstlichen Umwelt nicht mehr möglich, daß Kinder und Jugendliche ein gesundes Gefahrenbewußtsein entwickeln. Dazu kommen dann rebellische Ansätze gegen die Erwachsenenwelt usw.

    Ich war mit meinen Eltern und Geschwistern von klein auf regelmäßig in den Bergen und ich denke, das hat mir zu einem gewissen Respekt vor den Naturgewalten verholfen, besonders natürlich dazu, im Gebirge Gefahren wahrzunehmen. Als ich dagegen das erste Mal in meinem Leben mit dreizehn Jahren am Meer war (und noch nicht gerade weltmeisterlich schwimmen konnte), bin ich mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester auf einer Luftmatratze bei beginnender Ebbe (das war uns natürlich nicht bewußt) ca. einen Kilometer ins Meer rausgepaddelt. Unsere Tante und Onkel, mit denen wir die Ferien verbrachten, waren entsetzt – zu Recht. Da es an der Adria war und dort Ebbe und Flut nicht so stark ausgeprägt sind wie anderswo, kamen wir wohlbehalten wieder zurück. Aber dumm war unsere vermeintlich mutige Unternehmnung schon.

    Ich glaube auch, daß es wichtig ist, daß beim shared space Projekt die Menschen so weit wie möglich Bewußtsein walten lassen und Verantwortung übernehmen, sonst würde es immer nur auf Kosten einiger Weniger gelingen, und die müßten dann ständig nachgeben. Andererseits denke ich, daß so ein shared space Projekt den Menschen helfen könnte, Bewußtsein walten zu lassen und Verantwortung zu übernehmen. Der Anreiz dazu wäre sicher höher als wenn Regeln vorgesetzt werden, was in etwa den Effekten beim selbstbestimmten Lernen vergleichbar sein könnte.

  6. @sunny: keine Ahnung. Frag einen Anwalt. Höfflich wäre vielleicht einen Zettel zu hinterlassen. Auf jeden Fall hättest Du das Problem, dass Deine Haftpflicht wohl nicht zahlen wird (wobei da wohl bei manchen Verträgen extra Klauseln für drinnen sind), weil es ja eben höhere Gewalt war.

    Hier in Frankfurt gibts übrigens auch gerade eine Diskussion um Shared Space und schon seit Jahren dürfen hier die Fahrradfahrer gegen die Einbahnstrasse fahren.

  7. Den Zettel könnte ich gleich festtackern 🙂 – Nein Schmarrn. In echt bin ich meistens voll nett 🙂
    Haftpflicht hab ich eh nicht.


    Shared Space ist wirklich toll. Wir haben ja mittlerweile eine immens hohe Grenze, die öffentlichen Flächen zu nutzen. Wenn man daran denkt, dass man sich mal mit seinem Klappstuhl einfach an den Straßenrand setzt und ein Buch liest. Dieser Gedanke erscheint einem total lächerlich, daran sieht man, wie hoch die innere Barriere aufgebaut wurde.

  8. Haftpflicht kann ich allerdings empfehlen. Das ist eine der wenigen Versicherungen die Sinn machen. Ich hatte auch lange Jahre keine und dann bin ich an einen Autonarr geraten dem ich einen Kratzer in sein Heiligtum gemacht hab – den man zwar nicht wirklich gesehen hat, ausser wenn man sich in einen ganz bestimmten Winkel begeben hat und auf eine besondere Art geblinzelt hat – der aber trotzdem 600 Euro gekostet hat. Alles völlig „legal“.

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