Integration aus Mitleid

Über Integration von Behinderten darf man ja als Normalbürger nicht herziehen. Ich weiß nicht mal, ob der Normalbürger noch „behindert“ sagen darf. Wie dem auch sei. Ich habe einen Ausweis, da stehen 50% Behinderung drinnen (gefühlt ist es ein bisschen mehr) und deswegen darf ich über uns Behinderte sprechen und wie man uns integriert – oder besser gesagt, wie man sich dazuschleicht um abzustauben.

Es ist eine unangenehme Wahrheit für die gesunde Majoritätsgesellschaft, dass Behinderte (körperlich) gar nicht blöd sind. Nein! Viel schlimmer! Wir sind (da körperlich eingeschränkt) eigentlich die wirkliche geistige Elite.

Man sieh sich das mal an, es gibt nun wirklich eine Menge „normale“ Menschen. Und dann schauen wir genauer hin! Der intelligenteste Mensch auf Erden ist: Stephen Hawking. Ein Behinderter.

Behinderte haben auch ein vielfaches an Lebenserfahrung. Vom ersten Moment, an dem wir denken konnten, mussten wir uns mit Tod und Behinderung auseinandersetzen. Wir wissen, was eine Behinderung bedeutet, und was die Gesundheit wert ist. Vom ersten Moment unseres Denkens.

Da wir körperlich eingeschränkt sind, und damit auch sozial (leider wahr) sind wir öfter mit unseren Gedanken alleine. Hawking ist ein extremes Beispiel, da seine einzige Fortbewegungsmöglichkeit praktisch seine Gedanken und seine Phantasie ist. Aber auch die leichteren Fälle sind mehr auf die Erlebniswelt in ihrem Kopf angewiesen. Niemand sollte uns aus Mitleid integrieren, so denken wohl nur nicht-behinderte. Es sollte eine eigene Behinderten-Förderung geben – ähnlich der Hochbegabten-Förderung. Denn, wer schon mal einen 9 jährigen Jungen gesehen hat, der schon 5 Mal am Herz operiert worden ist, und der so hoffnungsvoll über die Welt spricht, der weiß, dass dieser Junge schon lange erwachsen denkt.

Die aktuelle Integration von Behinderten läuft also in die völlig falsche Richtung. Uns einfach vom Sport zu befreien ist ein peinlich kurz gedachter Ansatz. Liebe Möchtegern-Integratoren, befreit euch erst einmal von dem Gedanken, dass wir minderwertig sind.

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15 Kommentare zu “Integration aus Mitleid

  1. You write:

    Der intelligenteste Mensch auf Erden ist: Stephen Hawking. Ein Behinderter.

    and

    a wir körperlich eingeschränkt sind, und damit auch sozial (leider wahr) sind wir öfter mit unseren Gedanken alleine. Hawking ist ein extremes Beispiel, da seine einzige Fortbewegungsmöglichkeit praktisch seine Gedanken und seine Phantasie ist.

    Now I truely understand the evolution of the Pizza Tree!!!

    😉

  2. Tangiert mich ja auch ganz stark, das Thema. Aber in ganz anderer Weise. Ich habe ja ein „geistig behindertes“ Kind. Also nix Intelligenz da. Jedenfalls solange man den Fehler wiederholt und wiederholt, Intelligenz nur aufs Kognitive zu beschränken. Aber es gibt auch die Intelligenz des Körpers, die seelische Intelligenz und und und. Und manche Menschen haben von einer Art (oder sogar mehreren) ganz besonders viel abbekommen) und manche sind in einigen Arten oder einer eingeschränkt wahrnehmungs- und ausdrucksfähig. Das Problem ist das Schubladendenken, aber ganz ohne Schubladen (also ohne analytisches Vorgehen) kann man wiederum nicht komplexe Sachverhalte darstellen.

    Irgendwie eine Katze, die sich in den Schwanz beißt, allerdings erst dann ein richtiges Problem, wenn Zwang angewandt wir (zwangsweise „Integration“), Freiheit beschränkt wird (Abschieben in spezielle Einrichtungen) und vor allem Menschlichkeit fehlt (den iundividuellen Menschen vor lauter Bestimmungen und Blockaden nicht mehr wahrnehmenen können und ihn zu einem „Fall“ machen) – und natürlich, wie Du geschrieben hast, durch das Minderwertigkeitsdenken.

    Geschrieben ohne großes Nachdenken und vielleicht ja auch irgendwie – daneben? Egal, ohne zu diesem Thema einen Kommentar zu hinterlassen, kann ich diese Seite nicht schließen!

  3. Geistige und körperliche Behinderung gehen ja leider oft miteinander einher. Bei den körperlichen Behinderungen ist es mittlerweile klar, dass sie den Geist nicht betreffen und sie noch „wertvolle“ Mitglieder der Gesellschaft sein können.
    Dieses Schubladendenken (Kategorisierung) was Du ansprichst macht es uns natürlich schwer, die wahre Bedeutung von Behinderungen zu erkennen. Behinderte (auch geistige) haben eine komplett andere Weltsicht, die man erschließen kann und sind auch ganz besonders. Dieses bleibt unserem Denken zur Zeit aber noch verborgen.
    Leider werden die Behinderten zur Zeit als „Montessori-Spielzeug“ für die normale Mittelschicht in integrativen Bildungseinrichtungen verheizt, anstatt wirklich auf sie einzugehen und sie in den Mittelpunkt zu stellen.
    Ich bewundere aber die Wenigen, die dieses Abenteuer trotzdem wagen, auch wenn es die Gesellschaft nicht versteht.
    http://schul-frei.blogspot.com/2008/07/wie-charlotte-lernt-1.html

  4. Hm…schwieriges Thema…und interessant für mich, Deine Meinung dazu zu hören. Allerdings ist es sich er für viele Menschen manchmal auch schwer, auf Behinderte Menschen zuzugehen, da sie schlicht nicht wissen, wie sie es machen sollen!? Ich persönlich „integriere“ einen behinderten Menschen, indem ich mit ihm genauso umgehe, wie ich es mit jedem anderen auch machen würde. Mit einem geistig behinderten Menschen geht das schon nicht mehr so gut, da muß man individuell drauf zugehen. Aber auch ein köperlich behinderter Mensch ist häufig sehr empfindlich, was seine Behinderung anbelangt und als Aussenstehender kann man nicht immer wissen, was erwartet wird. Das ist die Krux, für mich. Denn ich möchte niemanden verletzen oder jemanden zu Nahe treten, egal, ob behindert, oder nicht. Aber aus nächster Umgebung kenne ich es, dass behinderte Menschen manchmal „Mimosen“ sind, die sich schnell beleidigt fühlen…(und bitte, das soll keine Beleidigung sein!!! Das ist meine ganz persönliche Erfahrung mit ganz bestimmten Leuten!)Da ist es manchmal schwer, es recht zu machen. Und was die öffentliche Förderung anbelangt: es gibt nicht mal genügend anständige Schulen für Kinder, die gesund zur Welt kommen. Deutschland hinkt Bildungstechnisch an allen Ecken hinterher! Das darf man nicht vergessen. Und auch die Hochbegabten Förderung passiert lediglich auf eigene Initiative der Eltern! Die wenigen Schulen, die es für Hochbegabte Kinder gibt, sind meines Wissens nach überwiegend privat und kosten viel Geld…aber dennoch bin ich natürlich Ihrer Meinung, dass Behinderte natürlich integriert, gefördert und gefordert werden sollten, keine Frage. Aber ist es wirklich so, dass Sie sich überall als minderwertig angesehen fühlen? Ich kenne wirklich einige behinderte Menschen, die normalen Berufen nachgehen und sich keineswegs minderwertig dabei fühlen…woher kommt diese Ansicht bei Ihnen, das würde mich interessieren?

  5. Hallo Schlapunzel,

    Deine Frage, wie man mit Behinderten dann eigentlich umgehen soll, hat mich heute beschäftigt. Leider ist es ja so, dass die Menschen heute irgendwie nicht so gut miteinander umgehen. Also einfach normal mit ihnen umgehen ist wahrscheinlich nicht gut. Aber „anders“ mit Ihnen umgehen sollte man auch nicht.
    Vielleicht sollten wir uns einfach angewöhnen, die Bitten anderer einfach zu erfüllen ohne noch nach einem Grund zu fragen. In der Bibliothek frage ich immer nach dem Aufzug (den müssen die Angestellten dort aufsperren), dann schauen sie mich an und fragen: „Wieso, Sie können doch Treppen gehen“. Mittlerweile habe ich es also jedem dort erklärt, dass ich eine Behinderung habe, die man nicht sieht und dass ich die Treppen zwar runter komme, aber nicht hoch.
    Das ist ätzend. Ich würde doch nicht fragen, wenn ich kann. Also einfach der Bitte allen Menschen nachkommen, und hoffen, dass die Leute nicht einfach nur zum Spaß bitten.
    Damit kann jeder selber anfangen.

    Behörden sollten aber endlich aufhören integrierte Schulen zu pflanzen – Behinderte sind nämlich kein Montessori-Spielzeug zum üben von Toleranz und Sozialkompetenzen.

    Zur Schule, vielleicht bist Du neu hier und deswegen weißt Du es nicht, aber wir sind Unschooler (also unsere Kinder lernen frei – außerhalb des staatlichen/privaten Schulsystems).
    Unsere Erfahrungen mit dem Unschooling schreiben wir auf diesem Blog.

  6. Ok, jetzt verstehe ich besser, woher deine Einstellung kommt. Auf Bitten eingehen, ohne Hinterfragen, das wäre schon ein guter Ansatz. Für mich in der Regel kein Problem. Für andere, v.a. in öffentlichen Einrichtungen vielleicht manchmal ein Problem, weil andere, die Hilfe eigentlich nicht nötig hätten, manchmal unangenehm auffallen und damit den Nachkommenden, die wirklich Hilfe benötigen, den Unwillen und Argwohn hinterlassen…insofern kann ich beide Seiten verstehen.
    Und noch zum Montessori-Spielzeug: für mich war der Gedanke insofern bisher eigentlich immer ein schöner: ein gesundes Kind kann zusammen mit einem behinderten Kind lernen, kann VON einem behinderten Kind lernen. Z.B., wie man besser mit behinderten Kindern bzw. später Erwachsenen umgehen kann. Ich dachte oder denke, es könnte feinfühliger, mitfühlender werden, toleranter und offener…und das behinderte Kind hat die Möglichkeit auf die körperlichen Ressourcen der gesunden Kinder zugreifen zu können, die ihnen z.B. helfen, wenn es an körperliche Grenzen geht. Ist das nicht eigentlich ein schöner Gedanke der Integration?

  7. Ich glaube Dein Gedanke ist die romantische Urform, die auch die Menschen im Kopf haben, die die integrativen Schulen fördern.
    Da hat man dann immer den gesunden Burschen vor Augen, der seinen Freund im Rollstuhl schiebt.
    Allerdings vergessen wir, was mit dem Einarmigen im Pausenhof passiert, wenn der Lehrer wegschaut, oder dann, wenn er die Ex nicht mitschreiben muss, oder er ein Notebook in der Schule benutzen darf.
    Oder denken wir an den Herzkranken, der im Sportunterricht zuschaut, während alle anderen im Kreis herumlaufen müssen (aufwärmen).
    Der Gedanke, dass integrative Schulen an sich schon diskriminierend sind (im negativen Sinne) ist ein sehr Neuer.
    Wenn gesunde Kinder wirklich mit behinderten Kindern lernen wollen oder ehrenamtlich tätig werden wollen, dann sollte das nicht durch den Lehrplan (oder Schulsystem) erzwungen werden, denn dann zahlen die Nicht-Normalen die Zeche.

  8. Das stimmt schon irgendwie, wenn es wirklich so ist, wie Du es beschreibst. Das kann ich nicht wirklich wissen, weil ich selbst noch nie ein einer Montessori Schule war, sondern nur Bekannte habe, die dort ihre Kinder haben oder selbst dort waren. Von denen wurde mir eigentlich eher mitgeteilt, dass fast nur gesunde Kinder dort sind, aber von solchen Problemen hörte ich eigentlich nie!? Ein anderes Problem ist, dass man als „Normalsterblicher“ doch gar nicht so leicht an behinderte Menschen ran kommt. Das ist doch der Witz! Hier bei uns im Dorf gibt es z.B. ein Mädchen, das im Rollstuhl sitzt. Man sieht es nie irgendwo im Dorf. Es ist nicht auf dem Spielplatz, nicht am See, nicht bei Festen. Ich weiß nichts über sie, hab sie nur mal zufällig mit ihrer Mutter vor dem Haus gesehen und war erstaunt, dass es dieses Mädchen dort gibt. Sie lebt wohl in ihrer für sie „optimierten“ Welt, aber inwiefern da andere Kinder reindürfen und v.a. sie in die Welt da draußen, das frage ich mich…wie also sollen Kinder denn in der Freizeit Kontakt zu kranken Kindern finden, wenn sie nicht zufällig von Haus aus jemanden kennen?

  9. P.S. Entschuldige, wenn ich mich hier so fest schreibe, aber über sowas könnte ich stundenlang im positiven Sinne diskutieren…v.a., wenn man mal die Gelegenheit hat, mit jemanden zu sprechen, der selbst betroffen ist und sich damit auseinander setzt

  10. Hallo Schlapunzel,

    das ist schon OK, wenn Du so fest schreibst. Ich freu mich drüber. Ich habe mich auf eine ziemlich provokante Position gestellt (indem ich das Minderwertigkeitsdenken – wie eljascha schrieb – einfach mal umgedreht habe). Ich hoffe ich komme nicht als zu starker Hardliner rüber.

    Über die Montessori habe ich eine Buchbesprechung geschrieben: https://freiebildung.wordpress.com/2008/05/17/buchbesprechung-die-entdeckung-des-kindes-maria-montessori/

    Ich wollte damit sagen, dass die „Normalen“ heutzutage bestimmte soziale Kompetenzen bei ihrem Kind sehen wollen – die Aufnahme eines behinderten Kindes ist für eine Schule so etwas, wie der Einkauf von Übungsmaterial für eben diese Kompetenzen. Das behinderte Kind wird damit degradiert auf seine Funktionalität (oder eben Nicht-Funktionalität).
    Stell Dir einfach nur die Reaktion vor, die die Mutter des behinderten Kindes in eurer Nähe haben würde, wenn Du sie fragst, ob Deine Kinder mit ihrem Kind spielen dürfen, weil es behindert ist.

    Wenn Du unbedingt an Behinderte als Normalsterblicher rankommen willst – wozu auch immer – dann ist es wohl am direktesten nach „Ehrenamt Behindert“ zu googeln.

  11. Ich habe mich nur wegen Deines letzten Abschnitts gefragt, wie man denn an Behinderte rankommen soll:
    „Wenn gesunde Kinder wirklich mit behinderten Kindern lernen wollen oder ehrenamtlich tätig werden wollen, dann sollte das nicht durch den Lehrplan (oder Schulsystem) erzwungen werden, denn dann zahlen die Nicht-Normalen die Zeche.“
    Ich verstehe Deinen Standpunkt und kann ihn auch nachvollziehen. Aus dieser Sicht ist er auch richtig. Aber im wahren Schulleben einer Montessori Schule kann ich mir nicht vorstellen, dass ein behindertes Kind wirklich darunter leidet, weil es mit normalen Kindern lernt (und umgekehrt auch nicht). Wenn behinderte Kinder nur mit behinderten Kindern lernen, gesunde nur mit gesunden, ist das dann nicht auch eine Form der Degradierung? Oder wie sollen sie denn dann lernen? Alle nur noch Homeschooling? Wo bleiben dann die sozialen Kontakte, das Vermischen der Identitäten, der Stärken und Schwächen des Einzelnen? (Ich hinterfrage nur…)
    Die Mutter des behinderten Mädchens hätte meiner Meinung nach ein echtes (soziales)Problem, wenn sie meinem Kind nicht erlauben würde mit ihrem zu spielen, nur WEIl es behindert ist. Natürlich soll mein Kind nicht mit dem Mädchen spielen, um es als Paradebeispiel und Lernbeispiel zu mißbrauchen . Sondern vielleicht (und wir bleiben beim hypothetischen), um schlicht des Mädchens und meines Kindes Willen, weil sie sich vielleicht interessant finden, gemeinsame Interessen haben etc. Aber dennoch würde ich es als schönen Nebeneffekt sehen, wenn mein Kind dadurch lernt, dass nicht alle Menschen gleich sind. Dass der eine körperlich schwächer sein kann, aber dennoch seine Stärken hat usw. Das, was ich eigentlich oben schon gesagt habe. Es wäre doch ein Geben und Nehmen…!? So, wie es zwischen Freunden immer ist, egal ob gesund oder behindert! Genauso könnte ja auch das behinderte Kind sehen, dass der gesunde Junge an irgendwas scheitert, viele Dinge auch nicht kann usw. Das ist doch universell gültig, egal zwischen wem. Jeder hat seine Stärken udn Schächen und die Welt ist nicht nur schwarz und weiß…Wie siehst Du die optimale Schulform für behinderte Kinder oder ein optimales Leben für behinderte Menschen in usnerer Gesellschaft? Denn das habe ich noch nicht erfahren…Deine Zweifel zu bestehenden Formen kenne ich nun, aber was wäre die Lösung?
    Viele Grüße!

  12. Oh, Schlapunzel, sehr gut Fragen! Da interessiert es mich auch, was unser 1000 Sunny für Vorschläge bringt!

    Dieses Thema interessiert mich aus verschiedenen Grunden.

    1. Als ich mit dem dritten Kind schwanger ging, hat die Gynakologin einen Nackenödem festgestellt und zählte dann alle statischen Möglichkeiten auf. Ihre Fazit: wir machen eine Fruchtwasseruntersuchung und bei entsprechenden Befund wird das Baby abgetrieben.

    Das hat sehr lange an mir genagt. Wie kann eine Ärztin, die einen Eid zum Lebensrettenden Maßnahmen genommen hat überhaupt so etwas sagen? Und das in Deutschland wo vor 70-80 Jahren Menschen wegen ihrer (vermeintlichen) „Minderwertigkeiten“ auf ähnliche Art und Weise vernichtet, ausgelöscht wurden?

    Wir haben uns gegen die Fruchtwasseruntersuchung entschieden. Wir haben uns an unser „ja“ zum Kind festgehalten, obwohl wir überhaupt nicht wussten, wie es mit ihm ausgehen wird.

    Übrigens, weiss es kein Mensch, ob er nicht morgen im Rollstuhl sitzt oder sonst noch irgendwie „behindert“ wird.

    2. Vielleicht konnten wir mit der Botscahft, einen Behindertes Kind zu gebären, besser umgehen, weil ich mit einen geistig behinderten Brüder aufgewachsen bin?

    Mein älterer Brüder ist geistig Behindert und nach wie vor 100% Pflegekind (er ist mittlerweile 43 Jahre alt!). (Sag ich nur, weil Down Syndrom Menschen können in der Regel auch selbstständig ihr Leben bestreiten, aber ich war immer mit eine besonders schweren Grad der geistigen Behinderung in Berührung.)

    Mein Bruder, sowie etliche andere geistig- und körperlich behinderte junge Menschen werden in Kanada sehr gut in den Schulsystemen integriert (zumindest in meine Heimatstadt). Aber das System ist derart anders wie hier, so daß ich durchaus die Argumente von 1000 Sunny ein Stückweit nachvollziehen kann.

    In der Schule geht es zum Teil sehr heftig zu (heute, höchstwahrscheinlich hier wie in Kanada) denke ich, weil Kinder häufiger das Gefühl haben, z.T. ihr ganzes Leben von ihren Ursprung (von ihren Eltern und nächsten Verwandten) autark gelebt zu haben. Sie sind nicht verankert in sich selbst, in ihre Herkunftsfamilie. So erlebe ich viele Kinder heute als außerst brutal anderen gegenüber.

    Damals, als ich aufgewachsen bin, gab es nur ausnahmsweise Kinder, deren Eltern getrennt lebten, oder Kinder die ganztags betreut wurden (und wenn schon, war diese Betreuung öfters doch in der „extended Family“ geschehen). Auch behinderte Kindern behielt man zu Hause (anstatt in Anstallten wegzusperren). Das hat Auswirkungen: in Kanada findet man eher Behinderten gerechten Einrichtungen vom öffentlichen Klo bis hin zu öffentlichen Behörden.

    Trotz der starke Behinderung meines Bruders, ist er auf der gleiche High School wie meine Schwester und ich gegangen. Nicht um etwa einen Abschluss zu bekommen (wäre bei seine Fähigkeiten nicht drin) aber die Kids aus seinem Programm waren so weit möglich in diverse Unterrichtseinheiten sowie Schulmannschaften (vom Schach zu Leichtathletik) dabei. Spannend ist und war das Leben in Fächern wie Chemie oder Biologie: hast du jemals diese Fächer aus der Blickwinkel eines geistig Behinderten betrachtet? So „behindert“ sind sie manchmal nicht, anders kann man sagen, daß pubertierenden Mädchen manchmal sehr gehemmt (und eben irgendwie behindert) sein können.

    Jetzt schweife ich ab. Sorry.

    Aber neulich las ich bei Christiane Link ihre Gedanken zur Schule. Interessant fand ich ihren Beitrag, denn sie ist körperlich behindert und spricht auch diese Problematik in ihre Reflektion über Bildung an.

  13. Danke für die Beiträge. Schlapunzel, die Fragen sind aber echt hart 🙂

    @anitz
    auch ich habe eine ähnliche Erfahrung – zu meiner Mutter haben sie nach meiner Geburt gesagt: „Sie können ihn auf den Bauch legen, dann überlebt er nicht“ – als Vorschlag und gut gemeinten Rat.

    So bevor wir jetzt anfangen unsere Vorstellung von richtiger Integration zu entwickeln, wollte ich nur sagen, dass ich mit meinem Beitrag aufrütteln wollte. Eine integrative Schule ist nicht so toll für Behinderte, wie es sich auf den ersten Moment anfühlt.

    Das aktuelle dominierende Schulsystem in Deutschland ist leider auch so weit entfernt von aller Vernunft und Pädagogik, dass ich auch wirklich keine Tangente mit einer guten Lösung „im System“ sehe.

    Das mit dem „universell gültig, jeder hat seine Stärken und Schwächen, normale und behinderte Kinder miteinander spielen, nicht nur Schwarz/Weiß“, das wäre ein guter Anfang. Wenn also ein Kind und ein anderes Kind sich miteinander anfreunden, füreinander da sein wollen und miteinander Zeit verbringen wollen – dann ist es egal, ob nun eines behindert ist, ob beide behindert sind, oder keines.

    Die „Gedanken zur Schule“ von anitz gefallen mir auch, was ich aber wichtig finde, ist die Mitbestimmung im „Konzept für Behinderte“ JEDES behinderten Kindes, das aktuell in der Schule ist. Und jedes Monat wird von neuem das Konzept überprüft, ob es diese Wirkungen auch erbringt, die es konzipiert. Und es sollte umgesetzt werden.

    Und da es ungerecht wäre nur die Wünsche der behinderten Kinder mit zu berücksichtigen sollten alle Kinder mitbestimmen, wie die Schule aussieht (und zwar in allen Punkten).

    Auf der anderen Seite benötigen Behinderte auch besondere Förderung, die nur sehr speziell ausgebildete Leute (oder die Eltern der Kinder) erbringen können. Wie kriegt man so etwas in einer Regelschule hin?
    Die Frage gebe ich jetzt mal zurück.
    Z.B. Zur Zeit werden körperlich Behinderte einfach vom Sport befreit – und sitzen dafür im Unterricht mit den anderen. Abgesehen vom Mobbing, das diese Befreiung nach sich zieht, ist es idiotisch den gesunden Kindern (die auch alleine Sport machen könnten) Unterricht zu geben, während es die behinderten Kinder (die die richtigen Übungen zum Teil zum Überleben bräuchten) zur Untätigkeit verurteilt werden.

    Den Anfang einer Idee für eine gleichberechtigte Bildungslandschaft habe ich hier versucht:
    https://freiebildung.wordpress.com/papa-uber-bildung/

  14. Die Frage gebe ich jetzt mal zurück.
    Z.B. Zur Zeit werden körperlich Behinderte einfach vom Sport befreit – und sitzen dafür im Unterricht mit den anderen. Abgesehen vom Mobbing, das diese Befreiung nach sich zieht, ist es idiotisch den gesunden Kindern (die auch alleine Sport machen könnten) Unterricht zu geben, während es die behinderten Kinder (die die richtigen Übungen zum Teil zum Überleben bräuchten) zur Untätigkeit verurteilt werden.

    Das gibt in der Tat eine äußerst interessante Sichtweise:

    Wenn wir die „normalen“ Kindern von der Ergotherapie „befreien“ und dafür in verschiedene Klassen „deponieren“, damit die Schulpflicht erfüllt wird…

    Da möchte ich weiter denken.

  15. Ich stelle gerne schwere Fragen 😉 !
    Danke für Deine Antwort, auch wenn ich sehe, dass es eine zufriedenstellende nicht geben kann, was ich mir bereits gedacht habe 😉
    Wir hatten in der Klasse einen Jungen, der hatte eine Beinprothese. Er wurde zb. nicht vom Sport befreit sondern machte immer mit, so gut er kann. Das war bei uns als Mitschüler eigentlich nie ein Thema. Ist es wirklich so, dass alle körperlich behinderten ausgeschlossen werden vom Schulsport?
    Aber das nur am Rande…ich brauch noch ein wenig mehr Zeit, um darüber nachzudenken…

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