(heute lag ich den ganzen Tag mit Ischias im Bett – Zeit für ein paar allgemeine Gedanken und das Teenager Befreiungs Handbuch)
Als ich vor ein paar Jahren einer Bekannten erzählte: „Wir wollen eine Schule gründen, in der jeder lernen darf, was er will“ – war ihre Antwort: „Toll, dann hat man am Ende einen 18 jährigen Jungen, der nur Matchbox Autos spielen kann“ – ich war echt platt über diese banale Art Dinge zu sehen. Aber im Grunde ist es ein berechtigter Zweifel. Bei all dem, was man Kinder beibringt wäre es ja seltsam, wenn sie das eigentlich auch alles selber und ohne Beibringerei lernen würden.
Dennoch. Ich schaue mir Chopper an, wenn er fernsieht, wenn er schreibt und wenn er ein Buch in der Hand hat und zu lesen versucht. Ich sehe ihn an, wenn ich mit ihm spreche und wenn er mit mir spricht. Ich beantworte seine Fragen und begleite ihn in die Bibliothek und zum Bücherbus. Auf Spielplätze und durch die Gegend. Und vor dem Computer beim spielen. Und beim Spielen ohne Computer. Und beim Spielen mit mir und auch bei der Logotherapie- bei der Oma, im Kaufhaus, auf dem Schulhof, bei Nachbarn, mit Freunden, beim Schlafen. Wenn er mit Nami spielt, wenn er hüpft und springt. Einmal eine Hasengrube aus Kissen baut und im nächsten Moment eine Burg aus den selben Kissen.
Ich schaue ihn auch an, wenn er kocht oder die Oma besänftigt. Wenn er Rolltreppen hochläuft, die in die andere Richtung laufen. Und ich schaue ihn an, wie er sich mit Nami auf ein Video oder eine DVD einigt, sie einlegt und alle anschaltet. Wie er mein Notebook hochhebt, das Stromkabel umsteckt, seinen Stuhl hohlt und anfängt die virtuellen Welten in seinem Kopf nachzukonstruieren. Ich schaue ihn an, wenn er sich anzieht und wenn er sich und Nami eine Limonade zusammenrührt (oh, ja unser nächstes Experiment). Und ich schaue ihn auch an, wenn er mit Autos und Zügen spielt. Stundenlang Gleise, Straßen und Rennstrecken baut.
Und bei allem sehe ich, wie er lernt und dass er eigentlich nie aufhört zu lernen. Wie ein Eisbrecher geht er voran, ohne jemals still zu stehen. Immer vorwärts pflügt er sich durch diese Welt, und saugt und trinkt sie auf, als ob sein Verstand sonst austrocknen würde. Als er heute bei der Oma saß und mit ihr aß, sagte er auf einmal: „Hmmm… die Schwester vom Papa ist ja Deine Tochter…. hmmmm… ich dachte das wäre anders..“ Und immer wieder kommen solche Dinge, ohne dass man ihn überhaupt auffordert zu verstehen. Diese Lernen ist eine Naturgewalt. So wie ein Orkan, der sich langsam vorwärts und kraftvoll vorwärts bewegt. Und immer wie ein Tsunami auf hoher See, fast unkenntlich an der Oberfläche.
Doch dieser Wissensdurst ist nichts besonderes. Es ist genau dieser unstillbare Durst, der unsere ökologische Nische in Darwins Theorie ist. Wir sind nicht besonders schnell, haben keine Krallen und knicken bei leichten Temperaturschwankungen ein. Unsere Reflexe und körperliche Stärke ist eher marginal. Wenn ich sehe, wie wir uns zum Lernen zwingen und all das vergessen, dann denke ich mir: „Wir haben doch alle Darwin gelernt und die Evolution. Hat das denn niemand verstanden? Ist es so schwer zu verstehen?“ Wenn wir Darwin nur auswendig lernen und nicht verstehen – dann lassen wir ihn doch lieber in Ruhe und überlassen es ein paar Experten sich damit auseinanderzusetzen. Nichts ist schlimmer für einen Wissenschaftler, als stupide rezitiert zu werden. Dafür macht sich keiner gern zum Affen.
Wenn ich dann wieder Chopper betrachte und seine unerbittliche, schon fast brutale Art diese Welt zu absorbieren, denke ich mir: „Wahrscheinlich fehlt uns einfach die Möglichkeit einmal einen Menschen beim freien Lernen zu beobachten und zu verstehen“ – wir würden wie gelähmt stehenbleiben und würden uns nicht mehr bewegen können. Wenn ich Chopper beim Lernen sehe, dann weiß ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind und ich bekomme Tränen in meinen Augen.