Am lesen…

Immer wenn ich lese, dann suche ich früher oder später Orte, wo diese Gedanken weiterleben. Ich suche in Bibliotheken – dort sind sie nicht in den Regalen – aber in den unterirdischen Magazinen. Ich suche auf Wikipedia, dort gibt es gute Überblicke. Ich suche auf Amazon, dort sind sie oft vergriffen. Ich suche die Verlage – die gibt es teilweise nicht mehr.

Und ich suche auf Youtube. Und manchmal entdecke ich etwas, das zwar über die Schule geht – aber dennoch zu gut ist, um es Euch vorzuenthalten:

Genial, am Anfang hatte ich den Eindruck, sie wollen nur den schlechten Teil der Schule zeigen. Aber sie zeigen auch die Reformer, die die Schule nach vorne brachten. Montessori, Freire, Freinet, Humboldt (Willi), usw. Also ganz anschauen – auch wenn der Anfang in Deutschland verpöhnt ist.

(PS: Kleine Warnung an alle, die glauben wollen, dass Schule nichts mit Schulmassaker zu tun hat: Nicht die Zitate am Ende lesen)

Über die Freude am Erfolg

Heute hat Chopper in der Logopädie ein Spiel nach dem anderen gewonnen. Am Ende kamen ihm die Tränen und er blickte zur Seite.

Die Logotherapeutin war ganz überrascht und fragte, was denn los wäre.

Chopper meinte: „Es ist so schön zu gewinnen.“

…..

So, das war Choppers Seite. Und jetzt meine. Wie ich schon öfter gesagt habe, finde ich ja, dass Vergleichen, Gewinnen/Verlieren der erste Schritt zur Gewalt ist. Gerade ordne ich das alles ein. Besonders, da ich gerade mit Nami an einem Puzzle spiele und sie sagt immer: „Hier, das kannst Du gewinnen (Puzzleteil erfolgreich einsetzen).“ Sie freut sich hier eindeutig über die Erfolge.

Jetzt kam gerade Chopper rein und sagte: „Schau mal wie schnell die Nami das schon kann… und ich kann es viel, viel schneller“.

Das nervt mich so! Und ich habe sogar ein Video, wie schön sie vor diesem schrecklichen Vergleichen gespielt hatten. Für mich ist es wie Gewalt. Gerade habe ich geschrieben, dass ich es einordnen wollte. Aber ich glaube ich muss hier meinem Gefühl vertrauen.

Ich habe heute die Logotherapeutin nicht gefragt, ob sie aufhören kann mit Gewinnen/Verlieren/Vergleichen – weil Chopper das so schön fand. Aber es ist so negativ für mich, dass es mich trifft wie ein Schlag.

Ich hoffe, dass ich bald mit stabilen Erkenntnissen aufwarten kann – bis jetzt überfordert das meinen Horizont. Es ist so irgendwie außerhalb unserer Kulturkuppel, die nur Vergleiche kennt. Die nur auf Gewinnen und Verlieren basiert. Es gibt noch keine Studien, die das langfristig untersuchen. Mit einer Nicht-Vergleichenden Testgruppe. Bis jetzt kenne ich einen Psychologen, der Vergleichen kritisiert und es als Hemmnis für unser Glücklichsein bezeichnet… mehr nicht.

Im Hier und Jetzt

Als ich die Schule verließ und an die Uni kam wurde ich endlich in meinen Interessen gefördert und gestärkt.

Hatte ich zu Schulzeiten trotz der Schule damals schon viel gelernt und gelesen, fühlte ich mich dann, als ob ich nicht einfach wachse. Ich fühlte mich, als ob ich mich verdoppele. Was ich im einen Monat noch dachte, hielt ich im nächsten schon für überholt, trivial und sogar „kindisch“.

Dies ging eine Zeit lang so, die „Verdoppelungszyklen“ wurden zwar länger, dennoch bewegte ich mich mit meinen Interessen streng expansiv. Wachstum, Wachstum, Wachstum – das höchste Ideal unserer Regierung.

Leider war es nicht mein Ideal. Und das merkte ich auch irgendwann. Denn wenn man immer nur sinnlos wächst, dann bricht die Struktur irgendwann zusammen. Das ist in der Wirtschaft so, das ist in der Natur so – und so kam es, dass ich ins Krankenhaus wanderte. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und dann kamen noch chronische Spannungskopfschmerzen dazu, die mir ein Arbeiten unmöglich machen. Sogar Sitzen war unmöglich.

Eine lange Entwicklung hatte endlich ihren toten Punkt gefunden. Ich erkannte das nicht bewußt. Aber unbewußt wendete ich mich den Dingen zu, die mich interessierten. All die Dinge, die mir in meiner Bildung durch Noten exorziert wurden. Ich machte den ganzen schulischen Zwangsexorzismus rückgängig. Ich lernte Geschichte. Und Literatur. Und noch mehr Geschichte.

Und irgendwann war ich dann ein Unschooler (nach einer kurzen Phase von Homeschooling). Immer tiefer forschte ich – und suchte, und fand Menschen. Und immer tiefer fand ich hinein – in das Hier und das Jetzt. Der Ort und der Zeitpunkt, den ich nie kannte – ein Ort zu dem ich immer nur zurückblicken konnte. Dort saßen die Menschen und sprachen. Wenn sie mit mir sprachen, war ich schon lange in der Zukunft und ihre Worte sickerten durch die Zeitbarriere in meinen Verstand und ich wandte mich nur kurz zurück zum Antworten. Es war wie das Gespräch mit einem zerstreuten Professor.

Vor ein paar Tagen, als ich die Unschooling-FAQ zusammengestellt habe, recherchierte ich in der Geschichte des Unschooling. Und gestern lieh ich mir eine lange Leseliste aus. Und das erste Buch hat schon so eine Durchschlagkraft. Es ist all das, was ich nie formulieren konnte. All das, was mir die Schulmönche und Gesellschaftsprotagonisten verboten haben zu denken. All das, was man niemals in der Schule lesen wird, denn es sagt: Es gibt eine Gesellschaft ohne Schule – und diese Gesellschaft wird nicht nur besser sein, sondern sie wird auch die Versprechen einlösen, die die Schule gibt.

Ich bin ein Deschooler – und ich bin dort angekommen, wo ich geboren wurde und mein Leben lang hingehörte. Das ist so schlimm, wie es schön ist, und ich will hier gar nichts mehr darüber sagen, als ein Zitat aus „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle. Es ist die Szene, wo die alte und verbrauchte Köchin Molly, die für einen Haufen Räuber im Wald kocht und von ihnen verspottet wird, das erste Mal das letzte Einhorn sieht (in Begleitung des Zauberers Schmendrick) – und obwohl Erwachsene nur noch Pferde sehen können, erkennt sie das Einhorn sofort:

Dann erblickte sie das Einhorn. Sie stand still und starr, ihre lohbraunen Augen füllten sich mit Tränen. Lange stand sie so da, dann faßte sie mit jeder Hand ein Stück Saum und ging zitternd in die Hocke. Ihre Knöchel waren gekreuzt und ihre Augen gesenkt, dennoch brauchte Schmendrick einen Augenblick, um zu begreifen, daß Molly Grue knickste.

Er brach in Gelächter aus, Molly sprang auf, vom Hals bis zum Haaransatz blutübergossen. „Wo bist Du gewesen?“ schrie sie. „Verdammt noch mal, wo bist Du nur gewesen=“ Sie tat ein paar Schritte auf Schmendrick zu, doch ihr Blick ging an ihm vorbei.

Als sie an Schmendrick vorüberwollte, stellte er sich ihr in den Weg. „So spricht man nicht“, fuhr er sie an, immer noch unsicher, ob Molly das Einhorn erkannt hatte. „Weißt du nicht, was sich gehört, Weib? Und Knicksen ist schon längst aus der Mode!“

Molly stieß ihn zur Seite und ging zu dem Einhorn. Sie schalt es, wie man eine Kuh schilt, die sich verlaufen hat. „Wo bist du gewesen? Verdammt, wo bist du nur gewesen?“ Vor dem Weiß und dem leuchtenden Horn schrumpfte Molly zu einem keifenden Käfer, aber diesmal senkte das Einhorn seine dunklen alten Augen.

„Ich bin jetzt hier“, sagte es schließlich.

Molly lachte verächtlich. „Was nützt es mir, daß du jetzt da bist? Wo bist du vor zwangzig Jahren gewesen, vor zehn Jahren? Wie kannst du es wagen, jetzt zu mir zu kommen, wenn ich so aussehe?“ Mit einer Handbewegung faßte sie ihre Erscheinung zusammen: verwüstetes Gesicht, hoffnungslose Augen, verdorrendes Herz. „Ich wünschte, du wärest nie gekommen, warum kommst du erst jetzt?“ Tränen liefen ihr die Wangen herab.

Das Einhorn gab keine Antwort, aber Schmendrick sagte: „Es ist das letzte, es ist das letzte Einhorn auf der ganzen Welt!“

Molly schluchzte: „Es muß ja das letzte Einhorn sein, das zu Molly Grue kommt“ Dann hob sie ihre Hand, um sie auf des Einhorns Wange zu legen; beide zuckten ein wenig zurück, worauf die Hand auf der pulsierenden Stelle zwischen Kiefer und Hals liegenblieb. Molly sagte: „Schon gut, ich verzeih’ dir!“

Und auch wenn das total nach all dem klingt, was ich in der Schule gelernt habe über falsche Erlöser, es ist wie ich fühle und es ist, wo ich jetzt bin. Ich bin mein ganzes Leben lang Kind geblieben und habe mich hinter der technokratischen Fassade geweigert erwachsen zu werden. Ich konnte nicht erwachsen werden, weil man mir meine Kindheit und Jugend gestohlen hatte und die gesellschaft mich für ihre Zwecke verrentet und mißbraucht hatte. Ich musste mein ganzes Leben lang auf diesen Moment warten. Der eine Moment, der es mir erlaubt erwachsen zu werden, ohne meine Kindheit abzustreifen wie einen alten Hut. Der Moment, der es mir wirklich erlaubt nach vorne zu gehen ohne meine Vergangenheit zu betrügen und zu verlieren. Ohne mich zu verlieren.

Ich bin dort und ich finde jeden Moment neue Autoren, die all das, was ich immer gesucht habe – unterdrückt und unterbewußt – niedergeschrieben haben. Und ich finde freie Kinder, natürlich geboren und schon lange Unschooler – die im Netz bloggen und frei leben. Und ich sehe die Schule und die Schulmönche aus einem neuen Blickwinkel – ein Reigen von Menschen, die nur Lernrituale durchführen um sie auf eine technokratische Welt abzurichten. Fast wie in Zeitlupe und so durchsichtig und peinlich fremdgesteuert, dass ich schon versucht bin nach oben zu schauen, ob ich am Himmel nicht riesige Hände sehen könnte, die diese ganzen Marionetten bewegen. Aber ich muss nur in meinen Geldbeutel sehen um die Karotte zu sehen, der sie hinterherrennen.

Ich bin dort angekommen. Und jetzt fange ich an zu residieren. Ich richte es mir schön ein. Ich untersuche keine Epiphänomene mehr und kartographiere sie, wie Schneelandschaften, die sich schon am nächsten Tage verändert haben. Ich stoße direkt durch, zu dem Grund dessen. Und kann dort all meine Forschung und mein Schaffen neu aufsetzen.

Frei nach Galileo:

Ich habe die glücklichen und produktiven freien Kinder gesehen. Und ich habe die glücklichen und produktiven freien Erwachsenen gesehen und ihnen glaube ich mehr als der Schule und ihren Mönchen.

Chopper auf der Bühne – 500.ste Post

Ich hätte mir vor ein paar Jahren nie erträumt, dass ich so viel Bloggen würde – was ist denn Bloggen.

Und selbst gestern hätte ich nicht gedacht, dass der 500.ste Post mit Tränen in meinen Augen geschrieben werden wird.

Doch Chopper hat mir dieses Geschenk gemacht, er hat auf einmal angefangen zu tanzen. Und zu singen: „Wer erlaubt mir zu tanzen….“ und er hat immer weiter gesungen und getanzt. Was und wie es ihm eingefallen ist. Und er tanzte und schwang sich dann auf seine „Bühne“ (eine Kommode) und sang und tanzte immer weiter. Es war wie in einem dieser Bollywood-Spektakel oder früheren Musicals.

Die Mummy1000Sunny hatte gottseidank schnell die Kamera bereit und irgendwann, als sein Text auf einmal von Menschen handelte, da kamen mir die Tränen – und jetzt schreibe ich den 500.sten Post mit Tränen in den Augen.

Ab irgendeinem Moment in meinem Leben hatte ich diese Freiheit nicht mehr – einfach loszutanzen, einfach loszusingen und dabei jedem in die Augen zu schauen. Ich hoffe wir können diese Freiheit für ihn erhalten und er kann sie sich für sein Leben bewahren.

Ein guter Witz

Es war einmal ein sehr autoritäres System. Dort schauten alle nach vorne und nach oben.

Kaiser Wilhelm II. schickte die Leute dann in den Krieg. Dieser Krieg ging verloren und man entschloss sich nicht mehr von einem Mann (der leicht schwachsinnig werden konnte) leiten zu lassen.

Als Gegenreaktion kam damit eine sehr freiheitliche Demokratie nach Kriegsende. Leider hatten ein paar Leute auf einem Kongress die Idee, dass man diese neue Demokratie und dieses Land doch alles reparieren lassen sollte, was im Krieg kaputt gegangen sei. Nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch alle anderen Länder, wo die Kriegshorden gewütet hatten.

Auf demselben Kongress sagte eine Tröte (er hieß John Maynard Keynes): „Lasst das mal mit diesen ganzen Reparaturzahlungen – sonst habt ihr gleich wieder Krieg“. – „Nönö, das schaffen die schon“ – „Wenn ihr meint, ich verlasse diesen unseligen Kongress“

Nachdem man dann auch einen zweiten Weltkrieg gehabt hatte, beschloss man, dass es die Freiheit in der Demokratie gewesen war, die zum erneuten Krieg geführt hatte. Und wurde wieder ein bisschen autoritärer – am besten behielt man eine Menge Gesetze aus der autoritären Zeit des zweiten Weltkrieges gleich – die waren sowieso für 1000 Jahre gemacht.

Dagegen gab es dann aber auch Proteste, so um 1968 herum. Man machte einige Reformen, die Protestler wurden als Gescheiterte und ewig Unzufriedene bezeichnet und sie gliederten sich ein – anscheinend wurden sehr viele Lehrer.

Und das ist jetzt auch die Pointe des Witzes. Die Schule ist eines der Subsysteme, die immer noch nach den Prinzipien „Nach vorne schauen – tun was Dir gesagt wird – wann es Dir gesagt wird – und von oben bewertet werden“ funktionieren. Eines der sehr autoritären Systeme. Die dortigen Angestellten sind aber teilweise als frei denkend wollende aufgewachsen – jetzt aber Beamten im Staatsdienst.

Immer wenn man die Schule als autoritär kritisiert und sagt: „Seit Kaiser Wilhelm hat sich da nix wesentliches geändert – außer dass die Prügelstrafe sehr subtil durchgeführt wird“ – springt sofort ein Alt-’68 aus den Reihen der Lehrerschaft zur Verteidigung hervor und sagt: „Aber ich arbeite dort und sehr viele andere ’68, ergo ist die Schule liberal“.

Und so verteidigen die liberalen Geister ein autoritäres System mit dem ganzen rhetorischen Können eines Staatsdieners.

Auf die Frage hin, ob sie denn wenigstens streiken dürften – oder ihren Schülern dieses Recht hätten müssen sie leider schweigen.

Man könnte jetzt meinen: „Haha, guter Witz und der hat sich jetzt über einen so langen Zeitraum erzählt – also seit dem Amok-Kaiser Wilhelm?“

Nein, das geht schon viel länger. Die Schule war ursprünglich als Bildungsmittel für das Volk gedacht – von kühnen Reformatoren ersinnt, die dem damals ungebildeten Volk Bildung und Selbstbestimmung geben wollten.

Dann wurde es aber zu einem Herrschaftsinstrument gemacht, mit der noch besseren Idee (von oben), dass man die Leute ja bilden könne, aber man könne ihnen ja die falschen Sachen beibringen – oder noch subtiler die ‘richtigen’ – man entwickelte Fächer und einen Lehrplan und Tests, die sicherstellten, dass der Lehrer nicht irgendwas mit denen macht. In der neuesten Variante heißt das Bildungsstandards. Immer, wenn man diese heute kritisiert, dann kommt sofort die Antwort: „Wissen Sie, dass sie eigentlich Luther kritisieren?“.

Etwas anderes verhält sich der Witz beim Notensystem. Dieses entstand wirklich aus niederen Beweggründen. Ein Tutor an einer englischen Universität (Cambridge), William Farish, hatte die Idee man könne das aktuelle System mit dem man schon erfolgreich Schuhe in englischen Fabriken bewertete, doch auch Schüler bewerten. Da käme man auch viel schneller vorwärts, der Zeitgeist war sowieso gerade „Industrielle Revolution“ und Tutoren wurden „pro Kopf“ bezahlt.

Mit der Idee, dass man objektiv Leistung bewerten konnte, so dachte man, könne man endlich soziale Ungleichheiten überkommen und allen den Zugang zur höheren Bildung ermöglichen, die es ihren Leistungen nach verdient hatten. So war die Benotung (nach Kulke, Rothermund – Geschichte Indiens) an manchen englischen Universitäten sogar sehr lange Zeit verboten – besonders, wenn es darum ging englischen Adel für Positionen in den indischen Kolonien auszubilden.

Dennoch setzte sich der Gedanke durch und heute gibt es in allen Ländern Noten. Besonders gut am Notensystem, das haben auch die Schichten im Wohlstand erkannt, ist, dass sie zwar objektive Zahlen sind, aber von Subjekten vergeben werden. Und wenn da ein Harz IV-Empfänger und sein Kind ankommt, dann ist das nicht so beeindruckend, als wenn ein Konzernleiter mit seinem Anwalt ankommt. Und so wurden diese Noten, ein sehr soziales Instrument zur Leistungserfassung, zu einem Instrument der Selektion.

Vergeben werden diese sozialen Noten von einer liberalen ’68-Generation an den Institutionen, die Luther, Comenius und andere Reformatoren und Nationalhelden einst von den Regierungen forderten und die nun „omnes omnia omnino“ („Alle alles ganz zu lehren“) versprechen.

Das wäre alles wirklich ein guter Witz, leider ist er traurige Realität und wir werden erst in 20 oder 200 Jahren drüber lachen können.

Was mich wirklich ärgert

Es gibt eine Sache, die ärgert mich mittlerweile wie keine andere. Die macht mich sauer und wütend.

Es ist die Frage, die eigentlich eine Behauptung ist: „Und was ist mit den DUMMEN Eltern?“

Ich will mich jetzt nicht darüber auslassen, was diese Frage überhaupt bedeutet und wen sie meinen. Ob das dumm ganz generell für Eltern gilt, oder ob es bestimmte Gruppen von Eltern sind, die dumm sind (nach welchen Kriterien auch immer).

Ich muss ehrlich gestehen, ich fühle mich damit angesprochen. Ich komme aus einem Haushalt wo Frauen gar nichts zählten. NICHTS. 4 Töchter und 1 Sohn. Nur einer ist etwas geworden. Der Sohn war der Letztgeborene, das macht es noch schwerer für die Töchter. Denn die standen unter der stetigen Anklage eben keine Söhne zu sein. Sie bekamen keinerlei Bildung und auch sonst nichts. Sie wurden zur Arbeit (Zement stampfen/ Steine tragen) benützt – und zur Ernte.

Und das alles geschah hier in München. Vater war ein CSU Wähler. Und die Schulpflicht gab es auch schon. Alle 4 Töchter gingen in die Schule. Meine Mutter ging gerne zur Schule, weil sie dort nicht so viel geschlagen wurde, wie zu Hause. Das störte aber die Schule überhaupt nicht.

Das Leben war wirklich hart zu diesen 4 Töchtern. Und wer so ins Leben startet, der hat auch nachher nicht mehr viel zu lachen. Und die Schule beging das schlimmste Verbrechen, es brachte all diesen 4 Töchtern bei, dass sie von ihrer „Qualifikation“ her nichts werden könnten.

Nehmen wir also an, dass Unschooling für alle erlaubt wäre, außer für die Kinder von solchen Eltern.

Dann säße ich alleine in der Schule. Ich konnte aber Unschooling. Ich habe so viel selber gelesen (ich hatte sogar Leselisten und Lesepläne), und mir alles selber beigebracht (außer Lesen), ich habe mir Bücher über Lernmetastrategien geliehen und gelesen, über Lernen und Vergessen. Ich habe sogar die Hausaufgaben der anderen Kinder korrigiert um der Erzieherin zu helfen. Ich habe für Kinder aus meiner Klassenstufe Nachhilfe gegeben. Die Schule stand mir immer nur im Weg.

Und ich wäre einer derer, die nach diesem Kriterium (den Eltern) in der Schule bleiben müsste. Aus dem Unrecht, das meiner Mutter angetan wurde würde ein Unrecht, das sich auf mich ausbreitet. Für alle, die dieses Kriterium bringen, es ist falsch. Und es ist dumm. Und es ist eine Frechheit. Und es ist ungerecht.

Wie dürft Ihr diese Frage also stellen, ohne mir direkt ins Gesicht zu schlagen? Ihr dürft fragen: „Wie können wir auch den Kindern von Eltern, die wir in der ersten Runde zu Grunde gerichtet haben, Unschooling ermöglichen?“.

Bevor jetzt jemand sagt: „Aha, Du generalisierst also doch Deine schlechten Schulerfahrungen“.

Ja, und ich habe jedes Recht dazu. Die Schule hat meine Seele zerissen. Ich war Computerspielsüchtig und ich war Fernsehsüchtig, ich habe Fingernägel gebissen, bis mein Nagelbett geblutet hat. Ich habe sie gehaßt und ich habe die Tage rückwärts gezählt. Ich bin jeden Tag so lange wie möglich aufgeblieben, nur damit ich das unvermeidliche, die Leiden des neuen Schultages so lange wie möglich herauszögere. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, dass ich nicht wie ein Roboter funktioniere, sondern ein Mensch bin.

Das Schlimmste war aber nicht die tägliche Gewalt und auch nicht die ganzen anderen Punkte, die gerne gegen die Schule angebracht wurden – und die alle mir einreden wollen, dass das doch nicht so schlimm war und die Schule jetzt ganz anders sei und man das auch nicht generalisieren könne. 13 Jahre kann man nicht generalisieren! Und ich war nicht der Einzige der öfter auf der Brücke stand. Das Schlimmste war, dass einem das Leben zu dieser Zeit egal war. Ich habe das erst später begriffen. Aber man muss nicht leiden – um etwas zu „lernen“. Man muss nicht versuchen, so gut und schnell und schmerzfrei wie möglich durch seine Kindheit und Jugend zu kommen. Man kann sein Leben auch einfach genießen. Es gibt eine schmerzfreie Alternative bei der man viel mehr lernt – nämlich Unschooling.

Jeder hat das Recht seine schlechten Erfahrungen mit einer Institution, besonders wenn sie über Jahre gehen zu generalisieren. Der, der das wiederfahrene Leid leugnet, der der sagt: „Nein, das gab es nicht“ – der macht sich eines Verbrechens schuldig. Und nicht der Mensch, der gelitten hat. Eine Leugnung eines Verbrechens ist nur ein weiteres Verbrechen. Und wer da wissenschaftliche und empirische Daten und Belege verlangt, und das auch noch von den Opfern, der hat sich sehr weit vom Mensch-Sein entfernt.

Man kann von Eltern nicht verlangen ihre eigenen Kinder anzulügen. Wenn die Schulerfahrungen unmenschlich waren, dann kann man seinen Kindern doch nicht irgendetwas anderes daherlügen müssen. Wenn man keine Alternative kennt und seinen Kindern die natürliche Angst nehmen will (oder lindern), dann kann man zur Not lügen, wenn man keinen besseren Weg sieht. Aber wenn man Unschooling kennt und weiß, dass es viel besser ist als Schule, wenn man es immer wieder gesehen hat und mit solchen Kindern gesprochen hat, dann ist es doch ein Verbrechen, die Kinder anzulügen. Doch die Schulgesetze verpflichten zur Kollaboration, sie verpflichten Eltern dazu ihre Kinder zu betrügen und zu hintergehen.

Wie dem auch sei. Es geht nicht darum, wie schlecht die Schule ist oder war oder immer sein wird. Es geht darum, dass man Kindern nicht die bessere Alternative verweigern sollte, bloß weil sie „dumme“ Eltern haben. Das ist unmenschlich und grausam. Und besonders die „dummen“ Eltern haben meist sehr schlechte Schulerfahrungen – und sie müssen all ihr Leid noch einmal erleben. Ein zweites Mal. Und dann noch einmal an ihren Kindern. Und sie können ihnen meistens immer noch nicht helfen – so wie sie sich damals auch nicht helfen konnten und ihnen damals auch keiner half. Und sie müssen ihre Kinder immer wieder hinloben und hinermutigen – anstatt sich selber mit ihnen hinsetzen zu dürfen oder sie einfach frei lernen zu lassen und zu sagen: „We can“

(Dies ist kein Angriff auf Eltern, die ihre Kinder in der Schule haben)

Kritik eines Unschoolers am Unschooling

Sometimes people put up walls, not to keep others out, but to see who cares enough to break them down.

Sometimes people put up walls, not to keep others out, but to see who cares enough to break them down. (Photo und Text gefunden bei einem sehr fleißigen jungen Mann (reguläre Schule), dessen Arbeit ich sehr schätze)

Gerade habe ich einen neuen Unschooler gefunden, der gute Videos ins Netz stellt. Er hat selber Unschooling gemacht und ist jetzt schon ein bisschen weiter. Er beschäftigt sich mit der Theorie, gesellschaftlichen Auswirkungen und der Idee, warum sich die Sch..  immer noch hält. Und wir erfahren auch ein bisschen über ihn und seine Errungenschaften.

(Für alle, die Kinder vor „dummen“ Eltern beschützen wollen, bitte an die Stelle 5.00 genau hinhören)

Einer seiner Kommentatoren schreibt:

i died as a human being in school no one listened

Schule 2.0? -> Unschooling

Ich habe eine ganz interessante Slideshow über Schule 2.0 gefunden (wieder bei einem Lehrer :) ).

Das interessante fand ich, dass man anscheinend begriffen hat, dass der Bildungskanon SCHWACHSINN ist.

Das nächste interessante Wort war das der: BILDUNGSWELT – das ist die Welt, die man sieht, wenn man in der Sch… aus dem Fenster blickt :)

Und das 3.te interessante fand ich wieder ein sehr schönes Zitat, das genau beschreibt, was passiert, wenn man zum Unschooling gelangt:

We must not cease from exploration. And the end of all our exploring will be to arrive where we began and to know the place for the first time. T.S. Elliot

(Wir dürfen nicht aufhören zu entdecken. Das Ende aller Entdeckung wird sein, dass wir dort ankommen, wo wir angefangen haben und den Platz das erste Mal wirklich zu kennen)

Genau das ist es doch, was beim Unschooling und bei Natural Birth und bei Attachement Parenting passiert. Wir emanzipieren uns von den kulturellen Fesseln und stoßen auf einen Ort, den wir als natürlich empfinden. Unser Lernen ist nun natürlich – wir folgen unsere Interessen und Wachsen dadurch ein Leben lang. Es gibt keine abgeschlossenen Lernreservate mehr in denen nur bestimmte Menschengruppen zugelassen sind und sie nach abgeschlossenen Lernen ein für alle Mal vor der Tür stehen.

Dieser Vortrag zusammen mit dem Zitat sagt doch alles aus. Jetzt muß der Kultusminister nur noch von seiner „Lösung für alles“ loslassen und kapieren, dass es vorbei ist. Und uns in Freiheit leben und lernen lassen.

Und noch ein letztes Zitat von der Seite:The richest and fullest lives attempt to achieve an inner balance between three realms: Work, Love and Play. (Erik Erickson)

Erik Erickson hat unter anderem die Lebensstadien des Menschen untersucht und für sich herausgefunden, dass man jedes Stadium erfolgreich abschließen kann oder nicht. Je weniger man erfolgreich abschließt desto verzweifelter wird man. Am Ende ist man entweder ein Mensch, der den Tod akzeptieren kann… oder jemand der weiß, dass er sein Leben verpaßt hat und deswegen Angst vor dem Tod hat.