Die letzten Tage war wunderschönes Wetter – so schön, dass wir so viel draußen waren, dass Sanji gleich krank wurde und als er dann Nachts so weinte ging Mummy1000Sunny lieber mit ihm ins Krankenhaus – man weiß ja nie (und irgendwie sind wir Babyweinen einfach nicht mehr gewöhnt).
Jetzt geht es ihm schon wieder sehr gut und er grinst frech in jede Richtung.
Das Besondere ist aber, wie alle Kinder jetzt auf einmal miteinander spielen. Es gibt sie zwar immer noch die Streitmomente, aber sie schaffen es jeden Tag öfter sie selber zu regeln und sich selber zu trösten.
Die meiste Zeit spielen sie einfach nur miteinander und erfinden dabei laufend *selber* neue Spiele:
Hier haben Nami und Chopper gerade ein Picknick für die ganze Familie vorbereitet:
Und Sanji hilft beim Brotschneiden, während Chopper aus seinem Brunnen “Trinkwasser” pumpt:
Ein besonders witziges Spiel ist “Hase, Rad, Flugzeug”:
Hier hüpft zwar gerade nur Chopper, aber wenn beide hüpfen, rufen sie sich immer Begriffe zu und hüpfen dann so, wie die Begriffe das tun würden. Darunter auch “Feuer”, “Schlange”, “Schubkarren” (wie bitte stellt man alleine einen Schubkarren dar? )
Apropos Schubkarren:
Und hier beim Bau der Strecke und einer Testfahrt:
Nach all der Anstrengung gibt es auch öfter mal eine Ausruhpause:
Ach, und wie zwei gute zivilisationskinder in einer konsummistischen Gesellschaft haben sie natürlich das “Shop-Spiel” entdeckt und verkaufen sich Süßigkeiten:
Meiner Meinung nach sind damit die Ziele einer erfolgreichen Schulsozialisation erfüllt. Oben ist der Kapitalist, der den Preis diktiert (in diesem Fall 50 € für ein Gummibärchen-Teil):
Und wenn dann der Papa kommt, laufen sie freudig auf mich zu und umarmen mich…
Nun – daran müssen wir noch arbeiten
Und sobald es Abend wird – und die ganzen Schüler Sandmännchen kucken und ins Heia-Heia-Bettchen gehen:
Spielen sie einfach weiter:
und Chopper baut an seiner Eisenbahn:
Mummy1000Sunny muss leider dauernd an der Diplomarbeit arbeiten – das gestaltet sich ein bisschen schwierig:
Und wieder ist ein Tag mit viel Singen und Lachen vorbei und wir fallen erschöpft ins Bett und hoffen auf bessere Zeiten, wenn wir nicht mehr so beengt aufeinander leben – in Frankreich, wo Eltern nicht vor dem Jugendamt und jedem Polizeiauto Angst haben müssen und hunderte andere Familien dasselbe machen. Und wundern uns, wie es dann erst wird?
Ein Land, das seine Familien nicht verfolgt und den Eltern genauso traut wie seinem Beamtenapparat (oder gar mehr) – das können wir uns nach den letzten 3 Jahren nicht mehr vorstellen.
Lehrergewerkschaften finde ich mittlerweile das Allerletzte. Da sind Typen wie Josef Kraus, die ihren Kinderhaß einer ganzen Bevölkerung aufdrücken können und allen Eltern ihre Macht aufdrücken können. Zusätzlich verhindern sie alle positiven Reformen und haben nur die Erweiterung ihrer Klientel im Sinne.
Letztens habe ich einen Blog von der GEW gefunden. Dort machen sich nicht existierende Lehrer in gefälschten Briefen Sorgen über das Bildungssystem. Ich finde das nur peinlich und hoffe, dass die Unschooling-Bewegung so ein verlogenes Lamentieren nie nötig hat.
Um was geht es dort? Gehaltsgeheul: „Im Vergleich zu anderen Referendaren habe ich deshalb rund 120 Euro weniger im Monat zur Verfügung, also circa zehn Prozent. Wenn ich mir nun vor Augen führe, dass es (aufgrund der 24-monatigen Ausbildungszeit) 2880 Euro ausmacht, die mir im Vergleich zu anderen Referendaren fehlt, ist das schon beträchtlich.“
Ich konnte es mir nicht verkneifen einen Kommentar zu schreiben:
Hallo,
das Gefühl kenne ich. Obwohl bei mir der Fall ein bisschen anders liegt. Ich erziehe und unterrichte meine Kinder selber. Man müsste meinen, ich werde vom Staat dafür bezahlt oder wenigstens gelobt. Aber was macht er – er zwingt mich und andere Eltern zur Auswanderung. Wir müssen alles zurücklassen, was nicht niet und nagelfest ist und man diffamiert uns in den Medien.
Ich glaube die Gerechtigkeit muss man unabhängig von der Regierung sehen, sonst müsste man verzweifeln.
Wenn man sie unabhängig vom Staat sieht, dann kann man sogar in Deutschland Kindern ein Gefühl dafür vermitteln, was Gerechtigkeit ist. In den Gesetzen findet man aber nur Klientelismus und schlimmer.
Kollegiale Grüße
Ein Unschoolender-Vater
Der Kommentar wurde natürlich nicht freigeschalten.
GEW – ein Verein, der überhaupt gar nicht weiß, was Gerechtigkeit oder Bildung oder gar Wissenschaft ist. Es ist frustrierend, dass solche Menschen bestimmen dürfen, wie man mit Kindern in diesem Land umspringt. Wer mit GEWalt erzieht, muss sich nicht wundern, wenn es schief geht. Aber schämen muss er sich.
Das einzige was mich tröstet, ist dass wir bald auswandern und dann in einem anderen Land neu anfangen können. Fernab von dem deutschen Schulzwang und seinen Freunden und Profiteuren.
Vorgestern habe ich mit den Kindern vor dem Supermarkt balancieren geübt.
Erst hielt ich beide an der Hand und begleitete sie rüber. Als nächstes nahm ich immer nur einen abwechselnd und wollte sie nur auffangen, sobald sie das Gleichgewicht verloren.
Chopper griff beim kleinsten Ruckeln sofort nach mir und versuchte gar nicht sich selber auszugleichen. Er konzentrierte sich auf das Fallen und war eigentlich nicht zu einem eigenständigen balancieren zu bewegen.
Nami auf der anderen Seite konzentrierte sich aufs balancieren, lernte recht schnell, wie sie sich selber ausgleichen konnte und kicherte die ganze Zeit und besonders, wenn sie umkippte und ich sie auffing.
Auch bei anderen Sachen ist Nami immer sehr mutig und offensiv im Umgang mit allen (manchmal zu offensiv, dass sie sich sogar Autos in den Weg stellt, die ihr auf einem Parkplatz entgegenkommen :O ). Chopper dagegen ist immer sehr defensiv und teilweise scheint ihm das Vertrauen zu fehlen – das ist schon seit ein paar Jahren so.
Vielleicht haben wir es mit Chopper am Anfang überspannt und von ihm immer Sachen erwartet, die er noch nicht konnte und ihm so Angst gemacht. Vielleicht ist es aber auch seine Natur.
Das Gute ist, dass in einem industriellen Lernumfeld mindestens einer von ihnen untergehen würde. Im natürlich Leben können wir auf diese Verschiedenheit Rücksicht nehmen, auf sie eingehen und sie annehmen. Dafür bin ich dankbar, dass wir unsere Kinder so gut kennenlernen können und mit ihnen lernen, leben und wachsen. Ohne uns zu entfremden und bestimmte – gesellschaftlich gewollte – Eigenschaften mehr schätzen. Und dass wir nicht auf das andere Verhalten mehr Druck ausüben um ihn auch „gesellschaftlich gewollt“ zu machen. Wir können unseren Kindern die Sozialisation ersparen und sie anstatt dessen so annehmen, wie sie sind.
Wir können ihre Natur kennenlernen anstatt ihre Unterschiede zu unserer künstlichen Welt zu unterdrücken.
Wir können sie beobachten und unterstützen anstatt sie mit all unserer Kraft zu verändern und so ihr Vertrauen in unsere Unterstützung zu untergraben.
In Frankreich ist Homeschooling erlaubt, auch wenn die Behörden nerven – die Kinder nehmen sie einem wenigstens nicht in einer Nacht-, Nebel- und Gestapo-Aktion weg. Das gibt es wohl nur in Deutschland.
In Frankreich wollen wir eine große Unschooler-Gemeinde gründen und an der Grenze von Deutschland möglichst vielen die Möglichkeit geben zu pendeln oder langsam Fuß zu fassen.
Tipps und Mitmacher sind willkommen. Freie Bildung darf kein unerfüllter Traum sein, sondern die sichere Grundlage eines freien Lebens.
——
Und hier noch ein ganz interessanter Linktipp, der zeigt, dass die Tage von Schule, Zeugnissen, Noten, Selektion und dem ganzen Quatsch der industriellen Wissensproduktion gezählt sind: Die Schulabbrecher Wirtschaft
In einem „Offenen Brief an alle Bildner“ (Educators) wurde behauptet, dass der Wert von Informationen gegen 0 tendiere, lernen damit für’n Arsch sei und man lieber gleich zu leben anfangen sollte.
Dieses wurde bei Rete-Mirabile aufgegriffen und die 3 Hauptthesen diskutiert. Meine Meinung war, dass die Information zwar stetig entwertet wird, dafür die Interpretation immer teurer wird, Lernen direkt ins Leben gehört, also man wirklich anfangen soll zu leben, und damit käme auch das richtige Leben (eine typische Unschooler-Position eben ).
In der weiteren Diskussion fiel mir ein großer Unterschied zwischen dem Verhältnis zwischen meinen „Schülern“ und mir auf und dem der Lehrer und ihren Schülern. Die Frage war: woher mittlerweile Inhalte kämen, ob das Internet schon so weit ist? Verwies dabei auf iTunesU, nalandaU.com, academicearth.org. Insbesondere liegt mir Librivox sehr am Herzen. Die Lehrer meinten darauf, dass die Qualität von Librivox aber nicht für den Unterricht reichte. Woher kommt dieser Unterschied zwischen meiner Wahrnehmung und ihrer? Und hier kommt der Punkt, wie ich Unschooling betreibe ins Spiel.
—-Des Pudels Kern—–
Unschooling bedeutet für mich in erster Linie, dass jeder in unserer Familie ein Unschooler ist. Nicht nur die Kinder ge-unschooled werden, sondern insbesondere auch Mama und Papa (und die ganze Community).
Wenn ich also Materialien suche, dann sind die (und das mag die meisten schockieren) für mich. Und nur für mich. Ich interessiere mich gar nicht, was die Kinder zur Zeit interessiert. Ich habe ein Wissen, von da aus will ich weiterarbeiten und die Welt besser durchdringen und verstehen. Und danach richtet sich all meine Auswahl. Nach überhaupt nichts anderem und nach überhaupt niemand anderem.
Das bedeutet also, dass ich Librivox gut finde, weil es für mich die richtigen Dinge bietet. Ich finde dort Humboldt, Augustinus von Hippo, Dostojevski, Mill, Bakunin, Adam Smith und Marx. In der Bücherei hole ich mir noch Ernest Gellner, Buddhismus und Gestalttherapie. Aber was zum Teufel sollen die Kinder mit Philosophie, Politik, Wirtschaft und Nationalismusforschung sowie Angstbewältigung. Nichts. Es ist für mich.
Das klingt wahrscheinlich für viele jetzt sehr egoistisch und ich will da auch gar nicht widersprechen. Aber ich will versuchen hier zu erklären, wie ich Unschooling verstehe. Beim Unschooling versuche ich nicht die besten Materialien zu finden, die die Kinder lernen sollen, sondern ich versuche der beste Mensch zu werden, der ich werden kann. Damit werde ich selbst das Material. Sie bekommen einen authentischen Menschen, der versucht sein Leben komplett zu verstehen und es zu meistern. Und dabei geht es bei der Befreiung aus dem künstlichen Kontext Schule, in dem Kinder nur Menschen vorfinden, die darauf optimiert wurden sie auf den Lehrplan und ein Funktionieren in der Gesellschaft zu optimieren.
Sie bekommen einen echten Menschen, mit Problemen, mit Hoffnungen, mit Wünschen, Wutausbrüchen (keine Angst, sind sehr gemäßigt), Ängsten, Träumen und dem stetigen Ziel sein „Telos“ – den Zweck seines Lebens – zu erfüllen. Und dadurch, dass ich Leben und Lernen vereinige, ja eigentlich überhaupt gar nicht erst trenne bekommen sie noch einen „Lehrer“, der stets lernt und immer neue inspirierende Dinge bietet. Nicht weil ich Stoff für sie suche, sondern weil meine aktuellen Dinge (wie alle Dinge auf der Welt) interessant sind. Und auch ein paar interessante Aspekte für die Menschen in meiner Umgebung bieten. An diesen Aspekten lernen sie jetzt nicht unbedingt, aber sie beginnen sich auch Fragen zu stellen.
So bereite ich nie Unterricht vor, oder Lektionen, sondern ich lebe und wachse. Und wenn wir in die Bibliothek gehen, dann suche ich meine Dinge und sie suchen ihre Dinge (ich helfe ihnen nur die Scheu in den Gesprächen mit den Bibliotheksangestellten zu überwinden). Und so stellt Chopper auch nicht in den Mittelpunkt, was mich interessiert, oder Nami; sondern er interessiert sich nur für das, was ihn eben interessiert. (Was für eine triviale Erkenntnis). Und das ist auch das einzige, was ihn optimal erreicht und ihn am besten unterstützt er selbst zu sein und sein Leben zu finden.
So vermeide ich den einen großen Fehler, der die Schule beherrscht und von dem sie sich nicht losreißen kann. Ein Fehler, in meinen Augen, der uns allen als fundamentale Wahrheit erscheint. Wir wollen, dass sich die Kinder für das interessieren, wofür wir uns interessieren. Und wir wollen sie dafür interessieren, dazu motivieren. Im Gegenzug bereiten wir unser Wissen und unsere Interessen so auf, dass die Kinder es verstehen können. Und das ist falsch. In meinen Augen führt das zu mehreren Problemen.
Einmal schätzen wir die Kultur der Kinder damit nicht, wir hindern sie konsistent zu reifen.
Dann sind wir enttäuscht, wenn sie sich nicht für „das Richtige“ interessieren. (also für unseren Kram)
Und wir bleiben selbst oberflächlich, weil wir dauernd portionieren, aufbereiten und verlehrplanen. Anstatt, dass wir immer tiefer und weiter forschen.
Das ganze führt zu einer erzwungenen Konvergenz, wo sich beide Seiten gegenüberstehen und oft schwächen, anstatt sich bestmöglichst zu entwickeln.
Wie sähe eine Klasse von 30, 40 oder 100 Kindern aus, die alle nach ihren Interessen forschen und leben würden? Wie sähe ein Lehrer aus, der ein ganzes Leben lang geforscht hätte und nicht an ein Fach gebunden wäre, sondern einfach seine „Zone der nächsten Entwicklung“ stetig ausbaut? Was für eine Welt hätten wir, wenn wir nicht dauernd Wissen wieder und wieder recyceln würden, sondern immer tiefer, breiter und und höher hinaus wollten?
So mache ich Unschooling, indem ich selber Unschooler bin und jede Idee von einem Aufbereiter und Planer loslasse. Ich helfe, wenn ich gebraucht werde und ich antworte und erkläre, wenn ich gefragt werde. Und ich gebe meinen Kindern die Sicherheit, dass ich immer da sein werde, wenn ich gebraucht werde – wenn auch oft versunken in ein Buch, dass nur mich interessiert und nur meine Fragen beantwortet.
In der Geschichte der Menschheit (oder besser den Geschichten der Menschen) scheint es zwei große Strömungen zu geben.
Die eine ist das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit; das andere ist die Konzentration von Macht, Zentralisierung und Kontrolle.
Die Entwicklung von einer Freiheit zu einem Zwang ist sehr interessant und man sollte sie genau anschauen.
Sie läuft (meines Wissens) immer in dieser Reihenfolge ab:
Freiheit -> Privileg -> Recht -> Pflicht -> Zwang
Ich will das am Beispiel „Wohnen“ aufzeigen.
Das Bedürfnis zu wohnen ist für praktisch alle Tierarten lebenswichtig. Alle Tierarten bauen sich ihre Unterkünfte und so konnte man auch bei allen menschlichen Kulturen verschiedene Arten des Wohnens finden.
Dieses hing ab von den Rohstoffen, die vorhanden waren. Von dem Untergrund und seiner Stabilität. Von den Klimabedingungen und von den kulturellen Bedingungen. Wenn wir also in die Geschichte sehen, so sehen wir Jurten und Lehmwellerbau, Holzhäuser und Steinbauten.
Das gemeinsame Merkmal war, dass sich jeder gesunde Mensch eine Wohnstätte bauen konnte und darin nach kurzer Zeit leben konnte. Je nach Bedarf konnte er diese erweitern und umbauen – er lernte es als Bestandteil seiner Kultur.
Mit der Zeit wurde dann der Wohnungsbau professionalisiert und das Wissen dazu monopolisiert (Gilden, etc). Dieses machte die „guten“ Wohnungen zu einem Privileg für die, die es sich leisten konnten und stempelte alle anderen gleichzeitig als minderwertig ab. Dies kann man heutzutage noch in Entwicklungsländern sehen, wo der Bau eines modernen Rathauses, Schule oder einer anderen Institution inmitten einer traditionellen Siedlung den neuen Standard setzt und somit alle anderen Häuser zu Baracken und Scheunen degradiert.
Hatte man zuerst noch vollkommene Freiheit *zu wohnen* wurde es nun zu einem Recht eine *Wohnung zu haben*. Ein Recht, weil man nun auf jemand anderen angewiesen war, der einem das Recht genehmigte und später auch jemanden der einem dieses Haus baute. Und erst mit dem Schritt auf andere angewiesen zu sein benötige ich ein Recht, dass ich gegenüber diesen geltend machen kann.
Der nächste Schritt ist nun, dass bestimmte Lobbies sich durchsetzen und aus Rechten Pflichten machen. Dieses geschieht immer aus dem Punkt heraus, dass die Sicherheit, Hygiene oder andere gerade gehypte Werte des Bürgertums als Recht-Fertigung dienen. So sind natürlich alle besorgt, dass ein Haus niederbrennen könnte, wenn der Kamin verstopft ist – Menschen könnten dabei sterben. Der Kaminkehrer muss also regelmäßig kontrollieren und auch das Haus abnehmen. Also muss dieses zur Pflicht werden. Kein Haus darf nun mehr ohne Kamin gebaut werden.
Natürlich ist es auch unmöglich, dass Häuser unsichere Elektroinstallation haben, oder nicht an die zentrale Wasserversorgung angeschlossen sind (Menschen könnten sterben, krank werden, durch eigenmächtige Entsorgung die Pest verursachen, usw). Also benötigt man auch hier Spezialisten, die diese Arbeiten abnehmen.
Zusätzlich kommen andere zivilisatorische Einschränkungen. So können etliche ältere Menschen die ich kenne, neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit, auch eine Mauer hochziehen, Stromleitungen verlegen, Dachstühle ausbauen usw. Ich kenne aber keinen jungen Menschen mehr, der das kann. Alle sind festgenagelt auf ihre eine Stelle am Fließband. Der Maurer kann Mauern, dafür kann er alle möglichen Mauern mauern, kennt die Theorie des Mauerns und bald wird er auch noch Dissertationen über die chinesische Mauer und die Berliner Mauer anfertigen.
Mit all diesen Pflichten wird man auf immer mehr Hilfe von Anderen angewiesen, bis man am Ende seine Wohnung nicht mehr selber bauen kann und auch nicht mehr darf. In Deutschland ist das sogar soweit pervertiert, dass, selbst wenn man Freunde aus allen Sparten hätte und alle sich gegenseitig helfen würden die Wohnung zu bauen, so dürfte man das nicht. Denn Freunde dürfen nur bis zu einem gewissen prozentualen Anteil umsonst helfen. Danach *muss* es teuer werden.
Da die Menschen nun abhängig sind und praktisch immer auf Bauträger angewiesen sind, werden weitere Bestimmungen erlassen um die Menschen vor den schwarzen Schafen unter den Bauträgern zu beschützen. Dass man auf dem Gerichtswege „Recht“ bekommt können sich aber die, die gerade mal ein Haus finanzieren konnten und das nun nicht beziehen können (weil ja der Bauträger pfuschte und das Haus nicht abgenommen wird) nicht mehr leisten. Hier gibt es grausame Berichte über Schimmelhäuser (Bauschäden kann der Otto-Normalo mittlerweile ja nicht mehr sofort erkennen und versucht es daher meistens auch nicht), die wieder abgerissen werden müssen und das Gerichtsverfahren sich schon über Jahre erstreckt und die Familie meist schon unter dem Druck zugrunde gegangen ist. Sie haben schließlich ihr Traumhaus finanziert, müssen weiter in provisorischer Miete wohnen und haben Anwaltsausgaben und Ärger.
Eines dieser Rechte ist Decken-Mindest-Höhe. Rechte-Produzenten lieben Mindeststandards. Das klingt verlockend, da ja niemand unter gewissen Mindeststandards zu leben gezwungen sein müsste. „Standard“ ist hier der interessante Übergangsbereich an dem ein Recht zur Pflicht wird und man es weder als das eine noch als das andere bezeichnen kann. An den Zeitpunkten solcher neuen Standards kommen also dann Beamte der lokalen Baukommission in die Häuser und sehen nach ob die Decke auch hoch genug ist.
Hier gibt es eine witzige Geschichte, in der einer Familie gesagt wurde, dass ihre Decken nicht hoch genug sind und das Haus in zwei Wochen geräumt werden müsse. Die Familie, die sich das Haus damals selbst erbaut hatte und nicht wegen 2 Zentimetern jetzt ihr Haus verlieren wollte, nahm – kaum waren die Beamten weg- die Dielen aus dem Haus und gruben den Boden ein paar Zentimeter tiefer. Dann setzten sie die Dielen wieder ein und als die Beamten zwei Wochen später wiederkamen ergab die erneute Messung, dass alles in Ordnung wäre.
An dieser Geschichte sieht man aber ein sehr interessantes Merkmal der Mindeststandards. Sie müssen von sehr vielen Menschen erfüllbar sein. Hätten die Leute das nicht durch „Graben“ lösen können, so wären sie zum protestieren gegangen. Bei der Festlegung von Mindeststandards müssen also praktisch alle Leute noch erfasst werden (oder man erlässt der Einfachheit Übergangsregelungen) – jeder Zeitungsbericht über einen Rentner, der durch die neue Heilsbotschaft sein Haus verliert wirkt entstellend. Das gute an Mindeststandards ist, dass man sie später noch höher schrauben kann. Ja, man muss sie sogar höher schrauben, da man als Nation mit anderen Nationen im Wettstreit um die höchsten Mindeststandards steht.
Der Punkt ist aber, dass mit jedem Zentimeter Deckenhöhe tausende von Dachstühlen als Wohnung wegfallen, die Baukosten der Wohnungen steigen, bestimmte Materialien ausgeschlossen werden – und somit jeder Mindeststandard mehr und mehr Leute von einer eigenen Wohnung ausschließt.
Sind die Mindeststandards erst einmal flächendeckend etabliert, so ergibt sich daraus auch ein Zwang – dieser wird manchmal auch noch gesetzlich festgeschrieben. Dieses ist aber oft nicht einmal mehr nötig, da die Realität diesen Zwang schon längst festlegte.
Da aber „Wohnen“ nun als Recht, mit all den Pflichten ziemlich teuer wurde, können sich die meisten Menschen nun kein eigenes Haus mehr bauen (und sowieso nicht leisten) – so haben wir hier Bezirke mit riesigen Hochhäusern in denen gesunde, junge Menschen leben, die den ganzen Tag in Abhängigkeit verbringen und nur versorgt werden ohne jemals auch nur die Chance zu bekommen sich selbst zu versorgen und sich aus der Unabhängigkeit zu befreien. Wir treten sogar in eine Zeit ein, in denen viele von diesen Menschen sogar eine handwerkliche Ausbildung hätten.
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Man erkennt, dass all die Mechanismen, die von einer Freiheit zu einem Zwang führten Dinge sind, denen die meisten von uns zustimmen würden. Ja sogar humane und zivilisatorische Errungenschaften, die irgendwie bittere Konsequenzen haben. Es sind subtile, gut gemeinte Veränderungen, die über Jahrzehnte zu einer Fessel werden.
Nun haben wir noch die andere Richtung zu bearbeiten. Die Erhaltung der Freiheit und die Rückgewinnung der Freiheit.
Die Rückgewinnung der Freiheit läuft klarerweise andersherum – aber abrupt. Während bei dem Ausbau von Zwängen das Endergebnis nicht feststeht (der Vorgang zieht sich oft über Jahrhunderte und ist verworren) muss der Abbau von Zwängen die komplette Lösung als Blaupause vorlegen. Menschen werden ihre Zwänge nicht abschütteln für ein hohles Freiheitsversprechen (sie könnten in einem schlimmeren Zustand als dem der Sicherheit enden, an die sie schon gewöhnt sind). Die Freiheit muss klar ersichtlich sein und sie wird nur die erreichen, die mehr dadurch gewinnen, als sie verlieren können. Dadurch wird sich die Freiheit durch soziale Neuerungen auch nur langsam verbreiten. Zeiträume von 40 – 100 Jahren sind hier angemessen. Die Menschen, die unter den alten Konditionen ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben, werden sich nicht wieder hinaus in die wilde Welt begeben. Erst die nächste oder übernächste Generation wird hier die neue Freiheit attraktiver finden und versuchen sie mit ihren Privilegien zu vereinen. Alle die ihre Schäfchen nicht im Trockenen haben, ringen mit den alten Unfreiheiten und versuchen das Beste aus ihnen zu machen. Sie haben weder Zeit noch Energie sich auch noch für Freiheiten einzusetzen, geschweige denn sie für sich zu erkämpfen.
Dennoch gibt es anscheinend immer welche, die die Muße finden, oder die zu stark unter dieser oder jenen Einschränkung leiden, als dass sie nicht nach der neuen Freiheit greifen wollen. Andere werden von ihrem Gewissen nicht in Ruhe gelassen. Auf diesen Gruppen ruht der soziale Fortschritt der Menschheit. Ihre Verteilung ist so zufällig, wie ihre Kriterien, sie mögen im Greenpeace-Boot sitzen oder in einem Gefängnistrakt. Sie mögen soziale Unruhen stiften oder in der Politik tätig sein. Von dem Hausmann/frau über den Beamten bis zum Professor oder Priester. Zwang und Unfreiheit müssen mit Angriffen aus allen Ecken rechnen.
Die Freiheit selber folgt klaren Kriterien (die ich von Kant entleihe), sie ersetzt Heteronomie (die Abhängigkeit von zunehmend mehr Leuten, die mir Rechte einräumen und mir dafür Pflichten abverlangen) durch Autonomie (die Abhängigkeit von zunehmend weniger Leuten). Sie ersetzt den großen Überbau (die Superstructure) durch das Wirkliche (die Basis-Struktur). Dieses wird auch jedem Kämpfer für Freiheit sofort den Ruf eines „Separatisten“ und „Individualisten“ bringen, der sich aus dem „großen gemeinsamen Gesamtprojekt“ zurückziehen will, nur um seine „partikularistischen Interessen“ auf „Kosten der Mehrheit“ durchsetzen will.
Konsumenten kehren sich ab von den riesigen Legebatterien in der Nähe von Superkonsumzentren und werden zu Produzenten ihrer eigenen Gebrauchswerte. Sie wenden sich ab von Dienstleistungen und Waren, bei denen sie auf den Kundenservice und die Verbraucherhotline – auf Kulanz und Verbraucherschutz angewiesen sind. Sie befreien sich aus der (wie auch immer verschuldeten) Abhängigkeit. Sie reißen sich den Schnuller der abhängigen Rundumversorgung aus dem Mund, der sie mit allen Annehmlichkeiten verhätschelt, sie aber unmündig macht und ihnen das eigentlich wichtige nimmt: Das Recht auf ein eigenes produktives und erfülltes Leben.
Humboldt prophezeite schon, dass der Mann der Arbeit hat, mehr vom Leben hat, als der der von diesen Arbeit profitiert. Und getreu diesem Paradigma streiten sich die Menschen um Arbeit, die nur deswegen begrenzt ist, da sie in Abhängigkeit von einer begrenzten Industrie gesehen wird.
Um auf unser Beispiel vom Wohnen zurückzukommen, so entdecken immer mehr Menschen, dass Häuser sich auch selbst bauen lassen. Dass durch moderne Technik eine Selbstversorgung mit Energie, Wasser und sogar eine Klärung einfacher ist als je zuvor. Und sogar qualitativ hochwertiger. Dass man nicht tausende von Spezialisten braucht, die einem alle Mündigkeit abnehmen. Sondern, dass man durch Internet und den korrekten Gebrauch von Spezialisten, die ihr Wissen teilen, eine neue Mündigkeit erreicht. Und diese neue Mündigkeit führt zu dem Ergebnis, dass sich jeder Mensch ein Haus selber bauen könnte. So kommen immer mehr Menschen, die diese neue Freiheit genießen, die wohnen anstatt eine Wohnung zu haben. Diese Menschen verlangen mehr Freiheit und wollen das Gesetze zurückgefahren werden, alte Privilegien (die sich aus dem Zeitalter der Gilden erhalten konnten) aufgelöst werden.
Immer mehr Menschen sehen dann, wie verlockend es ist, sein eigener Herr zu sein und wie wenig Erlösung die Doktrin der allumfassenden Arbeitsteilung bis hin zur Atomisierung der Menschen gebracht hat. Die Existenz der neuen Lösung und ihre Durchführung (die in strengen Ländern schon oft unmöglich ist) fasziniert immer mehr Menschen, denn Freiheit ist ein Wert, den der Mensch erkennt, wenn er vor ihm steht und er erkennt, was die neue Lösung für ihn bedeutet und welche Fesseln von ihm abfallen werden. Und auf diese Weise breiten sich freiheitliche Lösungen aus. Sie lösen uns von der durkheimschen deprimierenden Heteronomie, die uns nur zu Zuarbeitern macht und zu Abhängigen, die sich nicht mehr bewegen können, ohne dass sich vorher nicht die ganze Welt bewegt.
Die Befreiung aus der Abhängigkeit, der Heteronomie, ist nicht separatistisch. Im Gegenteil sie sorgt für eine stärkere Bindung unter den Menschen, da die Bindungen nun freiwillig sind und nicht mehr auf gegenseitigem Zwang beruhen. Der gegenseitige Zwang führt nur zu Misstrauen, Überwachung und einer Neidgesellschaft. Nicht mehr Versorger und Abhängiger prägen die menschlichen Interaktionen, sondern freier Mensch und freier Mensch. So wird der Versorger nicht mehr von seinen Abhängigen verlangen, dass diese ihr Leben nach seinen Wünschen und Vorstellungen führen und auch nicht, dass sie ihre Kinder nach seinen Werten erziehen – oder gleich von ihm erziehen lassen. So wird – um der gerechten Verteilung der Konsumgüter willen – nicht länger die Lösung der Bevölkerungsreduktion in Betracht gezogen werden. Je Selbständiger, Mündiger und Unabhängiger die Menschen sind, desto weniger Schutzbedarf besteht und desto geringer werden die Ungleichheiten in Rousseaus Sinne der amour-propre (die Selbstliebe, die dann pervertiert, sobald der Mensch kein Gehör mehr findet, da er unwichtig geworden ist).
Der Abbau von Heteronomien ist somit der Maßstab, mit dem wir das Wort „Freiheit“ messen können. Somit kann man auch erklären, dass Institutionen, die Heteronomien abgebaut haben schwer zu einer Einschränkung von Freiheit geführt haben (z.B. Bibliotheken, Ersetzung der piktogramm-basierten Schrift durch Alphabete)
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Als letztes interessiert mich noch die Erhaltung der Freiheit, denn während Deutschland zur Zeit immer stärker in Richtung „Generation Pflichterfüllung“ geht, deren Modedroge Ritalin und Konformin sind, gibt es in den USA und UK besonders im Gebiet der OpenEducation unglaubliche Erschütterungen, die die akademische Welt nachhaltig erschüttern. Auch oben beschriebene Wohn-Arten gewinnen an Vielfalt.
Ich denke, dass dieses mit der Art der Erziehung zu tun hat. Denn wie jemand mal sagte (Freire vielleicht?) es gibt nur zwei Arten von Erziehung – zur Freiheit oder zur Sklaverei. In den USA werden die Texte von Martin Luther in den Schulen gelernt, die Reden der Präsidenten wie Washington, Lincoln und Franklin fast auswendig gelernt. Freiheit ist dort ein wirklicher Wert, für den die Menschen aufstehen und dessen Einschränkungen sie gut erkennen. Doch auch dieses muss täglich gelernt werden, damit Freiheit nicht zum bloßen Wort wird, das keine Bedeutung mehr hat, außer schön zu strahlen. Wichtig für dieses ist aber der offene Umgang mit der eigenen Vergangenheit. In den Vorlesungen in den USA wird darüber nachgedacht, wie es nur passieren konnte, dass man in der Verfassung die Sklaverei zulassen konnte. Und wie man so etwas in Zukunft schneller erkennen kann.
Natürlich haben die USA auch schlechte Seiten, auf die an diesem Punkt immer gerne hingewiesen wird. Doch zum einen geht es darum, dass wir von den guten Dingen lernen anstatt pöbelhaft auf die schlechten Dinge zu verweisen. Und zum anderen denke ich, dass es die schlechten Dinge sind, die eher auf Gemeinsamkeiten beruhen (Angst (z.B. vor Terrorismus), Aspekt der Rache (z.B. in der Justizgebung)) als auf Verschiedenheiten. Also sollten wir versuchen von den guten Dingen zu lernen (und dazu gehört die Überlegenheit im Kampf um die Freiheit), als auch von den schlechten Dingen, die wir – anstatt sie dort anzuprangern – bei uns suchen sollten.
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Zu guter letzt will ich noch sagen, dass ich stets für ein Indiz gesucht habe, ob die Menschheit sich in Richtung Freiheit oder in Richtung Zwang entwickelt. Hier gibt es deprimierende soziologische Analysen, die sich über Jahrhunderte erstrecken, die in Richtung Zwang zeigen (Huizinga, Norbert Elias, Foucault) und natürlich auch die Ideenlehre von Augustinus und seiner „Libido dominandum“ (die leider die westliche Kultur prägt). Dennoch gibt es auch viele Analysen, die in die Gegenrichtung zeigen – insbesondere aus dem Bereich der Psychologie.
Das Bild ist sehr verwirrend und es hat ein bisschen den Anschein, als hätte John Stuart Mill doch Recht, als er behauptet: Die Menschheit hat keine klare Tendenz zu Freiheit oder Zwang, es wird entschieden nach Laune und aktueller Stimmung.
Ich will hinzufügen, dass die Freiheit strukturell auch immer die Kreativität auf ihrer Seite hat, während der Zwang strukturell immer die Masse hinter sich hat.
Anmerkung: Alle Zitate sind frei aber inhaltlich korrekt wiedergegeben. Ein Hegel-Zitat habe ich ohne konkreten Verweis auf Hegel zitiert (da Hegel aber sowieso bei Schelling geklaut haben soll, bin ich mir keiner Schuld bewußt ;P )
Hier noch ein paar Cob-Häuser, Buchempfehlungen, Webseiten und Blogs:
Die Schule hinterlässt ja leider bleibende Eindrücke in jedem von uns. Eine der größten Schwierigkeiten, die sie verursacht ist dass sie den Lese-Instinkt zerstört.
Den Lese-Instinkt, wie ich ihn nenne, kann man bei kleinen Kindern, Unbeschulten oder auch sehr hoch gebildeten Menschen beobachten.
Sie nehmen sich einen Text vor und versuchen ihn zu verstehen, dabei kucken sie in dem Text rum, als ob sie in einem Garten Ostereier suchen würden.
Das verschulte Lesen sieht dagegen aus, als ob man ein Briefträger wäre, der jedem Wort in einem Text nach der Reihe seine Aufmerksamkeit zustellen müsste. Dieses wird durch schulische Leseübungen trainiert und gefestigt, in denen man Wort für Wort liest und auch manchmal mit dem Finger unterstützend von Links nach Rechts fährt, ihn am Ende der Zeile hebt und auf den Anfang der nächsten Zeile setzt.
Dieses Verfahren (später ohne Finger) setzt der verschulte Leser fort, bis er das Buch zu Ende gelesen hat. Die Theorie, die die Kultusminister in ihren Kultusministerien dazu phantasieren ist: dass man einen Text verstanden hat, sobald man jedes Wort einmal angekuckt hat und sich innerlich vorgelesen hat. Da die meisten Leser dann den Wald vor lauter Wörtern nicht mehr sehen, wurden allerlei Techniken oben drauf gesetzt, die darauf abzielen, dass man den Text kurz nach dem Lesen zusammenfasst und dann noch einmal liest.
Ich denke, ich habe es jetzt nach über 130 Büchern, zusätzlichen Hörbüchern und Online-Vorlesungen geschafft das Schul-Lesen zu überwinden. Mittlerweile schaue ich wieder in die Texte und suche hier und da und versuche die ganze Zeit das zu verstehen und es mit dem Rest des Buches in Zusammenhang zu bringen und die Theorie mit aktuellem Wissen auszustatten. Zusätzlich male ich dann immer kleine Bilder und versehe die unbekannten Stellen mit Fragen.
Das erstaunliche ist, dass ich schon viel länger wusste, dass mein Schul-Lesen eine lahme Krücke ist, die mir den Text nicht näherbringt – zumindest nicht in dem Rahmen in dem ich Zeit investiere (Schul-Lesen dauert nämlich ewig! Deswegen wurden extra Schnell-Lese-Techniken erfunden und untersucht). Aber immer konnte ich mich nur kurzzeitig vom Schul-Lesen trennen. Es war so dominant und so tief drinnen, dass ich immer wieder in diese spezielle Unfähigkeit zu Lesen zurückfiel.
Immer hatte ich Angst „Das Wichtige“ zu verpassen. Einen Gedanken falsch zu verstehen, da ich das entscheidende Wort überlesen hatte (vielleicht steht ja irgendwo ein „nicht“ ?). Einen Gedanken zu übersehen; und dieser ist gaaanz wichtig – altes Prüfungsstoff-Denken.
Doch all das ist Quatsch. „Das Wichtige“ müsste jeder Text eigentlich hinreichend redundant feststellen. Also beim Kapital wird es wahrscheinlich auch um das Kapital gehen. Und bei Vygotskij um „Denken“ und um „Sprechen“. Verstehe ich am Ende des einen Buches die Rolle des Kapitals nicht und beim anderen den Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen nicht, dann (und nur dann) habe ich wahrscheinlich „Das Wichtige“ wirklich und wahrhaftig überlesen. (Oder der Autor ist nicht so begabt, wie man sich das wünschte).
Dass man einen Gedanken falsch versteht kann aber nur vorkommen, wenn man das Gelesene nicht versteht – und zwar das ganze Buch. Versteht man nämlich nur einen Gedanken falsch und den Rest richtig, dann kommt man (mit-denkend) schnell darauf, dass dieser eine Gedanke nicht zum Rest passt. Im Ostereier-Lesen hat man ja einen guten Überblick über die Anordnung der Gedanken, da man sich nicht an jedem Wort vorbeiquält sondern eben dauernd versucht die Inhalte zu erfassen. Dieser Überblick hilft die Stelle des einen Gedankens noch einmal zu finden und ihn genauer zu betrachten.
Den entscheidenden Gedanken zu übersehen ist genauso unmöglich, da man dann kein gutes Gebäude aus dem Text bauen kann. Er bleibt unzusammenhängend. Hat man ein Buch das sagt aus A folgt B weil C und man versteht C nicht, dann bleibt nur noch aus A folgt B. Der Ostereier-Sucher wird sich fragen: Aber Warum? (Denn es geht ja um das „Warum“).
Jetzt gibt es nur ein Problem, der verschulte Leser (also ich in diesem Fall) muss das erst einmal fühlen(sehen/hören) und dann kapieren. Die Anwendung dieser Erkenntnis muss dann auch nicht mehr „geübt“ oder „trainiert“ werden. Sie ist dann da, alles andere erscheint einem blöd und ineffizient. Lesen, wie die Schafe Gras fressen ist dann einfach nicht mehr im Bereich des Sinnvollen.
Beim Fühlen, denn darauf kommt es ja am meisten an, haben mir insbesondere die Hörbücher von LibriVox zusammen mit dem Buch „Geschichte der politischen Philosophie“ von John Rawls. Das besondere an den LibriVox-Aufnahmen ist, dass ich die Bücher anhöre, und auch wenn ich kurz zwei oder drei Sätze nicht mitbekomme (oder eine ganze Passage) – weil gerade ein Auto oder ein Bus an mir vorbeifährt dennoch den Text verstehe. Zusätzlich ist das Buch von John Rawls sehr wichtig. Es sind Vorlesungen von John Rawls, dort erklärt er die (für ihn) wichtigen politischen Theoretiker: Hobbes, Locke, Hume, Rousseau, J.S. Mill, Marx, Butler, Sidgewick. Der echte Inhalt des Buches ist aber, dass er seinen Studenten eigentlich erklärt, wie er liest.
Und das immer und immer wieder. Man muss versuchen, den Text immer so zu verstehen, wie es der Autor getan hätte (also das Maximum rausholen, das Argument so stark wie möglich machen). Sollte es Ungereimtheiten geben, sollte man davon ausgehen, dass der Autor viel intelligenter war als man selber und diese Ungereimheiten selbst gesehen hat – aber ich (der Leser) den Gedanken noch nicht so kapiert habe, dass ich die Theorie widerspruchsfrei wiedergeben kann. Das macht Rawls ganz bemerkenswert, es gibt nämlich ein paar Stellen, in denen er einen Widerspruch sieht. Dieses führt er konsequent auf sein Unwissen zurück und sucht nach einer Lösung, wie die Theorie doch noch passen kann oder warum es dem Autor wahrscheinlich nicht wichtig war, näher darauf einzugehen.
Ich finde die Vorlesungen von Rawls sind wirklich ein guter Unterricht in echtem Lesen. Ich hoffe (und ich bin irgendwie überzeugt), dass ich meine neue Fähigkeit nicht wieder verliere und in das stumpfsinnige Schul-Lesen zurückfalle. Es ist ein weiterer Schritt auf dem langen Weg des Deschooling und es ist überraschend welche innere Befreiung ich jedes mal verspüre, wenn ich einen weiteren Schritt gemacht habe und eine neue Schul-Schädigung überwunden habe.
Heute war Mummy-day (solche Maßnahmen sind in den letzen Wochen der Diplomarbeit hier notwendig).
Zuerst wollten wir die Fahrräder zusammen reparieren, aber soweit kam es gar nicht. Sanji hatte einen kleinen Wagen zum Schieben entdeckt, und schob ihn ein bißchen herum, da schoss dieser keine Wagen nach vorne, und anstatt los zu lassen, hielt sich Sanji weiterhin fest und kam mit den Fingern auf. Vier Finger haben darunter gelitten, einer ganz besonders. Es ist zwar nur eine Schürfwunde, aber eine beeindruckende. So beeindruckend, dass ich lieber gleich zum Arzt gefahren bin mit ihm. Es wird wohl alles von alleine heilen, aber es gab noch eine passiv und eine aktiv Impfung für den sonst völlig ungeimpften Sanji. Eigentlich wollte ich mich ja erst schlau-lesen, aber die Diplomarbeit/prüfungen etc kamen da irgendwie dazwischen.
Sanji fand die Impfungen übrigens viel schlimmer als den Sturz.
Dann folgten ein paar sehr entspannte, schöne Stunden mit anderen Kindern und Eltern, mit viel Spielen, lecker Essen und noch mehr spielen und toben und Geschichten und überhaupt.
Wäre dann der Rückweg nicht gewesen.
Da standen wir an der Bushaltestelle, und Chopper und Nami spielten, und plötzlich schrie ein Mann VORSICHT!!!!!!!!!!!!!!!!!!! von hinten. Chopper war auf den Fahrradweg gelaufen, der Fahrradfahrer war zwar ausgewichen, hatte ihn aber immernoch mit dem Lenker erwischt. Chopper lag am Boden und weinte, er blutete von einer kleinen Wunde auf der Stirn, von der Nase und sagte, er könne sein eines Bein nicht bewegen. Ich trug ihn auf die Sitze des Bushäuschens, wo der Fahrradfahrer, ich und noch ein Mann Choppers Bein auf Brüche etc zu untersuchen, die Nase abzutasten, Tränen abzuwischen, und zu trösten.
Chopper scheint nicht schlimm verletzt zu sein, eine Prellung wohl am Knie, seine Oberlippe sieht aus als hätte jemand eine Haselnuss implantiert, und seine Nase ist etwas größer als sonst. Ich habe mit Chopper entschieden, nicht ins Krankenhaus zu fahren, da Ruhe für ihn jetzt am wichtigsten ist. Wenn es morgen immer noch schlimm ist, holen wir uns ärztlichen Rat dazu. Jetzt schläft er…
Ich mache mir Vorwürfe, ich hätte beide Situationen verhindern können, wenn ich ein paar Sekunden über mögliche Gefahren nachgedacht hätte. Hab ich aber nicht. Ich hatte mich einfach über die glücklichen Kinder gefreut, ohne Vorgedanken.
Ab jetzt übe ich also Vorgedanken zu haben, und sie zu äußern ohne panisch zu werden, oder das Spiel zu unterbrechen oder zu verderben.
Hat jemand mal davon gehört? Ich würde gerne etwas dazu ausarbeiten – habe aber gar keine Quellen für so eine Idee gefunden. Die kleinste Einheit scheint das mal mehr, mal weniger erfolgreiche Regiogeld zu sein…