Gymnasium macht dumm..

… das ist jetzt ein öffentliches Geständnis.

Kurz nachdem ich das Gymnasium verlassen hatte (ich hielt sogar die inoffizielle Abirede auf der Abendparty) heuerte ich bei Wellshire Securities an.

Das war eine üble Abzocker-Firma, die uns ein Training gab, wie man Leuten das Geld aus der Tasche redet und sie so lange abzockt, bis sie Pleite sind.

Wir bekamen ewig lange Telefonlisten mit tausenden von Adressen und mussten stundenlang Leute in allen Teilen Deutschlands anrufen. Als Guter Abiturient auf Belohnung, Lob und Strafe getrimmter war ich natürlich gefügig, ohne weiter zu hinterfragen.

Und wer träumt nicht, nach dem Abitur Karriere zu machen, und noch dazu bei einem großen Broker (also als Aktienhändler).

Wir bekamen Kundenfragen und Verkäuferantworten

Und keiner hinterfragte was wir machten. Niemand von uns. Wir waren es gewöhnt gesagt zu bekommen, wo es lang ging. Das hatten wir immerhin 13 Jahre trainiert.

Ich schäme mich heute noch, auf diesen Haufen von Geiern hereingefallen zu sein. Aber die meisten wussten wohl selber nicht, was sie da taten, oder?

Ich war nur 2-3 Wochen dort – ich erinnere mich nicht genau. An was ich mich erinnere ist ein Sommer in einem Büro mit abgedunkelten Fenstern, zugezogenen Jalousien und überall Zigarettenrauch.

Mitgehörte Telefondialoge,
Gehalt bar in Briefumschlägen, Verkaufstrainings und gestoppte Telefonzeiten.

Einmal, als ich von
dem Stuhl aufstehen wollte, hatte ich die Vision, dass mich die Erde verschlingen wollte – also blieb ich sitzen und telefonierte weiter.

Das ist Gottseidank alles vorbei und kann mir auch nicht mehr passieren. Das Gymnasium ist lange hinter mir und die Lektionen von dort habe ich Gottseidank alle vergessen. In der Uni bin ich nach dem Vordiplom in keine Präsenzveranstaltungen mehr gegangen.

…aber 13 Jahre Bildung und als Ergebnis ein Job bei einer Betrügerfirma. Das ist ein Armutszeugnis für alle, die Schule gestalten.

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8 Kommentare zu “Gymnasium macht dumm..

  1. Lol, Du machst es Dir ja schön einfach. Einfach allem wird der Schule die Schuld für gegeben.
    Was kann die Schule dafür, wenn Du auf so etwas reinfällst, und auf so ein tiefes Niveau herabfällst? – Gesunden Menschenverstand muss man eben auch haben. – Ich habe auch das Abitur gemacht, und bin deshalb trotzdem nicht in so einer Firma gelandet. – Das heißt jetzt nicht, das Schule ach so toll ist, und die alles richtig machen. Aber der Schule einfach Schuld für alles zu geben, finde ich ein bisschen einfach und ehrlich gesagt albern…

  2. 🙂 Hast recht. Hab ich mir bei dem Artikel auch gedacht. Auf der anderen Seite, wo wird denn der Verstand gebildet (laut Politik)? Und wenn ich denke, wie viel Geld meine Kameraden noch ein paar Monate vorher auf der Klassenfahrt an italienische Trickspieler verloren hatten (mit noch billigeren Tricks).
    Nun ja, ich war ja nur ein paar Wochen dabei – richtig überzeugt hat mich das ganze ja nicht. Und nach meiner Ausbildung an der Uni (die bietet ja noch echte Bildung und nicht nur Dressur) ist mir so etwas nicht mehr passiert 🙂
    Eine Frage stellt sich mir aber wirklich: Wo soll denn der gesunde Menschenverstand herkommen, wenn nicht aus der Bildung. Ist der angeboren – oder außerhalb der Schule? Wieso gehe ich dann 13 Jahre dort hin?
    Das ist eher meine Aussage: 13 Jahre für nichts. Pure Zeitverschwendung. Die echten Lektionen bekam ich in Crash-Kursen vom Leben.

  3. Solche Dialoge wie oben sind mehr als fragwürdig, klar! Aber Du hast es gemerkt und bist dadurch selbst nicht fragwürdig geworden!

  4. Mittlerweile ist es schon so lange her, dass ich nur noch drüber lachen kann… Ich habe es gestern gefunden, als ich altes Zeug eingescannt habe, um mich von dem Papierkram zu entlasten, aber die Erinnerung nicht zu verlieren.
    Aber ich dachte mir: Wie blöd warst ich denn?
    …nun ja, vor dem Knall der DotCom-Blase wusste hierzulande fast niemand zwischen normaler Rendite und astronomischem Irrsinn zu unterscheiden.

  5. Also meiner Meinung nach, muss bei der heutigen Schulsituation der gesunde Menschenverstand von den Eltern / der Familie vermittelt werden, in der Schule geschieht dies zu wenig. Ich persönlich habe damit auch kein Problem.
    – Trotzdem, die interessante Frage wäre jetzt, ob die Schule dies nicht vermitteln sollte… 🙂

  6. (Mama)
    Selbst wenn man mal davon ausgeht, dass Gymnasium nicht zwingend so dumm macht, dass man in einer Betrügerfirma anfängt, sind die realen Jobchancen mit Abitur doch trotzdem ein ernst zu nehmendes Armutszeugnis des „höchsten“ Schulabschlusses in Land. Ich kenne nicht eine Person, die ohne Vater-mit-gut-gehender-Firma aber wohl mit gutem Abitur einen anständigen Job hat anfangen können. Mit anständig meine ich einigermaßen intellektuell anspruchsvoll, mit Aufstiegschancen, angenehmes Einkommen, Möglichkeiten sich einzubringen, auf persönliche Stärken bauend. Halt ein Job, der Spaß machen könnte.
    Was bleibt also nach dem Abitur? Ein Job mit Einkommen zwischen 1000 und 2000€ brutto (was in München nicht ausreicht), eine Ausbildung (die man auch nach Realschule hätte machen können, man hat als Abiturient keineswegs dem Soll-Realschüler gegenüber Vorteile) oder ein Studium? Die meisten nehmen das Studium, was auch nach dem Abitur als einzig sinnvolle Möglichkeit dargestellt wird (Wieso machst Du eine Ausbildung, Du hast doch Abitur??!! erschrockene Gesichter im Kollegstufen-Raum). Das hat zur Folge, dass man (zu)viele unmotivierte Leute in den populären Studiengängen sitzen hat, die das Fach gewählt haben, weil sie in den Schulfach auch schon ganz gut waren, aber im Grunde genommen nichts über dieses Fach wissen. Aber da sie das sinnlose Lernen schon aus der Schule kennen, fällt es ihnen nicht auf, und sie lassen sich mitschleifen. Einige entwickeln sich im Laufe des Studiums, aber diejenigen, die sich nicht entwickeln, verbrauchen Ressourcen, die auch sinnvoll verwendet werden könnten. Und das alles, um eine gute Quote zu erzielen von Leuten, die erfolgreich ein Studium abschließen. Was wiederum die Folge hat, dass in vielen Fachbereichen ein Uniabschluss nichts mehr wert ist (mit einem Biologie Diplom kann man TA werden, das ist ein Ausbildungsberuf), und ein Doktor-Abschluss angestrebt werden muss, um irgendeine Chance auf dem Jobmarkt zu haben. Und das machen viele wiederum nur deshalb, weil sie sonst keine Möglichkeit haben, Geld zu verdienen. usw.

    Was ich damit sagen will ist dass das Schulsystem einer jungen Person nicht nur die Schulzeit wegnimmt/vergeudet und die Persönlichkeit des Menschen versumpfen lässt, sondern dass dieses ganze System viele weitere Folgen hat, die einem jungen Menschen das Leben schwer machen. Die Lösung ist einfach – Bildungsfreiheit für alle, auch für die, die eine Tagesaufsicht brauchen (deren Eltern arbeiten gehen müssen), also auch Freiheit für Kinder und Jugendliche, die in die Schule gehen. Allerdings ist diese Lösung auch eine gefährliche, da Menschen sehr wissbegierig sind und wohl einige mehr Systeme fallen würden, wenn sich Menschen mit dem beschäftigen dürften, was sie wollen.

  7. (Papa)
    Es wäre interessant das Gedankenexperiment: „Gesunder Menschenverstand in der Schule vermitteln“ mal weiterzudenken.
    Hast Du da schon Ideen, Shyru?

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