Das Leben ist doch manchmal sehr seltsam. Vor einigen Wochen habe ich meinen Radius sehr ausgeweitet. Ich habe die Angst immer weiter zurückgedrängt. Erst ließ ich den Häuserkomplex, in dem wir leben zurück. Dann wagte ich mich aus der Straße hinaus. Dann vor zum „Zentrum“, dann zum Spielplatz.

Und jedesmal kam zu der irrationalen Angst noch ein echter Auslöser dazu.

Erst kamen in unserer Straße lauter große Hunde auf mich zu – irgendwie erwischte ich die Zeit, in der alle ihre Hunde gassi führten. Es war anscheinend nach dem Hauptfilm im Fernsehen (also 22.00 Uhr) – die Hunde waren alle ohne Leine und liefen mit Herrchen ausser Sichtweite mitten in der Nacht auf mich zu.

Als ich die Straße verließ und vor zum „Zentrum“ ging, da waren dort auf einmal eine Menge Polizisten in Grün. Und irgendwie habe ich in den letzten 2 Jahren Angst vor der Polizei bekommen.

Jedes mal, wenn ich meine Zone der Angstfreiheit ausweitete kam auch gleich irgendetwas und jagte meinem Herz einen riesen Schreck ein. So dass ich mich oft atemlos nach Hause „ziehen“ musste und an den Zäunen entlanghangelte.

Letztens war ich dann endlich mit Nami auf dem Spielplatz – und kaum kamen wir dort an, saß da ein leicht versoffen aussehender Mann, der Zeitung las, Kaffee trank und seine Weste dauernd zurecht zupfte. Irgendwie lief es mir gleich kalt das Herz herunter und als ich dann noch seine Pistole sah… also da war wirklich mal wieder leichte Panik angesagt.

Ich überredete Nami schnell doch noch zu einem Freund zu fahren, auf dem Spielplatz waren eh keine anderen Kinder – nur dieser Mann – und das war ein gutes Argument. Wir fuhren schnell außer Sichtweite und kaum um die Ecke ließ ich mein Herz ein bisschen ausflippen.

Wahrscheinlich war es nur ein Zivilpolizist aber dennoch ist es schon seltsam, wie alles lief, als ich meine ersten Gehversuche in die Angstfreiheit machen wollte.

Nachtrag: Da fällt mir ein, als mein Körper am Tiefpunkt war und sich die Angst festfraß fuhr jeden Tag ein Polizeiauto durch unsere Straße, wurde vor unserem Haus langsamer, hielt dann kurz und furh wieder weiter. Am dritten Tag entdeckte ich, dass die eine Kollegin nach Hause fuhren. Diese wohnt uns genau gegenüber. Was für ein Zufall….

Noch ein Nachtrag: Mittlerweile habe ich fast keine Angst mehr vor der Polizei. Warum auch? Ich bin im ethischen Recht und mein Körper würde mittlerweile schon wieder ein paar Knüppel aushalten. Außerdem sind wir bald weg ;P

Jedes Jahr zu Weihnachten blühen sie wieder: die Spendenaufrufe. Sie kommen von überall und was man nicht alles für 5 € bewirken kann.

Hier reicht es nicht mal mehr für eine Tageskarte in die Innenstadt – dort reicht es für einen Brunnen oder ein Jahr Schule für ein Kind.

Sieht man sich diese Projekte näher an, so ergreift einen das Schauern.

Die Brunnen, die mitten in der Wüste gebaut werden und Wasser so leicht verfügbar machen, dass die Kinder jetzt sogar mit sauber gewaschenen Händen zur Feldarbeit gehen können, bohren unterirdische Wasserreservoirs an. Diese Reservoirs werden erst beim nächsten Regen wieder befüllt. Wenn das Reservoir erschöpft ist, muss tiefer gebohrt werden oder es gibt überhaupt kein Wasser mehr – auch der Dorfbrunnen funktioniert dann nicht mehr. Die unterirdischen Wasserreservoirs in allen Ländern (sogar den USA) entleeren sich rapide. Auch wenn die ganzen Wasserfonds schlauer Spekulanten (die das nämlich schon wissen) abgestürzt sind, so hilft jeder gespendete Cent für einen dieser Brunnen einer humanitären Superkatastrophe auf den Weg.

Die Schulen, die dort gebaut werden haben auch einen Nachteil. Kindern wird westliche Konsummentalität beigebracht und der große Traum vom Arbeitsplatz. Ein Haus aus Beton und Glas mit westlichen Sicherheitsnormen gebaut von der Industrie aus dem Westen.

Im gleichen Schritt aber werden die aktuellen Häuser dieser Menschen zu Scheunen entwertet und die Wohnungsnot nimmt Ausmaße an, wie man sie nur von europäischen Metropolen kennt.

Im gleichen Schritt werden die Kinder reif gemacht für eine Ausbildung, erlernen aber nicht die notwendigen Traditionen, wie sie sich in einem kargen Land selbst ernähren, wie sie sich mit Gesundheit selbst versorgen und wie sie Tiere pflegen und für ein Dach über den Kopf sorgen. Da sie all das nicht mehr können, sind sie auf den Zukauf von Nahrung, Medizin und Häusern angewiesen und somit ist die Konsumentenerziehung vollständig. Die Ausbildung muss vollendet werden und die Kinder dürfen nun – dank der Schule und Entwicklungshilfe – ein Leben lang anderen die Haare schneiden oder andere Billigjobs verrichten.

Andere Kinder schaffen den ganz großen Wurf. Sie werden von einem aus dem Westen importierten Schulsystem ausgewählt (selektiert) aufgrund ihrer Leistung zu studieren und an die medizinische Fakultät ihres Landes zu gehen. Diese Fakultäten sind von den Steuergeldern der ausgebildeten Friseure und anderen Billigjob-Löhnern bezahlt. Die Ausbildung kostet das 4000 (?) Fache der Ausbildung eines Billigjob-Löhner. Ist das Studium dann beendet so wird der Absolvent von hohen Lohnangeboten aus der „1.ten Welt“ gelockt und die gesamten Steuerleistungen der Billigjobber werden gratis an die Westnationen geliefert. Der Export von „Gehirnen“ (Brain-Drain) aus den 3.te Welt-Ländern allein übersteigt die gesamte 3.te Welt Hilfe – und sorgt für eine positive Bilanz von Spendengeldern (hier – nicht dort).

Kinderarbeit ist verboten und die Familien müssen oft auch noch zur Schulausbildung zusteuern. Dieses ist ein unterschätzter Armutsfaktor. Die Kinder, die nicht auf den Höfen mithelfen, sondern in der Schule büffeln lernen zum einen nicht die wirklich wichtigen Dinge und zum anderen fehlen sie bei der Arbeit (ja Schule an sich verursacht oft zusätzliche Arbeit in diesen Familien). Der Verlust des Hofes ist oft die Konsequenz, die Armut der Familie und die Prostitution die weiteren Folgen. Die beschulten Kinder kommt entfremdet zu einem Scherbenhaufen zurück – eine enteignete Familie und ein abhängiges Leben mit Minilohn erwarten es. Auch hier ist die Prostitution oft der einzige Ausweg.

Die Entfremdung ist ein weiterer schwerwiegender Punkt. Nach einer gewissen Zeit an West-Beschulung blickt das Kind auf seine eigenen Eltern herab, nimmt seine Traditionen (die nicht wissenschaftlich sind) als peinlich wahr und wendet sich dem westlichen Sozialisationsideal zu: Dem ultimativen Konsumismus. Für die Kinder, sowie für die Eltern ist dieses eine schwere Zerreißprobe die oft mit Drogenkonsum (beginnend mit Alkohol) ausgehalten wird.

Die westliche Sozialisation zum gehorsamen Untertan in Verbindung mit Entfremdung und Brain-Drain hat eine schwerwiegende Folge. In Afrika kann nur schwer eine intellektuelle Entwicklung entstehen, die sich in den eigenen Traditionen verwurzelt und das Land in die Freiheit führt. Als die Kolonialisierung auf Selbstkontrolle durch etablierte und erprobte Mechanismen upgedatet wurde – also auf Erziehung statt Auspeitschen im Erwachsenenalter – wurde eine fast auswegslose Situation für diese Länder geschaffen. Die Intellektuellen, die das Land als Absolventen verlassen haben kommen als Fremde zurück in eine Welt, die sie nicht mehr kennen und an deren  Zerstörung sie mitgewirkt haben. Die Alten betrachten sie argwöhnisch und die Jungen blicken misstrauisch zurück. Es ist die Geschichte vom verlorenen Sohn – ohne Happy End.

Wir haben unsere West-Probleme exportiert und eine Sklaverei etabliert, die so subtil ist und deren Grundmechanismen so entfremdend und verdummend sind, dass sie jede Initiative zur Befreiung lähmt.

In Afrika hieß es früher: Die westlichen Industrieländer? Was sollen wir von ihnen lernen? Wie man Weltkriege anfängt und den Planeten zerstört?

Wir haben auch auf diese Frage eine Antwort gefunden: Ihr müsst nichts von uns lernen. Wir kommen persönlich vorbei und spenden euch mit unseren Lektionen zu, bis ihr nicht mehr anders denken könnt. Am Ende haben wir das Gold und ihr die Glasperlen…

Zur Zeit ist so viel los.

Im Rahmen meiner Arbeit bei der PiratenPartei habe ich mir einen neuen Blog angelegt.

Er heißt PiratenBildung.WordPress.Com . Ich will dort „parteiübergreifend“ einen Bildungsorganismus entwickeln (kein Bildungssystem) – der alle integriert (ohne sie zu absorbieren). Das „Vorkaufsrecht“ auf diesen Organismus hätte zwar die PiratenPartei, aber aktuell fühle ich mich der Familienministerin von der CDU sehr nahe…. (wer hätte das gedacht? ). Es ist unglaublich, die haben eine junge, kompetente Soziologin genommen (die CDU!). Da muss ein Haken dran sein….

Zusätzlich will ich noch einen Überraschungsblog anlegen – auf dem ich mir einen Kindheitstraum erfüllen will :)

Aber was am meisten Zeit in Anspruch nimmt, das sind unsere Vorbereitungen auf Frankreich.

Wir müssen auf allen Ebenen vorbereiten:

  • Ich muss meine Gestalt-Therapie vorantreiben (die kommt aktuell viel zu kurz)
  • Ich muss meine Verhaltenstherapie vorantreiben. Wir fahren jede Nacht – oder jede zweite Nacht – eine Stunde lang im Auto herum… Mummy1000Sunny fährt und ich sage den Weg und kämpfe gegen meine Angst. Im Winter ist das besonders eklig, weil man Nachts um 1 noch mal raus muss.
  • Mummy1000Sunny muss hart an ihrer Diplomarbeit arbeiten.
  • Wir müssen anfangen Kontakte zu französischen Unschoolern/Homeschoolern zu knüpfen.
  • Wir müssen kiloweise unser Hab und Gut auf Ebay/Quoka verkaufen – denn ich will endlich Freiheit. Und es ist schon heftig, wenn man merkt, wie stark man sich doch mit Konsummüll zugekauft hat, der einem nur die Wohnung blockiert und den Raum für eigenes kreatives Schaffen raubt.
  • Ich muss weiter Deschoolen. Ivan Illich ist ein brillianter Denker, aber manche seiner Bücher beschreiben eine so unglaublich andersartige Welt, dass man sich schwer tut alles in Einklang zu bringen.
  • Und die Kinder… die Kinder sind auch da. Manchmal tut mir Chopper schon leid, er hatte Eltern, die stets nur in heller Aufregung durchs Leben gingen. Dauernd war was los. Krankenhausbesuche, Schulgründungen, Homeschooling, Unschooling, Deschooling, Studium, gesundheitliche Zusammenbrüche, wirtschaftliche Zusammenbrüche, Umzüge – er ist nicht zu beneiden. (Warum mir Nami nicht leid tut? Die würde sogar im tobenden Meer noch Rock’n'Roll tanzen)
  • Mummy1000Sunny bereitet viel für den Umzug vor.
  • Ich muss Bürokram machen und alles digitalisieren, was digitalisiert werden kann.
  • Wir müssen lernen, wie man ein Haus aus Cob baut, um das in einem fremden Land umzusetzen.

Und tausend Dinge…. alles braucht so viel Zeit und zusätzlich hält mich mein Kindheitstraum fest umklammert, den ich endlich wieder so intensiv spüre, wie ich ihn damals spürte. Und nachdem mir Jahrzehnte die Hoffnung genommen wurde, glimmt er jetzt und lässt sich nicht mehr löschen.

Also, wenn hier in der nächsten Zeit nur unregelmäßig geschrieben wird, dann liegt das nicht daran, dass wir diesen Blog aufgeben, oder auslaufen lassen. Dann liegt das daran, dass wir Anlauf holen um all das Umzusetzen, wovon wir in den letzten Jahren gelernt haben. Und dann geht es hier richtig rund :)

Bildung und Schule ist bei uns schon lange ein ziemlich intensiv diskutiertes Thema. Ich selbst habe, als ich den Widerstand und die Abneigung des Älteren in der ersten Grundschulzeit erlebt habe, eine freie Alternativschule gegründet und dort fünf Jahre gearbeitet. Der Kleine ging dann dorthin, der Große hat am Ende der zweiten Klasse zwei Wochen hospitiert und sich entschieden, lieber auf der staatlichen Schule bleiben zu wollen, weil die Kinder dort netter seien. Da das mit der Alternativschule sich als sehr schwierig gestaltete, insbesondere was das Finden geeigneten Personals und die Aufrechterhaltung des freiheitlichen Grundgedankens anbelangte, bin ich nach fünf Jahren dort ausgestiegen. Der Kleine hat dann zu Hause gelernt, als Kind beruflich reisender Eltern gab es da eine legale Möglichkeit, wir waren auch einige Zeit in Frankreich, dort sind beide Kinder nicht in die Schule gegangen.

Jetzt sind wir wieder in Berlin, ich bin zutiefst davon überzeugt, dass für beide Unschooling die beste Variante wäre und bin auch bereit, dafür wieder ins Ausland zu gehen. Nur: die Kinder wollen in eine staatliche Schule gehen. Auch der „Kleine“ (12), der bisher entweder auf eine freie oder auf gar keine Schule gegangen ist, will jetzt tatsächlich in eine staatliche Schule gehen. Es gäbe dort eine größere Auswahl an Mädchen, sagt er. Mir macht das große Schwierigkeiten, je mehr ich mich mit Unschooling beschäftige, je mehr ich Ivan Illich lese (Entschulung der Gesellschaft), desto klarer erkenne ich die ganzen Nebenwirkungen und das ist hart. Der Große (14) kommt permanent übelgelaunt nach Hause, seine Motivation außerhalb der Schule irgendetwas eigeninitiativ zu tun, ist gegen Null gesunken, obwohl er früher ein ausgesprochen kreatives Kind war, das sich stundenlang selbst beschäftigen konnte und eine Konzentrationsfähigkeit hatte, über die die LehrerInnen gestaunt haben. Aber jetzt. Was haben die mit ihm gemacht dort? Mir treibt das echt die Tränen in die Augen, ihn so apathisch und missmutig zu sehen. Er ist so weit von sich selbst entfernt. Dann sagen alle, ja das ist die schwierige Pubertät, aber es ist nicht die Pubertät, es ist das Übermaß an Fremdbestimmung, dem er tagtäglich ausgesetzt ist. Aber wie kriege ich ihn da raus? Er selbst merkt es nicht, er meint zwar, Schule sei Scheiße, aber die Alternative, nicht zur Schule zu gehen, kommt für ihn auch nicht in Frage. Auch von Freien Schulen hat er nach dieser einen Hospitation die Schnauze voll.

Als wir in Frankreich waren und er nicht zur Schule ging, hat er sich meiner Beobachtung nach sehr gut erholt, er hat immer bis mittags geschlafen und total viel gelesen und war einfach ausgeglichener. Jetzt liest er gar nicht mehr. Ich kann das verstehen. Warum müssen die 13-Jährigen auch Gottfried Keller lesen??? Aber ihm selbst hat es dort nicht gefallen. Es fehlte die Peergroup. In dem Alter ist es wichtig, sich von den Eltern wegzubewegen, aber dort war das Gegenteil der Fall, das fühlte sich auch für mich komisch an.

Ich träume von einer Gemeinschaft mit mehreren Homeschoolern unterschiedlichen Alters……dann würde es meinen vielleicht auch leichter fallen, den Ausstieg zu schaffen. Wer macht mit?

(ich sortiere gerade die alten Kassetten meiner Mutter aus)

Ne m’appelez plus jamais France

So ging es mir vor ein paar Jahren, als mich Deutschland fallen ließ. Ich dachte immer, ich würde an dem „Wealth of Nations“ mitarbeiten. Ich dachte, ich würde all meine Kraft aufwenden um die Welt zu einem besseren Platz zu machen für alle… und ich dachte alle anderen würden auch daran arbeiten.

Doch ich musste erfahren, dass die Welt nicht so einfach ist. Und dass man sich als letztes auf Nationalstaaten verlassen kann.

Michel Sardou:Comme d’habitude

Ein Leben, das zur Gewohnheit wird hatte ich nie. Doch ich verstehe, was er meint. Denn dieses Gewohnheitsleben aus oberflächlichen Tätigkeiten, gewohnheitsmäßigem Lächeln und automatisierten Bewegungen beschreibt meine größte Angst vor einem Leben, das keines mehr ist.

Michel Sardou et Patrick Bruel: Je Vais T’Aimer

Wenn ich an Gemeinschaft denke, dann denke ich an eine Welt in der die Menschen wieder miteinander singen und sprechen – anstatt den wenigen Auserwählten zuzuhören. Und eine Welt, in der wir uns nicht mehr den ganzen Tag dumme Fragen und dumme Antworten geben, sondern uns mit Poesie den wirklichen Fragen des echten Lebens zuwenden…

Die Schule gilt in unserer Zeit als die Wunderwaffe für Chancengleichheit. Der Traum ist, dass alle Kinder zusammen in kleine Käfige gesperrt – sich vertragen und dann schichtenübergreifend Brüder/Schwesternschaft schließen.

Dieser Traum wird (wenn man dieser Ideologie folgt) durch folgende Hindernisse verhindert:

  • Privatschulen (auf die sich die reichen Schichten flüchten)
  • Schulschwänzer (hier entzieht sich die Unterschicht)
  • 3-gliedriges Schulsystem (hier wird die alte Trennung: Infanterie, Artillerie und Offiziere) wieder eingeführt.

Da die Schule aber systemimmanent Eigen- und Fremdgruppe unterscheiden lernt („wir halten zusammen“) würden auch die Reichen sich in Staatsschulen ihre Ecke suchen.

Da die Selektion ein Sinn der Schule ist, ist es nur ein gesunder Reflex der Unterschicht sich dort nicht aussieben zu lassen und lieber zu fliehen (das Problem der Unterschicht ist viel eher, dass sie diesen gesunden Menschenverstand nicht verbalisieren kann).

Auch in einer Gesamtschule würden sich die Offiziere von den Infanteristen entfernen.

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Abschaffung der Hauptschule – also der Infanterie. Dieses ist logisch, in einem Zeitalter, in dem man die untere Arbeitsschicht / Kriegerkaste durch Robotik und Maschinen ersetzen kann.

Aber all die Reformen (und ihre Gegenreformen und Reaktionen) verdecken das eigentliche Problem der Schule. Das was man in der Schule lernt ist Schrott. Es ist unbrauchbares Partywissen. Dargelegt von Adorno (Theorie der Halbbildung) und Liessmann (Theorie der Unbildung) und vielen anderen.

Und dass man dort nur Schrott lernt hat seinen guten Grund.

Nehmen wir einmal an, wir würden dort wirklich lernen unsere Grundbedürfnisse zu stillen: Also Nahrung und Unterschlupf.

Lobbies würden zu Hauf Empörung in die Massenmedien tragen: „Wo bleibt Goethe und warum wird der Differentialrechnung nicht gehuldigt?“

Wir haben hier in der Nähe eine von diesen Massenmenschenlege-Batterien. Dort sind gesunde und starke Menschen, die mit HarzIV abgespeist werden und einer fruchtlosen und frustrierenden Beschäftigungs- und Bewerbungstherapie unterworfen werden.

Dort lernen sie jeden Tag aufs neue, dass sie Bittsteller und Parasiten sind, die nichts können, ausser still zu halten und aufs Mana zu warten, dass der Wirtskörper ihnen zuteilt.

Würden sie anstelle dessen gelernt haben ihre Kraft und Gesundheit zu nutzen und sich ein Haus fernab von allen Krediten, Baulöwen und Grundstücksmaklern selber zu bauen; würden sie anstelle dessen gelernt haben ihre Kraft und Gesundheit in einen Boden zu stecken, aus dem sie ihre Früchte ernten, wie sähe ihre Situation dann aus?

Viele von ihnen würden diese Wohncontainer verlassen und hätten bald ein eigenes, selbständiges Leben fern von eingepferchter Demütigung.

Aber ich will noch einen Schritt weitergehen. Was würde passieren, wenn sie neben diesen Grundbedürfnissen Technologie begreifen lernen würden. Nehmen wir einfach mal an, das nächste staatliche Investitionsprojekt lautet: „Beliefern sie uns mit transparenten Computern, denen man ihre Funktionsweise ansieht, deren Teile man mit gesundem Menschenverstand aus- und einbauen kann.“

Hätte man ganz früh im Leben die Möglichkeit selbständig zu lernen und so schnell und so oft zu spezialisieren wie man will – und zuallererst werden die wirklichen Grundbedürfnisse zu befriedigen gelernt, dann würden wir eine neue Welle der Mündigkeit erleben und eine neue Welle der Autarkie und Autonomie. Die Menschen könnten sich in Subsistenz-Netzwerken ein besseres, glücklicheres und gesünderes Leben leisten, als sie es heute können. Sie würden nur noch kleine Teile dazukaufen müssen und diese schnell selbst nachbauen können.

Die unmittelbare Folge aus einer Schule, die echte Fähigkeiten entwickelt wäre ein Einschmelzen des BIP (die goldene Meßlatte für die Fortschrittlichkeit einer Nation).

Es wäre eine Abkehr von der industriellen, esoterischen Gesellschaft – die all ihr Wissen hinter schickem Design versteckt – in eine postindustrielle, hochtechnische, dezentralisierte Gesellschaft. Es wäre ein Abschied von den hohen Mieten und Investitionsmargen der Stadt und dem Ausstrocknen der ländlichen Bevölkerungen.

Das Industrie-Paradigma sieht jedoch eine große Konsumentenmasse vor, die sich einer kleinen Erfinder-Elite und ein paar Nutznießern gegenübersteht vor.

Und deswegen dürfen echte Chancen – also die Möglichkeit Dinge anzupacken und selbst zu machen – gar nicht in der Schule gelernt werden. Der Lehrplan muss nutzlos sein. Der Lehrplan muss eine Gleichheit von Unchancen herstellen, die nur derjenige durchbrechen kann, der genügend Kapital kanalisieren kann um wirklich etwas zu bewirken: Nämlich eine Marketingmaßnahme, die den sozialisierten Konsumentenhorden ein neues Bedürfnis verkauft und sie noch ein Stück mehr zu abhängigen Konsumenten macht.

Es geht also nicht um Chancengleichheit oder Chancenungleichheit. Die Lehrpläne und Staatsschulen sind ausschließlich auf Unchancengleichheit ausgerichtet. Die aktuell vermittelten Inhalte (besonders die der höheren Schulen) lassen sich nicht mehr autonom einsetzen. Diese Inhalte stehen nicht mehr für sich selbst. Niemand kann damit eine Entdeckung machen oder etwas herstellen, ohne in einen großen Konzern eingegliedert zu sein, der die komplette Infrastruktur und „Manpower“ des industriellen Fließbandbetriebes herstellt.

Alles andere würde als Untergrabung des Rechtes auf Allgemeinbildung abgestempelt. Und so sieht man die Gymnasiasten die Supermarktregale einräumen und Kinder das Wochenblatt austragen – denn etwas eigenes auf die Beine stellen, das ist politisch unerwünscht.

zur Zeit komm ich nicht hinterher… aber das hat heute Nami auf Youtube gefunden:

der 3.te Sektor (Tertiäre Sektor) muss beim Konsum dazugerechnet werden ! (Tadaaa, Tusch)

Ein Fehler den alle Anti-Konsumisten begehen ist, dass sie die Anzahl konsumierter Waschmaschinen (materielle Güter) zwar anprangern, aber nicht die Anzahl von konsumierten Dienstleistungen.

(nur so nebenbei bemerkt)

 

Ivan Illich (Selbstbegrenzung – S. 166):

[...] das juridische System ist nicht eine Gesamtheit von geschriebenen Regeln, es ist ein Prozeß, durch den die Gesetze geformt und auf reale Situationen angewandt werden. Der Korpus von Gesetzen, der eine Industriegesellschaft lenkt, reflektiert unvermeidlich deren Ideologie, soziale Merkmale und Klassenstruktur, wobei er diese verstärkt und ihre Reproduktion sichert.

Selbes gilt auch für die Sprache und für die Schule. Besonders die Schule hat eine enorme Auswirkung, da sie die Denkstruktur formt, „falsch“ Denkende aussortiert und die Eliten von Morgen selektiert, die das Land führen werden (dabei ist es egal, ob diese an bürokratischen Hebeln in Beamtenstuben sitzen oder über Investition und Marktmacht wirken). Somit formt die Schule, mehr als die anderen Systeme, die Struktur der Zivilisation.

Die Reproduktion der bestehenden Machtverhältnisse durch den Niederschlag ihrer innewohnenden Ideologie in den Systemen wurde nicht nur von Illich festgestellt, auch Bourdieu stellte in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ den Erhalt der Klassenstrukturen durch die Schule fest. Ebenso natürlich Norbert Elias, der zusätzlich die Distribution der Werte der Eliten nach unten aufzeichnet.

Ein weiteres interessantes Buch in diesem Zusammenhang ist Helmut Wagners „Elitenbildung und Einordnung in eine Gesellschaft“.

Auch Holt (wie viele andere) stellt in diesem Zusammenhang die Frage nach der Frage. Denn die Schule konzentriert sich so stark auf Antworten geben, dass Schüler (die die spätere Bevölkerung ausmachen) aufhört die interessanten Fragen zu stellen. Die Bevölkerung verliert gar selbst die Fähigkeit neue Fragen zu stellen. Und so wird das Frage und Antwort-Spiel von einer kleinen Gesellschaft aus Politikern, Gruppenvertretern und Journalisten dominiert. Der gesellschaftliche Diskurs, die Vorraussetzung für eine Demokratie, wird ersetzt durch einen herrschaftsorientierten Diskurs.

Der Bürger hat den toten Punkt der intellektuellen Entwicklung erreicht – er folgt dem Tagesgeschehen in den Tageszeitungen. Er bewegt sich fortan, wie eine Billardkugel über den Tisch. Gewinnen können in diesem Moment nur noch die Gruppierungen und Parteien mit den glaubwürdigsten(im PR-Sinne) und besten Versprechungen. Diese Entwicklung zeichnete Platon in seinem Kreislaufmodell der Staatsformen auf (nachzulesen in „Der Staat“).

Als ich klein war, da gab es nur ein paar Eissorten. Stracciatella war damals schon exotisch.

Doch das schien niemanden mehr zu befriedigen. Und so kamen immer neue Eissorten dazu. Malaga, Schlumpf (oder Azzuro, damit es auch der Bildungsbürger für seinen Nachwuchs bestellen kann), Melone, usw.

Und immer wieder war man nach einiger Zeit gelangweilt, selbst von den allertollsten neuesten Eissorten.

Unser Eishändler um die Ecke folgt dem Prinzip der Eissorten-Expansion und führt im Winter knapp 20 Eissorten und im Sommer dann um die 40 Sorten.

Und doch bleibt es immer nur kalter Zucker mit irgendeinem Geschmacksstoff – und je größer die Auswahl wird, und desto mehr man sich von den kleinen Portionen Glück „genehmigt“, desto schneller merkt man das auch. Das versprochene Glück bleibt aus, man wird nur abgespeist.

Die einzige Methode, die Eishändler kennen ist: Mehr Eis. Zusätzlich bauen sie noch die Glücks-Gadgets aus. Der eine wirft ein paar Smarties drauf, ein anderer verkauft Riesen-Waffeln mit in Schokolade und Zuckerstreusel getauchtem Rand, bunte Zuckerstangen – Kaffee (für den anspruchsvollen Geschmack), Kuchen für die Dame von Welt.

Und trotzdem wird es – sobald das Eis die wertvolle Schau-Vitrine verlassen hat – wertlos. Schnell heruntergeschlungen, mit hektischem Blick auf die Straße oder einen in der Ecke montierten Fernseher, der die neueste Tour de France zeigt.

Die einzige Möglichkeit diesem ganzen entgegenzuwirken ist: Mehr Eis. (oder mehr Auswahl). Schon träumt man von riesigen Eis-Restaurants mit Kaffee-Flatrate oder neben Kugeleis noch ein breites Menü an Eis-Spezereien. Vom Banana-Split bis zum Xeno-Azzuro.

Die Eis-Großfresshalle steht schon in den Startlöchern und man träumt von riesigen Hallen, die einem das ganze Lebensgefühl von Freiheit, Genuß und Leben vermitteln. Alles vereint unter einem großen gemeinsamen Dach mit minimaler Aussenhülle.

Und man träumt genau so lange von all diesem, bis man es hat und erkennt, dass auch das nichts mit wahrem Leben und echtem Genuss zu tun hat. Es bleibt eine Illusion vom kaufbaren Glück.

Wenn man einen Schritt zurück geht und sich unter diesem Aspekt unsere aktuelle Zivilisation anschaut, so sieht man dieses Muster überall. Die Großmärkte, die Shopping-Malls (Einkaufszenter auf Deutsch), Schokolade, die hundert Biersorten und tausend Autos (die alle ungefähr gleich aussehen, weil ab 30 km/h die Aerodynamik die Form vorschreibt). Die Häuser, die mit immer mehr Isolierung und immer goldeneren Wasserhähnen, immer tolleren Fenstern und besserer Zentralheizung produziert werden. Der gelehrplante Unterricht und die universitären Curricula. Alles folgt dem Ritual der industriellen Massenproduktion und des unmündigem Abspeisens.

Im nächsten Schritt kommt dann der Verbraucherschutz, der mehr Schutz und bei manchen Institutionen bessere Mitbestimmung fordert.

Auch zur Zeit erleben wir dies bei den Studenten/Schulprotesten. Es wird eine Ausweitung des Angebots zu besseren Preisen gefordert, die Bildungsgroßmarkthalle in Form der Gesamtschule; mehr und immer mehr Geld für Bildung – mehr Mitbestimmung über die Produktion des immer gleichen industriellen Produkts. Und die Forderung, dass wir endlich die eine befriedigende Eissorte erfinden, die uns glücklich macht und unserem Leben einen Sinn gibt.

Die Ursache bleibt unangetastet. Uns fehlt die Möglichkeit zur Entfaltung! Das eigene Haus bauen, zusammen mit den Kindern die Wände wie Skulpturen formen, mit ihnen zusammen ein echtes Eis hingebungsvoll konchieren, oder ganz einfache Schokolade zu machen. Bier in der alten Badewanne im Keller brauen oder ein Fahrzeug selber zu konstruieren. Das eigene Lernen wachsen lassen und sich sein Gleichgewicht zwischen Generalisierung und Spezialisierung zu suchen. Die wiederverwendbaren, genormeten Wegwerf-Industriefenster durch intelligente Standortplanung und noch intelligentere Plazierung von individuellen Fenstern zu ersetzen. Spielzeug selber bauen und jeden Tag eine neue Fähigkeit dazulernen, die einem noch mehr Selbst-Effektivität gibt.

Heutzutage heißt es: Man kann nicht alles können. Das mag sein. Aber man kann so viel lernen und so viel mehr können. Die pädagogischen und didaktischen Mittel haben sich in den letzten Jahrzehnten so verbessert, dass unser Bildungsniveau (und damit die Möglichkeit effektiv und selbstverantwortlich sein Leben zu gestalten) unendlich gestiegen sein müsste. Die Universalgenies, die es in der Renaissance gab (und auch noch sehr sehr viel später) sind heute mehr möglich als jemals zuvor.

Es ist ein Irrglaube, dass Menschen nur in großen Konzernen/Universitäten zum Fortschritt beitragen können. Dass man große Teams für große Erkenntnisse bräuchte. All das ist die gute alte Forderung nach mehr Eis in noch größeren Abspeisungs- und Fertigungsanlagen.

Forschung, Fortschritt und Produktion waren zu keinem Zeitpunkt in einem kleineren Rahmen als heute möglich. Wir müssen diese Möglichkeiten nur entdecken und nutzen. Und uns nicht länger erzählen lassen, dass Nano-Forschung nur in zentralisierten Makro-Gebäuden möglich ist.

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