Buchbesprechung – Piaget, Im allgemeinen werde ich falsch verstanden (Piaget, Bringuier)

„Im allgemeinen werde ich falsche verstanden“ ist eine Sammlung von Interviews, die Jean-Claude Bringuier mit Jean Piaget und einigen seiner Mitarbeiter (z.B. Rolando Garcia) führte.

Hier erfahren wir, dass Piaget ursprünglich Biologe war, der mit 10 Jahren schon seinen ersten Artikel veröffentlichte.

Sein Interesse bestand an Schleimschnecken, die sich verändern, je nachdem, ob sie in ruhigen und rauhen Gewässern leben. Diese Veränderungen können sogar genetisch vererbt werden.

Eine Beobachtung, die den Lamarckismus stützte (also die Theorie, in denen Giraffen lange Hälse bekommen, weil sie sich immer nach den Blättern ganz oben strecken).

Später dann beschäftigte er sich mit Erkenntnistheorie. Seine zentrale Idee war hier, sich Kinder anzuschauen, die sozusagen erkenntnislos geboren werden und dann (aufbauend auf Reflexen und Instinkten) die ganze Wissenschaftsgeschichte durchlaufen. Bis sie dann den Erkenntnisstand eines Menschen der Gegenwart haben.

Piaget hat diese Theorie fachübergreifend untersucht. In seinem „Centre“ (frz. Zentrum) berief er hierfür Kongresse ein, auf denen alle Fachrichtungen vertreten waren. Er moderierte als „patron“ das Geschehen aus dem Hintergrund und sorgte dafür, dass sich das Wissen aller eingeladenen Spezialisten im Geiste des Austauschs gegenseitig befruchten konnte.

Diese zentrale Idee heißt in Fachkreisen: Rekapitulationstheorie. Viele kennen die Theorie vielleicht in einem anderen Zusammenhang als: Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese (also das Embryo entwickelt sich durch die Phasen der menschlichen Evolution(Stammesgeschichte)).
Sie gilt allerdings als überholt (also falsch).

Piagets Arbeiten zeichnete sich durch eine qualitative Untersuchung aus. Also ihn interessierten die Hintergründe und die Tiefe der einzelnen Aussagen. Im Gegensatz dazu steht die quantitative Untersuchung, also die statistische Häufigkeit von Aussagen oder Ereignissen.

Einer seiner Mitarbeiter schwärmt von Piagets Einstellung zu Kindern. Er begegnete ihm mit einem großen Respekt, so wie anderen Menschen auch. Für ihn waren es keine Forschungsobjekte oder niederen Wesen, sondern Menschen, die ihre eigene Geschichte hinter sich hatten. Eine Erkenntnis eines Kindes war auf ihrem Level gleich wertvoll und gleich kompliziert, wie die eines großen Denkers, ja Kinder waren große Denker für ihn.

Seine Forschung beruht auf Kants Philosophie und er beschäftigt sich mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Fragen, und wie die Genese (Entstehung) ihres Verständnisses sich in einem Kind entwickelt. Für ihn durchläuft das Kind verschiedene Entwicklungsstufen. Es fängt sozusagen als Steinzeitmensch an (Reflexe und Instinkte), kommt dann in die Antike usw.

Diese Stufen bindet er an das Alter des Kindes.

Als Beispiel ist hier die Volumeninvarianz genannt. Das bedeutet, wenn ich Wasser in ein anderes Gefäß schütte, verändert sich die Menge (Volumen) des Wassers nicht.

Er schüttet also Wasser von einem kleinen Glas in ein großes Glas.

Dann fragt er das Kind gleichviel, mehr oder weniger.

Das Kind sagt auf der ersten Stufe: Mehr. Erst später kommt es darauf, dass es gleichviel ist.

Ein anderes interessantes Phänomen ist das „Nachreifen“.

Hier lässt er ein Kind eine Zeichnung ansehen, darauf sind 10 Strichen, die alle verschieden lang sind und der länge nach geordnet sind.

Nach einiger Zeit verdeckt er die Zeichnung und bittet das Kind nachzuzeichnen. Das Kind zeichnet in der ersten Stufe zwei Striche, den kleinsten und den größten.

In späteren Entwicklungsstufen zeichnet es mehr. Erst in der letzten Stufe zeichnet es alle.

Nun kommt der Clou: sieht er das Kind einige Zeit später wieder (nächste Entwicklungsstufe), so zeichnet es die Zeichnung präziser nach, als kurz nachdem es sie gesehen hatte.

Zu dem Aberglauben, dass Kinder in den ersten 3 Jahren besonders viel lernen äußert sich Piaget ebenfalls eindeutig: „Nein, Nein, nein. Das stimmt überhaupt nicht. Strukturen bilden sich jederzeit.“

Besonderer Verdienst: Piaget zeigte auf, dass der Geist eines Kindes nicht einfach nur ein undurchdringliches Chaos ist (wovon man damals ausging). Sondern Erkenntnisse (Strukturen) sich ab der ersten Sekunde nach der Geburt entwickeln, diese werden stetig verfeinert.

Kritik: Da Piagets Werk enormen Umfang hat, ist dieses Buch (eine aufgearbeitete Einführung) wenig geeignet sich schon kritisch zu äußern, also werde ich das an diesem Punkt auch unterlassen.

Nur manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass Piaget auf Erziehungsergebnissen arbeitet. Also den Erklärungen, die die Kinder von Eltern und Lehrern über die Welt bekommen haben. Da Erklärungen von Eltern meistens intuitiv vereinfacht sind, und Lehrer sich an der Didaktik (und somit auch an der geschichtlichen Entstehung) der jeweiligen Wissenschaft orientieren kann es also sein, dass er einfach nur den Lehrplan als Epiphänom untersucht hat, ohne dies zu bemerken.

Für dieses Gefühl spricht auch, dass sich chinesische Kinder anders entwickeln, als westliche Kinder, da ihre Kultur (und damit Erziehung) mehr am Kollektiv ausgerichtet ist.

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