Geld allein macht nicht schlau- tönt es in der FTD bezogen auf die Ergebnisse des Bildungsmonitors.
So weit stimme ich zu, denn eigentlich macht Lesen und Gespräche – eigentlich alle sozialen Interaktionen.
Interessant ist aber, dass dieser Monitor vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) herausgegeben wurde und in der Zusammenfassung der Ziele heißt es:
Der Monitor bewertet anhand von über 100 Kriterien, wie gut die Bildungssysteme zu wirtschaftlichem Wachstum beitragen.
Das ist also die neue Form wie Schlauheit gemessen wird.
Gehen wir ein bisschen näher ins Detail sehen wir, dass es eigentlich nur ganz bestimmte Fächer sind, die die Schlauheit heutzutage ausmachen – die sogenannten MINT-Fächer:
Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik
Früher machten die Kunst zu Denken (Geometrie, mathematische Beweisstrukturen, Logik) und die Philosophie Bildung aus.
Doch der MINT-Monitor wird noch präziser in welcher Form er neue Generationen bilden will – und „Schlauheit“ gemessen wird:
Der [Gewinner]Freistaat ist bundesweit spitze bei der Ingenieurausbildung; jeder vierte Student ist in einem technischen Fach eingeschrieben
Hier gelingt, woran andere Schulen scheitern: junge Leute für Zahlen zu begeistern.
Bedrückend finde ich hier, wie offen man schon darüber spricht, dass in Schulen eine Manipulation hin zu Hilfsfächern betrieben wird. Niemand schreit auf.
Schauen wir uns im nächsten Schritt die Spenden der Parteien an, die aktuell über die Bildungspolitik bestimmen:
CDU (Quelle Wikipedia):
- 2.244.096 € Deutsche Bank AG
- 1.639.034 € Südwestmetall
- 1.461.652 € Daimler Chrysler AG
- 1.452.678 € Altana AG
- 1.036.816 € Verband der Chemischen Industrie e. V.
- 740.000 € Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie
- 665.031 € BMW AG
- 663.957 € Allianz AG
- 625.516 € Verband der Metall- und Elektroindustrie Nordrhein-Westfalen e. V.
- 456.150 € Deutsche Vermögensberatung AG DVAG
SPD:
- 1.371.143 € Daimler Chrysler AG
- 657.522 € BMW AG
- 638.393 € Allianz SE
- 365.820 € Porsche AG
- 302.115 € Verband der Chemischen Industrie e. V.
- 300.000 € Deutsche Bank AG
- 300.000 € E.ON AG
- 281.211 € B.TV Television GmbH & Co. KG
- 277.258 € Südwestmetall
- 250.000 € Commerzbank AG
Natürlich dient das Staats-Schulsystem dem Kindeswohl. Die Kinder sollen ja als Erwachsene Arbeitsplätze bekommen – und nicht auf HarzIV angewiesen sein.
Auch diese Argumentation nehmen wir heute alle ohne zu murren hin. Wir fragen gar nicht mehr nach, ob Kindeswohl und Erwachsenenwohl nicht zwei verschiedene Dinge sind. Ob es nicht eher eine Not ist einen Arbeitsplatz bekommen zu müssen, anstatt sich selbst verwirklichen zu können.
Die Kinder werden sogar missbraucht für einen internationalen Wettbewerb (unter Erwachsenen), wer am meisten MINT produzieren kann – das steht sogar ganz unverhohlen auf der Seite des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung):
Der Wettbewerb um die besten Zukunftschancen ist im Kern ein internationaler Wettbewerb um die Qualität von Bildungssystemen geworden. Eine Bildungsreform in Deutschland verlangt daher eine nationale Kraftanstrengung aller Beteiligten und eine breite gesellschaftliche Debatte über ideologische Grenzen hinweg.
Besonders interessant finde ich die Stelle: „über ideologische Grenzen hinweg“ – Andersdenkende müssen sich also der nationalen Kraftanstrengung unterordnen.
Das BMBF schreckt nicht einmal vor Kindergärten zurück:
Das „Haus der kleinen Forscher“ begeistert Kinder für Themen aus Naturwissenschaften und Technik. Viele Kindergärten und Kindertagesstätten beziehen diese Themen bereits in ihren Alltag ein und erweitern mit Engagement und Begeisterung den Wissenshorizont der Mädchen und Jungen. Für die frühkindliche Bildung leistet das „Haus der kleinen Forscher“ einen herausragenden Beitrag. Damit es weiter wachsen kann, unterstützt das BMBF den bundesweiten Ausbau der Initiative.
Es ist klar, dass kleine Kinder gerne ihre Umwelt erforschen und die Dinge verstehen wollen, die sie sehen. Sie deswegen einzusperren, von der natürlichen Umwelt zu isolieren und eine nationale Kraftanstrengung daraus zu machen, dass sie auch ja immer weiter forschen, ist aber klar ein Bruch des Rechts auf freie Selbstentfaltung.
Wer den Erfolg seines Schulsystems an MINT-Fächern misst, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob er überhaupt an Bildung interessiert ist, oder ob es eine Ausbildung sein soll.
Arbeitsplätze – und das sage ich mit aller Entschiedenheit – sind für mich die allerletzte Wahl für einen Lebensweg. Und schon gar nicht das Ziel einer Bildung. Mit Bildung kann ich Ideen und Visionen aus dem aktuellen Zeitgeist, der Geschichte und den aktuellen Bedürfnissen der Menschheit entwickeln – diese kann ich dann mit Bildung umsetzen und konkrete Errungenschaften daraus machen. Dagegen wirkt ein Lebensentwurf schon sehr blass, der sich um einen Arbeitsplatz sorgt und dann dort in einer internen Fantasie-Hierarchie immer weiter aufsteigt, bis er dann irgendwann auch mal was sagen darf.
Die Gewerkschaften haben den Arbeitnehmer an dieser Stelle schon längst verkauft. Er hat keinerlei Mitbestimmung über das Produkt oder über die Methoden. Alles, was eine erfüllte Arbeit ausmacht wird von oben entschieden – man kämpft aber dennoch weiter um ein paar Prozentpünktchen beim Lohn.
Schauen wir noch zuletzt auf die Geschichte des Lehrplans – der allen Kindern und ihren Lehrern erzählt, was so zum Kindeswohl gehört:
Während die Einführung der Schulpflicht im 17. und 18. Jahrhundert in erster Linie auf die Disziplinierung der Untertanen zielte, versuchten Neuhumanisten wie Wilhelm von Humboldt im 19. Jahrhundert mit ihren Schulreformen die für die Emanzipation im Sinne Kants benötigte Allgemeinbildung breiter Schichten zu ermöglichen – und scheiterten.
Jaja, die Disziplinierung und Verminzung von Untertanen und Fabrikarbeitern (oder heute Bürodrohnen). Was erfahren wir also über die Leute, die sich aus der staatlichen Zensurdidaktik verabschiedet haben:
In Deutschland besteht eine allgemeine Schulpflicht, die die Pflicht der Eltern umfasst, ihr Kind zum Schulbesuch anzumelden. Die Schulpflicht leitet sich aus dem in der Verfassung verankerten staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag ab (Art. 7 Abs. 1 GG). Dieser legitimiert sich durch das Gebot von Demokratie und Pluralismus, das in den Schulgesetzen der Länder den Verfassungsauftrag widerspiegelt. Homeschooling, das die Entstehung von Parallelgesellschaften befördert, indem es Kindern die Teilnahme an einer demokratischen Klassen- und Schulgemeinschaft verbietet, ist daher in Deutschland nicht erlaubt.
Ja liebes BMBF und so etwas findet man bei Euch in der Stellungnahme zum UN-Sonderberichterstatter (der das Verbot von Homeschooling kritisiert hatte).
Und damit die Kinder so wenig wie möglich in diese Parallelgesellschaften abdriften und sich nicht der nationalen Kraftanstrengung unterzuordnen ist das BMBF schon weiter am basteln:
Ganztagsschulen für eine bessere Bildung
Ganztagsschulen bieten durch ihr Mehr an Zeit bessere Voraussetzungen für eine individuelle Förderung, die auf die unterschiedlichen Stärken, Interessen und Voraussetzungen des einzelnen Kindes eingeht. Ganztagsschulen können Unterricht und außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote verzahnen.
Ganztagsschulen als Unterstützung für Familien
Immer mehr Eltern möchten Familie und Beruf vereinbaren. Sie wünschen sich qualitativ hochwertige und flexible ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote. Ein bedarfsgerechtes Angebot an Ganztagsschulen entspricht damit besser den heutigen Bedürfnissen an eine moderne Infrastruktur im Bildungsbereich.
Ach und damit es keinen Zweifel an der Kooperationsbereitschaft unserer Politiker gibt, wurde auch noch die Kindergartenpflicht aufgenommen. Erst ein Jahr, und dann… man wird sehen.
Die Häuser für die kleinen Forscher warten schon – solange sie nicht raus wollen, dürfen sie auch alles erforschen, was da ist.
Also, liebe Lehrer, bitte überlegt es euch zweimal bevor ihr ein Kind für ein MINT-Fach begeistert. Es hat keine Wahl und muss euch zuhören. Egal, für was es sich wirklich interessiert. Im schlimmsten Fall finden sie gefallen am MINT-Fach und brechen dann irgendwann in der Arbeit zusammen, weil es doch nur eine Motivation von außen war.
Und wenn sie es wirklich von sich aus wollen- dann unterstützt sie mit Leibeskräften.
(Und was läßt die gut-situierte Familie ihre Kinder studieren: Philosophie in Cambridge, Geschichte/Politik in Oxford oder Jura in Cambridge – schließlich brauchen die ganzen Pfefferminzstreifen auch Chefs)