(Papa)

Der geneigte Leser weiß: Seit über einer Woche ist der Papa barfuß.

Die meisten Menschen schauen komisch. Und ich fühle mich irgendwie, wie im Dauer-Urlaub. Selbst die erhabensten Institutionen werden erschüttert durch zwei nackte Füße. Sie tragen in sich die immanente Aussage: „Arztpraxisboden, Gerichtssaalsboden, Universitätsboden ihr seid alles nur ein Stück Boden, genauso wie ein Sandstrand“.

Das ist kein Gefühl von Macht über andere, sondern es ist ein Gefühl der Befreiung von Macht und kulturellen/zivilisatorischen Zwängen, die andere auf meinen Körper und damit auf meinen Geist erwirken.
Doch manchmal, manchmal da geht man in Bezirke und manchmal, manchmal da trifft man dort Menschen, die erkennen, wie das Machtgefüge erschüttert wird und wie ihre schönen glänzenden Schuhe erblassen und alles vornehme Schwarz verlieren vor zwei nackten Füßen.

Folgender Mann ist mir im Penny begegnet. Er sah sich mir gegenüber, und ich sah mich ihm gegenüber. Wir beide sahen uns kurz (sehr kurz) ins Gesicht. So kurz, wie eben üblich in einer Gesellschaft, die gerade entindividualisiert wird. Dann sahen wir nach unten, dort wo der gesellschaftliche Status definiert wird – das geschieht anscheinend mittlerweile automatisch (oder sahen wir schon immer nach unten, um den gesellschaftlichen Status des Gegenübers zu erfahren? ) .

Seine schwarzen Schuhe gleißten mich an, sie waren geputzt und gelackt und dann noch einmal geputzt. Mir war sofort klar, dieser Mann lässt die Schuhe bei der Pediküre an. Als wir uns wieder anblickten (das geht alles im Millisekunden-Bereich eines Fahrstuhl-Blicktausches vor) erkannte ich, er war mit meiner Einordnung in die gesellschaftliche Kaste gescheitert. Wahrscheinlich wäre es dabei geblieben, jedoch: Wir waren in Bogenhausen in München.

Hier wohnen die Fußballstars und ganz die Reichen (die soziale Elite). Hier kostet ein 1000m² Grundstück 3 Millionen €. Und man baut sich darauf eine Villa, die noch mal das gleiche kostet.

Gleich fing er an: „Haben sie Ihnen die Schuhe gestohlen?“ Oh, ja ich bin ein Opfer der Gesellschaft, die Socken wurden auch geraubt. Mein Schutzengel schaute wohl kurz weg.

Was soll man da antworten? Muss man überhaupt antworten? So weit ich mich erinnere, sagte ich „Nein“ und ging weiter. Mama wollte ja „ein Eis mit Schokolade drumherum“ (Originalzitat).

An der Kasse erwischte mich der Leistungs(schuh)träger der Gesellschaft wieder und rief über den Kopf von zwei anderen Kunden hinweg: „Warten Sie nur, bis sie in eine Scherbe treten!!“

Ich war gerade am bezahlen und sagte nur: „Dann aber“. (Ich dachte mir: dann blute ich).

Das war schon der ganze Kontakt.

Interessant war nur die Art der Aufforderung, doch wieder zivilisiert zu sein. Erst stützte er sich auf höhere /niedere Gewalt (einen Diebstahl) und dann auf gesundheitliche Bedenken.

Ein Dieb, die Urangst jedes Besitztumbürgers, und dann die Hygiene. Das erinnert mich an Norbert Elias (Über den Prozeß der Zivilisation). Sitten entwickelten sich im Laufe der Entstehung der Zivilisation durch ein Voranschreiten der Peinlichkeitsschwelle. Ihre Begründung läuft in Phasen ab: Erst sind es die Schutzengel, die sich angewidert abneigen und dann sind es gesundheitliche und hygienische Bedenken.