Freitag der 10.te Oktober 2008

Papa: „Wo ist denn unser Apfelsaft?“

Mama: „In der Kammer!“

Papa: „Seit wann benützen wir die denn?“

Mama: „Seit Freitag“

… seit Freitag dem 10.10.2008 benützen wir unsere Kammer. An diesem Freitag sind die Börsen nach einer schlimmen Woche noch einmal richtig schlimm ins Minus gegangen.

Meiner Mutter hatte ich geraten, langsam Vorräte aufzubauen: Mehl, Dosen, haltbare Milch, Nudeln, Reis —

und genau das haben wir am Freitag auch gemacht. Und damit war dann auch die Kammer als Nahrungsmittellager in Gebrauch.

Am Freitag sah die Welt noch so schlimm aus, dass ich wirklich dachte, bald passiert irgendetwas Schlimmes – z.B. Krieg.

Dieses Wochenende konnte ich eigentlich immer nur ca. 5 Stunden schlafen, danach ging nichts mehr. Ich war wach und meine Gedanken rasten.

Mama1000Sunny und Papa1000Sunny entwickelten zusammen einen Plan für Montag. Den Plan B. Falls alles schiefgehen würde, wie man noch ein bisschen was retten könnte. Dieser Notfallplan war die Reißleine, die nur 10 Meter vor dem Aufschlag gezogen worden wäre. Alle 10 Minuten schaute ich in den Computer – nach neuen Ereignissen. Nach den Plänen der Regierung ihr Versagen abzumildern – denn die letzte Woche hätte nie passieren dürfen.

Regierungen, so sagt man, sind dafür da, dass sie in Krisenzeiten schnell reagieren können. Aber so spät, wie in dieser Krise reagiert wurde, ist praktisch unvorstellbar.

Heute ist Montag, die Aktien haben sich so stark erholt, dass ich wahrscheinlich wieder 8 Stunden schlafen kann. Und dass ich Hoffnung habe mit einem blauen Auge davonzukommen.

Der Rettungsplan der Regierung ist heftig. Immer, wenn ich ihn mir durchlese, habe ich das Bild einer Bluttransfusion vor Augen. Auf der einen Seite der Steuerzahler, ganz blutleer und halbtot, auf der anderen Seite das Finanzwesen (Banken, Börsen, Wirtschaft); verbunden sind beide durch einen Schlauch mit einer Blutpumpe, beschriftet mit Rettungspaket. Und der Arzt, Frau Merkel und ihre Regierung steht zwischen beiden und sagt: „Zur Not gehen noch ein paar Liter Blut zusätzlich“.

Aber wer im Kapitalismus lebt (und diesen vielleicht auch will), der muss nun einmal den Aktionären rettend beispringen, auch wenn sie es vielleicht nicht verdient haben. Denn sonst gibt es morgen keine Aktionäre mehr. Und dann gibt es übermorgen auch keinen Kapitalismus mehr.

Wer denkt die Geschichte ist hier zu Ende, der irrt (glaube ich). Der größte und aufregendste Teil kommt erst noch, denn was diese letzten Wochen für die Zukunft der Geldwährungen bedeutet, das wird noch sehr spannend.

Wir schreiben hier und heute Geschichte. Der aktuelle Einbruch des Systems (und auch die Rettungsmaßnahmen) stellen alles in Frage, was wir bis vor wenigen Wochen noch für richtig und gut hielten. Und die nächsten Wochen werden soviel Nerven kosten und so wichtig sein, dass sie unsere Zivilisation nachhaltig verändern können.

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6 Kommentare zu “Freitag der 10.te Oktober 2008

  1. Und, hat Dich dieses globale Großereignis nun vom Aktienhandel kuriert oder wirst Du weitermachen? (Oder mußt Du, beruflich? )

  2. Hmmm… beruflich muss ich es nicht. Ich bin ja in keinem Angestelltenverhältnis. Ich bin eine Art Privatier (gewesen 😦 ).
    Kuriert bin ich nicht. Ich denke bei Aktien liegt ja kein Fehler im System (wie dann über die Stränge geschlagen wird und Leerverkäufe und Wetten, das ist eine andere Sache – aber ich bin ja langfristig orientiert). Außer man kritisiert gleich den ganzen Kapitalismus.
    Ich glaube ich war einfach zu dumm. Schlicht und einfach.

    Was ich aber auf keinen Fall mehr machen werde (und das ärgert mich an der ganzen Sache am meisten): Keinen Spaß bei der Arbeit haben. Das Geld, das ich in den letzten beiden Krisen (Dot-Com und Subprime) verloren habe, das hatte ich mit meinem Blut verdient (einmal sogar mehrmals im Krankenhaus). Der letzte Chef ist sogar durchgedreht und hat in Mitarbeitergesprächen von der Zerstörung Atlantis‘ geredet. Das mache ich nicht mehr. Gottseidank haben wir unser Lebensmodell umgestellt, so dass wir Familie und Beruf komplett vereinbaren können. Sonst heißt es ja immer Privatleben oder Karriere. Das will ich nicht mehr. Und das haben mir auch die beiden Krisen deutlich gezeigt. Geld ist einfach zu schnell verloren (oder entwertet), als dass man dafür ohne Freude arbeiten sollte. Hart arbeiten, jederzeit. Ohne Freude, nie wieder.

    Ich wüsste bis jetzt nichts, was Aktien und Immobilien ersetzt. Wäre aber für Vorschläge dankbar 🙂

  3. Oh, damit kann ich Dir nicht dienen,leider. Ich habe ein einziges Mal ein kleines Aktienexperiment gemacht zu Zeiten, in denen es alle versucht haben und sogar einen kleinen Gewinn erzielt. Aber ich kenn mich viel zu wenig aus…und jetzt sind wir nicht in der Lage oder trauen uns auch nicht, den normalen Status „Angestellter mit sicherem Einkommen“ zu verlassen…Tips hab ich da keine. Ich überlege auch oft und suche nach DER Geschäftsidee…aber andere sind einfach cleverer 😉

  4. Es ist doch Kauf-zeit, wo die Preise doch im Keller sind (so ähnlich wie Sommerschlussverkauf, oder? Schnäppchen Zeit!)

    Man muss nur wissen, was weiterhin gefragt wird (global denken).

    Stichwort iPhone. Weisst du, wo die größte Nachfrage herkommt? Und wenn du diese Frage weiter denkst, was sind die begleit Produkte?

    Wenn du diese Fragen (und ähnliche) beantwortet hast, hast du deine nächste Aktie!

  5. @Andrea
    — leider funktioniert das bei mir nicht. Ich bin anscheinend zu weit weg vom Mainstream (.. auf diese Weise habe ich mal viel Geld mit Versant verloren … allerdings habe ich mal einen 12 jährigen gefragt, was der für Cool hält … als ich diese Aktie kaufte habe ich damit wirklich Geld verdient 🙂

    @Schlapunzel
    Bei dem „Angestellten mit sicherem Einkommen“ muss man aber bis man 60 ist arbeiten („arbeiten“ ist OK für mich… „müssen“ ist nicht OK).
    Zudem ist die Rente so eine Sache. Dann hat man noch Inflation, kalte Progression usw. Auch nicht meine Traumlösung.

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